Fanwer ist als Spion in den Reihen der Schwarzen Wahrheit aufgeflogen und landet nicht im düsteren Kerker, sondern in einem Käfig an der Burgmauer, wo er ziemlich lange Zeit ausharren muss - und gut beobachten kann...
Im Käfig
von LaMaga
»Halt!,« raunzte
der Wächter unten am Burgtor bereits, als die Reiter noch
mehrere Dutzend Meter von der Mauer entfernt waren.
Fanwer schrak auf und neigte sich dann vorsichtig zur Seite, um
nach unten spähen zu können. Er hatte das ständige
Kommen und Gehen von Vengers Leuten, die seit den frühen
Morgenstunden auf ihren schwarzen Pferden hin und her ritten und
sich offenbar zielgerichtet über die Ländereien
verstreuten, ignoriert, so weit es ging. Der Käfig hing zum
Glück außer Reichweite der Vorbeigehenden und war auch
von der Mauerkrone kaum einzusehen, so dass den gefangenen Soldaten
abgesehen von ein paar ziemlich groben Beleidigungen und
Schmähworten kaum etwas getroffen hatte, selbst dann nicht,
als ein paar der ungehobelten Kerle begonnen hatten, allerlei Dinge
nach ihm zu werfen, darunter ziemlich Unappetitliches. Der
ausbleibende Erfolg und Fanwers gelassene Ruhe hatten ihnen das
Vergnügen an ihrem Tun jedoch recht bald vergällt, und so
hatte der junge Mann seit ein paar Stunden Ruhe vor der
Burgmannschaft.
Kurz nach Sonnenaufgang waren Crò, Laat und Ungor zu dritt
davon geritten, einen Bogen schlagend um die Burg herum und
offenbar auf dem Weg zum Strand. Fanwer fragte sich, ob die
Eisenschiffe sich zwischenzeitlich wohl vermehrt hatten.
»Lasst mich durch!,« antwortete eine herrische Stimme.
»Ein Herr der Schwarzen Wahrheit begehrt Einlass zu Herrn
Venger Emberbey!«
Fanwer schaute neugierig zu den Neuankömmlingen hinab. Ein
Ritter in schwarzer Rüstung und dem unvermeidlichen schwarzen
Uniformrock saß da auf einem prächtigen Rapphengst und
strotzte vor Autorität und Würde. In seiner Begleitung
befanden sich drei weitere Reiter, zwei Burschen in Fanwers Alter,
einer mit wohl natürlich schwarzem Haar, der andere
offensichtlich gefärbt, und ein Halbwüchsiger, dessen
Haar nicht gefärbt und aschblond war. Letzterer trug schwarze
Gewänder, aber keinen Wappenrock; die beiden anderen elegante
Zivilrüstungen und gepflegte schwarze Überwürfe.
Auch sie saßen im Sattel von schönen Rappen; Rösser
und Reiter wirkten jedoch müde und überanstrengt.
Fanwer kniff die Augen zusammen. Die beiden jungen Herren kamen ihm
seltsam bekannt vor.
»Was für ein Herr,« knurrte der Wachosten und
schlenderte provozierend lässig näher. »Ist uns
kein Herr gemeldet.«
»Ich bin Graf Mandìor Spondhargent,«
verkündete der Anführer und setzte seinen Helm ab. Er
hatte ein markantes Gesicht, trug sorgsam gefärbtes Haupthaar
und einen Kinnbart und machte nicht den Eindruck, sich von einem
Wachsoldaten aufhalten lassen zu wollen.
Fanwer holte überrascht Luft. Mandìor Spondhargent! Der
Geliebte der Maid Rayneta!
Der Wachmann musterte den Ritter abschätzend.
»Kenne ich nicht,« sagte er dann.
»Du solltest dich an mich erinnern, Bursche,«
entgegnete der Graf und fasste wie zufällig an sein Schwert.
»Ich bin vor ein paar Wochen entsandt worden, um die Ankunft
neuer Novizen für den Bund der Schwarzen Wahrheit zu
erwarten.«
Der Wächter glotzte verständnislos.
»Nun, es scheint, als seien diese jungen Leute in alle Winde
verstreut. Doch drei hoffnungsvolle junge Brüder habe ich
eingesammelt und habe vor, sie dem Herrn Venger zu
präsentieren!«
Die jungen Männer wechselten einen verunsicherten Blick
miteinander. Der Junge warf sich stolz in die Brust.
