Immer noch der Krieg zwischen Doubladir und Loringaril, diesmal ein Text aus dem April 2001. Hier sind die Parallelen nicht so stark ausgeprägt - was ich im Sinn hatte, war eine Art Dreißigjähriger Krieg in einer Zeit der beginnenden Industrialisierung. Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen und habe daher mehr Erfahrung mit dem Bergbau als mit dem Krieg. Ich hoffe, daß es so bleibt ... Der Titel dieses Kapitels stammt aus einem alten Antikriegslied, wo es heißt »Folgt nicht der Trommel Ton«. Gavens Vater ist meine Lieblingsfigur in dieser Szene, er ist meinem eigenen Vater sehr ähnlich. Ich wette, er hätte das gleiche getan.
Der Trommel Ton
von Maja Ilisch
An diesem Abend wurde die
Arbeit abrupt unterbrochen, aber ausnahmsweise lag das nicht an
Varyn. Er schien sein Versprechen wahr machen zu wollen und
verschonte seine Umgebung mit Anfällen. Natürlich
arbeitete er viel zu schnell - nicht nur für Gavens Geschmack
- aber das konnte man ihm wohl auch kaum noch austreiben. Er war so
stark, daß er sich nicht einmal besonders anstrengen
mußte - einen Moment lang ertappte Gaven sich bei dem Wunsch,
eines Tages so zu sein wie Varyn, zumindest so stark - aber dann
schüttelte er den Kopf und war froh, daß seine
Geschwister nicht hören konnten, was er dachte. Nur weil Varyn
einmal einen guten Tag hatte, hieß das nicht, daß alles
wieder so war wie früher.
Sie arbeiteten schweigend und konzentriert - die Hacken machten
schon genug Lärm. Draußen hätte ein Feuer
ausbrechen, ein Erdrutsch niedergehen können - im Tunnel
wäre nichts davon zu hören gewesen.
So dauerte es auch etwas, bis sie begriffen, daß jemand am
Stolleneingang stand und ihnen etwas zurief. Die Worte kamen in
Bruchstücken an, als hätte die Hacke sie zerschlagen, und
nichts war mehr zu verstehen. Varyn hielt inne und hob die Hand -
natürlich, die besten Ohren hatte er auch -, und wie
früher hörten Gaven und seine Geschwister auf ihn.
»Was ist los?« rief Varyn. »Wir arbeiten
hier!«
»Kommt raus!« wehte eine leise Stimme zu ihnen, nur ein
Hauch, verglichen mit Varyns Dröhnen. »Hier gibt es
was!«
Gaven konnte nicht erkennen, wer das war - jemand von den
Bergleuten konnte es nicht sein, denn die wären
hereingekommen, statt sich da draußen heiserzubrüllen.
Also jemand aus dem Dorf?
»Pavlik«, erwiderte Varyn, als hätte er die
Gedanken gehört, und er sagte es mit solcher
Selbstverständlichkeit, daß Gaven einen Moment lang
Angst bekam vor dem, was Varyn sah. »Ich werde mal
nachschauen.«
»Wir kommen alle mit«, sagte Edrik. »Glaub
bloß nicht, du bekommst als einziger von uns eine
Pause!«
Aber Varyn lachte nur. »Ich dachte, ihr könnt die Zeit
nutzen, um ein bißchen von dem aufzuholen, was ich
vorgearbeitet habe.«
Er lief zum Ausgang, bevor sie ihn schlagen konnten, also blieb
ihnen nichts anderes übrig, als ebenfalls zu lachen und ihm zu
folgen.
Draußen stand Pavlik in seinen speckigen Ledersachen,
verschwitzt und kaum weniger voll Ruß als die anderen voll
Kohle.
Aber bevor sie ihn fragen konnten, was denn nun los war,
hörten auch sie die Trommeln, ein tiefes fröhliches
Dröhnen.
»Die Spielleute sind gekommen!« rief Noran.
Doch Pavlik schüttelte verächtlich den Kopf.
