Diese Szene ist
legendär.
Ich war achtzehn Jahre alt und schrieb meinen ersten Fantasyroman.
Einen Namen hatte er nicht, aber einen sozialkritischen
tiefgehenden Plot. Der Sprecher, eine Art Zauberer, nimmt
den Menschen die Musik, um sie zu versklaven. Zwei wackere Barden,
Mervin und Nira, bleiben von dem Fluch unberührt, ebenso wie
die mit den Kobolden verbündete Diebin Shauwnee. Als der
Sprecher davon erfährt, läßt er die drei
einkerkern, und da stand ich nun. Drei Helden, alle in einer Zelle,
und keine Idee, wie ich sie wieder hinausbekommen sollte. Nach
guten sechzig Seiten, die in wenigen Wochen aus meiner Feder
geflossen waren, endete die Arbeit an diesem Buch. Das war 1993.
Niemand hat es seither gelesen, auch ich nicht, aber ich erinnerte
mich dieser Szene, mit Schrecken.
Ich habe sie jetzt im Orinigalwortlaut abgetippt, auch wenn ich
mich bei einigen Formulierungen gewunden habe. So bleibt alles
erhalten. Einschließlich der unfreiwilligen
Komik.
Kerkerlieder
von Maja Ilisch
Dunkel. Alles war dunkel um sie
herum. Und feucht. Und es roch modrig. Langsam kehrten die
Lebensgeister in Niras Kopf zurück. Sie begriff, daß sie
gefesselt in etwas Feuchtem lag, und es war dunkel um sie herum,
weil ihre Augen geschlossen waren. Vorsichtig öffnete sie erst
das eine, dann, als die Helligkeit sie nicht erschlagen hatte, das
andere Auge. In der Zelle herrschte ein Dämmerlicht. Nira lag
mit dem halben Gesicht in stinkendem feuchten Stroh. Mit
geschlossenen Augen hatte sie diesen Zustand hingenommen. Nun nahm
sie ihn erst richtig wahr, und Übelkeit stieg in ihr auf. Sie
wollte den Kopf heben, aber diese kleine Bewegung verursachte ihr
ein Schwindelgefühl. Sie stöhnte.
»Oh, sind wir wieder zu uns gekommen?« fragte eine
Stimme, die nicht Mervin gehörte. »Haben wir eine harte
Anreise hinter uns? Sind wir vielleicht gefesselt?«
Neben Nira gab Mervin ein stöhnendes Geräusch von sich.
Er war also auch noch da. Zwar sagte er nichts, aber sein
Stöhnen würde sie unter Hunderten erkennen.
»Was … wer spricht da?« fragte Nira. Es tat im
Hals weh.
»Oh, stört euch nicht an mir. Ich bin eure Mitgefangene.
Es stört euch doch wohl nicht, eure Zelle mit jemandem teilen
zu müssen? Was mich betrifft: Mich stört es.«
Nira bemühte sich, etwas zu sehen, ohne den Kopf viel bewegen
zu müssen. Wahrscheinlich hatte sie einen Schlag darauf
erhalten. Aber sie konnte nichts erkennen. Alles war verschwommen.
Nur ihre Ohren funktionierten vollständig. Sie hörte
Mervin neben ihr rascheln.
»Wie geht es dir, Mervin? Bist du verletzt?« fragte
sie.
Von Mervin kam keine Antwort außer einem neuen Stöhnen.
Statt dessen sagte die Stimme: »Oh, Mervin heißen wir.
Und wie heißen wir noch?«
»Ich heiße Nira«, sagte Nira matt. Die Stimme
klang eindeutig feindselig. »Und wer bist du?«
Die Stimme antwortete nicht sofort, aber dann um so lauter:
»Dai fiaeir Schauwnee.« Ich bin Shauwnee.
Nira verstand die Alte Sprache noch immer, seit Irn sie ihr
beigebracht hatte, und so sagte sie spontan: »Ich will nicht
wissen, was du bist, sondern wer du bist.« Das mit dem
Sprechen funktionierte wieder. Aber Durst hatte sie. »Dai
fiaeir Schauwnee.«
»Daß du geschickt bist, sagtest du bereits«,
sagte Nira, und fuhr, diesmal selbst in der Alten Sprache, fort:
»Aber deinen Namen, den möchte ich gerne
wissen.«
»Es ist mein Name. Ich habe keinen anderen, und ich
bin stolz darauf. Warum sprichst du Gonovan?«
»Es ist die Alte Sprache.« Der letzte Satz hatte sehr
vorwurfsvoll und kindlich geklungen. »Und ich spreche sie,
weil eine alte Windin sie mir beigebracht hat. Viele Lieder, die
ich kenne, sind in der Alten Sprache - aber du wirst nicht wissen,
was Lieder sind«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu.
»Ich und nicht wissen, was Lieder sind? Pah!« sagte
Shauwnee und grölte los:
Der Blaue König ist ein Wicht,
ihn kümmern seine Leute nicht,
er läßt die Armen darben.
Kein Graf erstattet ihm Bericht
Und so weiß er bis heute nicht
Wie viele von uns starben.«
Es klang nicht besonders schön - aber es war ein Lied.
»Wieso kannst du singen?« fragte Nira.
