Yalomrio im Kerker: Magier in Dunkelhaft, ziemlich trostlos...


Eine neue Kerze

von LaMaga


Aramau zog sich zurück und spähte mit stechendgrünen Augen zu dem Schall hin.
Die Tür der Zelle wurde aufgeschlossen, ein schmaler trüber Lichtstreifen fiel vom Flur hinein. Und Meister Gor trat mit der Königin ein, schloss die Tür hinter sich. Nur eine Kerze aus grauem Wachs führten die beiden mit sich, und die schwache Flamme erhellte Yalomiros leblos zusammengesunkenen Körper, dessen Anblick Aramau erschrocken zusammenzucken ließ.
Der junge Zauberer hing immer noch an den Handgelenken festgeschmiedet einige Zentimeter über dem Boden. Sein Kopf war vornüber gesunken, die weiten Ärmel seines Gewandes waren ihm über die Schultern gerutscht, und mit einem Blick erkannte Aramau, wie mager Yalomiro geworden war, die Knochen seiner Arme traten unter der Haut hervor. Auch seine übrigen Gewänder schlotterten um seinen Körper.
Meister Gor gab der Königin die Kerze in die Hand, trat dann auf Yalomiro zu und griff mit der Hand in die schwarzen Locken, riss Yalomiros Kopf zurück und blickte prüfend in sein Gesicht.
Aramau unterdrückte einen Aufschrei, denn Yalomiros sanfte Züge glichen nunmehr einem Totenschädel. Tiefe Ringe lagen um seine Augen, die Wangenknochen traten hohl hervor. Seine Lippen waren leicht geöffnet und entblößten seine weißen Zähne, und sein Gesicht zeigte einen Ausdruck völliger Entkräftung. Nur der noch zarte, dunkle Bart, der ihm in der Gefangenschaft gewachsen war, ließ Yalomiro noch ein wenig lebendig erscheinen.
»Ich glaube, so können wir ihn der Unkundigen nicht zeigen,« sagte Meister Gor trocken. „Es könnte sie zu sehr erschrecken.“
Yalomiro regte sich schwach, als er die Stimme seines Feindes hörte.
Die Königin schüttelte den Kopf. »Und das hat allein die Dunkelheit und Stille vollbracht?«
Meister Gor nickte. »Sie müssen weder essen noch trinken, um zu überleben. Aber sie brauchen Licht.«
Yalomiro schlug matt die Augen auf, schloss sie aber angesichts der Kerze geblendet wieder.
Meister Gor lachte leise. »Schau, Yalomiro, ich bringe dir Licht. Lebendiges Licht der Flamme. Du bist doch hungrig, oder?«
Yalomiro öffnete langsam wieder die Augenlider. Mit flackernden Augen blinzelte er in die Flamme und schwieg.
»Ich werde dir nun jeden Tag eine Kerze bringen,« versprach Meister Gor.
Yalomiro versuchte, zu sprechen, aber seine Stimme versagte.
»Ich könnte dich auch hinaufbringen, ins Freie,« fuhr Meister Gor fort. »Aber das Tageslicht würde dich blenden. Und du willst doch nicht blind auf die Suche nach dem Mondstrahl gehen?«
»Ich werde Euch den Mondstrahl nicht bringen,« krächzte Yalomiro matt. Seine Stimme war rau.
Meister Gors Blick wurde eiskalt. »Du hoffst, zu sterben, Yalomiro, um dich vor deiner Verantwortung zu drücken. Aber ich habe nicht vor, es dir bequem zu machen und dich umzubringen. Nicht, bevor ich den Mondstrahl habe.«
Yalomiro krächzte. „Ich habe nicht den Wunsch, zu sterben.“ 
Meister Gor trat nahe an ihn heran. »Du leidest, Yalomiro, und ich werde dein Leid noch vergrößern.«
»Ich ertrage Eure Torturen,« sagte Yalomiro leise. »Beweist Euch das nicht, dass ich stark bin? Dass ich nicht bereit bin, aufzugeben?«
Meister Gor trat einen Schritt zurück, streckte beide Hände aus und richtete sie auf Yalomiros Fesseln, auf die Handschellen und die über den Boden schleifenden Fußketten.
Augenblicklich spannten sich die Goldketten, so als zögen unsichtbare Hände daran. 
Yalomiro stöhnte gepeinigt auf.
