Fanwer ist als Spion in den Reihen der Schwarzen Wahrheit aufgeflogen und landet nicht im düsteren Kerker, sondern in einem Käfig an der Burgmauer, wo er ziemlich lange Zeit ausharren muss - und gut beobachten kann...


Im Käfig

von LaMaga


»Halt!,« raunzte der Wächter unten am Burgtor bereits, als die Reiter noch mehrere Dutzend Meter von der Mauer entfernt waren.
Fanwer schrak auf und neigte sich dann vorsichtig zur Seite, um nach unten spähen zu können. Er hatte das ständige Kommen und Gehen von Vengers Leuten, die seit den frühen Morgenstunden auf ihren schwarzen Pferden hin und her ritten und sich offenbar zielgerichtet über die Ländereien verstreuten, ignoriert, so weit es ging. Der Käfig hing zum Glück außer Reichweite der Vorbeigehenden und war auch von der Mauerkrone kaum einzusehen, so dass den gefangenen Soldaten abgesehen von ein paar ziemlich groben Beleidigungen und Schmähworten kaum etwas getroffen hatte, selbst dann nicht, als ein paar der ungehobelten Kerle begonnen hatten, allerlei Dinge nach ihm zu werfen, darunter ziemlich Unappetitliches. Der ausbleibende Erfolg und Fanwers gelassene Ruhe hatten ihnen das Vergnügen an ihrem Tun jedoch recht bald vergällt, und so hatte der junge Mann seit ein paar Stunden Ruhe vor der Burgmannschaft.
Kurz nach Sonnenaufgang waren Crò, Laat und Ungor zu dritt davon geritten, einen Bogen schlagend um die Burg herum und offenbar auf dem Weg zum Strand. Fanwer fragte sich, ob die Eisenschiffe sich zwischenzeitlich wohl vermehrt hatten.
»Lasst mich durch!,« antwortete eine herrische Stimme. »Ein Herr der Schwarzen Wahrheit begehrt Einlass zu Herrn Venger Emberbey!«
Fanwer schaute neugierig zu den Neuankömmlingen hinab. Ein Ritter in schwarzer Rüstung und dem unvermeidlichen schwarzen Uniformrock saß da auf einem prächtigen Rapphengst und strotzte vor Autorität und Würde. In seiner Begleitung befanden sich drei weitere Reiter, zwei Burschen in Fanwers Alter, einer mit wohl natürlich schwarzem Haar, der andere offensichtlich gefärbt, und ein Halbwüchsiger, dessen Haar nicht gefärbt und aschblond war. Letzterer trug schwarze Gewänder, aber keinen Wappenrock; die beiden anderen elegante Zivilrüstungen und gepflegte schwarze Überwürfe. Auch sie saßen im Sattel von schönen Rappen; Rösser und Reiter wirkten jedoch müde und überanstrengt.
Fanwer kniff die Augen zusammen. Die beiden jungen Herren kamen ihm seltsam bekannt vor.
»Was für ein Herr,« knurrte der Wachosten und schlenderte provozierend lässig näher. »Ist uns kein Herr gemeldet.«
»Ich bin Graf Mandìor Spondhargent,« verkündete der Anführer und setzte seinen Helm ab. Er hatte ein markantes Gesicht, trug sorgsam gefärbtes Haupthaar und einen Kinnbart und machte nicht den Eindruck, sich von einem Wachsoldaten aufhalten lassen zu wollen.
Fanwer holte überrascht Luft. Mandìor Spondhargent! Der Geliebte der Maid Rayneta!
Der Wachmann musterte den Ritter abschätzend.
»Kenne ich nicht,« sagte er dann.
»Du solltest dich an mich erinnern, Bursche,« entgegnete der Graf und fasste wie zufällig an sein Schwert. »Ich bin vor ein paar Wochen entsandt worden, um die Ankunft neuer Novizen für den Bund der Schwarzen Wahrheit zu erwarten.«
Der Wächter glotzte verständnislos.
»Nun, es scheint, als seien diese jungen Leute in alle Winde verstreut. Doch drei hoffnungsvolle junge Brüder habe ich eingesammelt und habe vor, sie dem Herrn Venger zu präsentieren!«
Die jungen Männer wechselten einen verunsicherten Blick miteinander. Der Junge warf sich stolz in die Brust.
Wo nur hatte Fanwer diese Burschen zuvor schon einmal gesehen?
»Weiß ich nichts von,« sagte der Wächter barsch. Aus dem Tor kamen zwei weitere hervor, auch sie mit ihren Piken bewaffnet.
»Ah, doch!« Einer der Neuankömmlinge schien sich zu erinnern. »Ist lange her! Du weißt doch, das war doch der, den der Schwachkopf unbedingt losw...«
