Ich hatte die Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien und in Ruanda vor Augen, als ich das Land Andalarn entwarf, wo es »mehr Minderheiten als Einwohner« gab. Ich wollte Mowsal jedoch nicht durch ein aktives Kriegsszenario schleusen, weil das mehr als nötig von der eigentlichen Habdlung abgelenkt hätte, und so ließ ich den Bürgerkrieg zwar vorüber war, seine Spuren jedoch noch allgegenwärtig. Vor allem natürlich in der Hauptstadt...
Aus Ruinen
von Maja Ilisch
Für Tevra war der Krieg
vorbei. Die letzten größeren Schießereien lagen
mehr als drei Jahre zurück, und seither hatte die Stadt
Gelegenheit gehabt, sich zu erholen. Jetzt hatte man die
wichtigsten Gebäude zumindest notdürftig wieder
errichtet, und quer durch die Stadt führte, wenn auch mit mehr
als unregelmäßigem Fahrplan, eine Zugbahnlinie.
Überall arbeiteten geschäftige Leute daran, die Spuren
des Kriegs zu beseitigen. Sie hatten einen vermutlich
zukunftssicheren Beruf.
Vor Beginn der Kämpfe hatte Tevra eine gute Million Einwohner
gehabt. Jetzt war es noch ungefähr ein Viertel vom, aber mit
jeder Woche kehrten. Mehr Flüchtlinge zurück. Mowsal
fragte sich, warum sie das erst jetzt taten. Sie hatten immerhin
drei Jahre Zeit dafür gehabt. An ihre Stelle wäre er
ohnehin in Sicherheit geblieben. Aber er verstand auch, daß
sie sich nach ihrer Heimat sehnten. Gerade beim Anblick dieser
Ruinen spürte er ein Ziehen, ein wehmütiges Sehnen nach
Ergisamea.
»Immerhin lebt diese Stadt«, sagte er, um irgend etwas
Positives von sich zu geben. »Es ist nicht so vollkommen tot
und verlassen wie Ilanrea.«
Rosz lachte bitter. »Tevra ist eine fröhliche Stadt.
Niemand mag daran denken, daß sich hier die Toten auf den
Straßen gestapelt haben. Alles jubelt nur darüber, wie
schnell der wundersame Wiederaufbau vonstatten geht. Der Rest der
Welt wird sich noch lange erinnern. Tevra vergißt.«
Selbst Mowsal hatte damals die Nachrichten gespannt mitverfolgt,
als die Šiškari die Stadt belagerten und ihr Strom
und Wasser abschlossen, um sie dann mit großem Triumphgeheul
einzunehmen. Und um dann zwei Wochen später von den Arangkar
abgeschlachtet zu werden. Sie hatten lieber ihre eigene Stadt
bombardiert, als sie anderen zu überlassen. Jetzt gab es nicht
mehr genug Šiškari, um auch nur eine Sporthalle
einzunehmen, folglich war Frieden eingekehrt in Tevra. Und selbst
wenn Andalarn seither weltweit mit Handelsboykotten gestraft wurde,
waren die Leute hier irgendwie immer noch der Ansicht, daß
sie das Richtige getan hatten. Solange sie das blieben, würde
ihnen niemand auf legalem Weg ihren Zucker verkaufen.