Wo nur hatte Fanwer diese Burschen zuvor schon einmal gesehen?
»Weiß ich nichts von,« sagte der Wächter
barsch. Aus dem Tor kamen zwei weitere hervor, auch sie mit ihren
Piken bewaffnet.
»Ah, doch!« Einer der Neuankömmlinge schien sich
zu erinnern. »Ist lange her! Du weißt doch, das war
doch der, den der Schwachkopf unbedingt losw...«
»Graf Spondhargent!«, fiel der dritte seinem Kameraden
ins Wort und verbeugte sich. »Welch eine Überraschung!
Wir hatten schon befürchtet, Euch nie mehr wieder zu
sehen...«
»Ja,« nickte Spondhargent gelassen. »Die
Besorgnis steht euch noch ins Gesicht geschrieben.«
Der offenbar intelligenteste der drei Gesellen lachte ölig und
verneigte sich vor Spondhargent.
Der Naturschwarze hatte indes den Gefangenen im Käfig
entdeckt. Er knuffte den Gefärbten und deutete
unauffällig hinauf.
»Werden wir nun Herrn Venger vorgeführt oder
nicht?,« fragte der Graf ungeduldig und unterstrich seinen
Unwillen, indem er sein Pferd scharren ließ.
»Der Herr Venger ist für ein paar Tage außer
Haus,« sagte der erste Wächter knapp. »Ein Turnier
erforderte seine Anwesenheit.«
»Was für ein Turnier?,« erkundigte Spondhargent
verdutzt.
Die Wächter zuckten die Achseln. »Irgend eine Feier auf
der Strand-Burg...«
»Was Familiäres,« ergänzte der zweite.
Spondhargent runzelte die Stirn. Offenbar überraschte ihn
diese Nachricht.
»Aber der Großmeister ist eingetroffen,« sagte
der Wächter rasch. »Gewiss wird er entzückt sein,
Euch und die Novizen zu empfangen.«
»Ah...,« machte Spondhargent. Fanwer sah ihm an, dass
sich in seinem Kopf Bausteine eines Planes verschoben und zu einem
neuen Entwurf anordneten. Wahrscheinlich hatte der Graf mit ganz
anderen Rahmenbedingungen gerechnet; als brillanter Kämpfer
und Stratege, als den ihn die Prinzessin und Graf Althopian gelobt
hatten, war er jedoch flexibel genug, sich anzupassen.
»Wen darf ich melden?,« fragte der Dritte, offenbar der
Ranghöchste, spöttisch geziert.
»Dies sind die Herren Arciò und Yaspion und der Junge
heißt Tessoru,« stellte Spondhargent seine Begleiter
vor.
Arciò! Yaspion! Die beiden jungen Männer in König
Jangios Gefolge!
Fanwer richtete sich vorsichtig auf und klammerte sich an den
Gitterstäben fest. Ja, tatsächlich! Sie waren kaum
wiederzuerkennen, so fremd sahen sie in ihren schwarzen
Gewändern aus. Fanwer kannte die jungen Männer nur als
immer nach der neuesten höfischen Mode gekleidete
Höflinge, die sich in ihrer unverhofften Rolle als vornehme
Gesellschafter pudelwohl gefühlt hatten.
Der Junge war aufmerksam geworden und schaute nun auch zu Fanwer
hoch. Tessoru.. auch bei diesem Namen klingelte etwas in Fanwers
Erinnerung... aber wenn es das war, was er assoziierte, konnte es
sich nur um eine zufällige Namensgleichheit handeln. Wie
sollte diese verkommene kleine Mistkröte sonst in Gesellschaft
des edlen Grafen gelangt sein?
»Was ist das?,« fragte das vorlaute Blag eben jetzt und
deutete aufgeregt zu dem Käfig hinauf. »Warum sitzt der
da drin?«
»Sei still,« herrschte Spondhargent den Jungen an, warf
Fanwer nun aber auch einen interessierten Blick zu.