»Hättet ihr wohl gerne! Nein, das ist was besseres. Die
Soldaten sind da.«
Er blickte Varyn einen Moment lang an, als wolle er sagen
’Sie sind gekommen, um dich mitzunehmen,
Verrückter.’ Er sagte es nicht, doch es lag in seinen
Augen. Gaven biß die Lippen zusammen - so etwas auch nur zu
denken, stand niemandem
außerhalb ihrer Familie zu. Schließlich waren sie auch
diejenigen, die unter Varyn zu leiden hatten. Doch Varyn
lächelte nur , sein übliches Red-du-nur-ich-bin-besser-als-du-Lächeln
und sah dem Schmiedejungen so lange und so fest in die Augen, bis
dieser den Blick abwandte. Wer wurde auch schon gerne von einem
Verrückten angestarrt?
»Nun gut«, sagte Varyn schließlich. »Ich
werde es mir einmal ansehen. Ihr anderen könnt solange
weiterarbeiten.«
Aber noch bevor Gaven oder eines seiner Geschwister protestieren
konnten, war Pavlik schon dazwischengegangen. »Nichts da! Ihr
müßt alle hin, das heißt - bis auf Noran, alle
Männer müssen sich versammeln. Ist euer Vater nicht da
drin?« Mit einem schmutzigen Daumen deutete er in Richtung
Stollen.
Die Kohlenkinder lachten. »Weißt du nicht, daß
wir drei von der Sorte haben? Vater ist im Oststollen - zusammen
mit den Kleinen, und Farkin, und Latar. Dann sag ihnen mal
schön Bescheid! Wir folgen dem Ruf!« Dem dumm
dreinblickenden Pavlik schnitten sie noch ein paar Gesichter - das
heißt, zumindest Gaven tat das, denn mit den großen
Jungen konnte ihm nichts passieren - als sie zum Dorfplatz
hinunterliefen.
Dort waren tatsächlich beinahe Männer des Dorfes
versammelt - »Fast so viele wie abends im Wirtshaus«,
flüsterte Edrik Gaven zu - und auch ein großer Teil der
Frauen. Aber Gaven hatte kein Auge für sie. Er sah nur die
Reiter.
Fünf Männer auf riesigen schwarzen Pferden - keine
klapprigen Ackergäule, sondern richtige Hengste,
Streitrösser, unter deren Leib zumindest Alsa bequem
hätte durchspazieren können. Und auch die Männer
waren beeindruckend in ihren Rüstungen aus schwarzem Leder und
gehärtetem Stahl, ihre Gesichter verborgen im Schatten der
Helme.
»Das königliche Kriegsheer«, wisperte Noran
atemlos. Gaven konnte nur nicken. Das Heer war legendär - seit
Gaven sich erinnern konnte, hatte sich nie auch nur ein Soldat in
das Tal verirrt; nur Geschichten ihrer Heldentaten mit den
Händlern, den Reisenden und Erzkarren. Und nun gleich
fünf auf einmal!
Keiner von ihnen rührte die Trommel. Das war ein Junge,
vielleicht so alt wie Gaven, aber wahrscheinlich noch jünger,
der kein Pferd hatte und keinen Helm, aber auch schon Stahlplatten
auf seiner Lederkleidung. Seine Haare flatterten im Wind, und er
sah stolz aus, stolz und glücklich und frei … Gaven
konnte nicht sagen, wie sehr er ihn beneidete.
Varyn schob sich bis nach vorne durch, anstatt sich in die hintere
Reihe zu stellen, und Gaven und die anderen quetschen sich hinter
ihm her - in diesem Moment konnten sie Brüder sein, solange
sie alle gut sehen konnten. Einige Männer drehten sich um, als
sie beiseitegeschubst wurden, doch sie sagten nichts. Allein
hätte Gaven nichts von dem wagen können, was Varyn hier
tat. Es war toll - fast ein wenig wie früher …
Aber Varyn tat nur so, als ob alles in Ordnung war. Er war viel zu
aufgekratzt, auch ohne zu schreien und sich auf dem Boden zu Gaven
ahnte, daß er jeden Moment durchdrehen konnte, und hier, vor
all den Leuten und den Soldaten … Plötzlich bereute er
es, daß sie in der ersten Reihe standen.
Auch die Reiter bemerkten sie, blickten zu ihnen hinunter. Gaven
bemühte sich, unerschrocken zurückzuschauen.
