Oder: Wie Aryon zu seinem neuen Job kam.
Zur Erklärung: “Magistro Arcane” ist der Titel des Magiergildenobermotzes namens Tremaro. “Morcante” nennt man auf der Insel Surania einen einflussreichen Händler.
Vorstellungsgespräch auf Fantasy
Aryon blickte in einen runden Raum, der bis an die Zimmerdecke mit Bücherregalen eingefasst war. Ein wenig Platz gegenüber einem Fenster war ausgespart, dort brannte in einem mit Marmor eingefassten Kamin ein behagliches Feuer. Vor dem Kamin standen mehrere schwere Sessel und ein niedriges Tischchen, hinter der Sitzecke am Fenster ein mit Papieren übersäter Schreibtisch und ein Lesepult, auf dem ein aufgeschlagenes Buch lag. Es roch nach Pergament und Tinte, ein Geruch, bei dem sich Aryon sofort wohlfühlen wollte – und doch beschlich ihn ein seltsames Gefühl von Unruhe, als er an Anavo vorbei den Raum betrat. Ihm war, als würde ein eisiges Kribbeln seinen Rücken hinunterrinnen und dabei einige Abgesandte in seinen Magen schicken, die sich dort häuslich einrichteten. Aryon schakt sich selbst einen Narren.
Es ist nur ein Haus. Er ist nur ein Händler – ein etwas seltsamer, zugegeben, aber er ist nur ein Händler. Womit auch immer er mir vielleicht drohen mag, ich bin ein begabter. Ich kann mich wehren. Warum bei allen Göttern habe ich Angst?
Aryon merkte, dass er seine Finger so fest um Tremaros Brief schloss, dass das Pergament unter seinen Fingern knisterte. Jetzt spürte er auch etwas in der Rolle, einen kleinen, schweren, harten Gegenstand von der Größe eines Wachteleis.
„Morcante, der Magus ist jetzt hier.“
„Danke, Anavo. Lass uns einen Wein und eine Kleinigkeit zu Essen bringen, dann lass uns allein.“
Anavo verneigte sich und schloss die Tür lautlos hinter sich. Während die Schritte des Dieners auf dem Korridor verhallten, wandte sich die hochgewachsene Gestalt um, die bisher mit dem Rücken zu Aryon an einem Fenster gestanden hatte. Aryon blickte in ein schmales, blasses Gesicht, das von durchdringenden, seltsam silberblauen Augen beherrscht wurde. Die leicht gebogene Nase verlieh den Zügen des Morcante etwas Raubvogelhaftes. Ein sauber gestutzter Bart und im Nacken zu einem Zopf gebundenes rabenschwarzes Haar vervollständigten zusammen mit einem eleganten Gehrock aus schwarzem, silberbestickten Samt, schwarzen Wildlederhosen und hohen Stiefeln das Bild eines reichen Suraniers. Wie jeder erwachsene Mann von Stand trug auch Sevaron einen Degen an der Seite, eine schlichte Waffe mit einfachem Handschutz und ohne aufwändigen Zierrat – die meisten Männer, die eine schlichte Waffe trugen, konnten auch gut damit umgehen, nicht so wie die jungen Stutzer, die um jeden Preis auffallen wollten und mit ihren Prunkdegen protzten wie Hähne mit ihren bunten Schwanzfedern.
Aryon wusste nicht warum, aber er fühlte sich mit einem Mal klein und unbedeutend, als der Morcante auf ihn zutrat. Es war, als umgebe eine unsichtbare, aber dafür umso mehr spürbare Aura von Macht diesen Mann – Macht, deren Quelle Aryon nicht einzuordnen wusste. Er fühlte sich von diesen silberblauen Augen gemustert, vom Scheitel bis zu den staubbedeckten Stiefelspitzen.
„Nun. Ihr seid also, wie Ihr meinem Torwächter versichert habt, das, was die Magiergilde zur Zeit für meinen Haushalt erübrigen kann?“
Aryon schluckte. Woher wusste Sevaron, was er am Torhaus so ohne darüber nachzudenken gesagt hatte? Er unterdrückte ein Seufzen und zog den inzwischen schon arg zerdrückten Brief hervor.