»Der,« sagte der erste Wächter, »der hat
sich eines üblen Verbrechens schuldig gemacht! Ein Spion und
Dieb ist es, und außerdem...«
»Warum sitzt er dann da drin und lebt?,« fragte
Spondhargent hart. »Warum hat Herr Venger ihn nicht schon
längst der Schwarzen Wahrheit dargebracht?«
»Der Großmeister will’s nicht,«
erklärte der zweite. »Ist nämlich Gold wert, der
Kerl!«
»Ja, ein Jammer,« warf der erste ein und grinste mit
schlechten Zähnen. »Hatten schon ein paar gute Ideen,
was man mit dem anstellen könnte, dem verkehrten
Stück...«
»Mäßigt eure Zunge in der Gegenwart eines
Herrn,« unterbrach Spondhargent, der langsam die Geduld
verlor. »Und nun gebt den Weg frei! Herr Venger oder
Großmeister, wer auch immer... ich will ihm vorgeführt
werden.«
»Kommt nur,« forderte der Anführer die vier
Berittenen auf und verbeugte sich kriecherisch. »Kommt nur
hinein, edler Herr...«
Die Reiter spornten ihre Pferde an und ritten, einer nach dem
anderen, durch das Tor, Spondhargent voraus, Tessoru so dicht
hinter ihm, dass der Hengst des Grafen nach dem Pferd des Knaben
auskeilte. Arciò machte das Schlusslicht.
(...)
Es dunkelte auch über der Bernsteinbuchtburg. Fanwer kauerte
sich in seinem luftigen Gefängnis zusammen und zog sich das,
was er noch am Körper trug, fest um den Leib.
Er begann, sich Sorgen zu machen. Der Himmel über der Burg
hatte sich über den Tag hin immer mehr bewölkt, es
schien, als ob sich ein heftiges Gewitter zusammenbraute. Noch war
es entfernt, aber die Luft war merklich kälter geworden und
vom Meer aus wehte ein schärferer Wind.
Der junge Mann blickte hinunter auf die Torwächter, die ihn
gänzlich ignorierten und sich die Zeit mit einem
Würfelspiel, Bier und gebratenem Fleisch vertrieben. Fanwer
fragte sich, warum sie die Tür überhaupt noch bewachten.
Eine solche Disziplinlosigkeit hätte man sich in der
Strand-Burg nie geleistet, obwohl dort wirklich Friede herrschte
und keine ungebetenen Gäste zu befürchten waren.
Zwei Tage, hatte Zepran gesagt. Zwei Tage würden sie ihn noch
in Ruhe lassen. Es war unmöglich, dass in dieser kurzen Zeit
schnell genug Hilfe von der Strand-Burg eintraf, und Fanwer war
besorgt, ob Osse tatsächlich die Dummheit begehen würde,
sich um seinetwillen in Gefahr zu bringen. Er war ein gescheiterter
Spion, aber es würde das Weltenspiel nicht bedeutend
verändern, wenn er daraus ausschied. Er war nur ein kleines
Licht. Es war bedeutungslos, was mit ihm geschah.
Nun, bedeutungslos... das hieß nicht, dass ihm selbst egal
war, was sie mit ihm machen würden, und er hatte nicht vor,
sich dieser wahnsinnigen Bande der Schwarzen Wahrheit kampflos zu
ergeben. Außerdem blieb immer noch die Hoffnung, dass Graf
Spondhargent und die beiden jungen Gefährten von König
Jangio ihm helfen konnten. Es musste sich doch eine Gelegenheit
ergeben, einem der drei eine Nachricht zukommen zu lassen.
Ob ihm wohl wieder jemand ein Brot bringen würde? Ob seine
geheimnisvolle Wohltäterin sich noch einmal zeigen
würde?
Fanwer fröstelte. In der wärmenden Frühlingssonne
hatte es sich in dem Käfig aushalten lassen, aber nun wurde es
Nacht, wurde es bitterkalt, in so großer Höhe und einer
nicht windgeschützten Seite der Burg. Wenn es dazu
womöglich noch beginnen sollte, zu regnen, dann würde er
sich eine fürchterliche Erkältung und vielleicht noch
Ärgeres holen. Dann war es gar nicht mehr nötig, dass
diese Verrückten ihn abschlachteten.
Fanwer stöhnte. Das lange Sitzen in diesem engen Käfig
hatte seine Glieder steif werden lassen, es tat weh, wenn er sich
bewegte. Und doch hätte er alles darum gegeben, sich jetzt
ausstrecken zu dürfen, sich zu entspannen. Sanfte Hände
zu spüren, die den Schmerz und die Verspannungen
wegmassierten. Seine
Hände...