»Graf Spondhargent!«, fiel der dritte seinem Kameraden ins Wort und verbeugte sich. »Welch eine Überraschung! Wir hatten schon befürchtet, Euch nie mehr wieder zu sehen...«
»Ja,« nickte Spondhargent gelassen. »Die Besorgnis steht euch noch ins Gesicht geschrieben.«
Der offenbar intelligenteste der drei Gesellen lachte ölig und verneigte sich vor Spondhargent.
Der Naturschwarze hatte indes den Gefangenen im Käfig entdeckt. Er knuffte den Gefärbten und deutete unauffällig hinauf.
»Werden wir nun Herrn Venger vorgeführt oder nicht?,« fragte der Graf ungeduldig und unterstrich seinen Unwillen, indem er sein Pferd scharren ließ.
»Der Herr Venger ist für ein paar Tage außer Haus,« sagte der erste Wächter knapp. »Ein Turnier erforderte seine Anwesenheit.«
»Was für ein Turnier?,« erkundigte Spondhargent verdutzt.
Die Wächter zuckten die Achseln. »Irgend eine Feier auf der Strand-Burg...«
»Was Familiäres,« ergänzte der zweite.
Spondhargent runzelte die Stirn. Offenbar überraschte ihn diese Nachricht.
»Aber der Großmeister ist eingetroffen,« sagte der Wächter rasch. »Gewiss wird er entzückt sein, Euch und die Novizen zu empfangen.«
»Ah...,« machte Spondhargent. Fanwer sah ihm an, dass sich in seinem Kopf Bausteine eines Planes verschoben und zu einem neuen Entwurf anordneten. Wahrscheinlich hatte der Graf mit ganz anderen Rahmenbedingungen gerechnet; als brillanter Kämpfer und Stratege, als den ihn die Prinzessin und Graf Althopian gelobt hatten, war er jedoch flexibel genug, sich anzupassen.
»Wen darf ich melden?,« fragte der Dritte, offenbar der Ranghöchste, spöttisch geziert.
»Dies sind die Herren Arciò und Yaspion und der Junge heißt Tessoru,« stellte Spondhargent seine Begleiter vor. 
Arciò! Yaspion! Die beiden jungen Männer in König Jangios Gefolge! 
Fanwer richtete sich vorsichtig auf und klammerte sich an den Gitterstäben fest. Ja, tatsächlich! Sie waren kaum wiederzuerkennen, so fremd sahen sie in ihren schwarzen Gewändern aus. Fanwer kannte die jungen Männer nur als immer nach der neuesten höfischen Mode gekleidete Höflinge, die sich in ihrer unverhofften Rolle als vornehme Gesellschafter pudelwohl gefühlt hatten.
Der Junge war aufmerksam geworden und schaute nun auch zu Fanwer hoch. Tessoru.. auch bei diesem Namen klingelte etwas in Fanwers Erinnerung... aber wenn es das war, was er assoziierte, konnte es sich nur um eine zufällige Namensgleichheit handeln. Wie sollte diese verkommene kleine Mistkröte sonst in Gesellschaft des edlen Grafen gelangt sein?
»Was ist das?,« fragte das vorlaute Blag eben jetzt und deutete aufgeregt zu dem Käfig hinauf. »Warum sitzt der da drin?«
»Sei still,« herrschte Spondhargent den Jungen an, warf Fanwer nun aber auch einen interessierten Blick zu. 
»Der,« sagte der erste Wächter, »der hat sich eines üblen Verbrechens schuldig gemacht! Ein Spion und Dieb ist es, und außerdem...«
»Warum sitzt er dann da drin und lebt?,« fragte Spondhargent hart. »Warum hat Herr Venger ihn nicht schon längst der Schwarzen Wahrheit dargebracht?«
»Der Großmeister will’s nicht,« erklärte der zweite. »Ist nämlich Gold wert, der Kerl!«
»Ja, ein Jammer,« warf der erste ein und grinste mit schlechten Zähnen. »Hatten schon ein paar gute Ideen, was man mit dem anstellen könnte, dem verkehrten Stück...«
»Mäßigt eure Zunge in der Gegenwart eines Herrn,« unterbrach Spondhargent, der langsam die Geduld verlor. »Und nun gebt den Weg frei! Herr Venger oder Großmeister, wer auch immer... ich will ihm vorgeführt werden.«
»Kommt nur,« forderte der Anführer die vier Berittenen auf und verbeugte sich kriecherisch. »Kommt nur hinein, edler Herr...«
Die Reiter spornten ihre Pferde an und ritten, einer nach dem anderen, durch das Tor, Spondhargent voraus, Tessoru so dicht hinter ihm, dass der Hengst des Grafen nach dem Pferd des Knaben auskeilte. Arciò machte das Schlusslicht.


