Deutlich besser als die eigentliche Schlachtszene ist mir diese hier gelungen, die im Anschluß statt findet. Sie entstand erst ein halbes Jahr, nachdem ich Eine Flöte aus Eis offiziell für vollendet erklärt hatte, denn ich hatte bei der ersten Überarbeitung das Gefühl, daß die eigentlichen Schrecken fehlten - zwar hatte ich soeben meine Heldin getötet, aber alles war noch zu sauber, zu heldenhaft und steril. Es gibt nur wenige Szenen in Felders Perspektive. Leider. Vielleicht wäre das Buch sonst besser geworden.


Leichenfleddern

von Maja Ilisch


Lonnìl hatte nichts von dem, was mit Morren geschehen war, mitbe­kommen. Er kauerte am Boden, und die Welt stand für ihn still. Es gab nur noch Schwinge, die in seinen Armen lag. Erst als Fel­der an ihn herantrat und ihm die Hand auf die Schulter legte, sah er auf. Sein Blick fiel auf Morren, der scheinbar untätig herumsaß, und er schrie ihn verzweifelt an.
»Tu etwas, Zauberer! Du kannst sie retten, du hast die Macht dazu! Warum tust du nichts?«
»Das kann und darf ich nicht«, sagte Morren. »Es ist zu spät.«
»Aber sie darf nicht sterben! Es ist nicht gerecht!«
»Das Leben ist nicht gerecht, Lonnìl. Daran wirst du dich gewöhnen müssen.« Die Stimme des Zauberers klang leise und sanft. Vielleicht hätte er Schwinge retten können, aber er mußte viel Kraft verloren haben.
Schwinges Augen waren geschlossen, ihr Gesicht entspannt, als ob sie nur schliefe. Doch ihre Tunika war blutdurchtränkt, da, wo das Schwert eingetreten war. Lonnìl hielt die Elfe fest an sich ge­drückt. Tränen liefen über das Gesicht des großen Mannes.
»Nein«, sagte Felder. »Es ist gerecht. Sie ist genau den Tod gestorben, den sie verdient hatte.«
»Wie kannst du so etwas sagen?« schrie Lonnìl. »Sie war viel zu jung, um zu sterben!«
»Jung?« fragte Felder. »Was meinst du mit ‘jung’? Sie war mehr als drei­hundert Jahre alt! Egal, wie sehr wir uns anstrengen, wir werden doch nur einen Bruchteil davon erreichen können. Sie hat ihr Leben ge­habt, und sie ist auf eine Art gestorben, wie man es einer Jägerin nur wünschen kann: Schnell, und in einem Kampf.«
Seine Worte verfehlten ihr Ziel. Lonnìl sah Felder nur noch anklagender an.
»Du hast sie nie gemocht! Ihr Tod geht dir nicht einmal nahe. Du bist gar nicht in der Lage, um irgend jemanden zu trauern!«
»Wenn wir um jemanden trauern, dann trauern wir doch in Wirklich­keit nur um uns selbst, weil wir in Zukunft ohne diese Person aus­kommen müssen. Der Tod ist Bestandteil unseres Lebens. Es ist wahr, es herrschte keine Freundschaft zwischen mir und Schwinge. Sie mochte mich nicht, und ich mochte sie nicht, aber ich habe sie respek­tiert. Ich trauere nicht um sie, aber ich zolle ihr eine letzte Ehre, indem ich sage, daß sie zumindest  einen guten Tod hatte.«
Aber es war unmöglich, Lonnìl jetzt zu trösten. Er wollte in seinem Leid alleine sein, und Felder wußte nicht, was er noch hätte sagen sollen. Schwinges Tod war ihm nicht wirklich gleichgültig. Er berührte ihn nur auf andere Weise. Um Lonnìl irgendwie seine Anteilnahme auszudrücken, stieß Felder das Schwert neben ihm in die Erde, als Zeichen dafür, daß es immer noch seines war. Lonnìl merkte es nicht. Erst jetzt fiel Felder auf, daß seine Klinge fast bis zum Heft blutverschmiert war. Natürlich. Irgendwo mußten diese Toten schließlich herkommen. Langsam begriff Felder, was er da gerade überlebt hatte und weswegen ihm so übel dabei geworden war. Plötzlich spürte er auch seine Verletzungen wieder. Jeder Atemzug bereitete größere Schmerzen. Felder blickte an sich herunter. Er war über und über blutbesudelt, und er konnte sich unmöglich einreden, daß es nur das seiner Gegner war. Fahrig, mit Händen, die plötzlich zitterten, wand er sich aus den Resten seines Hemdes. Wenn das Blut erst einmal geronnen war, würden alle Wunden wieder aufreißen, sobald er versuchte, auch nur sein Wams abzulegen. Schwinge hatte jedesmal einen Aufstand gemacht, wenn er ohne Hemd herumlief. Aber Schwinge war tot, und überhaupt war es Felder herzlich egal, was sie von ihm dachte.
Keil stand reglos einige Schritt entfernt. Sein Blick war starr auf die Flöte gerichtet, die er in seinen Händen hielt. Felder ging zu ihn hin­über.
»Wie geht es dir?« fragte er. Es war nicht unbedingt das, was er hatte sagen wollen, aber der Elf reagierte sowieso nicht darauf. Felder wußte nicht, was er sonst noch hätte tun können, und er haßte es, untätig herumzustehen und sich nutzlos vorzukommen. Außerdem mußte er sich irgendwie davon ablenken, daß sein Arm blutete und pochte, und das gleiche galt für die Stelle über seinen Rip­pen, wo es ihm um ein Haar die Seite aufgerissen hatte. Am liebsten hätte er auf irgend etwas eingedroschen, aber hier gab es nichts Geeignetes, und außerdem gehörte das Schwert jetzt wieder Lonnìl. Schließlich fiel sein Blick auf einen von den Männern, die sie nieder­gemacht hatten. Sein Schwert lag neben ihm. Er würde es nicht mehr brauchen. Und bestimmt hatte er noch andere nützliche Sachen bei sich, ebenso wie seine toten Kumpanen. Für einfache Bauern waren diese Männer bemerkenswert gut ausgerüstet. Aber vielleicht waren es ja auch junge Landadlige.