„Mein Name ist Aryon. Ich komme auf Empfehlung des Magistro Arcane Tremaro von der Gilde des Silbernen Greifen in Euer Haus.“ Er reichte Sevaron den Brief. „Das hier gab er mir für Euch.“
Sevaron nahm den Brief und zerbrach mit unbewegter Miene das Siegel. Ein kleiner Gegenstand fiel aus der Pergamentrolle, als Sevaron sie öffnete, er fing ihn geschickt auf und zog überrascht eine Augenbraue hoch. Für einen winzigen Moment huschte die Andeutung eines Lächelns über sein Gesicht. Er las schweigend, und Aryon trat nervös von einem Fuß auf den anderen. Was, wenn Sevaron ihn ablehnen würde, was, wenn er ihn zurückschickte?
Sevaron nahm sich Zeit, er las den mehrere Seiten langen Brief in Ruhe und so als sei Aryon gar nicht da. Erst, nachdem er den letzten Satz gelesen und das Pergament sorgfältig wieder zusammengerollt hatte, wandte der Morcante sich Aryon zu und sah ihn an.
„Tremaro scheint große Srücke auf Euch zu halten, Aryon. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Gilde Euch in Zeiten wie diesen gehen lässt.“ Er deutete beiläufig auf die Sessel am Kamin.
„Setzen wir uns. Und dann erzählt mir ein wenig von Euch, Aryon. Tremaro schreibt, Ihr stammt ursprünglich nicht von Surania?“
Aryon ließ sich in einen der Sessel sinken und versuchte, seine Überraschung zu verbergen. Was hatte Tremaro geschrieben, wie viel hatte er Sevaron bereits mitgeteilt? War das eine Prüfung? In diesem Augenblick war er Ailann dankbar dafür, dass sie jeden, der es wagen wollte, sich bei einer Gilde einzuschleichen, darauf schulte, eine erfundene Herkunftsgeschichte so sehr zu verinnerlichen, dass er sie in jeder Situation fehlerfrei und ohne Unstimmigkeiten wiederholen konnte. Es gab Magie, die half, sich eine erfundene Vergangenheit zu seiner eigenen zu machen, aber diese zauber wirkten nur, wenn der Anwender wirklich bereit war, sich auf die Wirkung einzulassen. Aryon hatte sich vollkommen darauf eingelassen, so sehr, dass seine Familie, seine Herkunft, seine Heimat und sein wahrer Name in seinen Erinnerungen zu matten Bildern verblasst waren.
Er nickte auf Sevarons Frage hin. „Meine Familie lebt auf Minar. Wahrscheinlich habt ihr…“
Sevaron hob abwehrend eine Hand, und Aryon schwieg. „Natürlich kenne ich Minar. Sie gehört zu der kleinen Inselgruppe zwischen Surania und Thula, nicht wahr?“
Aryon nickte. „Ja. Ich erinnere mich kaum an mein Elternhaus. Die Boten der Gilde von Thula kamen, um mich zu holen, als ich gerade einmal fünf Jahre alt wahr. Ich bin ein Kind der Gilde, Morcante. Die Magier sind meine Mütter und Väter und ich bin ihr treues Kind. Ich wurde auf Thula ausgebildet und dann nach Surania zur Greifengilde geschickt, um meine Studien fortzusetzen. Offensichtlich hielten meine Lehrer mich für begabt genug, den Greifen beizutreten.“
Sevaron nickte nachdenklich. Bevor er allerdings etwas erwidern konnte, betrat Anavo zusammen mit zwei weiteren Bediensteten den Raum und deckte den Tisch mit Porzellantellern und Silberbesteck, dazu kristallenen Gläsern, eine der Frauen, die ihm mit einem kleinen Rollwagen gefolgt war, stellte Platten mit erlesenen kleinen Köstlichkeiten auf dem Tisch ab, während die andere die Kristallgläser mit einer goldfarbenen Flüssigkeit füllte. Sie beeilten sich, denn Sevaron scheuchte sie mit einer raschen und durchaus ungeduldig wirkenden Geste wieder fort. Erst als die Diener gegangen waren. Nahm Sevaron das Gespräch wieder auf.
„Tremaro schreibt, Ihr hättet Eure Sache bei den Greifen nach einigen anfänglichen… Problemen gut gemeistert. Sagt mir, Aryon, auf welchen Gebieten der Magie sehr ihr Eure Stärken?“
Aryon lächelte. Mit solchen Fragen hatte er gerechnet und damit konnte er umgehen. Er griff nach seinem Glas, als Sevaron dasselbe tat, und kostete vorsichtig die goldene Flüssigkeit. Es schmeckte ein wenig wie Wein, aber doch ganz anders – wie flüssiges Feuer rann es ihm die Kehle hinab und breitete sich angenehm warm in seinem Inneren aus.
