Osaminor der Barbar wird festgenommen, zum Teil, weil er bewaffnet auf den Marktplatz spaziert ist, zum Teil, weil Danjen dem Zauberer langweilig war. Wie durch Zufall stürzt der Maibaum um, und dann gehen bei Osaminor die Lichter aus ...
Dies ist die letzte Szene, die ich (1996) für diese Geschichte, die sich nicht zwischen Ulk und Komik entscheiden konnte, geschrieben habe, und so endet sie auch recht abrupt.


Eine Handvoll Stroh

von Maja Ilisch


Osaminor würde niemals den Geschmack von Stroh vergessen, der seinen Mund ausfüllte, als er in der modrigen Zelle wieder zu sich kam. Aber für alle Zeit aus seiner Erinnerung verbannen würde er die Tatsache, daß seine erste Handlung darin bestanden hatte, instinktiv zu kauen und zu schlucken. Oder zumindest den Fakt, daß er danach eine zweite Hand voll Stroh ergriffen und sich ebenfalls in den Mund gesteckt hatte. Männer, die einen schweren Schlag auf den Kopf bekommen hatten, waren hinterher eben nicht mehr ganz zurechnungsfähig. 
Dunkel erinnerte sich Osaminor, was geschehen war, aber das bedeutete noch lange nicht, daß er den Vorfall auch begriff. Nicht nur, daß ihm bis jetzt noch niemand größere Geistesfähigkeiten nachgesagt hatte - er verstand auch nicht, was nun an dem Fakt, daß er ein Schwert trug, so verwerflich war. Bis jetzt hatte noch nie jemand versucht, ihn deswegen zu verhaften.
Zumindest war es noch niemanden gelungen.
Osaminor stöhnte. Held oder nicht, soviel mußte man ihm in Anbetracht der Kopfschmerzen schon zubilligen. Was er brauchte, war ein Helm, genau. So ein großes, imposantes Ding mit langen, gefährlich aussehenden Hörnern dran. Einen kurzen Moment lang erblickte Osaminor vor seinem inneren Auge sich selbst, den ein-drucksvollen Helm auf den goldenen Locken. Es sah wirklich gut aus. Das nächste, was Osaminor sah, war ein Maibaum, der auf den eindrucksvollen Helm krachte und sehr uneindrucksvoll von einem der Hörner aufgespießt wurde, wo er daraufhin blieb. Osaminor wollte nicht für alle Zeit mit einem Maibaum auf dem Kopf herumlaufen müssen. Der Helm konnte zunächst einmal warten.
Instinktiv griff der Barbar nach seinem Schwert. Da war nur ein Problem: Das Schwert war verschwunden. Natürlich hatten die Wachen es ihm abgenommen, bevor sie ihn in die Zelle warfen. Osaminor fühlte sich nackt und hilflos. Erst jetzt ging ihm die Tatsache auf, daß er so gut wie nichts anhatte. Das einzige Kleidungsstück, das ein wahrer Held brauchte, war sein Schwert, aber ohne konnte er sich nicht auf die Straße trauen. Selbst wenn die Tür nicht durch eine Vielzahl von Riegeln gesichert gewesen wäre (wie viele es waren, konnte Osaminor nicht genau sagen, denn sie befanden sich allesamt auf der anderen Seite der Tür), hätte er nicht einfach so hinaus spazieren können. Nicht ohne Schwert.

aus: Snatron, oder Das Heer der Ringe

(c) by Maja Ilisch


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