Nach einem Telefonat mit Maja entschloss ich mich, diese Szene tatsächlich zu schreiben. “Er”-Szene nenne ich sie deshalb, weil der Protagonist keinerlei Erinnerungen an sein früheres Leben hat und sich auch nicht an seinen Namen erinnert, nachdem er (der ein geflügeltes Luftelementarwesen ist) von Bogenschützen vom Himmel geholt wurde und ziemlich hart auf dem Boden aufgeschlagen ist.
Vielleicht kennt der eine oder andere diese Figur noch aus dem letzten Jahr. Sein Spitzname ist der “Kifferelf”, und in diesr Szene wird der Grundstein zu seinem Kiffertum gelegt. Aryon, der Magier, unter dessen Obhut “er” steht, hat in “seinem” gefängnis eine Flasche mit einem Trank vergessen, der magische Begabung unterdrückt. bei “ihm” wirkt das Zeug alledings vollkommen ander als erwartet - es unterdrückt zwar “seine” magischen Fähigkeiten und hindert ihn am Zaubern, macht “ihn” aber auch zugleich hochgradig bekifft und süchtig.
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Trankgeflüster
Er erwachte aus lebhaften, intensiven Träumen. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so farbenfroh geträumt zu haben. In seinen Träumen war er geflogen, weiter und höher hinauf als er jemals geflogen war. Er hatte die Welt als winzigen blaugrünen Punkt unter sich gesehen, während er um den Mond seine Kreise gezogen und mit den Sternen getanzt hatte. Als er zurückgekehrt war, hatte er die Stimmen des Windes noch viel deutlicher als sonst vernommen, sie hatte zu ihm gesungen, mit ihm gesprochen, ihn ihr geliebtes Kind genannt.
Kind der Winde und des Sturms.
Aeriel.
Und plötzlich waren die Winde, die ihn trugen, fort. Da war keine singende Stimme mehr, nichts, das ihn hielt und umarmte und zu ihm sprach wie eine Mutter. Nichts, nur noch Stille. Stille und Schmerz.
Er wollte die Augen nicht öffnen. Nicht sehen, wo er war. Vielleicht würden die Schmerzen verschwinden, wenn er einfach weiterschlief und wieder zurückkehrte zu den Träumen. Vielleicht kamen sie wieder, wenn er es sich nur tief und fest genug wünschte.
Doch der Schlaf kam nicht, so ser er sich auch in den Kissen vergrub und versuchte, sich zu entspannen. Die bunten, leichten Traumbilder verblassten vor der Schwere des Schmerzes. Ihm war, als lägen seine Glieder in Ketten. Als wäre er an den Boden gefesselt. Er konnte fliegen, nicht aufstehen, noch nicht einmal atmen. Wärme drückte ihn nieder, da war kein Lüftchen, das sich bewegte, da war nichts.
Nur Stille.
Er zwang sich, die Augen zu öffnen. Getrocknete Tränen klebten in seinen Wimpern, er strich sie weg, salzige Krümel kratzten über seine Wangen. Mühsam zwang er die Lider auseinander. Mattes Halbdunkel hüllte ihn ein. Das bisschen Licht, das an seine Augen drang, ging von schimmernden, leuchtenden Kristallen aus, die in die Wände eingelassen waren. Wände, die ihn umgaben, einhüllten, ihm die Luft abschnitten.
Er war unter der Erde.
Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Er setzte sich auf, Schmerz raste durch seinen Körper, bebte durch seine Flügel und explodierte in seinem Kopf. Schweiß brach ihm aus allen Poren, seine Augen brannten. Mit einem Wimmern vergrub er das Gesicht in den Händen und zwang sich, ruhig zu sitzen, sich auf seinen Atem zu konzentrieren bis es vorbei war.
Es ging nicht vorbei, aber es wurde weniger, schließlich sogar halbwegs erträglich. Nur das Pochen in seinem Schädel blieb, und das Stechen in einem seiner Flügel. Er hob den Kopf, öffnete die Augen wieder und blinzelte die Tränen weg. Er musste hier heraus!
Schmerz und Angst umnebelte seinen Verstand, aber er versuchte, seine Kräfte zu sammeln, die Winde zu rufen, die Luft, so, wie er es immer schon getan hatte – doch e fand in sich nur Leere. Da war keine Kraft mehr, keine Stimme, die Winde zu rufen, keine Silberfäden, sie in die Lüfte auszusenden und um Hilfe zu bitten.
Er senkte den Kopf. Kälte umarmte ihn mit einem höhnischen Lachen. Keine Kräfte. Kein Rufen. Er war allein in dieser Stille und konnte sich nicht selbst befreien. Hilflos kauerte er sich zusammen, versuchte, sich in seine Flügel zu hüllen um das bisschen Wärme in sich zu halten, das noch da war. Ein Flügel gehorchte, der andere antwortete nur mit schrillem Schmerz. Er sah an sich herab.