Seine Schmerzen ignorierend, kniete Felder sich hin und wälzte den Toten herum. Wer ein derart feines Schwert hatte, der besaß auch den passenden Dolch dazu. Und tatsächlich - er trug ihn an seinem Gürtel, in einer hübsch verzierten Scheide. Es war kein Problem, beides an sich zu nehmen, denn offensichtlich war auch der Gürtel durchtrennt worden, als das Schwert dem Mann den Bauch aufriß. Ein lederner Geldbeutel, blutverschmiert, aber prall gefüllt, weswegen Felder auch diesen an sich nahm. Ein Räuber durfte nicht zimperlich sein. Er hatte diesen Kerl ehrenvoll im Kampf besiegt, und nun war es sein gutes Recht, die Wertgegenstände an sich zu nehmen. Was sollte ein Toter auch damit? Aber der wohl erfreulichste Ausrüstungsgegenstand des Erschlagenen war seine Feldflasche. Nicht mehr viel drin, aber es war immer noch besser als nichts. Gierig trank er. Vielleicht hatten die anderen Toten noch mehr. Eine Sekunde lang schoß Felder durch den Kopf, was für einen Anblick er in diesem Moment bieten mochte, wie er halbnackt, blutbesudelt und abgerissen die Taschen von toten Männern ausleerte, gleich einer Krähe, die über ein Stück Aas herfiel. Aber was sollte er jetzt noch mit einem Gewissen? Es war sicherlich verwerflicher, diese Menschen getötet zu haben, als sie nun auszurauben. Und in der Reihe der Leute, die er schon umgebracht hatte, fielen sie auch nicht weiter ins Gewicht. Felder hatte nur, wie jedesmal nach einem Kampf, aus dem er siegreich hervorgegangen war, das dringende Bedürfnis zu trinken. Immerhin hätte es genauso gut er sein können, der da lag.
Gerade als er sich wieder aufrichten wollte, hörte Felder ein leises, gurgelndes Röcheln. Der Mann war überhaupt noch nicht tot! Einen Moment lang wurde Felder übel. Wenn bei einem Toten die Gedärme freilagen, war das nicht weiter tragisch. Aber bei einem Lebendem … Egal, was dieser Mann getan hatte, als er das Elfendorf überfiel, zumindest hatte er das Grundrecht, das Felder jedem zubilligte: Einen angenehmen, schnellen Tod. Ohne noch länger zu zögern, zog er den neuen Dolch aus der Scheide und durchschnitt mit einer schnellen, glatten Bewegung die Kehle des Mannes. Das Röcheln verstummte. Die Klinge war wirklich gut. 
Felder wischte sie an einer Stelle im Gras ab, wo es noch sauber war, denn das Blut schien hier wirklich überall zu sein, und befestigte dann die Scheide an seinem Gürtel. Es juckte ihn in den Fingern, nun auch das Schwert auszuprobieren, und er stand vorsichtig auf. Bis die Wunden richtig verheilt waren, würde er sich etwas schonen müssen, aber das war schon in Ordnung. Das hier war kein Anderthalbhänder, sondern eine reine Einhandwaffe, und so würde er den linken Arm in der nächsten Zeit nicht unbedingt brauchen. Und was die andere Stelle anging - das war nur eine Fleischwunde, ein groß geratener Kratzer, der schlimm aussah, aber keine Folgen außer einer weiteren interessanten Narbe mit sich bringen würde.
Die Schmerzen in seinem Arm und seiner Seite endeten schlagartig. Felder sah an sich hinunter und konnte einen Aufschrei knapp verhindern. Dort, wo eben noch die frischen Wunden geklafft und geblutet hatten, war nun nichts mehr zu sehen als unversehrte, sonnengebräunte Haut, als hätte er sich alles nur eingebildet. Alles, was er nun noch spürte, war der Blick des Zauberers, und er drehte sich um, das Schwert erhoben.
»Du schaffst es jedes Mals aufs Neue, mich in Erstaunen zu versetzen«, stellte Morren trocken fest. »Jedesmal, wenn ich denke, du kannst nicht noch tiefer sinken, überzeugst du mich vom Gegenteil. Nun bist du also auch noch ein Räuber geworden.«
»Hast du was dagegen?« fragte Felder. Das Schwert lag gut in seiner Hand, wenn es auch ein Stück kürzer und leichter war als sein altes. »Irgendwas muß ich schließlich tun.« Es war ein gutes Schwert. Vielleicht würde er es eines Tages Schwert nennen. In nächsten Moment stellte er bedauernd fest, daß Morren ihn schon wieder nicht bloß geheilt, sondern auch ausgenüchtert hatte. Nun waren auch die kleinsten Spuren des Rausches weggewischt, und um ihn war nichts mehr als ein entsetzliches Schlachtfeld, auf dem ein Gemetzel stattgefunden hatte. In der Luft überlagerte sich der Blutgeruch mit dem stechend süßlichen Gestank von verbranntem Fleisch. Und Felder, der so oft dem Tod gegenübergestanden hatte, merkte, daß er kurz davor stand, sich zu übergeben.

aus: Eine Flöte aus Eis

(c) by Maja Ilisch


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