Keine Angst vor großen Fußstapfen

Linda Budinger über Hörspiele, Auftragsarbeiten, eigene Ideen und die richtige Studienplatzwahl.

Linda Budinger1. Wer bist du?

Jemand, der an Geschichten glaubt, weil Überlieferungen wie Märchen und Sagen viel Weisheit und psychologische Wahrheiten beinhalten. Ein Leben und eine Biografie, so interessant sie im Einzelfall auch sein mögen, beleuchtet immer nur den Einzelfall. Geschichten aber leben in ihrer Allgemeingültigkeit und der Breite der Themen durch die Zeiten fort.

2. Was schreibst du?

Alle Spielarten der Phantastik und seit neustem auch Thriller.

3. Viele deiner Werke sind Auftragsromane, beispielsweise hast du mehrere DSA-Romane verfasst. Inwiefern bist du dabei auf die Vorgaben angewiesen beziehungsweise wie viel Raum bleibt dir für eigene Ideen?

Man sucht sich Nischen, die möglichst viel Freiraum lassen und zum gewünschten Thema passen. Dann recherchiert man den Rest sehr genau und passt alles an. Genau genommen ist das nicht viel anders, als würde man einen historischen Roman schreiben. Inklusive penibel nachrechnender Leser.

4. Welche Rolle spielt bei der Arbeit an DSA-Romanen und nach der Veröffentlichung der Kontakt zu Fans und Spielern des Systems?

Abseits von Rezensionen und der einen oder anderen Lesung auf Cons eigentlich keinen. Das mag auch damit zusammenhängen, dass ich mich so weit wie möglich von fantasyweltpolitisch heiklen oder im Rahmen der fortlaufenden Geschichte aktuellen Plots entferne und eher die kleinen Themen behandle. Je mehr man in offizielle Kampagnen und Entwicklungen eingebunden ist, desto spannender ist man als Autor für die Fans.

5. Ich habe gelesen, dass du selbst Rollenspielerin bist. Bleibst du dabei auch DSA treu oder darf es dabei auch mal ein anderes System sein?

DSA habe ich seit den frühen 90er Jahren des letzten Jahrtausends nicht mehr gespielt, aber es war mein erstes Rollenspiel (genau genommen war das die Büchergarde - eine DSA-Variante für sehr junge Spieler). Ich kenne also das alte DSA - ohne völlig den Kontakt zu dem System zu verlieren. Relevante Neuerungen habe ich mir erlesen, gerade, weil die Welt Dere selbst in den vergangenen Jahrzehnten sehr genau ausgearbeitet wurde. Selbst spiele ich diverse andere Sachen, früher hauptsächlich Role- und Spacemaster, dann ein eigenes Fantasy-Rollenspiel (Menhir-Rollenspiel), das im Moment einen kriminalistischen und städtischen Hintergrund hat. Außerdem kämpfe ich mich bei Chtulhu vor zu den Bergen des Wahnsinns. Auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass das Setting, abzüglich des Lovecraftschen Mythos, für mich nach dem Eiswolf noch viele Überraschungen parat hat.

6. Bestehen bei dir starke Unterschiede zwischen Auftragsarbeiten und eigenständigen Werken, wenn es um den zeitlichen Erarbeitungsrahmen geht?

Nein. Man nutzt die Zeit, die man hat, anders geht es gar nicht. Wenn ich keinen Abgabetermin habe, schreibe ich nicht jeden Tag, sondern gehe etwas lockerer dran. Aber meine generelle Arbeitsweise bleibt immer gleich.

7. Neben Romanen hast du auch an Hörspielproduktionen mitgewirkt. Welche Aufgaben übernimmst du dabei und wie unterscheidet sich die Arbeit von jener an Romanen oder Kurzgeschichten?

Ich habe genau drei Hörspielskripte geschrieben, von denen bloß zwei tatsächlich vertont wurden, da die Reihen inzwischen eingestellt sind. Die Arbeit unterscheidet sich technisch gesehen vom erzählenden Schreiben und ähnelt eher dem Verfassen eines Drehbuches. Informationen werden hauptsächlich über Dialog und Stimmung über Geräusche vermittelt, als Klammer dient meistens ein kommentierender Erzähler. Man muss die richtige Balance finden, zwischen dem Geräusch-Overkill und zu sparsamem Hintergrund, zu langen Sprecherpassagen und zwei-Wort-Satz-Dialogen. Es gilt daher, gezielt Schwerpunkte zu setzen. Es gibt so eine Faustregel, eine Manuskriptseite (Scriptseite) entspricht 1 Minute im fertigen Hörspiel oder Film, bei einigen Studios mitunter sogar bis zu 2 Minuten.

Wenn man sich das vor Augen hält, kann man ungefähr einschätzen, wie prägnant das Erzählen sein muss. Der Inhalt/ Plot eines durchschnittlichen Hörspiels würde in reiner Textform eigentlich grob eine Kurzgeschichte oder möglicherweise eine Novelle ergeben. Einen Roman auf ein Hörspiel von 60 Minuten runterzubrechen, macht ziemliche Mühe - und erfordert rigoroses Auswählen.

Bei Hörbüchern, wie den ‚Schauergeschichten' oder ‚Cotton reloaded', in denen der Text eins zu eins gelesen wird, unterscheidet sich die Arbeit allerdings nicht. Trotzdem würde ich vermutlich einen Text, der nur als audiobook herauskommt, nach Möglichkeit selbst etwas stärker straffen. Genauso gehe ich jedenfalls bei meinen Lesungstexten vor, denn was man selbst liest und was man vorgelesen bekommt, sind zwei Paar Schuhe.