»Aber ihr profitiert doch von den Zuständen hier«,
hielt Kinki vorwurfsvoll dagegen. »Ihr verdient an der Not
dieser Leute.«
»Du verstehst es nicht«, sagte Lahiya. »In dieser
Stadt bist du ein Käufer, wenn du reich genug bist. Du bist
ein Händler, wenn du schlau genug bist. Und wenn du keines von
beiden bist - dann bist du die Ware. Die Entscheidung ist uns
leicht gefallen. Und es gibt nichts, was ihr uns vorwerfen
könnt. Wir schaden niemandem. Eher im Gegenteil. Wir riskieren
hier unsere Leben, um den Leuten das zu bringen, was sie wirklich
dringen brauchen. Und das letzte, was ich vertrage, sind kleine
ausländische Klugscheißer, die mir sagen wollen, was
Recht und was Unrecht ist. Wir haben hier in Tevra genug Freunde
verloren. Aber jeder muß aus seiner Situation das Beste
machen.«
Rosz lachte, um seine enthusiastische Geliebte wieder etwas auf den
Boden zu holen. »Mit dieser Situation haben die Kashi seit
Jahrhunderten ohne Land überlebt. Und wir sind es wirklich
leid, immer darüber diskutieren zu müssen. Es wird Zeit,
daß sich unsere Wege trennen, zumindest vorläufig. Ihr
wißt, was zu tun ist?«
Mowsal nickte. Er konnte die Wegbeschreibung mit geschlossenen
Augen herunterbeten, und würde, obwohl er vollkommen fremd war
in Tevra, kein Problem haben, sich hier zu orientieren. Sie
mußten nur mit der Zugbahn bis zum Ende durchfahren in ein
Viertel, dessen Name früher einmal
‘Hinter-der-Halde’ gelautet hatte, als für
die Bergwerke ganze Straßen binnen weniger Wochen aus dem
Boden gestampft werden mußten. Seit Jahrzehnten waren, die
Gruben nun stillgelegt, und der Einfachheit halber war auch der
Name des Gebiets zu‘Hinterhald‘ verkürzt
worden - schon allein, um damit den Bewohnern gerecht zu
werden.
In der Zeit, als er Andralosch in der Schule lernte, hätte
Mowsal ein derartiges Wortspiel niemals richtig verstehen
können. Auch auf dem Zettel, den ihm Lahiya geschrieben hatte,
las er nur Lendrosch als Straßennamen. Aber sobald er
das Wort hörte, begriff er seine ganze
doppelbödige Bedeutung. Es war wirklich zu verrückt!
Aber wie auch immer das Viertel heißen mochte, es gab dort
ein großes rotes Backsteinhaus mit einer weißen Treppe,
und dort würden sie am Ende des Tages wieder mit den beiden
Kashi zusammentreffen. Es gab kaum etwas, das sie falsch machen
konnten. Und sie hatten immerhin den ganzen Nachmittag Zeit, um den
Weg zu finden.
Es dauerte fast eine ganze Stunde, bis endlich eine Bahn kam, und
dann gab es Probleme, Skira mit ihrem Rollstuhl
hineinzubefördern. Zwei tatkräftige Tevraner, daran
gewöhnt, hart anzufassen und sperrige Sachen wie
umgestürzte Wände aus dem Weg zu räumen, bestanden
darauf, daß sie unbedingt mithelfen mußten, und zogen
sich Skiras Zorn zu. Aber endlich war alles sicher verstaut,
Rollstuhl, verschiedenes Gepäck und diverse Kinder so
abgestellt, daß nichts umfallen konnte, und die Bahn fuhr
weiter. Es war kein Wunder, daß sie so lange für ihre
Strecke brauchte. Die Bahnen in Ergisamea hielten sich nie
länger als eine Minuten an den einzelnen Haltestellen auf,
egal, wer noch einsteigen wollte, und doch waren alle zufrieden.
Bis auf diejenigen, die ihre Bahn verpaßt hatten. Aber
für die kam ja schon eine Viertelstunde später die
nächste. Mowsal seufzte unhörbar und sah sich mit
scheinbar desinteressierten, halbgeschlossenen Augen in der Bahn
um. Es gab genug Leute, die er beobachten konnte. Und auch
draußen war viel zu sehen. Es war komisch, mitten in einer
Stadt zu sein, die er bis jetzt nur aus der Zeitung und den
Bildnachrichten kannte. Aber indem er sie jetzt durch die Scheiben
einer fahrenden Bahn sah, bekam sie wieder etwas Unwirkliches, wie
aus einem Film. Es war wohl ganz gut, daß sie nicht zu
Fuß gehen mußten
aus: Die Spinnwebstadt
Drittes Buch: Der Letzte von Ilanrea
(c) by Maja Ilisch