„Ein ganz besonderer Met“, bemerkte Sevaron beiläufig, als Aryon das Glas wieder auf den Tisch stellte. „Später werden ihr vielleicht die Gelegenheit haben, die Bienen zu sehen, von denen der Honig dafür kommt.“
Aryon nickte, auh wenn er eine vage Ahnung hatte, welche Art von Biene einen Honig machte, der wie Feuer brannte – und von welcher Blume der Nektar dafür stammte. Er nahm noch einen Schluck, dann sah er Sevaron an.
„Ich habe mich zu beginn meiner Lehrzeit ausgiebig mit magischen Theorien beschäftigt, neue Zauber entwickelt und mir einiges Wissen über magische Gegenstände und ihre Erschaffung angeeignet. Dazu gehört, dass ich die Vorlesungen besucht habe, die eigentlich für die reinen Artefaktmagier bestimmt waren, die Alchimisten und Thaumaturgen… ich wage zu behaupten, dass ich in beiden Zweigen der Magie über fundiertes Wissen verfüge.“
Sevaron nickte, Aryon glaubte, so etwas wie Zufriedenheit in seinem Blick zu lesen.
„Habt ihr… Fähigkeiten, die Euch von anderen Eurer Gilde unterscheiden?“ Sevarons Blick wurde eindringlich und forschend.
Aryon nickte wieder. „Nicht alle meiner Gildengenossen halten diese… nennen wir es einmal eine Gabe, andere mögen es Heckenzauberei nennen… für wahre Magie, aber sie ist mir schon das eine oder andere Mal von Nutzen gewesen. Ich kann in einem gewissen Maße… in die Zukunft sehen. Eine mögliche Zukunft, und nicht immer kann ich das, was ich sehe, auch wirklich interpretieren. Aber es kann sein, dass ich in Zeiten wie diesen voraussehen kann, wann das nächste Beben… oder die nächste Katastrophe über uns hereinbrechen wird, und welcher Art sie sein wird. Mit solchem Wissen wärt ihr noch besser in der Lage, Euren Besitz und Eure kostbaren Waren zu schützen.“
Sevaron nickte wieder, jetzt mit einem sehr offenen Lächeln. „Ein eher. Nun, das gefällt mir, Aryon, das gefällt mir wirklich. Ich denke, Ihr habt soeben den ersten Punkt in diesem Spiel gewonnen. Ich beginne, mich für den gedanken zu erwärmen, Euch zu behalten. Wie steht es mit Eurem Verhältnis zu Tieren und Pflanzen? Würdet ihr Euch zutrauen, mit, sagen wir, besonderen… sehr wertvollen und seltenen Tieren und Pflanzen umzugehen, sie ihren Bedürfnissen nach zu pflegen und zu versorgen?“
Aryon nickte. „Ja“, sagte er langsam, „auch das würde ich.“
„Gut.“ Sevaron deutete einladend auf die Platten mit den kleinen Häppchen, und Aryon nahm sich etwas, das nach wie Fleisch aussah, aber wie Fisch schmeckte. Ungewöhnlich, aber ausgesprochen gut. Er ließ sich nicht zweimal nötigen und griff zu, während Sevaron ihm weiter Fragen stellte, nach seiner Ausbildung, seinen Vorlieben, seinem Wissen über Alchemie und Thaumaturgie. Schließlich, als die Platten geleert und die Gläser bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken waren, erhob Sevaron sich und sah Aryon an.
Aryon stand ebenfalls auf. Abwartend und nun doch wieder ein wenig aufgeregt trotz der schweren Süße des Mets in Kopf und Magen erwiderte er Sevarons eisblauen Blick.
„Wie ich schon sagte, Aryon, ihr gefallt mir. Und ich denke, einen Mann mit Euren Fähigkeiten kann ich brauchen, auch wenn es mich überrascht, dass Ihr in so jungen Jahren bereits so viele Erfahrungen und so viel Wissen gesammelt habt. Lasst mich Euch gratulieren – wenn Ihr noch immer gewillt seid, anzunehmen, dann habt Ihr den Posten.“
Aryons Unruhe wich einer Welle von Erleichterung. Er unterdrückte ein Aufatmen und nahm Sevarons ausgestreckte Hand. Die rituellen Worte, die er nun zu sagen hatte, flossen ihm leicht von den Lippen.
