Ohne Zusammenhang ist diese Szene wahrscheinlich verwirrend zu lesen; Hintergrund ist, daß verschiedene Figuren untereinander in "Verbindung" stehen und ihrerseits von der bösen Macht besessen sind, weshalb sich hier Wahrnehmungen vermischen. Aber der deus ex machina ist dabei.


Schwarze Wahrheit

von LaMaga


Tessoru lag auf dem Bett in seiner Kemenate und amüsierte sich über den Anblick des Gauklers. Es mochte finster sein, in der Kerkerzelle am anderen Ende der Welt, aber sein Blick durchdrang das Dunkel mühelos.
Das Schwindelgefühl in seinem Kopf war nicht allzu schlimm, solange er entspannt liegen konnte. Dennoch war es anstrengend, denn nun war es wach. Nun hatte es aufgehorcht, es beobachtete und lauschte, was vor sich ging. Und es hatte beschlossen, selbst zu reden.
»Wo,« fragte der Ratsherr Rhaun mit brüchiger Stimme, »wo bist du?«
»Aber... aber ich bin doch direkt vor Euch,« stotterte der Gaukler verwirrt. »Könnt Ihr mich nicht sehen?«
Natürlich sah Rhaun ihn, alle sahen den jungen Mann in Ketten liegen, auf dem Stroh einer winzigen Zelle zusammengekauert. Aber der Anblick interessierte weder die anderen Augen noch das, das durch sie hindurch blickte.
»Kannst du mich hören?,« fragte Rhaun und tat einen Schritt in Richtung des Verängstigten. Die Fackel in seiner Hand flackerte, und der Krug in seiner linken wog schwer. Er stellte ihn ab.
»Selbstverständlich, Herr,« stammelte Floraìn und drückte sich so fest gegen die unverputzte Wand aus weißen Steinen. »Ich höre Euch ganz...«
»Halt dein Maul,« zischte der alte Mann, und seine Stimme tat etwas seltsames – sie schepperte.
Floraìn presste die Lippen zusammen und schwieg.
»Du solltest mir zuhören,« fuhr Rhaun fort, und ein seltsames Geräusch schabte in seiner greisen Stimme mit, wie Sand auf Metall. »Du bist allein, und ich warte auf dich.«
Der Gaukler schaute verständnislos drein.
»Er redet nicht mit dir, Schwachkopf,« murmelte Tessoru grinsend. »Wie idiotisch du bist!«
»Aber...«, kam es verwirrt von Floraìn.
Der alte Ratsherr gab einen metallisch bellenden Laut von sich, packte den verängstigten Floraìn beim Kragen und riss ihn auf die Füße. Eine seiner Bandscheiben protestierte mit einem heftigen Schmerz, und ein Stöhnen entrang sich der Kehle des alten, während sein Blick erstarrte und seine Stimme scharf weitersprach.
»Du bist allein,« erlauschten Tessoru und alle anderen entzückt. »Vielleicht magst du die Unkundigen zu täuschen mit deinen albernen kleinen Kunststücken, aber damit, mein Freund, wirst du nicht weit kommen. Deine kleine Freundin, diese dumme Göre, hat sich verführen lassen, und sobald sie die Macht geschmeckt hat, wird sie mir verfallen. Vielleicht wird sie es nicht wollen, aber sie gehört mir, und das wirst du nicht verhindert haben.«
Floraìn wagte keine Entgegnung, da die Worte, die der alte Ratsherr von sich gab, überhaupt keinen Sinn machten. Wahrscheinlich, vermutete Tessoru, wollte er nicht riskieren, den Wahnsinnigen zu reizen.
»Die Rotgewandeten waren immer mein Spielzeug,« fuhr Rhaun fort. »Was hast du getan, um sie von gefährlichen Spielen zurückzuhalten?«
»Bitte,« wisperte Floraìn, »Herr... Ihr scheint mich zu verwechseln... ich weiß nicht, wovon ihr sprecht... ich...«
»Sei still! Sei still!« Rhaun stieß ihn von sich und hob den Krug wieder auf.
»Bist du etwa nicht gekommen, um dich mit mir zu unterhalten?,« fragte er dann. »Hast du denn gar nicht begriffen, worum es geht? Ich lasse mir meine Gefolgsleute nicht durch deine edelmütige Suche verunsichern! Ich werde nicht dulden, dass du ein Spiegelbild erschaffst, dass du weiße Drachen auf meine schwarzen Hunde hetzt.«
Er holte tief Luft. Tessoru rieb sich den Rücken.
