Schädel und Rabe

von Monica Höfkes


Die Wallstatt lag in unheilvoller Stille da. Man hatte die Verwundeten fortgebracht, um die Toten würden sich andere kümmern.
Ein schwerer Dunst hing in der Luft, waberte über den verstümmelten Körpern, mischte sich mit dem beißenden Geruch gerinnenden Blutes.
Hier und da bewegte sich ein huschender Schatten, Leichenfledderer, die nach letzten Wertgegenständen suchten. Aber irgendwann verschwanden auch sie. Endlich war die Zeit der anderen gekommen.
Seit Stunden hatten die Raben und anderen Aasvögel geduldig über dem Schlachtfeld gekreist, nun stürzten sie sich aus dem Himmel herab. Jeder war bestrebt eine besondere Köstlichkeit zu ergattern.
Ratten, Füchse und Marder schlichen vorsichtig zwischen den Toten umher, immer Abstand zu den metallenen Zähnen der Menschen haltend.

Ein Rabe hockte auf einem abgeschlagenen Kopf, der auf den Ast eines verkrüppelten, alten Baumes gespießt war. Mit einem genußvollen Seufzen plusterte der Vogel sich kurz auf, pickte mehr spielerisch als hungrig an dem zarten Fleisch der Wangen und blickte dann sehnsüchtig über die vor ihm ausgebreitete Tafel. Zu schade, daß er bereits gesättigt war. 
So einen Festschmaus bekam man nicht oft in diesen Tagen. In den guten alten Zeiten war alles anders. Damals, so erzählten die Alten seiner Sippe, waren Gelegenheiten wie diese an der Tagesordnung. Aber jetzt – Gerüchte sprachen von einem Anführer der Flügellosen, der offenbar für Frieden sorgte. So waren die Zeiten für die Raben schlechter geworden.
Immer schon folgten Raben und Krähen den Kriegszügen der Flügellosen, stets waren das Rasseln und Klappern der Waffen und Rüstungen das Zeichen für die Vögel. Sie sammelten sich über den Schlachtfeldern und warteten geduldig, bis sie endlich zum Zuge kamen. Wenn die Raben dann ihren Festschmaus hielten, lief ihnen niemand davon.
Einige Zeit saß der Vogel in Gedanken versunken, zupfte ab und an etwas Fleisch vom Schädel, bei dem an einigen Stellen bereits der blanke Knochen sichtbar wurde und wartete ansonsten eher gelangweilt. Andere seiner Sippe stritten sich wieder einmal um irgendwelche Leckerbissen und balgten sich mit den Krähen.
Schließlich kam das Zeichen zum Aufbruch und die Raben erhoben sich, deutlich schwerfälliger, in die Lüfte.
Nachdem die Sippen sich gefunden hatten, verabschiedete man sich lautstark und verabredete den nächsten Treffpunkt.
Endlich kehrte Stille ein. Totenstille.

(c) by Monica Höfkes


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