Fanwer realisierte, wie allein und ausgeliefert er war. Dass er
sich nicht aus eigener Kraft befreien konnte. Dass das Weltenspiel
für ihn zu Ende zu gehen schien.
»Herr,« wisperte der junge Mann unglücklich,
»oh, Herr... mögen die Mächte Euch beschützen
und das Richtige tun lassen.«
Unter ihm klapperten Würfel, und Windböen zischten an ihm
vorbei. Fanwer lehnte die Wange an die Gitterstäbe und schaute
unglücklich zur Meerseite hin. Unten in der Bucht lagen die
Schiffe.
Womöglich bereits mehr als nur drei.
(...)
Spondhargent hat Tage später Gelegenheit, nach Fanwer zu
schauen...
Der Gefangene, den diese Barbaren von der Schwarzen Wahrheit in den
Käfig gesteckt und dann Wind und Wetter ausgeliefert hatten,
rührte sich nicht. Spondhargent neigte sich, so weit er es
eben wagte, aus dem Fenster und spähte zu ihm hinab. Der
eiserne Käfig hing außerhalb seiner Griffweite an einer
festen Kette und wurde von den Windböen, die den Regen
gelegentlich an den Burgmauern vorbeipeitschten,
geschüttelt.
Der junge Mann schien es kaum zu bemerken. Wie ein Häufchen
Elend hockte apathisch da.
»Du!« Spondhargent versuchte, die Kette zu
berühren und daran zu rütteln. »Kannst du mich
hören?«
Keine Reaktion. Spondhargent seufzte und zog sich wieder ins
Trockene zurück.
Im selben Augenblick hustete der Gefangene draußen wieder,
und zwar so jämmerlich, dass der Ritter zusammenzuckte. Es
klang ziemlich bedenklich. Zweifellos brauchte der junge Mann einen
Arzt.
»Herr,« krächzte er, und Spondhargent neigte sich
wieder über das Fensterbrett und schaute hinab.
Der Bursche blickte nun zu ihm auf und versuchte auch, auf die
Beine zu kommen. Sein Gesicht war mit schwarzen Farbresten
verschmiert und der Regen brachte auch wieder zu Tage, dass Haar
und Bart weizenblond und nur schlecht schwarz eingefärbt
gewesen waren. Spondhargent tastete unwillkürlich nach seinem
eigenen Schopf. Wenn er bei dem Regen nicht Acht gab, würde
auch sein Haar wieder seine natürliche Farbe annehmen.
»Wer bist du?,« fragte der Ritter halblaut.
Der junge Mann zog sich hoch, aber Spondhargent winkte ab.
»Nein, lass nur. Ich kann dich gut hören.«
»Ich bin Fanwer vom Strand,« kam die Antwort,
unerbrochen von keuchendem Atem und mühsam unterdrücktem
Husten. »Ich bin der ... Assistent von Graf
Emberbey.«
Spondhargent nickte und ließ sich nicht anmerken, wie sehr
ihn diese Antwort verwirrte.
»Und... wie kommst du hier her und in diese Lage?«,
erkundigte er sich stattdessen sachlich.
Fanwer strich sich Wasser aus dem Gesicht, nur um sofort darauf
wieder eine Ladung Regen abzubekommen.
»Ihr seid Graf Spondhargent vom Silbernen Ufer?«,
vergewisserte er sich.
»Du hast mir eine Botschaft übermitteln lassen?,«
war Spondhargents ungeduldige Antwort.
Fanwer zögerte.
»Es ist keiner da, der uns belauscht,« versicherte der
Ritter. »Hier auf dem Gang ist niemand, und die Torwachen
haben sich im Gesindehaus untergestellt.«
»Maid Rayneta,« sagte Fanwer, »ist ihrem Cousin
entkommen und zu ihrem Bruder in die Strand-Burg geflohen. Sie ist
nicht hier. Ihr seid vergebens zurückgekehrt.«
Spondhargent brauchte einen Augenblick, um diese Worte zu erfassen.
Dann jedoch wurde ihm so leicht ums Herz, dass er all den Ekel und
die Verzweiflung ringsum vergaß und auch Zepran und die
Schwarze Wahrheit nebensächlich wurden.
»Du machst mich glücklich mit dieser Nachricht,«
sagte er beherrscht, während Euphorie ihn durchströmte.