8. Beim Hörspiel Die Legende von Mythrâs haben auch andere Autoren mitgewirkt. Fällt dir die Zusammenarbeit mit anderen leicht?

Tatsächlich habe ich selbst eine recht feste Vorstellung zu meinen Ideen und Werken und bringe die auch am liebsten alleine zu Papier. Solange es sich im Vorfeld um Ideen, Exposés und anderes handelt, tausche ich mich nach der Erstfassung mit wenigen Vertrauten, Lektoren und Agenten aus. Aber schreiben ist für mich ansonsten eine ganz private und persönliche Sache, die ich deswegen auch alleine anpacke. Texte sind immer auch Ausdruck meiner Persönlichkeit, weswegen ich auch kein Freund von »Regeln« bin.
Gemeinschaftsprojekte wie der Kristall von Al`Zul und Mythrâs sind eher die Ausnahme.

9. Die Hintergrundwelt zu Der Steinerne Fluch aus der Große Geschichten vom Kleinen Volk-Anthologie macht einen sehr ausgearbeiteten Eindruck. Planst du weitere Geschichten in diesem Umfeld anzusiedeln beziehungsweise existieren bereits solche?

Wenn man eine Geschichte über Hobbits Halblinge veröffentlicht, dann tritt man in große Fußstapfen. Tolkien war ein Meister des Weltenbaus, und ich habe einiges in den Hintergrund der Novelle investiert, nicht zuletzt, um ihm Respekt zu zollen. Motive wie das Volk aus dem Norden, deren Vertreter von den Halblingen als »Riesen« bezeichnet werden, sind z.B. eine Anspielung an Tolkiens Vorliebe für die Edda. Ein Monument aus alter Zeit, der »Esstisch der Riesen« gemahnt an die Hügelgräber-Höhen. Dolmen werden in der Regel ja auch mit Erde zugeschüttet und erst durch Raubgräber oder den Zahn der Zeit freigelegt. Die versteinerte Armee und die Gogler sind, von einer Warte aus betrachtet, eine freie und unheimlichere Auslegung der Trolle aus dem Hobbit usw.

Es existiert ein Exposé zu einer Fortsetzung des Steinernen Fluchs, aber ob das Projekt jemals das Licht der Welt erblickt, steht in den Sternen.

10. Manche Autoren legen besonderen Wert auf die Ausarbeitung ihrer Welt, andere fokussieren sich auf die Figurenentwicklung, für wieder andere steht die Aussage ihrer Geschichte oder die Handlung im Zentrum. Auch wenn natürlich idealerweise das Gesamtpaket stimmt - gibt es etwas, das für dich beim Schreiben einer Geschichte im Zentrum steht?

Figuren und Handlung, und beides bedingt einander. Bestimmte Dinge passieren vorrangig bestimmten Personen - der gleiche Plot kann niemals gleich gut mit zwei verschiedenen Figuren funktionieren. Eine Kriegerin erlebt andere Dinge und andere Herausforderungen als eine Schamanin.

Meistens ist die Idee zu einer Handlung zuerst da, manchmal aber auch die zu einer Figur. Und was die Aussage einer Geschichte angeht, die möchte ich nicht vorgeben - der Leser darf sich selbst Gedanken machen.

11. In deinem Portfolio finden sich sowohl längere Romane, als auch Novellen und Kurzgeschichten. Bevorzugst du eine dieser Formen? Warum (nicht)?

Die Form der Umsetzung hängt ganz klar an der Idee. Eine kleine Idee oder vielleicht auch nur eine Pointe ergibt eine Kurzgeschichte. Für eine Novelle oder gar ein Roman braucht es einen ausgefeilteren Plot. Ich bevorzuge keine dieser Formen, im Gegenteil probiere ich mich gerne auch mal wieder aus. Alles, was ich in der Hinsicht bisher gemacht habe, habe ich aus Spaß und Neugier getan, und so soll es auch bleiben.

12. Du hast Ur- und Frühgeschichte, Völkerkunde und Germanistik studiert. Nimmt das einen besonderen Einfluss auf deine Werke beziehungsweise nutzt du das im Studium erworbene Wissen bewusst bei der Ausarbeitung?

Die Studienwahl war natürlich nicht zufällig. Autorin wollte ich ja bereits als Kind werden. Ur- und Frühgeschichte und Völkerkunde verschaffen meinen Geschichten das nötige Rückgrat.

Es gibt eine ganze Menge Möglichkeiten der sozialen Organisation, und es gibt meist gute Gründe, warum bestimmte Menschengruppen in einer bestimmten Umgebung sich auf bestimmte Weise organisieren. Ich mag es gern, wenn technische Entwicklungsstufen innerhalb einer Kultur eingehalten werden und nicht bunt durcheinanderlaufen. Andererseits ist die Vielfalt des menschlichen Erfindergeistes faszinierend, da ist der Blick über den Tellerrand sehr lehrreich.

Ich bemühe mich also, meine Gesellschaften so stimmig wie möglich zu bauen (und Kultur interessiert mich in puncto Weltenbau beispielsweise viel mehr als bestimmte Bergformen, Architektur oder landschaftstypische Gesteinsverwitterung) - aber auch hier gilt es, das rechte Maß einzuhalten. Gut ist, was die Geschichte bereichert, gerne auch das frischere Thema oder Motiv, das noch nicht im Klischee zu Tode gewalzt wurde. Aber da ich keine wissenschaftlichen Abhandlungen schreibe, sondern Fiction, geht der Abgleich Historie und Geschichte nicht immer im Sinne der Historie aus. Mir ist allerdings immer wichtig, unter mehreren Alternativen wählen zu können, und für diese Grundlage führt an einer guten Recherche kein Weg vorbei.

Das Interview führte Alessandra Reß.

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