»Oh, das habe ich so aufgeschnappt. Is’n verbotenes
Lied, aber mir hat’s gefallen. Bei Timpe im Blauen
Ochsen, da ist früher viel Musik gemacht worden. Jetzt
nicht mehr. Aber so was wie du hört sich solche Lieder
bestimmt nicht an. Ihr schwärmt doch für den König.
In all den Jahren ist dieses Land von den Menschen nur einmal
vernünftig regiert worden. Falls es dir lieber ist, da kann
ich auch ein Lied drüber:
Die Herrin des Feuers war Anabelfair
Mit Haaren wie Feuer und Augen wie Glut
Die Menschen vor ihr kamen über das Meer,
doch uns regierte sie gut.«
»Das Feuer zerstört, was den Menschen
gehört,
gibt Wärme an Groß und an Klein.
So groß ist die Pracht und so stark ist die Macht,
es soll unsre Oberste sein«,
fiel Nira mit ein, die das Lied (eins von den Alten) kannte. Als
sie endete, merkte sie, daß sie den Schluß allein
gesungen hatte. Schauwnee hatte aufgehört zu singen und
schweigend zugehört.
»Du bist ja Sängerin!« sagte sie dann. »Ich
habe deine Stimme erkannt - du hast im Blauen Ochsen
gesungen! Und dann ist der Mann dein Mann!«
Wieder hörte Nira ein Rascheln im Stroh um sie herum, und
fühlte, wie sie bewegt wurde. Dann ließ der Schmerz an
ihren Handgelenken nach.
»Ich hab dich losgebunden«, sagte Shauwnee. »Aber
nur, weil du Sängerin bist. Wir brauchen Sänger. Ich kann
nicht singen. Du hast es ja gehört.«
Nira mußte zugeben, daß das stimmte. Shauwnee
hätte es als Sängerin nicht weit gebracht. Aber - und das
verwunderte Nira am meisten - sie wußte noch, wie man singt.
Und sie kannte auch die alten Lieder.
»Steh schon auf!« sagte Shauwnee. »Du bist
frei.«
Vorsichtig setzte Nira sich auf. Vor ihren Augen tanzten Sterne,
aber das ignorierte sie. Sie hatte Nira den Rücken zugewandt,
hockte am Boden und nesselte an Mervins Fesseln herum. Man hatte
ihnen die Hände auf den Rücken und die Füße
zusammengebunden. Nira begann ihre Gelenke zu reiben, damit das
Blut wieder in Bewegung kam.
»Wieso bist du nicht gefesselt?« fragte sie.
»War ich doch. Aber mich kann man nicht lange
fesseln.«
»Ja, du bist geschickt.«
Shauwnee drehte sich um, und Nira konnte endlich ihr Gesicht sehen.
Es war wirklich noch ein Kind. Der Größe nach war sie
vielleicht zehn oder elf, aber ihr Gesicht schon älter. Um den
Mund herum lag ein verbitterter, völlig unkindlicher Zug,
umgeben von einer dicken Schicht Dreck. Das ganze Kind war
unglaublich schmutzig. Ihre Haare hatten ein mausgraue Farbe, unter
der sich alles von blond bis braun, sogar rot, verbergen
konnte.
»Was gaffst du so?« fragte Shauwnee und richtete sich
zu voller Größe auf. Um ihre Schultern hing etwas, das
einmal ein prächtiger Wollumhang gewesen sein mußte.
Jetzt war auch er dreckig und verschlissen. »Kümmer dich
lieber um deinen Kerl. Er hat mehr abgekriegt als du.«
Mervin war bewußtlos, aber abgesehen von einigen Schrammen
und blauen Flecken war er in Ordnung.
»Ihr müßt wirklich etwas besonderes sein«,
sagte Shauwnee. »Andere Gefangene werden halbtot geschlagen.
Die sind ja richtiggehend harmlos mit euch umgegangen.«
Sie zog sich in eine dunkle Ecke der Zelle zurück und kauerte
sich auf den Boden. Nira blieb wo sie war, hielt Mervins Kopf in
ihrem Schoß und wunderte sich über dieses
merkwürdige Kind, das so unendlich verletzend sein konnte und
doch selbst so verletzt wirkte. Warum hatte Shauwnee sie und Mervin
losgebunden? Sie hatte nicht so gewirkt, als täte sie gerne
anderen Menschen Gefallen. Aber auf der anderen Seite war Shauwnee
der erste Mensch, den Nira traf, der sich noch an die Lieder
erinnern konnte. Aber war Shauwnee überhaupt ein Mensch? In
ihrer Art zu reden war sie mehr wie ein Kobold erschienen. Nira
nahm sich vor, beim nächsten Mal auf ihre Füße zu
achten. Aber wahrscheinlich würde man vor lauter Schmutz
nichts erkennen können.
Mervin regte sich in ihrem Schoß. Er kam zu sich. Seine sehr
blauen Augen klappten auf und zu, als könne er mit dem, was er
sah, nichts anfangen.
»Mervin«, sagte sie leise und legte eine Hand auf seine
bärtige Wange. »Alles wird gut. Ich bin bei
dir.«
»Nira«, sagte er, und seine Augen suchten ihr Gesicht.
Als sie es fanden, hielten sie sich daran fest. »Nira«,
wiederholte er.
»So, ihr seid also alle wach«, sagte Die Stimme.
»Schön, daß ihr alle gesund und munter seid. Ich
habe mit euch zu reden.«
aus: Namenlose
Geschichte
Arbeitstitel: Das Lande Blau
(c) by Maja Ilisch