Der schmerzende Flügel war in etwas Weißes gehüllt, weich und weiß, darunter saß etwas hartes, dort, wo der Schmerz war. Er tastete danach. Gebrochen. Der Flügel war gebrochen, die Knochen auf magische Weise notdürftig wieder verbunden und zum Schutz in Holz und Verbände gesteckt. Er biss sich auf die Lippen. Hätte er Wind um sich gehabt, nur einen kleinen hauch gespürt, er hätte es heilen können… Ohne den groben Verband zu lösen faltete er die Schwingen so gut zusammen, wie er konnte, und kroch von dem Bett herunter. Er erinnerte sich, jemand war bei ihm gewesen, hatte ihm etwas eingeflösst, mit ihm gsprochen, ihm Wasser und etwas zu essen gebracht. Ja, da stand der Korb, gefüllt mit Brot und Früchten, daneben ein Krug mit den resten des Wassers. Er nahm ihn und trank ihn leer, dann suchte sein Blick den Boden neben dem Bett ab. Die Flasche, die, aus der der Kräutertrank gekommen war… der Trank, der dafür gesorgt hatte, dass ihm warm geworden war, dass die Schmerzen verschwanden, dass er endlich schlafen konnnte. Sie war weg. Der andere musste wiedergekommen sein und sie geholt haben.
Er stöhnte auf. Noch ein Schluck davon, und er hätte weiterschlafen und seine Träume wieder einfangen können. Jetzt konnte er gar nichts mehr. Er war gefangen. Das war kein Traum, das war ein Albtraum. Steine, er war umgeben von Steinen, von Wänden, von Holz, da war nichts, gar nichts lebendiges um ihn herum, noch nicht einmal lebender Stein. Zitternd trat er auf die Wand mit den Kristallen zu und berührte sie, strich über das behauene Gestein.
Sie waren tot, diese Steine, nicht geformt mit Magie, sondern mit Hacken und Schaufeln dem lebenden Erdreich entrissen, von Händen in eine Form gezwungen, die niemals gespürt hatten, dass auch in einem Felsen Leben war. Er erschauerte, als seine Finger die Kristalle berührten. Auch sie hatten einmal gelebt, aber jetzt war ihr Leuchten in sie hineingebannt von seltsamer Magie. Er konnte sie fühlen, diese Magie, aber er konnte nichts tun – ihm war, als seien seiner eigenen Macht Ketten angelegt worden, seit er in diesem toten, kalten Raum aufgewacht war. Langsam tastete er sich weiter an den Wänden entlang, bis er die Tür berührte. Totes Holz, totes Metall. Und ein sehr lebendiger Zauber. Schlüssel und Schloss. Verschlossen. Gefangen.
Es dauerte eine ganze Weile, bis sein umnebelter Verstand wirklich begriff, was das bedeutete.
Gefangen.
In einem Raum, der gerade einmal groß genug war dass er seine Schwingen ausbreiten konnte. Gefangen unter der Erde, in totem Gestein. Lebendig begraben. Allein.
Und sie hatten ihm die Flüssigkeit weggenommen, die ihn träumen ließ.
Langsam schlich er zum Bett zurück, ließ sich auf den Strohsack sinken, rollte sich zusammen und schloss die Augen. Vielleicht kamen die Träume ja doch zurück, vielleicht war noch genug von dem schwarzen Saft in ihm, um sie zurückzurufen?
Er hatte es schon gefühlt, als der Fremde in den roten Roben… Aryon, war das sein Name?… von der Flüssigkeit gegeben hatte. Sie hatte ihn müde gemacht und ihn sanft eingeschläfert, und als er das erste Mal wieder aufgewacht war, hatte er einfach nach der Flasche gegriffen und noch einmal von der Flüssigkeit getrunken. Und als sie immer schönere, immer buntere Träume gebracht hatte, noch einmal… und noch einmal… und jetzt war sie fort.
Die Schmerzen kamen zurück, in seinem Kopf, in seinen Gliedern. Er war todmüde, aber der Schlaf wollte nicht kommen, Hunger nagte in ihm, aber er brachte es nicht fertig, sich aufzurichten und von dem Brot und den Früchten zu essen.
Als er schließlich doch wieder einschlief, waren seine Träume nicht mehr leicht und bunt. Jetzt waren sie voller schwarz gefiederter Pfeile, die ihn durchbohrten und vom Himmel holten. Voller Schmerzen und Angst, als er hart auf dem Boden aufschlug, und voller eiserner Käfige und bleierner Ketten.
Er merkte nicht, dass er im Schlaf weinte.