Obwohl gewarnt, daß ihn in seiner Heimat eher ein Kerker denn eine Krone erwartet, kehrt Alexander gegen Ende des zweiten Bandes nach Koristir zurück. Unverzüglich eilt er zum Schloß, und unverzüglich wird er festgenommen.
Nur weswegen, das soll er erst vor Gericht erfahren...


Unschuld in Eisen

von Maja Ilisch


Es war kalt geworden in Koristir, kälter als der Tod. Alexander war allein, zum ersten Mal seit - seit wann? - konnte er niemanden in der Nähe fühlen. Zumindest niemanden, den er fühlen wollte. Da waren nur er - und die Palastwachen.
Alexanders Füße blieben von selbst stehen, als sich die Tür hinter ihm schloß. Auf der anderen Seite war Halan, und Farrell, und die Welt … hier war nur das Ende.
»Geht weiter, bitte«, sagte der Hauptmann leise. »Wir tun das hier nicht gerne, aber wenn Ihr Euch widersetzt, müssen wir Euch in Eisen legen.«
Hier war es kalt, und keine Sonne schien. Alexander hielt den Kopf gerade und blickte geradeaus, durch die Wand. Dann hob er die Hände. »Gut«, sagte er. »Legt mich in Eisen. Laßt die Welt sehen, daß hier ein Unrecht geschieht, daß Korisanders Kindern Gewalt angetan wird, und für niemanden soll es so aussehen, als hätte ich mich diesem Unrecht klaglos gebeugt.« Seine Stimme hallte von den Wänden wider. In der Luft lag der vertraute Geruch von Kalk. »Und dann sagt mir, um was es geht! Was wird gegen mich vorgebracht?«
Der Hauptmann schüttelte den Kopf. »Ihr macht alles nur noch schlimmer, Alexander … Ich scherzte nicht, als ich von Eisen sprach. Aber Eure Frage« - während er dies sagte, klappten die schweren rostigen Handschellen um Alexanders Handgelenken zusammen, und der Hauptmann selbst behielt den Schlüssel - »kann ich Euch nicht beantworten. Ich führe nur Befehle aus, und der Befehl ist, Euch festzunehmen.« Er zog an der Kette. Alexander wurde vorwärts geschleift. »Kommt jetzt!«
»Wohin führt ihr mich?« fragte Alexander und flehte ‘Nicht in den Kerker, nicht in den Kerker’. Wenn sie ihn in den Turm sperrten, konnte er zumindest noch hinausblicken … oder springen … Es gab Turmverliese, das wußte er, auch wenn sie seit Jahrzehnten ungenutzt waren. Aber unten im Kerker, ohne Licht, ganz allein - das würde er nicht überleben.
Die Eisen zerrten und kratzten an seinen Händen, aber Alexander rührte keine Miene, als er über den Hof geführt wurde, vorbei an der Pforte zum Turm, hin zum Keller. Er starb in diesem Moment.
Er war noch nie unten im Kerker gewesen. Er hatte Gerichtsverhandlungen beigewohnt, doch vor dem Anblick des Kerkers hatte Koris ihn immer beschützt. Es war dunkel und kalt, und es roch nicht nach Kalk, sondern Moder. Ein Hauch von Fäulnis … allein der Gedanke, dort unten auch nur eine Nacht verbringen zu müssen, drehte Alexander den Magen um. Ein paar Fackeln brannten an den Wänden, aber zwischen ihnen war nur Schatten und Dunkelheit.
»Glaubt mir, ich tue das nicht gern«, sagte der Hauptmann.
Alexander glaubte ihm, aber das war kein Trost. »Wie lange muß ich warten?« fragte er, bevor er die Zelle betrat. Er hielt die Hände hoch und wartete, von den Eisen befreit zu werden, während die Wachen ihre Schwerter gezogen hielten.  Fliehen würde er nicht, es nicht einmal versuchen. »Wann erfahre ich, um was es geht?«
»Man wird Euch aufsuchen«, sagte der Hauptmann, ausweichend.
»Man?« fragte Alexander, leise wie das Klicken des Schlüssels.
»Eure Mutter«, sagte der Hauptmann.
Alexander nickte. Beinahe hätte er gelächelt. Also hatte Halan Recht, die ganze Zeit über, und er selbst Unrecht. Aralee trug die Schuld, sie allein …
Alexander warf einen Blick in die Zelle - sie war sauber und leer. Eine hölzerne Pritsche, sogar eine Decke darauf - sicher mehr, als man erwarten konnte. Aber an der Wand …
»Legt mich in Eisen«, sagte Alexander.
»Was?« fragte der Hauptmann entgeistert.
»Tut, was ich Euch sage! Ein letztes Mal!« Mit dem Kinn deutete Alexander auf die Handeisen, die in die Zellenwand eingelassen waren. »Kettet mich an!«
»Das kann nicht Euer ernst sein!« entfuhr es dem Hauptmann.
Alexander schüttelte den Kopf. Es war ihm ernst, todernst. »Was immer man mir auch vorwerfen mag«, sagte er leise, »ich bin unschuldig. Aber ich möchte es auch bleiben.«