»Aber was machst du hier?«
»Ich bin im Auftrag von Prinzessin Kajida hier eingeschleust
worden,« erklärte Fanwer, war allerdings schlecht zu
verstehen, weil ihm ständig die Stimme wegkippte. »Die
Schwarze Wahrheit ausspionieren... wenn möglich, das Buch an
mich nehmen... aber ich wurde verraten und enttarnt.«
Spondhargent stützte sich auf die Fensterbank und richtete
seinen Blick für einen Moment in die Ferne, schaute hinaus auf
das im Regen trostlos, karg und grau daliegende Umland.
»Du bist krank,« wechselte er dann das Thema.
»Wie lange bist du schon da draußen?«
»Vier Tage, Herr. Seit es regnet, ist es schlimmer
geworden...«
»Wir sind auf einer Seite,« fuhr der Ritter mit
gedämpfter Stimme fort. »Wenn Maid Rayneta bei deinem
Herrn ist, weißt du, dass auch meine Anwesenheit hier nur
Tarnung ist. Ich diene meinem Herrn, dem König der Westlichen
Inseln. Der ist über die Eisenflotte und die Schwarze Wahrheit
zutiefst beunruhigt.«
Fanwer lächelte müde. »Wie schön, dass
zumindest die Monarchen sich der unheilvollen Entwicklung annehmen
wollen...«
»Ich werde versuchen, dich da herauszuholen,« versprach
der Ritter. »Es...«
»Nein, Herr. Ihr bringt Euch und Eure Tarnung in Gefahr. Und
was wolltet Ihr mit mir anfangen? Ich bin krank, habe
wahrscheinlich hohes Fieber und der Husten wird immer
schlimmer.« Wie um es zu demonstrieren, hustete er
mitleiderregend.
»Ich wäre eine Gefahr und eine Belastung.«
Das musste Spondhargent einsehen. Er verfluchte die
ungünstigen Umstände und die Tatsache, dass der junge
Mann noch nicht einmal in einem der Dörfchen und schon gar
nicht in der Burg Unterschlupf finden könnte. Er würde in
seinem Zustand nicht lange unentdeckt bleiben.
»Was kann ich tun?,« fragte er dennoch.
»Der Großmeister,« keuchte Fanwer gegen ein
weitere Regenbö an. »Er ist wahnsinnig. Das Widerwesen
hat von ihm Besitz ergriffen. Der Stein...«
Spondhargent runzelte die Stirn. »Welcher Stein?«
»Der rote Kristall, den er bei sich trägt... ich glaube,
der Stein verbindet ihn mit dem Widerwesen. Der Stein... der Stein
muss vernichtet werden, und die Magier müssen das Schwarze
Buch bekommen!«
»Welche Magier?«
»Meister Vèljioz... der Sucher des Guten... und das
Abendkind, Meister Advon... sie sind bei meiner
Herrin...«
Spondhargent lächelte düster. Einen Stein erobern und
zerschlagen, ein Buch erbeuten... das gefiel ihm. Das waren
konkrete Anweisungen, mit denen er etwas anfangen konnte. Endlich
hatte das untätige Warten und Herumrätseln ein
Ende...
»Keine Angst,« sagte er zu Fanwer. »Das ist
schnell getan. Und dann bekommst du einen Arzt und
Wärme...«
»Herr,« unterbrach Fanwer, »ich bin sicher, dass
für mich selbst kurze Zeit nicht mehr ausreicht. Würdet
Ihr meinem Herrn eine Botschaft von mir sagen, wenn all das hier
ausgestanden ist?«
Spondhargent wartete.
»Ich liebe ihn,« flüsterte Fanwer dann
errötend. »Und von mir aus können alle es
wissen.«
Der Ritter räusperte sich verlegen. Im Prinzip gab es gegen
romantische Liebesschwüre nichts einzuwenden, und galant wie
er war, würde er einen solchen stets gerne überbringen,
aber immerhin ging der hier von einem Untergebenen an seinen
adligen Herrn.
»Diskretion, Graf Spondhargent,« lächelte Fanwer
unglücklich. »Diskretion, Takt und Zuverlässigkeit.
Das habe ich von Herrn Osse gelernt. Und darin seid gewiss auch Ihr
bewandert.«
»Gewiss,« murmelte Spondhargent und zog sich vom
Fenster zurück, ehe das Gespräch noch peinlichere Formen
annehmen konnte.