(...)


Es dunkelte auch über der Bernsteinbuchtburg. Fanwer kauerte sich in seinem luftigen Gefängnis zusammen und zog sich das, was er noch am Körper trug, fest um den Leib. 
Er begann, sich Sorgen zu machen. Der Himmel über der Burg hatte sich über den Tag hin immer mehr bewölkt, es schien, als ob sich ein heftiges Gewitter zusammenbraute. Noch war es entfernt, aber die Luft war merklich kälter geworden und vom Meer aus wehte ein schärferer Wind.
Der junge Mann blickte hinunter auf die Torwächter, die ihn gänzlich ignorierten und sich die Zeit mit einem Würfelspiel, Bier und gebratenem Fleisch vertrieben. Fanwer fragte sich, warum sie die Tür überhaupt noch bewachten. Eine solche Disziplinlosigkeit hätte man sich in der Strand-Burg nie geleistet, obwohl dort wirklich Friede herrschte und keine ungebetenen Gäste zu befürchten waren.
Zwei Tage, hatte Zepran gesagt. Zwei Tage würden sie ihn noch in Ruhe lassen. Es war unmöglich, dass in dieser kurzen Zeit schnell genug Hilfe von der Strand-Burg eintraf, und Fanwer war besorgt, ob Osse tatsächlich die Dummheit begehen würde, sich um seinetwillen in Gefahr zu bringen. Er war ein gescheiterter Spion, aber es würde das Weltenspiel nicht bedeutend verändern, wenn er daraus ausschied. Er war nur ein kleines Licht. Es war bedeutungslos, was mit ihm geschah.
Nun, bedeutungslos... das hieß nicht, dass ihm selbst egal war, was sie mit ihm machen würden, und er hatte nicht vor, sich dieser wahnsinnigen Bande der Schwarzen Wahrheit kampflos zu ergeben. Außerdem blieb immer noch die Hoffnung, dass Graf Spondhargent und die beiden jungen Gefährten von König Jangio ihm helfen konnten. Es musste sich doch eine Gelegenheit ergeben, einem der drei eine Nachricht zukommen zu lassen.
Ob ihm wohl wieder jemand ein Brot bringen würde? Ob seine geheimnisvolle Wohltäterin sich noch einmal zeigen würde?
Fanwer fröstelte. In der wärmenden Frühlingssonne hatte es sich in dem Käfig aushalten lassen, aber nun wurde es Nacht, wurde es bitterkalt, in so großer Höhe und einer nicht windgeschützten Seite der Burg. Wenn es dazu womöglich noch beginnen sollte, zu regnen, dann würde er sich eine fürchterliche Erkältung und vielleicht noch Ärgeres holen. Dann war es gar nicht mehr nötig, dass diese Verrückten ihn abschlachteten.  
Fanwer stöhnte. Das lange Sitzen in diesem engen Käfig hatte seine Glieder steif werden lassen, es tat weh, wenn er sich bewegte. Und doch hätte er alles darum gegeben, sich jetzt ausstrecken zu dürfen, sich zu entspannen. Sanfte Hände zu spüren, die den Schmerz und die Verspannungen wegmassierten. Seine Hände...
Fanwer realisierte, wie allein und ausgeliefert er war. Dass er sich nicht aus eigener Kraft befreien konnte. Dass das Weltenspiel für ihn zu Ende zu gehen schien.
»Herr,« wisperte der junge Mann unglücklich, »oh, Herr... mögen die Mächte Euch beschützen und das Richtige tun lassen.«
Unter ihm klapperten Würfel, und Windböen zischten an ihm vorbei. Fanwer lehnte die Wange an die Gitterstäbe und schaute unglücklich zur Meerseite hin. Unten in der Bucht lagen die Schiffe.
Womöglich bereits mehr als nur drei.