Der Hauptmann blickte ihn an wie einen, der nicht ganz richtig im Kopf war, und dann schien er zu begreifen. »Gut«, sagte er. »Es wird später jemand kommen und Euch wieder losketten.« Der Mann hatte Angst - er ahnte, daß hier Unrecht am Werk war und er sein Handlanger, und niemand sollte ihn hinterher zur Rechenschaft dafür ziehen …
Es war Alexander ernst. Er mochte in diesem Moment ruhiger und gelassener wirken, als man es von jemandem in seiner Situation erwarten konnte - aber in dem Moment, in dem Aralee vor ihm stand, würde er alles und sich selbst vergessen. Er haßte sie jetzt schon, haßte sie kalt und innig, aber er wollte sie nicht töten. Und er würde sie töten, wenn er konnte.
Alexander betrat die Zelle, stellte sich mit dem Rücken zur Wand und hob die Hände, wartete, daß die Eisen darum zusammenschlugen. Er mußte warten, bis seine Wächter den richtigen Schlüssel gefunden hatten, und das Warten machte ihn nervös und ärgerlich. Warum nutzte er nicht die Gelegenheit und floh? Wenn er einem von ihnen das Schwert entreißen konnte, war er bewaffnet … Alexander wußte es besser. Er war nicht lebensmüde. Er war unschuldig. Und seine Unschuld bewies er weder durch Flucht, noch indem er seine Mutter erschlug. Alexander biß die Zähne zusammen und schluckte an seiner Wut, bis sich die Eisen um seine Handgelenke schlossen und die Türe zu war und das Licht verschwunden und er ganz allein.
Er konnte seinen Atem hören, seinen Atem und sonst nichts. Oder war das ein Rascheln? Eine Ratte? Alexander konnte nichts sehen. In der Tür war ein vergittertes Fenster, und irgendwo auf dem Gang brannte eine Fackel - sie warf Schatten in die Zelle, aber kein Licht. Vielleicht waren Ratten am Boden. Alexander sah nicht nach unten. Wenn er den Kopf in den Nacken legte, schmerzten seine Schultern nicht so sehr. Er stand auf den Spitzen seiner Zehen. Trotzdem fühlte er sich, als reiße ihm etwas beide Arme aus. Die Ketten erschienen länger, bevor Alexander in ihnen hing. Oder war er zu klein? Nur ein Junge, kein König, kein Verbrecher …
Schnell bereute Alexander bitter - bereute, mitgegangen zu sein, bereute, sich freiwillig in Ketten gelegt haben zu lassen. Was hatte er erwartet - daß Aralee durch die Tür trat, kaum daß der Hauptmann fort war? Daß sich alles als Mißverständnis herausstellte und er zu Halan zurück durfte, noch ehe der Mond aufging? Oder daß alles nur ein böser Traum war? Nichts davon war wirklich. Wirklich waren die Schatten, und die Stille, und die Einsamkeit.
Alexander wartete still, bis er es nicht mehr ertrug, und dann begann er zu schreien. Vielleicht half Schreien. Vielleicht änderte es etwas …
Es änderte nichts. Alexander schrie wie ein Tier im Käfig, wie ein sterbendes Tier. Er wollte sich bewegen können, sich gegen die Tür werfen, oder gegen die Wände - aber er konnte nicht einmal den Kopf gegen die Mauer dahinter schlagen. Der Versuch allein brach ihm beinahe die Schultern. Alexander schrie vor Schmerzen, und dann hörte er wieder auf zu schreien, froh, daß ihn niemand gehört hatte. Wenn er sich nur nicht hätte anketten lassen! Es war schwer, an einem Ort wie diesem seine Würde zu behalten, aber er durfte sie nicht gleich mit Füßen treten.
Alexander konnte nicht sagen, ob und wie die Zeit verging. Es mußte inzwischen Nacht sein, doch er war zu erschöpft, um müde zu werden. Seine Knie schlugen gegeneinander - er konnte nicht mehr auf Zehenspitzen stehen, er konnte nicht mehr, doch wenn er aufgab, hing all sein Gewicht nur an seinen Handgelenken, und diese Schmerzen waren schlimmer als das Zerren und Ziehen in seinen Beinen. Aber er konnte nicht mehr - sein Kopf war schwer, das Blut pochte in seinen Ohren, er bekam keine Luft. Er mußte sich hochstemmen, um nach Luft zu schnappen, aber es war schwer, es wurde immer schwerer. Und die Nacht schritt fort, und niemand kam.
Irgendwann verlor sich Alexander.

aus: Die Chroniken der Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind

(c) by Maja Ilisch


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