(...) Fanwer siecht dahin
Fanwer hob sehr mühsam die Augenlider. Regentropfen rannen
über seine Stirn, und ihm war heiß, heiß als
würde er von innen heraus verbrennen. In seinem Kopf war ein
dumpfes Gefühl, und er fühlte sich angenehm müde und
träge. Die Nässe und die eisigen Windböen
spürte er schon lange nicht mehr. Dafür sah er nur noch
wie durch Nebelschleier.
Der junge Soldat wusste, das er im Fieber lag und dass Zepran die
Wahrheit gesagt hatte, als er ihm den Tod in Frist von zwei Tagen
prophezeit hatte. Wahrscheinlich hatte er dabei an eine andere
Methode gedacht als an diese, aber die Mächte waren
gnädig und hatten beschlossen, ihr treues Geschöpf Fanwer
auf ihre Weise zu sich zu holen. Der Regen, die Kälte, der
Wind hatten ihn ins Fieber gestürzt, und nicht mehr lange, und
er würde nicht mehr klar denken können. Fanwer dachte bei
sich, ein um wie viel angenehmerer Tod es sein mochte, von einer
Erkältung dahingerafft zu werden, als betrunkenen und
entmenschten Kreaturen mit spitzen Waffen in die Hände zu
fallen.
Diesen betäubten Gedanken hing er nach, als der Käfig
schwach ruckte und ein knatterndes Flattern zu hören war.
Er drehte den Kopf und sah einen prachtvollen rotbraunen Vogel, der
sich am Gitter festkrallte. An den rotglühenden Augen erkannte
er ihn.
»He,« sagte Fanwer matt, »hat die Prinzessin dich
geschickt?«
Cùya reckte den Kopf durch die Gitterstäbe. Dieser
Käfig war groß genug, um hineinzuschlüpfen. Er tat
es und landete auf Fanwers verrenktem Knie.
Der Schmerz der durch die Überreste seiner Beinlinge
dringenden Krallen machte Fanwers Verstand für einen
Augenblick völlig klar. Der Falke saß in seinem
Schoß und war ebenso nass wie er selbst. Wahrscheinlich
war er schon eine weite Strecke durch den Regen geflogen.
»Der Graf... Spondhargent ist in der Burg,«
erklärte Fanwer dem Falken und hustete mitleiderregend.
Der Vogel wartete geduldig, bis er wieder sprechen konnte.
»Er ist ein verdeckter Agent für den König der
Westinseln,« fuhr Fanwer gedämpft fort. »Aber
Zepran vom Wilden Gestade ist auch da. Er hat Kontakt zum
Widerwesen aufgenommen. Und die Schiffe haben etwas Böses
gebracht.«
Cùya nickte. Sein Schnabel strich sanft über Fanwers
eiskalte Hände.
»Die Prinzessin ist doch unterwegs, nicht wahr? Sie wird das
Böse doch wieder wegschicken, oder? Der Sucher des Guten ist
doch nahe?«
Der Falke krächzte. Fanwer lächelte.
»Ich bin froh, dass ich dich noch einmal getroffen
habe,« wisperte er. »Du bist der schönste Vogel,
den ich je gesehen habe.«
Cùya warf sich geschmeichelt in die Brust. Fanwer
streichelte ihn zaghaft, wie er es bei der Königin und der
Prinzessin schon so oft gesehen hatte.
Ein warmes Gefühl, anders als das dumpfe betäubende
Fieber durchströmte den jungen Soldaten. Es tat gut, den
nassen Vogel in den Händen zu halten und das freundliche,
lebendige Wesen in der Nähe zu wissen.
Cùya regte sich nicht und wartete geduldig.
Dann zwickte er Fanwer vorsichtig in die Finger. Ertappt ließ
der junge Mann den Falken wieder los.
Cùya wand sich zwischen den Gitterstäben hindurch und
flatterte fort, zog einen Kreis über die Burgmauer hinweg und
verschwand dann außer Sicht.
Fanwer sank zusammen und zog die Knie an, umschlang sie mit den
Armen und seufzte schwer. Es wurde dunkel. Und die Kälte,
welche die Nacht brachte, würde dafür sorgen, dass er den
nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben würde.
Der Soldat legte die Stirn auf die Knie und bat die Mächte
still darum, ihn im Schlaf hinter die Träume zu
führen.
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Achtes Buch: Feindeskuss
(c) by Sandra Bloh