Am Ende eines jeden Krieges steht die Willkür der Eroberer, und die Lust der Sieger, den Besiegten noch mehr ihre Macht zu zeigen. So oder so - niemand kann sich der Tatsache entziehen, daß es Demütigungen geben wird. Und für die Unterlegenen gibt es wohl nur zwei Wege damit fertig zu werden. Das was ihnen geschieht zu akzeptieren und das Beste daraus zu machen oder aber seinem Leben ein Ende zu setzen.
Sieger und Besiegte
von Christel Scheja
Stechender Schmerz riß
Darudan zurück in das Gefängnis seines zur
Bewegungslosigkeit verdammten Körpers. Mit starren Augen
blickte er auf den Mann, der sich über ihn beugte. Ein Geruch
von Blut, Schweiß, Leder und Tod schlug ihm entgegen. Eine
behandschuhte Hand umfasste sein Kinn und drückte es so hart,
daß Darudan das Gefühl hatte, es würde brechen.
Alles in ihm drängte danach, hochzuschießen und seine
Finger um den Hals den bulligen, braunhaarigen Schwertführers
zu klammern - doch kein Muskel rührte sich.
»Wer ist dieser Kerl?« fragte der Mann unangenehm laut
und blickte über die Schulter zu einer anderen Person.
»Sag mir einen Grund, warum ich dem nicht den Hals
durchschneiden soll, Kleine!«
Schluchzen und Wimmern erklang. Milin lebte also noch! Diese kleine
Närrin hatte seinen Rat nicht angenommen, sich zu töten.
Wieder versuchte Darudan sich aufzubäumen. Vergebens. Das
Duell mit den Priestern hatte ihm jegliche Kraft genommen. Er war
ausgebrannt. Der Körper unterlag seinen eigenen Gesetzen,
nachdem die magischen Kräfte ihn überfordert hatten. Wenn
das Schicksal völlig gegen ihn war, würde er für den
Rest seines Lebens gelähmt bleiben...
»Er ist nur Meister Daruan, der Baumeister und Gelehrte von
Tenplar, Herr und...!«
Der Schwertführer lachte. Das Scharren von Stiefeln und
Räuspern verriet, daß er nicht allein mit Milin war.
Dann blickte der Dunkelhaarige wieder auf Darudan und musterte ihn
mit kalten grauen Augen. »Ein Baumeister und Gelehrter. Gut,
das erspart uns die Mühe, einen aus Yjan-Calliorn kommen zu
lassen. Und dem hier müssen wir nicht mal Geld in den Rachen
stopfen.« Er ließ Darudan los und streifte die
Handschuhe ab. »Er muß am Leben bleiben, bis Tenplar
wieder aufgebaut ist. Dann sehen wir weiter...«
Er entfernte sich ein paar Schritte von der Liege, so daß
Darudan ihn nur noch aus den Augenwinkeln sehen konnte. Ein anderer
Yjan-Calliorner kam in Sichtweite, ein einfacher Soldat.
»Und du, schönes Kind. Bist du seine Tochter oder seine
Hure?« dröhnte die Stimme des Schwertführers durch
den Raum, als er sich Milin zuwandte. Das Mädchen schien
zurückweichen zu wollen, als der Schwertführer seine
Hände ausstreckte. Sie schrie, als Stoff knirschend riß.
Darudan traten Tränen des Zorns in die Augen. Er verfluchte
die Lage, in der er war, hilflos der Willkür des
Yjan-Calliorners ausgeliefert. Nicht einmal Milin konnte er helfen,
die von dem Schwertführer in den anliegenden Schlafraum
gezerrt wurde. Er wußte, was dort geschah: der Mann riß
Milin die Kleider vom Leib, warf sich auf sie, begrub den noch
nicht ausgereiften Körper unter seinem breiten Leib und tat
dem Mädchen Gewalt an. Sie wehrte sich und wurde geschlagen.
Sie lag still und steif da - doch das gefiel dem Krieger
ebensowenig.
Darudans Geist kämpfte gegen die Schwäche an. Milins
Wimmern und Flehen machte ihn rasend. Er konnte sich immer noch
nicht rühren, als jemand in den Raum trat und fragte:
»Ist Worloth hier?«
Metall schabte über Metall - vermutlich steckte der Frager
sein Schwert weg - und er rief jetzt fordernd:
»Worloth!«
»Was ist?« bellte der Schwertführer unwillig,
nachdem er von seinem Vergnügen abgelassen und die Tür
geöffnet hatte.
»Das wilde Weib hat Zomair mit in den Tod genommen, und jetzt
will sein kleiner Bruder Asteg die Burg in Schutt und Asche
legen!«
»Ich werde dem Welpen zeigen, wer hier das Sagen hat«,
knurrte der Schwertführer. »Der soll sich seine Sporen
erst mal verdienen.« Er schien nach draußen zu eilen,
und einen Augenblick herrschte Schweigen. Jemand schien auf die
Tür zum Nebenzimmer zuzugehen.
