Schlachtenwut

von Monica Höfkes


In der stillen Stunde nach Mitternacht erwachte Yuvis aus einem unruhigen Schlummer. Sie spürte einen kalten Luftzug im Gesicht und setzte sich verschlafen auf. Am offenen Zelteingang stand AEmric und blickte auf das schlafende Lager. Yuvis‘ Augen weiteten sich voller Erstaunen, als sie sah, das er wie für den Kampf gerüstet war. Er hatte sie gehört und wandte sich ihr zu, nachdem er das Zelt wieder verschlossen hatte
»Was ist los, AEmric? Gab es Alarm?« 
Die Verwirrung verlieh ihren Zügen etwas verletzliches und AEmric spürte einen Stich, als er Yuvis ansah. Er ging zu ihr und kniete sich neben das Feldbett. 
»Hör mich an, Yuvis. Ich muß fort. Es ist etwas geschehen, etwas Unvorhergesehenes das keinen Aufschub duldet.« 
»Wovon sprichst du? Ich verstehe dich nicht.« Die Verwirrung in ihrer Stimme wich einer unbestimmten Ungeduld, als sie fortfuhr: »Du solltest doch wissen, daß niemand des Nachts das Lager verlassen darf!«
Er schüttelte den Kopf und legte die Hände auf ihre Schultern.
»Du verstehst mich nicht, Yuvis. Ich verlasse nicht nur das Lager.« 
Als er sah, das sie verstand, erhob er sich. Es gab nichts, was er mehr haßte, aber er mußte gehen. Es blieb ihm nur noch wenig Zeit, bis das verfluchte Drow-Gift in seinem Körper zu wirken begann. Bis dahin mußte er aus dem Lager verschwunden sein. Er hatte jedoch nicht mit Yuvis Reaktion gerechnet.
Kaum war er aufgestanden, sprang sie aus dem Bett und versetzte ihm einen heftigen Schlag ins Gesicht. Er taumelte zurück und blickte die Kriegerin überrascht an.
»Verräter,« Yuvis Stimme war kaum mehr als ein Fauchen, als sie sprach. »Verschwinde, mach das du raus kommst, bevor ich mich vergesse.«
»Aber, Yuvis, bitte versteh doch-« Sie fiel ihm hart ins Wort: »Oh, ja, ich verstehe nur zu gut, Verräter. Was haben sie dir geboten, wenn du uns in den Rücken fällst? Land, Gold?«
»Ich bin kein Verräter.« Er streckte eine Hand nach ihr aus und fuhr in flehendem Tonfall fort: »Ich habe keine andere Wahl, das mußt du mir glauben. Sie haben mich vergiftet und wenn ich nicht zu ihnen gehe, werde ich sterben. Bitte, Yuvis, es ist die Wahrheit.«
Einen Moment hatte er die Hoffnung, das sie seinen Worten Glauben schenkte, doch dann trat ein harter Ausdruck in ihre Augen und die Hoffnung schwand.
»Du solltest dir eine bessere Geschichte zurechtlegen, wenn gleich die Wachen hier sein werden.« 
Als er sah, daß Yuvis sich anschickte, zum Zelteingang zu gehen, blieb ihm keine Zeit zum nachdenken.
»Verdammt, du läßt mir keine Wahl.« Er griff nach ihrem Arm und riß sie zu sich herum. Bevor sie einen Warnschrei ausstoßen konnte, hieb er ihr die Faust gegen die Schläfe. Als sie bewußtlos zusammensackte, hob er sie vorsichtig auf und legte sie auf das Feldbett. Er deckte sie zu und küßte sie zärtlich zum Abschied.
»Verzeih mir, Geliebte. Leb wohl.«
AEmric suchte rasch seine Sachen zusammen und verließ das Zelt. Es gelang ihm, unbemerkt die Pferde zu erreichen. Schnell öffnete er den Pferch und trieb die Tiere mit lauten Schreien hinaus. In dem Durcheinander, das folgte, verließ AEmric das Lager und verschwand in der Dunkelheit.