»Sind das jetzt alle?« fragte der größte der
Reiter, ein noch recht junger Mann mit kurzem, hellen Bart. Seine
Stimme war laut, klang aber so, als ob er sich noch
zurückhielt. Wie laut mußte man brüllen, um ein
Schlachtfeld übertönen zu können? Gaven schauderte
es, auf diese angenehme Art, wie wenn man eine Gruselgeschichte
hörte.
Der Schmied schüttelte den Kopf. »Einer fehlt
noch.«
An Gavens Seite zischte Varyn durch die Zähne. »Sicher,
jetzt muß er tun, als ob er der Dorfvorsteher ist! Soldaten
und Waffenschmiede gehören zusammen.« Er spuckte aus,
nicht verächtlich, sondern so, wie sie es immer taten -
Bergleute durften spucken, wo immer sie gerade waren. Aber der
General - Gaven hatte beschlossen, daß der Mann mit dem
hellen Bart ein General war - schien das nicht zu wissen, denn er
lehnte sich vor und zog drohend die Augenbrauen zusammen.
Vielleicht hatte er auch Varyns Worte gehört … Gaven
stieß Varyn in die Rippen und hoffte, daß der General
auch das bemerken würde.
»Das ist egal«, bellte der Blondbärtige. »Er
wird es schon noch erfahren. Wir können nicht auf alle
warten.«
Ein Lachen glitt durch die Menge, das Gaven verletzte, weil es
immerhin um seinen Vater ging. Auch Varyn lachte, aber er drehte
sich dabei zu Gaven um und zwinkerte. »Denk doch mal
nach!« wisperte er. »Pavlik fehlt doch auch noch! All
die Rennerei für nichts!« Nun mußte auch Gaven
grinsen, aber er biß die Lippen zusammen.
Mit einem Wink bedeutete einer der Reiter dem Trommler, lauter zu
schlagen. Das Dröhnen schwoll an, und als das Lachen endlich
verstummte, schwieg auch die Tommel. Es hatte gewirkt.
»Es herrscht Krieg!« schrie der General. Gaven machte
erschrocken einen Schritt rückwärts - sein Vater konnte
anständig brüllen, Edrik gab sich alle Mühe, und
Varyn tat es zu oft - aber dies … Er stolperte gegen
jemanden, der hinter ihm stand, aber es war nur Edrik.
»Loringaril hat uns den Krieg erklärt! Sie haben Blut
aus Vigilanders Volk vergossen! Und wißt ihr, was das
heißt?«
Bevor irgend jemand - bevor Varyn - antworten konnte, holte
Gaven Luft und rief, so laut er konnte: »Rache!«
Von zwei, drei anderen Stellen in der Menge ertönte der
gleiche Schrei, doch Gaven stellte zufrieden fest, daß er der
erste war.
Die Reiter lachten, tief und laut und rollend - und grimmig.
»Genau. Rache«, wiederholte der schwarzbärtige
Reiter ganz links.
»Und an wem«, fuhr der General fort, »ist es nun,
diesen Mord zu rächen?«
Gaven zögerte nicht und dachte auch nicht nach, außer
darüber, daß er seinen Vorsprung weiter ausbauen
mußte. »Vigilander!«
Aber nun lachte der General höhnisch. »Ja, euer
König rächt sein Land - natürlich stimmt das.«
Gaven preßte den Mund zusammen. Er hatte den Engel gemeint -
nicht den König. »Aber wer soll an seiner Seite
streiten, wenn ihr alle auf der faulen Haut liegt?« Langsam
wurde Gaven sauer. Ihre Arbeit hatte weniger mit Faulheit zu tun
als das, was der General machte, herumreiten und brüllen.
»Es ist an euch allen, diese Bluttat zu rächen. Euer
Land, euer König und euer Engel brauchen euch!«
Im Hintergrund fragte eine rauhe, ruhige Stimme: »Ihr seid
gekommen, um unsere Söhne anzuwerben?«
Gaven schrak zusammen, als er seinen Vater erkannte, und drehte
sich um, doch er konnte ihn nicht sehen zwischen all den
Leuten.
