Seit einiger Zeit geistert das „Trend-Thema Engel“ durchs Internet, mit den üblichen Diskussionen um den Einfluss von Qualität bzw. Werbeaufwand auf den Erfolg, um die Trittbrettfahrer. Auf Trittbrettfahren habe ich gar keine Lust, auf Romanzen noch weniger. Außerdem habe ich zu Engeln keine engere Beziehung als zu den bisher so beliebten Vampiren.
Falsch. Es gibt eine gewisse Sorte Engel, die mich schon eine ganze Weile beschäftigt, nämlich zum Beispiel die von Hans Memling.
Dann kamen zur passenden Jahreszeit noch ein paar freundliche Menschen zu mir und meinten, ich müsste doch unbedingt eine Weihnachtsgeschichte schreiben. Stimmt, habe ich mir auch schon überlegt. Reißender Absatz beim Lindenfelser Weihnachtsmarkt ist garantiert.
Irgendwie sammelten sich um diese beiden schwächlichen Aufhänger ein paar Ideenspuren, Gedankensplitter, Spinnereien. Die habe ich pflichtschuldigst notiert und in meinem „Ideen“-Ordner geparkt. Bei der letzten Sichtung, was davon schon zum weiter Verarbeiten und der Agentur vorlegen taugt, drängte sich die „Weihnachtsgeschichte“ mit auf die Liste, aber ein Plot dazu wollte sich nicht einstellen. Und marktgerecht aufbereiten für einen Markt, von dem ich praktisch nichts weiß, konnte ich sie auch nicht. Also wurde sie wieder gestrichen.
Dank T12 muss ich nun aber jeden Tag zwei Seiten schreiben. Die Helden der bereits geplotteten und weiterentwickelten Geschichten zieren sich mitunter ziemlich heftig. (Das alte Problem: Im Exposé habe ich die Geschichte ja eigentlich schon geschrieben, jetzt ist sie langweilig.) Deshalb fing ich eines Abends an der „Weihnachtsgeschichte“ an, mit der klassischen Eröffnung: „Es war eine dunkle, stürmische Nacht.“ Und seitdem läuft sie fröhlich weiter, ohne Plan und Ziel, in einem völlig unangemessenen Ton für die Düsternis, die hinter dem Ganzen steht, mit einer Ich-Erzählerin, die für die Bis(s)-Zielgruppe vorneweg zwanzig Jahre zu alt ist. Es haben sich auch schon Figuren und Begebenheiten aus anderen, ebenfalls auf Halde gelegten Geschichten gemeldet, die mitspielen wollen. Ergebnis: Im Februar bin ich bisher jeden Tag doppelgrün, mein Rückstand vom Januar schrumpft.
Ich werde das Ganze wohl als Experiment im Bauchschreiben weiterführen. Dass ich geplottete Romane zu Ende schreiben kann, weiß ich. Der zweite erscheint voraussichtlich im Juli. Vielleicht reicht ja der Druck von T12, ein planloses Etwas ans Ziel zu bringen.