********

Mit dem ersten Morgengrauen nahmen die Truppen des Barons Aufstellung. Ein letztes Mal kontrollierten die Soldaten ihre Rüstungen und Waffen. Die Befehlshaber nahmen ihre Plätze ein und Yuvis musterte kritisch die ihr unterstellte Truppe. Sie hatte die Männer in den letzten Tagen überaus hart gedrillt, aber ihre Aufgabe war zu wichtig, als das sie sich einen Fehler hätten leisten können.
Und nun, da AEmric zum Feind übergelaufen war, mußten sie besonders vorsichtig sein. Nicht einmal Yuvis konnte sich vorstellen, wieviel AEmric von den geheimen Plänen mitbekommen hatte und nun an seine neuen „Freunde“ weitergab.
Als ihr Pferd nervös scheute, wurde Yuvis aus ihren düsteren Gedanken gerissen. Sie mußte sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Keine Erinnerung, und sei sie noch so drängend, durfte sie ablenken.
Noch vor drei Tagen hatte sie sich über den allgegenwärtigen Schlamm beklagt, jetzt war durch den plötzlichen Kälteeinbruch der Boden steinhart gefroren und der Atem von Mensch und Tier dampfte in der kalten Luft.
Yuvis hörte hinter sich das Klappern von Pferdehufen und blickte über die Schulter, um den Ankömmling in Augenschein nehmen zu können. Sie zog erstaunt eine Augenbraue hoch, als sie Kahel erkannte. Der Hauptmann hielt in flottem Trab auf ihre kleine Einheit zu. Er parierte sein Pferd durch und brachte es neben Yuvis zum Halt.
»Guten Morgen, Hauptmann. Was verschafft mir das Vergnügen Eures Besuches?« Ihr besorgter Blick strafte ihre muntere Stimme Lügen, als sie Kahel begrüßte. Sollten die Männer ruhig glauben, sie sei entspannt und zuversichtlich, das konnte nur helfen.
»Auch Euch einen guten Morgen, Yuvis. Ich wollte Euch nur viel Glück in der Schlacht wünschen,« er sah sich verstohlen um und sprach im Flüsterton weiter. »Außerdem wollte ich kurz mit dir sprechen. Hör zu Mädchen, ich weiß was dir durch den Kopf geht, aber was auch immer passiert, vergiß ihn. Laß dich nicht von Rachegelüsten ablenken, daß könnte dich den Kopf kosten. Denk auch an deine Männer.«
Yuvis Miene wurde grimmig bei diesen Worten, aber sie schaffte es rasch, wieder einen nonchalanten Ausdruck aufzusetzen. Ihre Erwiderung war trotzdem sehr scharf und beruhigte Kahel nicht im Geringsten.
»Einer von uns wird heute sterben, entweder er oder ich, Kahel, das versichere ich dir. Er hat alles verraten, was mir teuer ist, das kann ich nicht verzeihen. Wenn wir uns also in der Schlacht begegnen sollten, werde ich ihm nicht ausweichen, und sei es mein Tod!«
Der Hauptmann sah ihre Entschlossenheit und wußte, daß er sie nicht umstimmen konnte. Er nickte also und ritt zurück zu seiner Einheit. Insgeheim nahm er sich vor, in der Schlacht ein Auge auf Yuvis zu haben, und wenn nicht er so doch einer seiner Männer. Kahel versuchte durch die Nebelschwaden hindurch einen Blick auf die Schlachtreihen des Feinds zu erhaschen, aber außer einer wimmelnden Menge konnte er nicht viel erkennen. Er unterdrückte einen Fluch und wünschte sich, es würde weiter frieren. Der Nebel war ein Zeichen der Wetteränderung, es würde tauen, soviel stand fest. Bald stünden sie wieder auf einem schlammigen Feld, dessen Untergrund ein schnelles Vorpreschen unmöglich machen würde. Es war an der Zeit, daß die Schlacht begann. 

Die Sonne war auf ihrem Weg über den Himmel bereits ein gutes Stück weitergekommen, als der von Erikal ausgesandte Herold zurückkehrte. Der weiße Stab, den er als Zeichen des Unterhändlers bei sich getragen hatte, war zerbrochen, die Verhandlungen gescheitert.
