Hier ein Auszug aus dem ersten Kapitel meines Work in progress “Feuersänger”. Das Kapitel trägt den Titel “Schleicherjagd”, eben die ist hier beschrieben. Für Feuersängers Volk, die mysteriösen Nitthyara, ist die erste Jagd so etwas wie ein Ritual, das zum Erwachsenwerden gehört.
Wie aus dem Nichts tauchten sie unvermittelt vor ihm auf, ein kleines Rudel, das dicht zusammengedrängt auf einer Lichtung rastete. Sänger kam auf dem feuchten Waldboden schlitternd zum Stehen, er biss sich auf die Lippen und verharrte zitternd hinter einem Busch. Sechs Tiere standen auf der Lichtung, ein großes Männchen ragte aus ihnen heraus. Witternd hatte das Tier den katzenartigen Kopf mit den spitzen Ohren gehoben, die Barthaare vibrierten, die klauenbewehrten Pfoten scharrten unruhig den Boden auf. Der Schleicher bewegte sich, umrundete die Gruppe, sein langer Schwanz mit der langhaarigen Quaste am Ende zuckte. Sänger bohrte die Fingernägel in die Handflächen und wartete. Er beobachtete die Gruppe, jedes einzelne Tier. Sie alle waren gesund und kräftig, nicht alle so groß wie das stattliche Männchen. Zwei ausgewachsene Weibchen waren dabei, die anderen waren Halbwüchsige. Sänger hatte die Herausforderung schon immer geliebt. Er würde sich nicht mit einem Jungtier zufrieden geben. Er wollte das Leittier. Der Lauf würde hart werden, der Kampf schwer, das wusste er, und es war ihm gleich. Der junge Nithyara spannte alle Muskeln, mit einem schrillen Schrei auf den Lippen sprang er auf, setzte mit einem Sprung über die Büsche und kam auf der Lichtung zum Stehen. Die Schleicher brüllten erschrocken auf, eines der Weibchen geriet in Panik und begann, zu rennen. Ihre Angst steckte das ganze Rudel an – die Schleicher rannten, und die Nityhara hefteten sich an ihre Fersen.
Sie waren schnell, und sie liefen auf vier Pfoten. Sänger musste schnell erkennen, dass die mächtigen gehörnten Katzen ihm gegenüber einen gewaltigen Vorteil hatten. Wo er sich mühsam durch dichtes Unterholz zwängen musste, schienen sie mühelos hindruchzugleiten. Es dauerte nicht lange, und Sänger spürte jeden Muskel seines Körpers, seine Lungen brannten bei jedem Atemzug, sein Herz raste. Ihm rauschte das Blut in den Ohren, sein Blut schien zu brennen, als er immer näher und näher an das fliehende Rudel herankam. Er rannte, schneller und schneller, und immer dichter kam er an das Männchen, an seinen Schleicher heran. Im Laufen wandte das Tier den Kopf, wie, um nach seinem Rudel zu sehen – und für einen winzigen Moment kreuzten sich die Blicke von Jäger und Beute.
„Du gehörst mir“, keuchte Sänger atemlos, „du bist mein, ich werde dich fangen!“ Der Schleicher schien kurz inne zuhalten, sein Kopf neigte sich, als hätte er die Herausforderung gehört – und er nahm sie an. Er schlug einen anderen Weg ein, weg von seinem Rudel, als begriffe er, dass der zweibeinige Verfolger es nur auf ihn abgesehen hatte. Rannte, schlug Haken, nahm wilde Zickzackwege durchs dichte Unterholz und wurde immer dann schneller, wenn Sänger das Gefühl hatte, ihn beinahe berühren zu können. Sänger spürte, dass seine Kräfte nachließen. Seine Muskeln schmerzten bei jedem Sprung, aber er biss die Zähne zusammen. Inzwischen fror er schon lange nicht mehr, sein Blut kochte, Schweiß rann ihm in Strömen über die schimmernde Haut. Er sah nur noch den Schleicher, hörte das Geräusch seiner weichen Pfoten im Moos, sah den hin und her peitschenden Schwanz, das schimmernden schwarze Fell im Mondlicht, die gebogenen Hörner mit den scharfen Spitzen zu bedien Seiten des mächtigen Kopfes. Er streckte die Hand aus, während er rannte, die andere tastete nach dem Messer. Nur noch wenige Schritte trennten ihn von der ersehnten Beute, vier, drei, ein gewagter Sprung, und Sänger hatte seinen Schleicher erreicht. Mit einem triumphierenden Lachen grub er die Hände in das dichte Fell, packte es, sprang, bevor die zuschnappenden Kiefer des Schleichers ihn erreichen konnten, und schwang sich auf seinen Rücken.
Noch nie in seinem Leben hatte Sänger so etwas gespürt wie den geschmeidigen Körper des Schleichers, der sich unter ihm wand, sich im Kreis drehte, versuchte, ihn mit wilden Sprüngen abzuwerfen.
„Du verlierst!“ Sänger lachte atemlos, auch wenn er spürte, dass seine Beine den Halt verloren. Mit letzter Kraft schlang er dem kämpfenden Schleicher die Arme um den Hals, bekam mit der freien Hand ein Horn zu fassen und krallte die Finger darum. Mit der anderen Hand zog er sein Messer und riss sich die Maske vom Gesicht – der Schleicher sollte sehen, wer ihn töten würde, so verlangte es das Gesetz der Nithyara. Die Hand mit der Klinge stieß zu. Heißes Blut floss über Sängers Arm, der Schleicher schrie schrill, schaffte wild zuckend noch einen letzten Sprung. Sänger verlor den Halt, wirbelte durch die Luft und schlug hart auf dem Boden auf. Neben ihm brach der Schleicher zusammen und sackte leblos ins Moos. Sänger streckte die Hand aus, er berührte das warme Fell des gefallenen Tieres und schloss die Augen. Er rang nach Atem, seine Arme und Beine schmerzten, als läge er auf Glassplittern, aber noch nie in all den Jahren hatte er sich so lebendig gefühlt.