(...)


Spondhargent hat Tage später Gelegenheit, nach Fanwer zu schauen...
Der Gefangene, den diese Barbaren von der Schwarzen Wahrheit in den Käfig gesteckt und dann Wind und Wetter ausgeliefert hatten, rührte sich nicht. Spondhargent neigte sich, so weit er es eben wagte, aus dem Fenster und spähte zu ihm hinab. Der eiserne Käfig hing außerhalb seiner Griffweite an einer festen Kette und wurde von den Windböen, die den Regen gelegentlich an den Burgmauern vorbeipeitschten, geschüttelt.
Der junge Mann schien es kaum zu bemerken. Wie ein Häufchen Elend hockte apathisch da. 
»Du!« Spondhargent versuchte, die Kette zu berühren und daran zu rütteln. »Kannst du mich hören?«
Keine Reaktion. Spondhargent seufzte und zog sich wieder ins Trockene zurück.
Im selben Augenblick hustete der Gefangene draußen wieder, und zwar so jämmerlich, dass der Ritter zusammenzuckte. Es klang ziemlich bedenklich. Zweifellos brauchte der junge Mann einen Arzt.
»Herr,« krächzte er, und Spondhargent neigte sich wieder über das Fensterbrett und schaute hinab.
Der Bursche blickte nun zu ihm auf und versuchte auch, auf die Beine zu kommen. Sein Gesicht war mit schwarzen Farbresten verschmiert und der Regen brachte auch wieder zu Tage, dass Haar und Bart weizenblond und nur schlecht schwarz eingefärbt gewesen waren. Spondhargent tastete unwillkürlich nach seinem eigenen Schopf. Wenn er bei dem Regen nicht Acht gab, würde auch sein Haar wieder seine natürliche Farbe annehmen.
»Wer bist du?,« fragte der Ritter halblaut.
Der junge Mann zog sich hoch, aber Spondhargent winkte ab. »Nein, lass nur. Ich kann dich gut hören.«
»Ich bin Fanwer vom Strand,« kam die Antwort, unerbrochen von keuchendem Atem und mühsam unterdrücktem Husten. »Ich bin der ... Assistent von Graf Emberbey.«
Spondhargent nickte und ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn diese Antwort verwirrte.
»Und... wie kommst du hier her und in diese Lage?«, erkundigte er sich stattdessen sachlich.
Fanwer strich sich Wasser aus dem Gesicht, nur um sofort darauf wieder eine Ladung Regen abzubekommen.
»Ihr seid Graf Spondhargent vom Silbernen Ufer?«, vergewisserte er sich.
»Du hast mir eine Botschaft übermitteln lassen?,« war Spondhargents ungeduldige Antwort.
Fanwer zögerte.
»Es ist keiner da, der uns belauscht,« versicherte der Ritter. »Hier auf dem Gang ist niemand, und die Torwachen haben sich im Gesindehaus untergestellt.«
»Maid Rayneta,« sagte Fanwer, »ist ihrem Cousin entkommen und zu ihrem Bruder in die Strand-Burg geflohen. Sie ist nicht hier. Ihr seid vergebens zurückgekehrt.«
Spondhargent brauchte einen Augenblick, um diese Worte zu erfassen. Dann jedoch wurde ihm so leicht ums Herz, dass er all den Ekel und die Verzweiflung ringsum vergaß und auch Zepran und die Schwarze Wahrheit nebensächlich wurden.
»Du machst mich glücklich mit dieser Nachricht,« sagte er beherrscht, während Euphorie ihn durchströmte. »Aber was machst du hier?«
»Ich bin im Auftrag von Prinzessin Kajida hier eingeschleust worden,« erklärte Fanwer, war allerdings schlecht zu verstehen, weil ihm ständig die Stimme wegkippte. »Die Schwarze Wahrheit ausspionieren... wenn möglich, das Buch an mich nehmen... aber ich wurde verraten und enttarnt.«