Endlich tat sich etwas. Erleichtert gaben die Hauptleute ihre Befehle aus, und als der Baron Trompeter das Signal zum Vorrücken geben ließ, setzten die Reihen sich in Bewegung. Zuvorderst die stark gepanzerten Ritter auf ihren Schlachtrössern, die von den Bogenschützen gedeckt, den ersten Sturmangriff reiten sollten.
Das rhythmische Stampfen der Pferdehufe ließ den Boden erzittern und eine allgemeine Erregung griff um sich. Die Ruhe vor dem Sturm war vorüber, nun würde der Orkan über die Menschen hereinbrechen.
Yuvis sah, wie die Pferde immer schneller wurden. Die Reiter legten die Lanzen ein und fegten wie eine todbringende Mauer aus Stahl auf ihre Gegner zu. Auch Imria schickte eine Reiterei los, als sie jedoch auf Bogenschußweite heran waren, riß ein Pfeilhagel viele aus dem Sattel. Währenddessen preschten die Ritter heran, in ihren Plattenpanzern weitgehend unbeeindruckt von den gegnerischen Pfeilen. Sie fuhren durch die Reiter Imrias wie eine Sense durch Korn. 
Ein ohrenbetäubender Krach, vermischt mit den Schreien Sterbender und Verwundeter drang vom Schlachtfeld zu Yuvis herüber. Sie schloß die Augen und versuchte, die Geräusche zu verdrängen, aber das gelang nicht. Sie hörte mit schrecklicher Klarheit, wie die Lanzen der Ritter durch Panzer und Knochen brachen, wie Schwert auf Schwert traf und Pferdehufe auf die Leiber am Boden liegender traten.
Reiß dich zusammen! Was ist nur mit dir los, du bist doch sonst nicht so empfindlich! Denk an die Männer unter deinem Kommando, was sollen sie von dir halten, wenn du dich benimmst wie ein Rekrut bei seiner ersten Schlacht!
Sie zwang sich die Augen zu öffnen und sah sich nach ihren Männern um. In den Gesichtern der Jüngeren stand das blanke Entsetzen, die Älteren wirkten gefaßter, aber nicht weniger erschüttert. Es war lange her, das Mirineh eine Schlacht wie diese gesehen hatte, selbst die älteren Soldaten waren auf so einen Anblick nicht vorbereitet. Yuvis verspürte Mitleid mit diesen Männern, die vor einigen Monaten noch Bauern oder Handwerker waren und Kämpfe nur aus Erzählungen kannten. Aber Mitleid würde sie nicht retten, lediglich Geschick und Mut. 
»Hört mich an.« Yuvis lenkte ihr Pferd herum, so daß sie den Soldaten ins Gesicht sehen konnte. »Ich weiß, wie ihr euch fühlt, was ihr in diesem Moment durchmacht. Gerne würde ich euch sagen, daß dieses Gefühl irgendwann verschwindet, daß ihr vergessen werdet, was heute geschieht. Aber das kann ich nicht, denn es wäre eine Lüge. Glaubt mir, auch ich bin entsetzt, wenn ich dieses Schlachten mit ansehen muß. Aber ich kämpfe dagegen an, denn ich weiß, es wird noch viel schlimmer werden, sollte Imria es gelingen Mirineh zu erobern. Wenn ihr nicht wollt, daß eure Kinder und eure Kindeskinder das gleiche durchmachen müssen, wie ihr heute, dann überwindet eure Furcht.« Sie machte eine Pause und riß ihr Schwert aus der Scheide. »Kämpft mit dem Mut eines Löwen, der sein Revier verteidigt, kämpft für eure Familien, eure Häuser. Macht eurem Baron Ehre, dessen Wappen ihr tragt. Seid wie der Greif, der den Lindwurm besiegt! Für Mirineh! Für Erikal«
Die Männer griffen jubelnd diesen Ruf auf und als Yuvis sie jetzt betrachtete, sah sie neben der Furcht auch Entschlossenheit und den Willen zu siegen. Wie blutig dieser Tag auch sein würde, sie konnte sich auf diese Männer verlassen, daß wußte Yuvis.