»Weiße Schafe hast du dir gesucht, eine niedliche Herde dummer weißer Schafe. Komm her, tu, was ein großer weißer Drache zu tun hat. Komm, hol es dir, das kleine Schäfchen!«
Der Ratsherr kicherte und schüttete mit Schwung den Krug über Floraìn auf. Ein Schwall von einer stechend riechenden Flüssigkeit durchnässte den Gaukler, ein wohlbekannter Geruch.
»Um der Mächte Willen!,« entfuhr es Floraìn, er sprang auf die Füße, aber die Ketten waren zu kurz, als dass er sich außer Reichweite des Ratsherren hätte bringen können. »Oh, bei allen Mächten, ich flehe Euch an...«
»Hörst du es etwa nicht blöken, dein kleines weißes Schaf?,« fragte Rhaun und starrte an Floraìn vorbei. »Ich weiß, dass du es hörst. Ist der hier ein kleines weißes Blökeschaf oder ein kleiner hübscher Adler? Womöglich gar ein flammender Adler?«
Er lächelte entrückt und näherte seine Fackel dem vor Entsetzen starren Floraìn.
»Du magst doch Feuer, nicht wahr?,« fragte der Ratsherr mit seiner gewöhnlichen Stimme. Tessoru stellte verwundert fest, dass er einen ratlosen Tonfall angeschlagen hatte.
»Bitte...«, wisperte Floraìn in Todesangst, »nehmt das Feuer weg...«
Rhaun starrte in die Flamme, und sie alle spürten Verwirrung, spürten eine Scheu, ein Zögern, Skrupel. Tessoru schüttelte den Kopf. Mit diesem Tattergreis war nichts anzufangen.
Er drehte sich auf den Bauch und kratzte sich am Kinn.
»Lasst mich,« sagte er, überlegte einen Augenblick. Nun musste er alles zum Gefallen der anderen... nein... der Einzig Wahren Macht tun.
»Schön kannst du singen, wie ein kleines weißes Küken. Aber dein großer weißer Drachenvater hat dich im Stich gelassen. Du bist ganz alleine. Und du siehst aus, als ob du frierst...«
»Nein,« stammelte Floraìn, irre vor Angst.
Tessoru schüttelte den Kopf. Nein, der verstellte sich nicht. Der Magier war wirklich nicht in der Nähe.
Sollte er sich und den anderen den Spaß gönnen, diesen dilettantischen Feuergaukler selbst zu einer spektakulären Flamme zu machen? Einen Anblick, der ihn für die Langeweile auf der Geburtstagsfeier entschädigte?
Das würde Spaß machen. Tessoru hatte schon lange kein fremdes Sterben mehr genossen. Aber es würde ein kurzer Spaß sein. Da musste noch mehr möglich sein. Etwas, was auch der Einzig Wahren Macht gefiel.
»Ich nehme die Flamme weg,« sagte er langsam. »Ja, das werde ich wohl tun. Aber nur...«
Floraìn schnappte nach Luft. »Was? Was soll ich tun?«
Tessoru grinste.
»Wirf das dumme Amulett weg und bekenne dich. Bekenne dich zur Schwarzen Wahrheit und zur Einzig Wahren Macht.«
Floraìn griff an das steinerne Amulett, das er um den Hals trug und schloss die Hand darum.
Rhaun neigte den Kopf zur Seite, sein Blick richtete sich ins Leere. Er horchte. Aber außer dem Flammenknistern war nichts zu hören. Irgendwo im Stroh raschelte ein Tier.
»Mächte,« wisperte der Gaukler.
Rhaun schrak auf. »Was hast du gesagt?«, fragte er scharf.
Floraìn presste den Stein an sein Herz. Zu einem klaren Gedanken war er nicht in der Lage. Der alte Ratsherr mit der Pechfackel in der Hand war offenkundig wahnsinnig geworden, und Floraìn war sich auch sicher, dass er eigenmächtig handelte, ohne das Wissen seiner Amtsbrüder. Es entsprach gewiss nicht der Praxis des Stadtrates, Gefangene ihres Lebens zu bedrohen.
»Ihr... Ihr fordert von mir einen Gefallen für die Schwarze Wahrheit?,« fragte Floraìn verwirrt. »Ihr als Ratsherr? Wie kann das...«
»Idiot!,« herrschte Rhaun, aber irgendwie war klar, dass er nicht Floraìn damit meinte. Dennoch kauerte der sich noch kleiner in der Ecke zusammen. 
»Tu es,« fuhr der alte Mann dann sanft fort. »Ist es denn so schwer? So eine schwere Entscheidung? Hast du denn groß eine Wahl zu treffen?«