»Halt!« Stille. »Verschwindet!«
Ärgerliches Gemurmel erklang, und Schritte verrieten,
daß zwei Männer aus dem Raum verschwanden.
Plötzlich tauchte ein Mann mit dunklen Haaren in Darudans
Sichtbereich auf, der ihm sehr bekannt vorkam. Obgleich er
jünger war, und nicht so bullig, war die Verwandschaft zu dem
Schwertführer deutlich zu erkennen. Die Rüstung war
schlammverkrustet, und Darudan erkannt in ihm den Krieger, den er
beinahe im Schlamm erstickt hätte. Und war er nicht auch der
Standartenträger gewesen, den Anjada mit dem Speer erschreckt
hatte?
Der junge Mann musterte Darudan scharf, dann lächelte er still
in sich hinein. Ein kalter Schauer rann durch Darudans Leib. Hatte
der Yjan-Calliorner ihn erkannt und richtige Schlüsse gezogen
- und würde er ihn verraten?
»Wer bist du?« fragte der Krieger jetzt. Die Tür
zum Innenraum klappte wieder auf. »Bitte, Herr!«
schluchzte Milin. »Er ist nur ein Gelehrter. Ein Mann des
Wissens... unser Baumeister und keine Gefahr für Euch. Er
leidet unter der Fallsucht, und der Kampf... Ich
m-möch...!«
»Schon gut, Mädchen!« Der Dunkelhaarige machte
eine beruhigende Geste. »Kümmere du dich um deinen
Gelehrten!« Er stand auf und ging ein paar Schritte, ehe er
orderte: »Und verlasse das Zimmer nicht.« Die Tür
wurde geöffnet und wieder geschlossen.
Milin tappte mit nackten Füßen an Darudans Seite und
kauerte sich neben ihn. Ihr Gesicht war verweint und von
Blutergüssen gefärbt, das Kleid hing in Fetzen von ihrem
Körper. Zitternd ergriff sie Darudans Hand und strich
über die gekrümmten Finger.
Darudan gelang es endlich, diese ein Stück zu bewegen. Das
genügte, um Milin zu beruhigen, die sich die Tränen aus
dem Gesicht wischte und ihn hoffnungsvoll anblickte.
In der ganzen Burg stank es nach Feuer und Verwesung. Der Brand
hatte das Haupthaus verwüstet, ein Teil der Mauern war
eingerissen oder zusammengebrochen. Das Haupttor hing schief in den
Angeln. Darudan stand am Fenster seines Raumes, der wieder zu
seinem Gefängnis geworden war und starrte nach draußen.
Jetzt, nach einer Spanne, hatte sich sein Körper wieder so
weit erholt, daß er sich ohne Anstrengung bewegen konnte. Die
Yjan-Calliorner räumten die Trümmer beiseite und bargen
noch immer Leichen der Bewohner, warfen sie auf Karren und brachten
sie nach draußen zu den Gruben, die Gefangene aus den
Dörfern hatten schaufeln müssen. Nahe des Tores pendelte
ein Körper im Wind: Anjadas Leib, den die Yjan-Calliorner so
zur Schau stellten, um den Willen der handvoll überlebender
Tenplarer endgültig zu brechen. Kaum ein Bewohner hatte den
Fall der Burg überlebt, einige hatten sich lieber von den
Mauern geworfen oder in die Feuer gestürzt, wieder andere
waren in den Kellern, in die sie sich geflüchtet hatten,
erstickt.
Milin hatte ihm diese erschütternden Neuigkeiten zugetragen,
wenn sie ihm das Essen brachte. Das Mädchen selbst war nur
noch ein Schatten seiner selbst. Ihre Augen blickten verzweifelt
und gequält, und ihr Gesicht trug die Zeichen der
Mißhandlungen, denen sie ausgesetzt war. Bei Tisch bediente
sie die Eroberer und wurde wie die übrigen Mägde Opfer
ihrer groben Scherze. Daß die einfachen Soldaten nicht
über sie herfielen, wie es das alte Kriegsgesetz billigte, lag
nur daran, daß einer der Schwertführer, Danyth Kivansay
con Tagor, sie zu seiner Geliebten genommen hatte. Warum hatte sie
sich das nicht erspart?
Doch Darudan hatte nicht das Recht sie anzuklagen: Warum klammerte
er sich in dieser aussichtslosen Lage selber an sein Leben? Seine
magischen Kräfte würden sich erst wieder erholen
müssen - und wie lange das dauern würde, konnte er nicht
voraussehen. Das mochte Spannen oder auch Jahre dauern. So lange
war er tatsächlich ein harmloser Gelehrter, der sich selber
nur mit seinem Verstand wehren konnten. Die Gefahr einer Entdeckung
bestand immer noch, einer der Überlebenden konnte ihn als
Hexer verraten, und dann...