»Ich könnte dich vierteilen mit der Kraft meines Willens,« sagte Meister Gor, »ich brauche noch nicht einmal Werkzeuge dazu. Zeig mir deine Kraft, Yalomiro -- halte die Ketten zurück.«
Yalomiro schrie und warf den Kopf so heftig zurück gegen die Wand, dass die Königin erschrocken zusammenzuckte und Luft einsog.
»Lasst Euch nicht verleiten, Meister,« gab sie vorsichtig zu bedenken und trat an Meister Gor heran. »Wenn Ihr seinen Körper beschädigt, wird er das Amulett nicht bergen können.«
Meister Gor schloss die Fäuste, und nicht nur der Zug an den Ketten hörte auf, auch die Handfesseln lösten sich aus dem Ring und Yalomiro fiel zu Boden, wo er keuchend und kraftlos liegen blieb.
»Du hast eine Fürsprecherin, Schattentänzer,« sagte Meister Gor verächtlich. »Und ich glaube, du wirst Fürsprache brauchen, um meinem Zorn zu entgehen. Denke darüber nach, ob du mir dienen willst. Und denke darüber nach, wie viel das Mädchen ertragen kann von dem, was du durchmachst.«
Yalomiro blickte auf und schaute nach der Kerze in der Hand der Königin.
»Wie geht es ihr?,« fragte er in ihre Richtung.
Die Königin lächelte frostig. »Sie ist unverletzt und niemand hat ihr ein Leid getan. Bisher.«
„Das lässt sich sehr schnell ändern,“ ergänzte Meister Gor.
Yalomiro seufzte schwer und schwieg. Kraftlos versuchte er, sich aufzurappeln.
Meister Gor trat heftig vor, packte Yalomiro am Kragen und zerrte ihn unsanft auf die Füße.
»Meine Geduld endet bald,« zischte er. »Entscheide dich endlich!«
Yalomiro zitterte unter Meister Gors Berührung.
»Ihr lasst mich wählen zwischen dem Ende des Kreises und dem Ende des Mädchens,« stieß er hervor. »Seid Euch sicher, Meister Gor, wenn Ihr dem Mädchen ein Leid zufügt, dann werde ich erst recht nicht für Euch auf die Suche gehen. Vielleicht bringt ihr mich dann auch um, aber dann wird das Zeichen verborgen bleiben. Eure Leere wird sich ausbreiten, aber sie kann nicht ewig herrschen. Es werden andere kommen, stärkere als ich, und Eure Macht wird enden.«
»Und deine Welt?,« fragte Meister Gor lauernd. „Ist die dir denn egal geworden?“
Yalomiro schüttelte den Kopf. »Die ist bereits verloren gewesen an dem Tag, an dem ich geboren wurde. Denn mit meiner Schwäche bekam das Verderben eine Chance. Meister Askyn hätte mich meinem Schicksal überlassen sollen, bei den Leuten im Dorf. Die hätten mich gleich totprügeln sollen, um dies hier zu vereiteln!«
Meister Gor ließ Yalomiro wieder los, und dem knickten kraftlos die Beine weg. Wehrlos lag er vor den Füßen des goala‘ay.
»Einige Tage noch,« versprach er,» dann wirst du bereit sein. Und ich weiß, wie ich dich überzeuge.« Er kniete rasch nieder, umschloss Yalomiros Stirn mit der Hand und sprach einige dumpfe Worte.
Aramau wandte sich um und kletterte rasch fort. Sie hatte genug gesehen. Und Zweifel überkamen sie. Wie nur sollte sie der Unkundigen berichten, was geschehen war?
Yalomiro wand sich, aber er wehrte sich nicht. Anklagend richtete er den Blick auf Meister Gor, als dieser von ihm abließ, die Kerze der Königin abnahm und sich dann anschickte, die Zelle zu verlassen.
»Ich bringe dir morgen eine neue Kerze,« sagte der Rotgewandete sachlich und stellte das Licht nahe der Tür ab, weit von Yalomiro entfernt. »Du sollst uns nicht ganz verschmachten. Aber denke an das Mädchen.«
Die Königin folgte Meister Gor, als er die Zelle verließ und hinter sich verriegelte.

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Erstes Buch: Schattenherz

(c) by Sandra Bloh


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