********

Yuvis tauchte unter einem Schwerthieb hindurch, parierte den nächsten mit dem Schild und stieß ihrem Gegner dann durch eine Lücke in der Deckung das Schwert in den Hals. Der Mann ging mit einem gurgelnden Laut zu Boden. Aber Yuvis achtete schon nicht mehr auf ihn, da sie vollauf damit beschäftigt war, sich mehrere andere Krieger vom Leib zu halten.
Sie hatte ihr Pferd kurz nach dem Angriff verloren, als sie die Phalanx der Pikeniere stürmten. Danach war sie mit den anderen zu Fuß weiter vor gedrungen, wie in einem Alptraum der aus nichts anderem als Hauen und Stechen bestand.
Ihre Gegner schienen wie Pilze aus dem Boden zu schießen; für einen Gefallenen standen gleich zwei neue Krieger vor ihr. Irgendwann hatte sie das Gefühl, ihren Arm nicht mehr heben zu können. Tiefe Erschöpfung machte sich breit und Yuvis bemühte sich, hinter den Schutz der eigenen Linien zurückzukehren. Auf ihrem Weg streckte sie Gegner um Gegner nieder, fast mechanisch hob und senkte sich ihr Schwertarm. Endlich erreichte sie Kämpfer, die ihrer Einheit angehörten und die einen Wall aus Schilden gebildet hatten, hinter denen sich mehrere Erschöpfte ausruhten.
Sie ließ sich ermattet auf den mittlerweile wieder schlammigen Boden sinken und versuchte zu Atem zu kommen. Der Schildarm war steif und halb taub von den ständigen Schlägen, die sie mit dem Rundschild abwehren mußte. Sie legte den Schild ab und zog den Handschuh aus, dann lockerte sie die schmerzenden Finger. Ihr Schwertarm fühlte sich an, wie mit Blei gefüllt und als sie den Handschuh von der Rechten zog sah sie, das die ganze Hand mit Blutergüssen und Prellungen übersät war. Kein Wunder, daß es schmerzte. 
Yuvis blickte um sich und suchte sich einen der Männer heraus, den sie über die Lage befragte. Es war einer der älteren Soldaten, er schien einigermaßen gefaßt zu sein, auch wenn seine Stimme rauh klang.
»Tja, unsere Lage. Die sieht zur Zeit wohl nicht so gut aus. Dieser Baron von drüben, der Schwarzhaar, hat wohl eine neue Söldnertruppe in den Kampf geworfen.« Er druckste etwas herum, dann fuhr er fort: »Ja, und nachdem was ich gehört habe, werden sie von einem Söldner angeführt, das könnte der AEmric sein. Aber das hab ich nicht mit eigenen Augen gesehen, nur gehört. So als Gerücht, wißt Ihr, Kommandantin?«
Als der Blick aus Yuvis‘ Augen den Mann traf, zuckte er unwillkürlich zusammen. Ihre Miene war steinern und verriet keine Gefühlsregung, aber diese Augen waren furchteinflößend. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und reichte ihr eine kleine Lederflasche, wobei er fort fuhr zu berichten: »Wie dem auch sei, Kommandantin, unsere Truppen werden von diesen neuen Söldnern ganz schön in die Ecke gedrängt. Wenn nicht bald ein Wunder passiert, reiben die uns auf.«
Yuvis nickte und trank einen Schluck aus der Flasche, die sie aus der zitternden Hand des Mann es entgegen genommen hatte. Als eine wohlige Wärme sich in ihrem Inneren auszubreiten begann und sie fühlte wie sich die verkrampften Muskeln etwas lockerten, seufzte sie. Es gab nur einen Weg, aber den zu gehen, würde schmerzhaft sein. Sie gab dem Mann seinen Branntwein wieder und stand langsam auf. Nachdem sie ihre Handschuhe übergestreift, das Schwert in die Scheide auf ihrem Rücken geschoben und den Schild darüber gehängt hatte, sah sie sich suchend um. Ihr Blick blieb schließlich an einem gegnerischen Reiter hängen, der sich gegen drei ihrer Kämpfer zur Wehr setzte.
