Darudan ist in Gefangenschaft geraten, nachdem man ihn als ehemaligen Gefährten des sterbenden Burgherrn und offensichtlichen Hexer erkannt hat. Deshalb erwartet ihn das Erwachen im Kerker mit einer besonderen Überraschung.


Grausame Fesseln

von Christel Scheja


Ein Sinneseindruck weckte Darudan aus seiner Bewußtlosigkeit. Doch es war nicht das Geräusch, daß eine Ratte in seinem Gefängnis verursachte, sondern das Brennen um seinen Hals und an seinen Handgelenken. Er vermochte die Hände nicht richtig zu bewegen, steckten sie doch in einer Art eiserner Handschuhe, die an den Gelenken mit einer kurzen Kette verbunden waren.
Darudan fuhr hoch, stöhnte, als ihm schwindelig und übel wurde. Er hob die Hände, die er in dem Dämmerlicht seines Kerkers kaum zu sehen vermochte, und erstarrte.
»Verdammt soll diese heimtückische Wölfin sein! Wo haben sie das her!«
Anjada hatte ihm Fesseln aus Banngold anlegen lassen! Der Legierung aus Gold und Bannerz, die seine Fähigkeiten massiv behinderte. Damals, als ihn die Priester erwischt hatten, war er zum ersten Mal mit diesem Metall in Berührung gekommen und hatte seine Wirkung kennengelernt. Zwar vermochte er die bannende Wirkung zu überwinden, aber es kostete ihn nicht wenig an Kraft. Daß es so dämonisch auf seiner Haut brannte, war nur ein Nebeneffekt - er vertrug es nicht lange. Bald würde sich die Haut unter den Fesseln entzünden, eitrig werden und...
Ohne es zu wissen hatte Anjada das Mittel in der Hand, um ihn zur Zusammenarbeit zu «überreden». Darudan ließ die Hände sinken. Er sah sich weiter in dem Loch um, das als Kerker diente. Ein mehr als zwei Mannslängen hoch gelegener Schacht spendete Luft und Licht. Die Tür befand sich einige Treppenstufen über der Erde und bestand aus schweren Eichenbohlen. Und er war nicht allein.
Auf dem Strohhaufen in der Nische regte sich eine Gestalt und stützte sich auf einem Ellenbogen ab. «Ich kann's dir sagen«, antwortete er auf Darudans Ausruf, »die liegen schon seit Urzeiten hier. Es heißt, sie stammen noch aus den Dämonenkriegen... Was ist da oben los? Sie müssen dich in die falsche Zelle gesperrt haben - ich hatte noch nie Gesellschaft«, murmelte die struppige Gestalt mit brüchiger Stimme, die noch recht jung klang. Der andere Gefangene konnte allenfalls Mitte Zwanzig sein. Nun setzte er sich ganz auf. Abgetragene, aber nicht unbedingt schmutzige Kleidung schlotterte um seinen Leib und ein struppiger, vermutlich noch nie geschorener Bart verbarg größtenteils sein Gesicht mit den tief in den Höhlen liegenden Augen. »Weswegen hat dich der Fürst hier eingesperrt?« fragte der andere Gefangene nun neugierig und mit einem Hauch Mißtrauen. «Ich bin Halmon con Aisar», fügte er hinzu. «Der legitime Erbe Tenplars!«
Darudan stieß zischend die Luft aus. Hatte der sterbende Ardor nicht etwas vom Unrecht an seinen Neffen erzählt? Wenn das stimmte, dann...
Er bemerkte, daß der andere unruhig wurde und beschloß zu antworten: »Ich bin Daruan N' Altaglin. Ein Baumeister und Gelehrter, der sich in diese Gegend verirrte. Man will mich zwingen, meine Kenntnisse zu ihrem Nutzen einzusetzen.«
»Aha.« Der junge Mann betrachtete ihn zweifelnd. »Und dann tragt ihr diese Fesseln?«
»Ich verstehe es selber nicht!« heuchelte Darudan. »Diese Barbaren da oben glauben wohl, jeder Gelehrte sei mit unheimlichen Kräften versehen. Bei Ylcar, was würde ich darum geben, sie bestraft zu sehen...«
»Ich würde mein Leben geben, um diesen Bastard und seine Brut hängen zu sehen!« stieß Halmon hervor. »Möge der Schwarze Fraß ihn holen!«
»Das hat er getan«, bemerkte Darudan trocken.
»Was, Ardor ist tot?« Kurz leuchtete böse Freude in Halmons Augen auf, doch sie verschwand schnell wieder. »Tja, dann herrscht jetzt wohl Anjada auf meiner Burg. Soll sie ihres Vaters Schicksal teilen.«
Er lachte bitter und stand auf, um an Darudans Seite zu kommen. Der junge Mann schwankte heftig, so als habe er Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten. Auf halbem Weg griff er nach einem Krug und einer Schale. »Kannst du mit den Dingern überhaupt was greifen.«
Darudan schüttelte den Kopf. »Nein, nicht richtig.«
»Dann muß ich dir wohl helfen.« Halmon setzte sich neben ihn. Ein fiebriger Glanz lag in den blaubraunen Augen, und als der andere ihn berührte, spürte Darudan, wie heiß die Haut war. Er zuckte zurück. Litt Halmon etwa an einem ansteckenden Fieber? Er atmete flach. Dann war Anjada wirklich ein bösartiges Luder, das mit jedem Priester mithalten konnte...

