Nachdem ich auf die NaNoSeite den Anfang des Buches als Leseprobe gestellt habe, hier nun eine Passage aus dem zweiten Kapitel. Die Szene ist aus der Sicht von Gendarus geschrieben, einem der Fremden, die in Shems Dorf kommen und m.E. weitestgehend selbsterklärend. Natürlich es ist nur die Rohfassung, aber eigentlich gefällt mir der Text schon ganz gut:
Die schmale Silhouette der jungen Frau vor dem Feuer zog alle Blicke auf sich und Gendarus stellte fest, daß auch er und seine Männer nicht anders konnten, als sie gebannt anzusehen. Ein Knistern von verborgener Energie lag in der Luft und brachte die Haut zum Kribbeln.
Einer nach dem anderen brachten die Wächter des Dorfes die Gaben zum Feuer und ließen sie von der jungen Frau, nein, korrigierte Gendarus sich, von dem Orakel segnen. Dann wurden die Gaben auf das Feuer geworfen und während der Rauch gen Himmel stieg, stimmten alle Wächter zusammen mit dem Orakel einen Gesang an, der Gendarus seltsam angstvoll werden ließ.
Soweit er wußte, unterschied sich dieser Gesang von Dorf zu Dorf nur wenig und wurde seit Generationen an die jungen Wächter weitergegeben. Das Lied, das an diesem Abend gesunden wurde, klang einfach nur alt, alt und dunkel. Weniger wie ein beschwichtigender, als ein einladender Gesang, der gleichzeitig voller Schwermut war.
Gendarus fragte sich, ob es in diesem Dorf immer schon so war, oder ob Shaha an diesem Gesang beteiligt war. Denn obwohl ihm einwenig unbehaglich war, erinnerten sowohl Melodie als auch Text, auch wenn er nicht alles verstand, an die sternklaren Nächte des Winters in den südlichen Gefilden seiner Heimat. Vielleicht wußte Tark etwas darüber, oder sogar das neue Orakel. Zu dem Gesang gesellten sich nun Tanzschritte, die in behäbigem Rhythmus um das Feuer herumführten und seltsam urtümlich wirkten. Vermutlich gehörten sie zu den eigentlich traditionellen Gesängen, denn sie erinnerten an den wiegenden Tanz eines Bären.
Es verging eine ganze Weile, die Gendarus entspannt dem Gesang lauschte und dem Tanz zusah. Als sie das Feuer einige Male umrundet hatten, hielten die Wächter und das Orakel inne. Dem Nebelfürsten war den Gebräuchen gemäß gehuldigt worden und nun kam normalerweise der Teil der Feier, den Gendarus am angenehmsten war, da es Essen und Trinken für alle gab. Umso erstaunter war er, als er sah, daß hier im Dorf offenbar noch andere Riten durchgeführt wurden.
Wieder versammelten sich die Wächter und das Orakel vor dem Feuer. Dann zog die junge Frau aus ihrem Gürtel etwas und hielt es hoch über ihren Kopf. Am blitzenden Widerschein der Flammen erkannte Gendarus, daß es sich um den alten Dolch Shahas handelte. Was nun passierte, brannte sich unauslöschlich Gendarus Erinnerung ein. Ohne zu Zögern schnitt das Orakel etwas in die linke Handfläche und hielt dann die Hand über das Feuer. Durch die Menge der Dorfleute ging ein Aufkeuchen, als sie erkannten, was geschah. Die Flammen leckten an der Hand und Rauch kräuselte darüber, aber die junge Frau zuckte nicht einmal. Sie stand einfach nur da, den Kopf in den Nacken gelegt und wartete. Ein plötzlicher Windstoß ließ das Feuer aufflackern und dann war es Gendarus, als hörte er ein fernes, heiseres Lachen. Er blickte sich um, aber niemand sonst schien es gehört zu haben. Nein, nicht ganz, auch Tark schaute stirnrunzelnd umher, als suche er etwas.
Falls das Orakel etwas davon mitbekommen hatte, störte es sie wohl nicht weiter. Sie zog die Hand zurück und hielt sie dann so über ihren Kopf, daß man die Handfläche sehen konnte. Und dort, eine feine Linie, aber aus einem inneren Licht heraus glühend, zog sich die Rune des Bindens über die Haut. Gendarus schüttelte ungläubig den Kopf. Dieses Mädchen wandte die Gabe so selbstverständlich an, das man glauben konnte, sie sei bereits vor Jahren darin unterwiesen worden. Aber wenn das, was er vorher am Abend in der Gaststube gehört hatte stimmte, war sie ohne jede Schulung in der Gabe zum Orakel des Dorfes geworden.
Nachdem sie einmal rund um das Feuer gegangen und dabei allen die Handfläche mit der darin eingebrannten Rune gezeigt hatte, reichte sie ihren Dolch an den ersten Wächter weiter. Als Gendarus genauer hinsah, erkannte er in dem jungen Mann Tarks Sohn. Der nahm den Dolch und schnitt ebenso behände wie das Orakel eine Rune hinein und gab den Dolch dann an den nächsten weiter. Der letzte reichte den Dolch mit einer Verneigung an das Orakel weiter. Dann traten alle Wächter zusammen an das Feuer und hielten ebenfalls die Hände über die Flammen. Wie schon beim Orakel ließ sich keiner der Männer zu einer Regung hinreißen, als die Hitze ihnen die Rune in die Hand brannte. Auch die Wächter zeigten der Dorfversammlung ihre Handflächen.
Gendarus stellte fest, daß sein Atem vor Aufregung stockte. Das alles war noch außergewöhnlicher, als er zu Beginn angenommen hatte. Hier war die Gabe in ihrer reinsten Form am Werk und ein starker Zauber der Bindung und des Schutzes lag nun über dem Dorf, den Wächtern und dem Orakel.