Dieser Jurik ist weder verwandt noch verschwägert mit Jurik oder Hauptmann Mendrion aus den »Chroniken der Elomaran«, sondern mein langspielter AD&D-Charakter, Mitglied der legendären »Without Bloodhound Gang«, Bauernsohn und karrieregeiler Söldner. An seine Vergangenheit denkt er allerdings nur ungern zurück, vor allem an sein erstes eigenes Kommando, das komplett in seine Einzelteile zerlegt wurde...
Dreihundert Mann, bis auf
zehn
von Maja Ilisch
Sprecher mit dem Tod,
hörst du, was die Stimmen rufen?
Sprecher mit dem Tod, kannst du sagen, wie es ist?
Tu uns ihre Wahrheit kund, daß auch wir sie hören:
Stimme sei und Mund, daß man sie nicht
vergißt.
Es war noch früh am
Morgen, und die aufgehende Sonne tauchte den Fluß in ein
rötliches Licht, als sei die ganze Welt in Blut gebadet. Das
Gras unter Juriks Füßen war naß und schwer vom
Tau, und die langen Halme schlugen gegen seine Stiefel und
machten das Leder dunkel. Aber es war ein schöner Morgen, ein
schöner friedlicher Morgen an einem schönen Fluß,
der munter vor sich hin rauschte … Nichts erinnerte mehr an
das Blut und die Toten, keine Tafel, kein Stein. Nur Jurik
erinnerte sich, und er wußte, daß er den richtigen Ort
gefunden hatte. Dies war der Fluß, und die
Furt. Hier waren die zweihundertundneunzig gestorben.
Die Zeit hatte der Schlacht einen Namen gegeben, doch für
Jurik war dieser Ort namenlos. Es war nicht nötig. Man gab den
Dingen Namen, um sie nicht zu vergessen …
Es war die richtige Stelle. Mit der Spitze seines Schwertes
stocherte Jurik im Boden, bis er die Knochen unter dem Gras
freigelegt hatte. Dies- wie jenseits der Furt, man konnte graben wo
man wollte und wurde doch immer fündig. Es gab genug Tote
hier, jene, die nicht der Fluß mit sich fortgerissen hatte
… Vorsichtig ging Jurik in die Knie und hob den Schädel
auf. Es war der eines Menschen, schmutzig und naß. Jurik rieb
mit seinem Ärmel darüber und blickte in die leeren
Augenhöhlen wie in die eines toten Freundes. Aber in ihm
rührte sich keine Erinnerung, kein Name, kein
Gesicht.
»Bitte«, sagte Jurik. »Bitte, gib mir
Antwort.« Der Schädel schwieg. »Bitte, sag mir,
daß ich nicht versagt habe.« Zweihundertneunzig tote
Männer. »Bitte, sag mir, daß ich ein guter
Hauptmann war.« Von dreihundert. »Bitte, sag mir,
daß ich mein Bestes gegeben habe.« Wer kannte noch ihre
Namen? »Sag mir, daß ich es zumindest versucht
habe!«
Der Schädel antwortete nicht. Er hätte nicht toter sein
können, und nicht namenloser …
Jurik erwachte mit Schrecken und doch glücklich, keine
Antwort erhalten zu haben. Keine Antwort war besser als ein 'Nein'.
Schwer atmend setzte er sich auf und schon seine Decke beiseite.
Ihm war kalt, und doch meinte er, unter der Wolldecke ersticken zu
müssen. Um ihn herum lagen seine Gefährten und schliefen
friedlich, bis auf den Elfen, der Wache saß. Doch auch er
hatte Jurik wachsam in die Nacht spähend den Rücken
zugedreht. Die Nacht war ruhig, und sicher.
Jurik atmete tief durch und wollte sich schon wieder schlafen
legen, als er eine Stimme hörte, mehr in als neben
sich.
»Wir sind nicht für dich gestorben,
Hauptmann.«
Jurik fuhr zusammen und blickte sich erschrocken um. Es war
dunkel, aber im Mondlicht konnte er vage die Umrisse des
Schädels ausmachen. Er griff nicht danach.