Tage wurden zu Spannen, und Darudan kratzte aus alter Gewohnheit mit einem Stein Striche in die Mauern, um die vergangene Zeit zu messen. An den Schneeflocken, die manchmal in die Zelle hineinwehten, erkannte er, daß es Winter geworden war. Wenigstens erhielten sie ein paar alte Felle und Decken, um sich zu wärmen, aber das half dem Jüngeren auch nicht viel.
Zu Darudans Erleichterung hatte sich Halmons Fieber als nicht ansteckend erwiesen, aber der Weißhaarige mußte zusehen, wie es dem anderen von Tag zu Tag schlechter ging. Der junge Mann lag mit rasselndem Atem auf dem Stroh und warf sich hin und her, murmelte unzusammenhängende Worte, schrie und wimmerte, aber das schien keinen zu kümmern. Zwar brachte täglich ein älterer Mann in Begleitung zweier mit Speeren bewaffneter Soldaten frisches Wasser und zwei Schüsseln mit Essen in ihre Zelle und entfernte die leeren Gefäße und die Unrateimer, aber er nahm weder Notiz von Halmon noch von Darudan, der ihn ein paar Mal erfolglos angesprochen hatte. Er hatte damit lediglich erreicht, von den Wachen in Schach gehalten zu werden.
Wenigstens hatte es der Jüngling in einem seiner klaren Augenblicke geschafft, Darudan dabei zu helfen, so weit wie möglich Stoff zwischen das Metall des Halsreifen und seine Haut zu stopfen, aber lange würde er die Berührung des Banngoldes an den ungeschützten Stellen nicht mehr ertragen. Darudans Hände waren bereits ein einziges Schmerzensmeer, und er versuchte sie so wenig wie möglich zu bewegen.
So aß und trank Darudan nur das Nötigste, weil er sich dabei wie ein Tier verhalten mußte, um die Hände nicht einzusetzen. Er hockte ansonsten die meiste Zeit neben Halmon, flößte ihm ab und zu Wasser ein, wenn er sich dazu zwingen konnte, die Arme und den Körper so weit zu verdrehen, das er das Gefäß halbwegs halten konnte. Nach und nach erfuhr er aus dem Gestammel des jungen Mannes die ganze Geschichte.
Ardor hatte nach dem Tod seines legitimen Halbbruders die Macht an sich gerissen und aus unbekannten Gründen seinen Neffen Halmon eingekerkert, aber nicht getötet. Verschwiegene Soldaten, denen Ardor vertraute, versorgten den jungen Mann bislang recht gut, obwohl sie nichts taten, um ihn vor dem Fiebertod zu retten. Nach anfänglichen, mißglückten Fluchtversuchen hatte Halmon die Hoffnung und sich selbst aufgegeben, und ohne Zeitgefühl und Lebenswillen siechte er dahin, manchmal im Fieber Ylcar anrufen, um Rettung, um ein Wunder betend.
Darudan lauschte seinen Worten und lächelte bitter. Auch ihm war daran gelegen, aus diesen Fesseln und Mauern zu entkommen, aber solange er das Banngold trug, war er hilflos. Mit Sorge betrachtete er seine Hände. Wenn Halmon schlief, ließ er seine Kraft in die eigenen Wunden fließen, um das Schlimmste zu verhindern. Doch jedes Mal zitterte er schlimmer vor Schwäche, und das Bewußtsein drohte ihm schneller zu schwinden. Wie sollte er da die Kraft, die er trotz des Banngoldes aufbringen konnte, für die Heilung des jungen Mannes einsetzen? Und warum? War es nicht besser, wenn Halmon starb und der weiteren Gefangenschaft so entkam? Das konnte Anjada doch nur freuen!
Anjada! In Darudan schoß kalte Wut hoch, wenn er daran dachte, in welche Lage ihn Ardors Tochter gebracht hatte. Wieso konnte er ihr Gutes wünschen? Sollte er nicht besser aus lauter Trotz dafür sorgen, daß ihr Vetter, der rechtmäßige Herr Tenplars, am Leben blieb? Und das Fieber aus dem geschwächten Körper vertreiben?
Er berührte die wie Papier knisternde Haut des jungen Mannes. Sein Blut schien zu kochen, und bald würde das heftig pochende Herz die Anstrengung nicht mehr bewältigen können.
Darudan faßte einen Entschluß. Es war ohnehin lächerlich, daß er mit seinem Stolz seine Hände noch weiter in Gefahr brachte. Er fragte sich, warum er sich überhaupt geweigert hatte, Anjada zu helfen. Nach den Spannen der Gefangenschaft war ihm klar geworden, daß er nichts dadurch gewann, weiter im Kerker zu sitzen und zuzusehen, wie seine Finger vereiterten. Warum krönte er sein Nachgeben nicht mit einer kleinen Rache?
Lächelnd machte er sich an die Arbeit. Er leerte den Wasserkrug bis zur Neige und kauerte sich dann neben Halmon. So gut es ging bettete er den Kopf des Jünglings auf seinen Schoß und beugte sich über ihn, so daß seine gefesselten Hände auf dem sich heftig hebenden und senkenden Brustkorb Halmons ruhten.
Schweiß trat auf Darudans Stirn, als er den Bann überwand und seine heilenden Kräfte in Halmon flossen. Er gab ihm die verlorene Lebenskraft wieder, auch wenn es ihn einen Teil der seinen kostete.
Schließlich sank er ermattet zur Seite und rutschte zitternd zu Boden. Bunte Schlieren und Lichter tanzten vor seinen Augen, aber daß Halmon tief und ruhig atmete war ein Beweis, daß seine Kräfte gewirkt hatten. Und der Zauberer spürte, wie sich das Brennen in seinen Händen verstärkte und hoffte, daß die Wächter bald kommen würden, damit er ihnen die entscheidenden Worte sagen konnte.

aus: Die Talastan Chroniken
Im Schatten von Krieg und Glauben

(c) by Christel Scheja


Kommentare und Diskussionen zu dieser Geschichte