Sie holte tief Luft und stürmte auf den Reiter zu, der ihr den Rücken zuwandte. Sie sprang ab und es gelang ihr, ihn von hinten zu packen, als er gerade damit beschäftigt war, einen Schwerthieb nach links auszuteilen. Sie riß ihn mit sich vom Pferd und die beiden stürzten hart zu Boden. Mit ihrem gepanzerten Handschuh schlug sie ihm kräftig ins Gesicht und versetzte ihm dann einen Tiefschlag in den Solarplexus. Der Mann krümmte sich zusammen und blieb leblos liegen.
Sie rappelte sich hoch und sah hektisch nach dem Pferd. Es war noch da und nachdem sie sich ein paar Mal unter wilden Schwerthieben hinweg geduckt hatte, gelang es ihr, nach dem Zaumzeug zu greifen und das Pferd aus dem Getümmel zu führen.
Sie schwang sich in den Sattel und preschte rücksichtslos durch die Reihen der Kämpfer. Immer wieder mußte sie Haken schlagen, um gegnerischen Pfeilen auszuweichen, aber schließlich gelangte sie in den Teil des Schlachtfeldes, von dem AEmric ihr geraten hatte sich fernzuhalten. Sie zügelte ihr Pferd und blickte suchend um sich. Als sie ihn sah, versetzte es ihr einen schmerzhaften Stich, aber sie mußte an ihrem Vorhaben festhalten, koste es was es wolle.
Aeolus, führe mein Schwert. Laß mich stark sein, bitte, laß mich stark sein.
Ob ihr Stoßgebet den Gott erreichte, wußte sie nicht, aber auf jedenfall hatte AEmric sie mittlerweile auch gesehen. Er trat vor die anderen Söldner und bedeutete ihnen, zurückzubleiben. Dann zog er sein Schwert und kam langsam näher.
Yuvis glitt vom Pferderücken, wobei ihre Bewegung längst nicht so geschmeidig war, wie sie gehofft hatte. Die Anstrengung der Schlacht begann ihren Tribut zu fordern.
Sie zog ebenfalls ihr Schwert und rückte den Schild zurecht.

Die beiden Kämpfer schritten aufeinander zu und blieben dann kurz voreinander stehen. Sie blickten einander in die Augen und für einen Moment stand ein stilles Einvernehmen in ihrer beider Gesichter. Dann umwölkte sich Yuvis‘ Blick und sie sagte: »Nun, dann komm, mein Geliebter. Laß es uns zu Ende bringen.«
AEmric fletschte die Zähne und stieß ein: »Wie du willst« hervor.
Er griff ohne weitere Vorwarnung an. Seinen ersten Schlag sah Yuvis gerade noch rechtzeitig kommen, so daß sie ihn mit dem Schwert parieren konnte.
Gleichzeitig bemühte sie sich, AEmrics Schild nicht aus den Augen zu verlieren. Ein fünf Zoll langer Sporn ragte aus dem Schildbuckel und der Schildrand war messerscharf geschliffen. Sie hatte den Krieger mit diesem Schild trainieren sehen, der als Waffe fast gefährlicher werden konnte, als das Schwert. Es war klar, daß AEmric versuchen würde, die Ähnlichkeit ihrer beiden Kampfstile mit dem Schild aufzufangen. Sie hatten oft zusammen trainiert und kannten die jeweiligen Stärken und Schwächen recht gut.  
Sie umkreisten einander mit behutsamen Bewegungen, wobei jeder auf eine Lücke in der Deckung des anderen wartete. Es war ein Spiel, das nur der Geduldige gewinnen konnte. Schließlich schien AEmric genug zu haben. Mit einem Knurren sprang er vor und überwand die kurze Distanz zwischen ihnen. Es gelang Yuvis gerade noch sich seitlich zu drehen, so daß der Sporn mit einem schrillen Kreischen über die Beschläge ihres Schildes fuhr und eine tiefe Scharte in dem Metall hinterließ. Zugleich versuchte der Krieger Yuvis durch sein Vorwärtsdrängen aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie stolperte einen Schritt zurück, konnte aber trotzdem einen Schwerthieb anbringen, der AEmric seinerseits zum Zurückweichen zwang. Wieder standen sie einander gegenüber. 