Eigentlich nicht, das musste der Gaukler zugeben. Die Wirkung des Brennmittels, das Rhaun verschüttet hatte, war ihm wohlbekannt, er arbeitete selbst damit, in viel kleineren Dosen. Zudem war der Zellenboden mit trockenem Stroh ausgelegt. Wenn ihm auch nur ein verirrter Funke zu nahe kam, würde es ein Unglück geben, das er nicht zu überleben hoffen konnte. Allerdings schien jedoch Rhaun nicht klar zu sein, dass er sich selbst in Gefahr brachte.
»Was nützt es Euch, wenn ich der Schwarzen Wahrheit zusage?«
Rhaun grinste kindisch. »Es würde deinem Leben gut tun.«
»Mein Leben ist belanglos für Euch,« meinte Floraìn. »Ihr habt etwas anderes im Sinn.«
Rhaun lauschte wieder ins Leere, und dann sprach er wieder mit dieser klimpernden Metallstimme, die Floraìn eine Gänsehaut machte.
»Er hat dich allein gelassen, dein Sucher des Guten, allein in der Hand seiner Feinde. Er ist ein Feigling, der sich nicht selbst den Dingen stellt. Dich hat er benutzt, als Versteck, als Schild. Und nun, da du ihm nicht mehr nützt, hat er dich achtlos verlassen. Hast du Grund, ihm anzuhängen, die Falschen Mächte, die er so wert hält, zu verehren?«
»Ja,« nickte Floraìn tapfer. 
»Was?,« fragte Rhaun verdutzt. »Warum?«
»Das muss ich nicht erklären, und das kann ich nicht erklären. Es ist so, weil ich weiß, dass es richtig ist.«
Tessoru seufzte unwillig. So verklärte Rede war langweilig. Dem Gaukler war nicht zu helfen. Aber es gab ja noch sieben andere. Und der Magier bekam offenbar ohnehin nicht mit, was im Keller des Ratspalastes geschah.
Der alte Mann blickte verwirrt ins Leere. Dann streckte er wieder die Fackel vor.
»Einer nach dem anderen,« zischelte er, wie flüssiges Blei, das in Wasser tropft, »werdet ihr sterben. So lange, bis er einsieht, was er angerichtet hat mit seiner Suche nach dem Guten!«
Das Feuer war heiß, und der stechende Geruch das Brandmittels prickelte quälend in Floraìns Nase.
»So lange, bis ihr im Angesicht Eurer jämmerlichen Sterblichkeit begreift, dass die Mächte euch weggeworfen haben, wie kaputte Spielzeuge! Nichts seid ihr wert! Nichts! Und doch könntet ihr euch retten! Ihr könntet eurem Leben einen Sinn geben, den, mir zu huldigen. Denn ich werde euch beschützen und mit euch spielen bis an das Ende alles Seienden!«
Floraìn wimmerte, aber die Wand in seinem Rücken ließ ihm keine Ausweichmöglichkeit mehr. Die Hitze des Feuers begann, ihn zu versengen.
»Hast du noch etwas zu sagen?,« fragte Rhaun und beschrieb mit seiner Fackel einen Kreis vor Floraìns Gesicht.
»Der...,« stotterte Floraìn, »der... der Sucher des Guten...«
Rhaun runzelte verärgert die Stirn.
»... findet die Wahrheit...«
»Schweig!« Der Ratsherr holte aus.
»...zuerst!«
Die Fackel bohrte sich in Floraìns Bauch, und eine Flammenkugel schoss durch den Raum, allerdings in Richtung der Tür.
Rhaun starrte auf das stumpfe Holz, mit dem er den Gaukler bedrohte. Dann drehte er sich langsam um.
»Das war sehr gut, Floraìn,« lobte Vèljioz Veree und warf den Feuerball in die Luft, haschte danach und hielt die lodernden Flammen in den Händen. »Und ziemlich töricht.«
Floraìn seufzte auf und rutschte, mit dem Rücken die Wand entlang, ins Stroh hinab.
Rhaun schwieg und sein Blick schoss hektisch hin und her.
Vèljioz zupfte ein einzelnes Flämmchen aus dem Feuer und pustete es aus, woraufhin die flammende Kugel erlosch. 
»Bist du sprachlos?,« fragte er dabei. »Hast du nicht mit ihm sprechen wollen, mit dem großen weißen Drachen, der das Feuer beherrscht?«

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Neuntes Buch: Tränenmeer

(c) by Sandra Bloh


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