»Nicht für mich«, murmelte er. »Für
die Furt.«
»Niemand gibt sein Leben für eine Furt«,
antwortete der Schädel höhnisch. »Wir sind für
das Geld in die Schlacht gezogen, das Geld, das die Sieger
erhalten. Wir haben es nie zu Gesicht bekommen.«
Jurik war froh, nicht erkennen zu können, ob der Schädel
sich beim sprechen bewegte. Die Stimme genügte ihm schon.
»Es tut mir leid«, sagte er leise.
»Wieso?« fragte der Schädel zurück.
»Du hast überlebt.«
Jurik ging nicht darauf ein. »Warum bist du jetzt hier? Wie
kommst du her? Warum läßt du mich nicht in Ruhe
schlafen?«
»Warum läßt du mich nicht in Ruhe
schlafen?« schnatterte der Schädel. »Warum
läßt du mich nicht in Ruhe schlafen? Weil du mich
geweckt hast! Wenn du den Toten Fragen stellst, mußt du damit
rechen, Antworten zu bekommen.« Pause. »Und willst du
die Antwort wissen?«
Jurik nickte ins Dunkel.
»Die Antwort ist Nein«, sagte der Schädel.
»Beschwer dich nicht darüber, du hast
schließlich gefragt. Und so muß es doch sein, so hat
alles seine Richtigkeit, nicht wahr? Die Lebenden stellen den Toten
Fragen. Wäre doch schlimm wenn umgekehrt … Soll ich dir
ein paar Fragen stellen?«
Jurik konnte nichts dagegen sagen. Er hatte
angefangen.
»Wer war ich?« fragte der Schädel. »Was war
mein Name?«
»Tut mir leid«, flüsterte Jurik. »Das
weiß ich nicht. Du bist … nur ein Totenkopf. Ich
weiß nicht, wer von den zweihundertundneunzig du
warst.«
»Oh!« johlte der Schädel. »Du hast rechnen
gelernt! Jetzt sind wir sogar schon zweihundertneunzig, nicht mehr
'Dreihundert Mann bis auf zehn' - Dann sag mir einen anderen Namen.
Irgendeinen der anderen. Einen von zweihundertneunzig … Das
kann doch nicht so schwer sein!«
Jurik schüttelte den Kopf. Er konnte den Toten keine Gesichter
geben, und keine Namen. »Ich kann es nicht.«
»Du hast uns vergessen, nicht wahr?« Keine Anklage.
Eine Feststellung.
Etwas barst in Juriks Kopf. »Wie kann ich euch
vergessen?« schrie er. »Ihr sucht mich heim in meinem
Schlaf, in meinen Träumen!« Und er hoffte,
wünschte, fürchtete, daß auch dies nur ein Traum
war.
»Du erinnerst dich an die Schlacht«, antwortete der
Schädel. »Aber du erinnerst dich nicht an uns. Du
erinnerst dich nur an dich. Ebenso, wie du nur nach dir fragst
… Es ist nicht unser Tod, der dich umtreibt. Es ist deine
Niederlage.«
Jurik antwortete nicht. Am liebsten hätte er den Schädel
gepackt und ihn weit, weit fortgeschleudert. Er wollte irgend etwas
tun, daß ihn aufwachen ließ, aber die einzige
Möglichkeit, die ihm dazu einfiel, war einzuschlafen, und auch
das getraute er sich nicht.
»Bitte«, konnte er nur murmeln. »Bitte, sag
nichts mehr. Ich habe genug gehört.«
»Ja, wenn du nur einmal etwas daraus lernen
würdest … Wenn du zumindest einen Ratschlag von mir
annehmen willst: Stell den Toten keine Fragen mehr. Den Lebenden
auch nicht. Sprich mit dir selbst. Dann bekommst du auch die
Antworten, die du hören willst … vielleicht.« Die
Stimme des Schädels erstarb. Jurik war mit der Nacht allein,
und mit sich selbst.
Nur leise hallte die Stimme noch in seinem Kopf wieder, ehe er
aufwachte: »Oh, aber gräm dich nicht, Hauptmann …
mach dir nichts draus … wir haben deinen Namen auch
vergessen.«
aus:
Rollenspielhintergrund
(c) by Maja Ilisch