Mittlerweile hatten sich einige Soldaten aus Yuvis Einheit zu ihr durchgekämpft. Aber genau wie AEmrics Untergebene griffen sie nicht in den Kampf ein, sondern schirmten lediglich die beiden Duellanten vor der eigentlichen Schlacht, die um sie herum tobte ab. 
Die Gesichter der beiden Kämpfer zeigten die gleiche erbitterte Verbissenheit und den Umstehenden wurde schnell klar, daß nichts diesen Kampf unterbrechen durfte. Dies war weitaus mehr, als nur eine private Fehde zwischen AEmric und Yuvis. 
Sie kämpften mit unnachgiebiger Härte, Hieb folgte auf Hieb. Beide vergaßen völlig ihre Umgebung, es gab nur sie und ihre blitzenden Klingen. 
Aber Yuvis‘ vorher schon angeschlagenen Kräfte begannen sichtlich zu erlahmen, während AEmric frisch und ausgeruht in diese Konfrontation gegangen war.
Der Söldner lächelte siegesgewiß, als er die zunehmende Erschöpfung im Gesicht seiner Gegnerin ablesen konnte. Er verdoppelte seine Anstrengungen, um zu verhindern, daß Yuvis eine Chance zum Atemholen bekam. Mit mehreren schnell hintereinander geführten Angriffen drängte er sie in die Defensive. Sie konnte nur parieren und hoffen, das keine der Attacken ein Ziel fand.
Aber Yuvis würde sich nicht geschlagen geben. Solange sie noch in der Lage war ein Schwert zu heben, würde sie kämpfen, bis zum Ende.
Irgendwie gelang es ihr, AEmrics Hiebe zu parieren und gleichzeitig Abstand zu ihm zu halten. Als er auf dem inzwischen wieder schlammigen Untergrund ausglitt, wich Yuvis zurück und nutze die Gelegenheit um Luft zu holen.
Ihr blieb jedoch nur ein kurzer Moment der Ruhe, dann drängte AEmric wieder aggressiv vor. Sie staunte, über welche Kraftreserven er verfügen zu schien. Wenn überhaupt möglich wurden seine Angriffe immer stärker. 
Und dann passierte es. Sie konnte einen Schlag mit dem Schwert abwehren, war aber nicht auf den Rückhandhieb gefaßt, den er direkt danach gegen ihre rechte Seite führte. Das Schwert prallte glücklicherweise von ihrem Panzer ab, aber als sie erschrocken die Luft einsog, spürte sie einen stechenden Schmerz, der sie zurücktaumeln ließ. Ein weiterer kraftvoller Hieb AEmrics prellte ihr den Schild aus der Hand. Sofort breitete sich Taubheit im ganzen Arm aus. Vor ihren Augen tanzten schwarze Pünktchen, ihre Kräfte waren beinahe am Ende. 
Es blieb ihr nur noch eine einzige Möglichkeit. Sie blinzelte die Schweißtröpfchen fort, die ihr in die Augen liefen und packte den Griff ihrer Waffe fester. Bisher hatte sie sich bemüht, Abstand zu ihm zu halten, um dem Schildsporn nicht zu nahe zu kommen. Sie mußte AEmric überrumpeln und das konnte sie nur auf eine Art und Weise schaffen.
Yuvis holte trotz der Schmerzen, die sie dabei verspürte, tief Luft und nahm all ihren Mut zusammen. Dann griff sie an.