Spondhargent stützte sich auf die Fensterbank und richtete seinen Blick für einen Moment in die Ferne, schaute hinaus auf das im Regen trostlos, karg und grau daliegende Umland.
»Du bist krank,« wechselte er dann das Thema. »Wie lange bist du schon da draußen?«
»Vier Tage, Herr. Seit es regnet, ist es schlimmer geworden...«
»Wir sind auf einer Seite,« fuhr der Ritter mit gedämpfter Stimme fort. »Wenn Maid Rayneta bei deinem Herrn ist, weißt du, dass auch meine Anwesenheit hier nur Tarnung ist. Ich diene meinem Herrn, dem König der Westlichen Inseln. Der ist über die Eisenflotte und die Schwarze Wahrheit zutiefst beunruhigt.«
Fanwer lächelte müde. »Wie schön, dass zumindest die Monarchen sich der unheilvollen Entwicklung annehmen wollen...«
»Ich werde versuchen, dich da herauszuholen,« versprach der Ritter. »Es...«
»Nein, Herr. Ihr bringt Euch und Eure Tarnung in Gefahr. Und was wolltet Ihr mit mir anfangen? Ich bin krank, habe wahrscheinlich hohes Fieber und der Husten wird immer schlimmer.« Wie um es zu demonstrieren, hustete er mitleiderregend. 
»Ich wäre eine Gefahr und eine Belastung.«
Das musste Spondhargent einsehen. Er verfluchte die ungünstigen Umstände und die Tatsache, dass der junge Mann noch nicht einmal in einem der Dörfchen und schon gar nicht in der Burg Unterschlupf finden könnte. Er würde in seinem Zustand nicht lange unentdeckt bleiben.
»Was kann ich tun?,« fragte er dennoch.
»Der Großmeister,« keuchte Fanwer gegen ein weitere Regenbö an. »Er ist wahnsinnig. Das Widerwesen hat von ihm Besitz ergriffen. Der Stein...«
Spondhargent runzelte die Stirn. »Welcher Stein?«
»Der rote Kristall, den er bei sich trägt... ich glaube, der Stein verbindet ihn mit dem Widerwesen. Der Stein... der Stein muss vernichtet werden, und die Magier müssen das Schwarze Buch bekommen!«
»Welche Magier?«
»Meister Vèljioz... der Sucher des Guten... und das Abendkind, Meister Advon... sie sind bei meiner Herrin...«
Spondhargent lächelte düster. Einen Stein erobern und zerschlagen, ein Buch erbeuten... das gefiel ihm. Das waren konkrete Anweisungen, mit denen er etwas anfangen konnte. Endlich hatte das untätige Warten und Herumrätseln ein Ende...
»Keine Angst,« sagte er zu Fanwer. »Das ist schnell getan. Und dann bekommst du einen Arzt und Wärme...«
»Herr,« unterbrach Fanwer, »ich bin sicher, dass für mich selbst kurze Zeit nicht mehr ausreicht. Würdet Ihr meinem Herrn eine Botschaft von mir sagen, wenn all das hier ausgestanden ist?«
Spondhargent wartete.
»Ich liebe ihn,« flüsterte Fanwer dann errötend. »Und von mir aus können alle es wissen.«
Der Ritter räusperte sich verlegen. Im Prinzip gab es gegen romantische Liebesschwüre nichts einzuwenden, und galant wie er war, würde er einen solchen stets gerne überbringen, aber immerhin ging der hier von einem Untergebenen an seinen adligen Herrn.
»Diskretion, Graf Spondhargent,« lächelte Fanwer unglücklich. »Diskretion, Takt und Zuverlässigkeit. Das habe ich von Herrn Osse gelernt. Und darin seid gewiss auch Ihr bewandert.«
»Gewiss,« murmelte Spondhargent und zog sich vom Fenster zurück, ehe das Gespräch noch peinlichere Formen annehmen konnte.


