Hinter Gittern
Ein Gefängnis, das lernt man früh, ist ein Ort für böse
Menschen. Böse Menschen begehen Verbrechen, und dafür müssen sie in das Gefängnis.
Und die Welt ist ein sicherer und gerechter Ort.
Später ändert sich diese Weltsicht ein wenig. Wer einmal Monopoly gespielt
hat, weiß, wie schnell man ins Gefängnis kommt, ganz ohne Verbrechen - einfach
nur die falsche Karte gezogen, und zack! da geht sie hin, die Freiheit.
Dann hört man von Ländern, in denen Recht und Gesetz zwei unterschiedliche
Dinge sind. Von politischen Gefangenen. Und beim Wort Folter denkt man weniger
an den dicken, halkbnackten Kerkermeister mit der Ziege und der eisernen
Jungfrau, sondern hat ganz andere Bilder vor Augen, Fotos, die in letzter Zeit
so oft gezeigt wurden, daß sie bald den letzten Schrecker verloren haben ...
Ähnlich verhält es sich mit Gefängnissen in der Literatur - liest man Krimis,
ist die Welt sicher und gerecht. Am Ende findet sich der Bösewicht hinter
Schwedischen Gardinen wieder, und das Gute darf sich die Hände schütteln. Das
heißt - das Gefängnis muß gar nicht vorkommen, es genügt das Wissen, daß
dieser Mörder verhaftet wurde und die Menschheit vor ihm sicher ist. Er wird
schon einen fairen Prozeß bekommen, wir sind ja nicht so ...
In der phantastischen Literatur dagegen werden niemals die Schurken eingesperrt
- auch nicht am Ende, denn dann sind sie für gewöhnlich tot - sondern die
Helden. Es geschieht nicht am Ende der Geschichte, sondern in der Mitte: Denn da
sie unschuldig sind, müssen sie irgendwann wieder freikommen, damit doch das
Gute siegt ...
Natürlich spricht man auch nicht von Gefängnissen: Kerker ist das Wort,
vor dem es uns graust. Gefängnis, das ist ein sauberer Ort, in dem jede Zelle
ihre eigene Kloschüssel hat. Ein Kerker dagegen verspricht rostige Ketten und
modriges Stroh. Und jetzt darf auch der dicke Folterknecht seine Ziege hereinführen.
Klingt abgedroschen? Vielleicht. Im Grunde passiert in allen - oder zumindest in
den allermeisten - Kerkerszenen das gleiche: Held im Kerker. Einsam. Hilflos.
Unglücklich. Gern tritt jetzt der Widersacher auf, triumphierend. Held hat
Angst. Held wird gefoltert. Schurke lacht. Schurke geht. Held im Kerker, einsam
...
Warum wir trotzdem Kerkerszenen schreiben? Und sie sogar gebündelt hier versammeln? Weil sie eben doch immer wieder anders sind. Vielleicht ähneln sich alle Kerker - aber es kommt auf die Gefangenen an. Selten kann man seine Figuren so gut mit sich allein lassen wie im Kerker. Monologe, normalerweise lästig und störend, kann man hier unterbringen. So kehren die Helden dem Leser das Innerste nach Außen, bevor der Foltermeister das mit Gewalt tun muß. Auch der unsympathischste Charakter hat hier die Chance, noch Mitleid zu erringen. Auch dem strahldendsten Helden tut es gut, sich einmal komplett hilflos demontieren zu lassen.
Und vor allem, gestehen wir uns das einmal ein: Es macht einfach Spaß zu
schreiben. In jedem von uns steckt das Bedürfnis, grausam und gemein zu sein.
Vielleicht nicht immer, aber es gibt sie, diese Tage. Und dann tut es gut, wenn
nicht die reale Umwelt unter uns leiden muß. Sondern unser süßer,
unschuldiger Held.
Und irgendwann kommt er ja auch wieder frei ... meistens.
Maja Ilisch