„Es ist mir eine große Ehre, Morcante. Ich werde mich nach Kräften bemühen, Euch und Eurem Haus zu dienen. Ich werde schützen und bewahren, wie die Gilde es mich gelehrt hat. Ich beuge mich den Regeln des Hauses und den Regeln der Gilde und der Priesterschaft.“
Ein leichtes Lächeln huschte über Sevarons Gesicht, als er auf Aryons Worte die ebenso rituelle Antwort gab. Und genau dieses Lächeln war es, das Aryon wieder einen Schauer über den Rücken rinnen ließ. Für einen kleinen Moment fühlte er sich, als hätte er mit dem besiegelnden Händedruck seine Seele verkauft.
„Damit nehme ich Euch in meine Dienste, Aryon von der Greifengilde. Ihr sollt einen Platz haben unter meinem Dach und entlohnt werden, wie es Euren Aufgaben und Fähigkeiten entspricht. Dafür fordere ich die Loyalität ein, die Ihr mit Euren Worten bekundet habt.“
Aryon nickte. Sevarons Blick bohrte sich in den seinen, als wolle er auf den Grund seiner Seele schauen.
„Ich werde Euch und Eurem Haus dienen, Morcante“, sagte Aryon leise, aber mit fester Stimme.
„Gut.“ Sevaron lächelte und zog ein Pergament aus einem der vielen Stapel auf dem Schreibtisch. „Da ich damit gerechnet habe, dass die Greifen mir schnell jemanden schicken, der mir den armen Lucandro ersetzt, wurde schon ein Vertrag vorbereitet. Ich gebe Euch zeit bis zum Morgen – wenn Ihr Euch entschließt, ihn nicht zu unterzeichnen, werde ich Euch gehenlassen und Tremaro bitten, mir einen anderen zu schicken – auch wenn ich schon jetzt weiß, dass ich ungern auf Euch verzichten würde.“
Aryon nahm das Pergament und überflog es rasch. Die Klauseln waren die eines ganz gewöhnlichen Vertrages zwischen einem Magier und einem Auftraggeber. Er konnte nichts Ungewöhnliches feststellen, ein rascher Zauber zeigte ihm, dass das Pergament keine Bindezauber enthielt, die mit dem Unterzeichnen freigesetzt worden wären. Alles klang vernünftig und durchdacht.
„Ich brauche keine Bedenkzeit, Morcante“, sagte er, nachdem er das Blatt gelesen hatte, „gebt mir Tinte und Feder, ich unterzeichne jetzt und hier.“
„Wenn ihr Euch so sicher seid – ich freue mich.“ Sevaron reichte ihm ein Tintenfass und eine angespitzte schwarze Schwanenfeder, und Aryon unterschrieb mit seinem Namen und seinem persönlichen Zeichen, einem stilisierten Pferdekopf. Sevaron nahm das unterschriebene Pergament zurück und verstaute es in einer Schublade seines Schreibtisches.
„Dann willkommen in meinem Haus, Aryon von der Greifengilde. Ihr werdet hier wohnen, Lucandros Räumlichkeiten wurde bereits gesäubert und wieder hergerichtet – wenn ihr wollt, könnt ihr sofort einziehen. Wenn es noch etwas gibt, das aus dem Gildenhaus für Euch geholt werden soll oder Ihr irgendetwas anderes braucht, dann wendet Euch an Anavo, er wird alles Notwendige veranlassen. Wenn Ihr wollt, lasse ich Euch gleich ein wenig herumführen und weise Euch in Eure Arbeiten und Aufgaben ein – es sei denn, ihr wollt Euch lieber erst ein wenig ausruhen, dann verschieben wir den Rundgang auf morgen.“
Aryon schüttelte den Kopf. Die Aufregung in ihm war der Unruhe freudiger Erwartung gewichen – er hatte sich in die Höhle des Löwen gewagt, nun wollte er sich auch erkunden.
„Ich bin nicht müde, ganz im Gegenteil, Morcante. Ihr braucht rasch wieder einen Magier – nun, Ihr habt ihn. Ich bin bereit, sofort anzufangen.“