(...) Fanwer siecht dahin


Fanwer hob sehr mühsam die Augenlider. Regentropfen rannen über seine Stirn, und ihm war heiß, heiß als würde er von innen heraus verbrennen. In seinem Kopf war ein dumpfes Gefühl, und er fühlte sich angenehm müde und träge. Die Nässe und die eisigen Windböen spürte er schon lange nicht mehr. Dafür sah er nur noch wie durch Nebelschleier.  
Der junge Soldat wusste, das er im Fieber lag und dass Zepran die Wahrheit gesagt hatte, als er ihm den Tod in Frist von zwei Tagen prophezeit hatte. Wahrscheinlich hatte er dabei an eine andere Methode gedacht als an diese, aber die Mächte waren gnädig und hatten beschlossen, ihr treues Geschöpf Fanwer auf ihre Weise zu sich zu holen. Der Regen, die Kälte, der Wind hatten ihn ins Fieber gestürzt, und nicht mehr lange, und er würde nicht mehr klar denken können. Fanwer dachte bei sich, ein um wie viel angenehmerer Tod es sein mochte, von einer Erkältung dahingerafft zu werden, als betrunkenen und entmenschten Kreaturen mit spitzen Waffen in die Hände zu fallen.
Diesen betäubten Gedanken hing er nach, als der Käfig schwach ruckte und ein knatterndes Flattern zu hören war.
Er drehte den Kopf und sah einen prachtvollen rotbraunen Vogel, der sich am Gitter festkrallte. An den rotglühenden Augen erkannte er ihn.
»He,« sagte Fanwer matt, »hat die Prinzessin dich geschickt?«
Cùya reckte den Kopf durch die Gitterstäbe. Dieser Käfig war groß genug, um hineinzuschlüpfen. Er tat es und landete auf Fanwers verrenktem Knie.
Der Schmerz der durch die Überreste seiner Beinlinge dringenden Krallen machte Fanwers Verstand für einen Augenblick völlig klar. Der Falke saß in seinem Schoß und war ebenso nass wie er selbst.  Wahrscheinlich war er schon eine weite Strecke durch den Regen geflogen.
»Der Graf... Spondhargent ist in der Burg,« erklärte Fanwer dem Falken und hustete mitleiderregend.
Der Vogel wartete geduldig, bis er wieder sprechen konnte.
»Er ist ein verdeckter Agent für den König der Westinseln,« fuhr Fanwer gedämpft fort. »Aber Zepran vom Wilden Gestade ist auch da. Er hat Kontakt zum Widerwesen aufgenommen. Und die Schiffe haben etwas Böses gebracht.«
Cùya nickte. Sein Schnabel strich sanft über Fanwers eiskalte Hände.
»Die Prinzessin ist doch unterwegs, nicht wahr? Sie wird das Böse doch wieder wegschicken, oder? Der Sucher des Guten ist doch nahe?«
Der Falke krächzte. Fanwer lächelte.
»Ich bin froh, dass ich dich noch einmal getroffen habe,« wisperte er. »Du bist der schönste Vogel, den ich je gesehen habe.«
Cùya warf sich geschmeichelt in die Brust. Fanwer streichelte ihn zaghaft, wie er es bei der Königin und der Prinzessin schon so oft gesehen hatte.
Ein warmes Gefühl, anders als das dumpfe betäubende Fieber durchströmte den jungen Soldaten. Es tat gut, den nassen Vogel in den Händen zu halten und das freundliche, lebendige Wesen in der Nähe zu wissen.
Cùya regte sich nicht und wartete geduldig.
Dann zwickte er Fanwer vorsichtig in die Finger. Ertappt ließ der junge Mann den Falken wieder los.
Cùya wand sich zwischen den Gitterstäben hindurch und flatterte fort, zog einen Kreis über die Burgmauer hinweg und verschwand dann außer Sicht. 
Fanwer sank zusammen und zog die Knie an, umschlang sie mit den Armen und seufzte schwer. Es wurde dunkel. Und die Kälte, welche die Nacht brachte, würde dafür sorgen, dass er den nächsten Sonnenaufgang nicht mehr erleben würde.
Der Soldat legte die Stirn auf die Knie und bat die Mächte still darum, ihn im Schlaf hinter die Träume zu führen.

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Achtes Buch: Feindeskuss

(c) by Sandra Bloh


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