Vielleicht als Kuriosum für die Sammlung zu gebrauchen? Osse ist in diesem Buch der Lehrer einer verzogenen Prinzessin, die ihn in den Kerker verfrachtet, wenn ihr etwas nicht passt. Er hat sich damit arrangiert...
Osse im Kerker
von LaMaga
Im Kerker der Burg der Ebene
hatte sich die Situation entspannt. Osse saß bei den
Wachleuten am Tisch, einen Becher Tee vor sich und arbeitete mit
spitzer Feder und einem Abakus gewissenhaft die
Wirtschaftsbücher der Palastküche durch. Ab und zu
schenkte ihm einer der Wächter das Getränk nach, und der
andere kehrte gerade mit einem Korb frisch gebackener Brötchen
aus der Küche zurück.
Die Wächter kannten die berüchtigten Launen ihrer kleinen
Herrin und hatten zu Osses größter Erleichterung darauf
verzichtet, ihn in Eisen zu legen. Der geplagte Höfling hatte
sich sogar sein Schreibzeug und einige Akten zum Zeitvertreib
mitnehmen dürfen, um nicht auf die alberne Kindergeschichte
vom kleinen Ritter angewiesen zu sein.
Osse genoss die Ruhe in der Wachstube, wo die beiden Soldaten nur
noch pro forma als Gefangenenwärter tätig waren, von der
übrigen Dienerschaft um den ruhigen Posten beneidet wurden und
hauptsächlich darauf zu achten hatten, dass niemand etwas aus
den Lagerräumen entwendete, zu denen einige Zellen
umfunktioniert worden waren. Schon lange Zeit war hier niemand mehr
eingesperrt gewesen – die Gerichtsbarkeit oblag im Regelfall
den einzelnen Dorfverwaltungen, und wenn es tatsächlich einmal
zu einem Delikt kam, das unmittelbar in die Zuständigkeit der
Burgverwaltung fiel, waren Königin Manjev und ihre Eltern als
milde Richter bekannt.
Osse hatte sich ein kleines Kontor improvisiert, genoss die
Möglichkeit, ungestört arbeiten zu können und nahm
dabei von Zeit zu Zeit an den Plaudereien der beiden Wachleute
teil, die interessante Dinge aus den Dörfern und über
einen familiären Skandal in einer benachbarten Grafschaft
berichten konnten.
»In der Küche ist mir soeben die kleine Herrin
begegnet,« sagte der Soldat mit dem Brotkorb und ließ
sich ebenfalls am Tisch nieder. »Ich habe mir erlaubt, sie zu
fragen, wie lange Ihr Arrest haben sollt.«
»Was geruhte Ihre Majestät zu antworten?,«
erkundigte Osse sich und zerbrach ein Brötchen über einem
leeren Blatt Papier.
»Sie sagte, Ihr wäret zum Mittagessen begnadigt,«
schmunzelte der Wächter. »Aber Ihr würdet keinen
Nachtisch bekommen.«
Osse seufzte. »Nun, ich habe schon fast befürchtet, dass
dies hier kein Dauerzustand werden würde, so angenehm das
Arbeitsklima auch ist. Hat die Prinzessin sonst noch eine
königliche Verfügung erlassen?«
»Nein. Sie und ihr kleiner Spielgefährte hatten es sehr
eilig, in die Waschküche zu kommen.«
Osse nickte und wandte sich wieder seinen Papieren zu, während
er vom Brötchen abbiss.
Dann hielt er beim Kauen inne.
»In die Waschküche?«, fragte er irritiert mit
vollem Mund.
»Sie hatten ein Bündel Stoff bei sich,« berichtete
der Wächter. »Ein ziemlich schmuddeliges,
wohlgemerkt.«
»Wahrscheinlich,« mutmaßte sein Kollege, haben
sie beim Spielen irgendwas umgestoßen und einen Vorhang
beschmutzt. Es sind Kinder – wahrscheinlich wollen sie die
Angelegenheit vertuschen.«
»Nein, es war kein Vorhang,« widersprach der erste
Soldat. »Es war eher ein Kleidungsstück. Ein Mantel
vielleicht.«
»Dann haben sie auf dem Dachboden in einer Kiste gekramt und
spielen Verkleiden,« sagte der erste und biss herzhaft von
seinem Pausenbrot ab. »Mein kleiner Sohn zum
Beispiel...«
»Ein Mantel?«, unterbrach Osse und stellte seine Feder
sorgsam im Tintenfass ab. »Die Prinzessin bringt einen alten
Mantel eigenhändig in die Waschküche?«
Die Soldaten blickten Osse fragend an.
»Soll ich gehen und bei den Wäscherinnen
nachfragen?,« fragte der mit dem Söhnchen.
Osse dachte kurz darüber nach.
»Nein,« entschied er dann und griff nach einem weiteren
Kontobuch. »Nein, ich glaube, vor dem Mittagessen
interessiert mich nicht im Geringsten, was ihre Hoheit wieder
angestellt hat. Ich denke, die Katastrophe bekomme ich noch
früh genug mit.«
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Sechstes Buch: Spiegeltraum
(c) by Sandra Bloh