Darudan biß sich auf die Lippen und verdrängte die
düsteren Gedanken und die Furcht die sich seiner
bemächtigte. Er hatte in der Vergangenheit immer einen Ausweg
gefunden - und vielleicht ergab sich im Dienste der Eroberer eine
Möglichkeit...
Befehle gellten über den Hof. Eine Gruppe von Männern kam
auf den Turm zu und stieg die Stufen hoch. Darudan wandte sich vom
Fenster ab und ging langsam zu seinem Arbeitstisch, auf dem die
Pläne der Burg ausgebreitet lagen. Der Schwertführer
wollte sie sehen. Ein Soldat an der Tür beobachtete ihn
mißtrauisch, die Hand auf den Schwertgriff gelegt, als sich
Darudan setzte und nach einer Feder griff. Er kratzte mit der roten
Tinte die Zerstörungen auf das Pergament, als sich die
Tür öffnete und die Männer eintraten. Schritte,
Gemurmel, das Zischen von Stahl. Sein Kopf blieb gesenkt, bis er
die kalte Klinge an seinem Hals spürte.
»Sieh mich an, Pergamentfresser!« erklang eine kalte
Stimme. Darudan gehorchte ruhig und musterte den bulligen
Schwertführer abwartend. Graue Augen betrachteten ihn
prüfend. »Wie ich sehe hast du dich wieder erholt. Die
Fallsucht, wie? Das ist eine Krankheit, wie sie nur
Schwächlinge zeigen können, Daruan aus Altaglin. Oh,
erstaunt, daß ich deinen Namen kenne? Die Kleine hat ihm mir
gesagt...«
Darudans Mundwinkel zuckten. »Ich...«
Der Druck der Klinge an seinem Hals verstärkte sich. »Du
redest nur, wenn du gefragt wirst. Verstanden?«
»Ja, ich habe verstanden«, preßte Darudan hervor.
Warum hatte sich das überhebliche Verhalten von Kriegern in
all den vergangenen Jahrhunderten nicht verändert? In seinem
Inneren brodelte die Wut und vermischte sich mit seinem Abscheu,
während er keine dieser Regungen nach außen dringen
ließ.
Worloth Kivansay con Tagor zog das Schwert zurück und grinste
böse. »Ich sehe, du lernst schnell. Ich habe dich am
Leben gelassen und nicht neben dem wilden Weib am Tor
aufgeknüpft, weil du von Nutzen für uns bist, Baumeister.
Du wirst die Burg wieder aufbauen, dann kannst du weiterhin den
Staub deiner Bücher atmen und deine Pergamente vollkritzeln.
Wenn du dich allerdings weigerst, können wir das
Versäumte nachholen.«
Darudan kniff die Augen zusammen. Den Yjan-Calliornern helfen? Und
wer sagte, daß der Schwertführer sein Wort hielt? Er
blickte in die grauen Augen seines Gegenüber und erkannte,
daß dieser hier und jetzt eine Antwort erwartete.
»Ich werde tun, was ihr verlangt«, erwiderte er und
bemühte sich, einen unterwürfigen Eindruck zu machen.
Der Schwertführer nickte zufrieden. »Und komme
bloß nicht auf dumme Gedanken. Ein böser Trick, ein
Fehler, und du kannst zuschauen, wie meine Männer dein
hübsches blondes Püppchen zu Tode reiten.«
Darudan fuhr ein Stück hoch, dann ließ er sich wieder
auf den Stuhl sinken, während das Gelächter des
Schwertführers durch den Raum gellte. Sein Verstand ermahnte
ihn, nichts Unbedachtes zu tun.
»Ich sehe, wir verstehen uns!« brummte Worloth con
Tagor, dann winkte er jemanden nach vorne, den Darudan bisher nicht
hatte sehen können. Der schlanke Jüngling mit den
dunkelblonden Haaren reichte dem Schwertführer gerade bis zur
Schulter. Eisblaue Augen musterten Darudan wachsam, der sich heftig
anspannte: der Bursche trug zu allem Überfluß die
Gewänder eines Priesterschülers!
»Das ist Jomiro con Aisar, und ein Diener des Ylcar. Er wird
dir als Gehilfe beistehen...«
'...und jeden meiner Schritte mit argwöhnischen Augen
überwachen. Kann alles noch schlimmer werden, als es jetzt
schon ist?' Darudan atmete tief ein und aus, dann nickte er
schicksalsergeben. Er hatte im Moment keine andere Wahl, als alles
über sich ergehen zu lassen.
aus: Die Talastan
Chroniken
Im Schatten von Krieg und Glauben
Geschichten aus dem wildbewegten 28. Jh
(c) by Christel Scheja