»Nein«, sagte der General, und das Lachen war wieder in
seiner Stimme, ein unangenehmes, höhnisches Lachen. »Wir
sind gekommen, um alle kriegstauglichen Männer aus diesem Dorf
einzuziehen.«
Erst an dem dreckigen
Lachen aus dem Hintergrund merkte Gaven, daß noch mehr Fremde
als die Reiter ins Dorf gekommen waren. Dort am Rand hockten
Männer und junge Burschen, die sich in ihrer Kleidung nicht
von den Dörflern unterschieden, aber nicht hierher
gehörten - wahrscheinlich im Nachbardorf angeworben …
Die jüngsten von ihnen sahen kaum älter aus als Gaven
… Aus seinen Zehenspitzen stieg eine freudige Spannung in
Gaven auf, und er reckte sich, um größer auszusehen.
Raus aus dem Tal! Raus aus der Mine! Gleich würde der General
alle aussortieren, die er für geeignet hielt - und wehe, Gaven
war dann nicht dabei! So eine Gelegenheit gab es niemals wieder.
Nicht vor dem nächsten Krieg, jedenfalls.
»Das geht nicht!« rief sein Vater. »Laßt
mich durch!«
Die Leute bildeten eine Gasse. Gaven freute es, daß alle
Leute Respekt vor seinem Vater hatten - so würden sie eines
Tages auch vor ihm zurückweichen … Aber ich werde derjenige sein, der auf
dem Pferd sitzt. Ich werde der in der Mitte sein, der auf dem
Pferd.
»Ihr könnt unsere Söhne nicht haben«, sagte
sein Vater zum General. »Und auch nicht unsere Onkel,
Vettern, Brüder und Väter.«
’Nur den Bastard könnt ihr haben’, setzte Gaven im
Kopf hinzu und schielte zu Varyn hinüber. ’Der ist mit
niemandem hier verwandt.«
Aber der General war nicht beeindruckt. Er setzte die Hände
auf die Hüften und blickte hinunter auf den Mann vor ihm -
verglichen mit dem Schmied, war Gavens Vater schmächtig, und
er mußte sich sehr beeilt haben, um auf den Dorfplatz zu
kommen, denn sonst ging er niemals unter die Leute, ohne sich den
Kohledreck abgewaschen zu haben. Gaven wußte nicht, ob er in
diesem Moment stolz auf seinen Vater sein sollte oder sich seiner
schämen. In diesem Moment wäre er lieber der Sohn des
Schmiedes gewesen.
Der General lachte nur. »Guter Mann, ich habe eine Urkunde
mit dem Siegel des Königs!«
»Und ich«, sagte Gavens Vater nicht minder
unbeeindruckt, »habe ein Bergwerk. Ondreg da hat eine
Schmiede. Askir und Vernon haben eine Eisengießerei.
Das hier ist kein einfaches Bauerndorf, das ihr für euren
verdammten Krieg melken könnt. Ohne unser Dorf, ohne unsere
Männer wird es euren Krieg nicht geben.« Er drehte sich
um und blickte die Dorfleute an. »Euch ist klar, daß
ein Krieg Arbeit bedeutet? Mehr Waffen brauchen mehr Stahl, und
mehr Stahl mehr Kohle. Ich muß einen neuen Stollen aufmachen,
und wir werden Nachtschichten einlegen. Wer in der Lage ist, eine
Hacke hochzuheben, kommt zu mir. Alle übrigen Männer
melden sich bei Vernon, die Blasebalge dürfen nicht
stillstehen. Und Ondrek« - er nickte dem Schmied zu -
»du suchst dir deine Männer selbst raus, nicht
wahr?«
Diesmal waren es die Leute aus dem Dorf, die lachten, und Gaven
lachte mit ihnen - er wünschte sich nichts mehr, als mit den
Soldaten ziehen zu dürfen, aber es gefiel ihm, wie dumm dieser
aufgeblasene Blondbart aus seiner Rüstung guckte, als sich
Gavens Vater wieder ihm zuwandte.
»Ihr seht, in unserem ganzen Tal gibt es niemanden, den ihr
einziehen könnt. Wir werden Euch und Eure Männer gerne
beherbergen und verpflegen - aber wir behalten unsere Söhne.
Und unsere Töchter auch.«
An Gavens Seite klatschte und johlte Varyn mit den anderen - aber
als Gaven das nächste Mal zu ihm hinüberblickte, war er
fort.
aus: Die Chroniken der
Elomaran
Drittes Buch: Dämmervogel
(c) by Maja Ilisch