An AEmrics überraschtem Gesichtsausdruck konnte sie erkenne, das er nicht mehr mit solch einer Aktion gerechnet hatte. Als sie ihr Schwert in einem weiten Bogen hoch schwang, fing er den Hieb wie erwartet mit der flachen Klinge ab. Yuvis nutze ihren Schwung aus, drehte sich mit der Klinge und kam seitlich von AEmric zu stehen. Sie trat mit aller Kraft von der Seite gegen sein rechtes Knie und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Humpelnd zog er sich ein Stück zurück, immer noch auf seine Deckung bedacht. Die plötzliche Aggressivität ihres Angriffes hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hob er den Schild ein wenig an und Yuvis wußte, jetzt mußte sie vorsichtig sein. Denn jetzt würde er den Vorteil des Sporns ausnutzen wollen, um sie auf Abstand zu halten.
Erneut mobilisierte ihre Reserven und griff mit ganzer Kraft an. Dieses Mal ließ sie sich von dem Schild nicht aufhalten. Sie sprang gegen den Schild und spürte einen reißenden Schmerz in der Schulter, als der Sporn zwischen den Gliedern des Kettenhemdes in die Muskeln drang. Aber ihr Zorn verlieh ihr ungeahnte Kräfte.
Trotz aller Gegenwehr stieß der Aufprall AEmric zu Boden, als sein verletztes Knie der Anstrengung nicht standhielt und unter ihm wegknickte. Er riß Yuvis mit sich und wie in einer tödlichen Umarmung lagen die beiden Krieger auf dem schlammigen Untergrund. Ein ungläubiges Keuchen entrang sich AEmric, als er spürte wie der Rand seines Schildes durch seine Kehle schnitt. Er griff sich an den Hals und blickte Yuvis hilfesuchend an. Zwischen seinen Fingern quoll Blut in einem steten Strom hervor und Yuvis sah sofort, daß jede Hilfe zu spät kommen würde. Sie strich ihrem Geliebten die schlamm- und blutverkrusteten Haare aus der Stirn und versuchte, ihre eigenen Schmerzen zu ignorieren. Als AEmrics Augen brachen, spürte Yuvis eine unendliche Pein. Es war, als stürbe in Teil von ihr. 
Völlige Stille herrschte um sie herum, denn die Schlacht hatte sich weiter in die Mitte des Feldes verlagert. Keiner der Männer wagte sich zu rühren. 
Es kostete Yuvis große Kraft, sich zu bewegen, aber irgendwie gelang es ihr, den Arm von dem Schildsporn zu befreien. Sie versuchte auf die Beine zu kommen, aber ihre zitternden Glieder wollten ihr nicht gehorchen. Als sie im Schlamm neben dem Toten kniete, wurde sie erst der Männer gewahr, die in einem Rund um sie herum standen.
AEmrics Söldner waren ebenso schweigsam wie ihre eigenen Leute und erst als sie einen von ihnen ansprach, kam Leben in die Krieger.
Schnell eilte einer fort, um einen Heiler zu suchen, während ein anderer sich um Yuvis kümmerte. Sie blickte sich nach den gegnerischen Söldnern um und sagte stockend: »Geht zu eurem Baron und teilt ihm mit, das AEmric gefallen ist. Im Tod hat er seine Ehre wiedererlangt.«
Keiner der Männer wagte, ihr zu widersprechen, im Gegenteil, sie beeilten sich, vom Schlachtfeld zu kommen.
Yuvis schlug die Augen nieder und kämpfte gegen die starke Schwäche an, die sich in ihr ausbreitete. Es blieb ihr nur noch eines zu tun. Sie zog mit ungeschickten Bewegungen den linken Handschuh aus und beugte sich über AEmric. Sie schloß seine Augen und strich ihm ein letztes Mal über die Wange.
»Thien marr, AEmric. Nara yn ett Aeolus«, ihre Stimme war kaum mehr als ein Wispern, als sie Abschied von ihm nahm.
Als sie sich wieder aufrichtete, durchfuhr sie eine Welle des Schmerzes und ihr Blick verschwamm. Sie hörte wie aus weiter Ferne Hufgetrappel und Stimmengewirr. Das letzte, was sie sah, war Kahels sorgenvolles Gesicht, dann kam die Dunkelheit.

aus: Yuvis' Geschichte (Arbeitstitel)

(c) by Monica Höfkes


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