Thanar, ein Tscharik (Mitglied einer Kriegerkaste) ist mit Drabonus (einem Echsenmenschen) und dem jungen
Cayad zur Verteidigung der Zwillingstürme an einem strategisch wichtigen Paß abkommandiert. Er ist der Tragische Held der Geschichte, ein in die Jahre gekommender Krieger, der sich allmählich die Frage stellt, was aus ihm werden soll. Die nachfolgende Szene ist quasi der Anfang seines "Abstiegs"...


Thanars Entscheidung

von Jörg Benne


Sie waren gerade erst bei den Zwergen angekommen, als auf einem der Türme ein Horn geblasen wurde und kurz darauf erscholl hinter ihnen das Kriegsgeheul der Orks. Sie brachen aus dem Wald hervor und hetzten in breiter Front über die etwa zwei Meilen lange Grasebene bis zu den Türmen. 
Thanar schüttelte den beiden Zwergenoffizieren kurz die Hand, dann sah er sich um. Die tarisischen Berittenen saßen auf, die Armbrustschützen der Zwerge formierten sich in breiter Front und spannten ihre Waffen. Hinter ihnen nahmen die Axtkämpfer Aufstellung. Ein Blick zu den Türmen zeigte Thanar, dass auch die Zinnen mit Schützen besetzt waren, jedoch wären Bogenschützen hier besser postiert gewesen. Er verzog den Mund und sah zum Paß. Die Fackelkarawane der Tarisier war noch weit entfernt, doch ihre Schützen hätten sie dringend gebraucht. Thanar sah sich nach Glahid um und erkannte, das der alte Kämpe das selbe gedacht hatte wie er. Er war zu den Berittenen geeilt und einer der Tarisier ritt schon in wildem Galopp zum Paß um dafür zu sorgen, daß der Nachschub sich beeilte.
Wieder blickte er zu den Orks, es würde nicht mehr viel Zeit vergehen ehe sie nah genug waren um ihre Schützen einzusetzen, so welche bei ihnen waren. Thanar gab Drabonus ein Zeichen und der Gorman hob ihn hoch, als sei er leicht wie eine Feder. Von dieser erhöhten Warte hatte er immerhin einen etwas besseren Überblick doch es war bereits zu dunkel um zu erkennen, ob hinter den ersten Reihen von Kämpfern Orks mit Bögen liefen. Doch er sah daß die Reihen zwar breit gefächert aber nur wenige Orks stark waren. Ein Ausfall wäre durchaus sinnvoll, wenn es ihnen zunächst gelang die Orks zum Rückzug zu zwingen.
Er stieg von Drabonus hinunter und bedeutete Cayad mit einem Wink zu sich. Nur noch Sekunden bis die Fronten aufeinanderprallten, seine Truppe stand etwa eine halbe Meile hinter den Türmen, die Front nur wenige Meter vor den Türmen. Es galt Entscheidungen zu treffen, die beiden Zwerge sahen ihn schon erwartungsvoll an.
»Wir werden zunächst abwarten«, erklärte Thanar ihnen. »So wie ich das sehe, sind die Reihen der Orks nicht besonders stark, wir sollten uns zurückhalten und nur eingreifen wenn einer der Türme in Bedrängnis gerät. Doch das wird nicht geschehen. Ich glaube die Orks werden sich schnell wieder zurückziehen, offenbar haben sie bemerkt das Nachschub für uns auf dem Weg ist und wollten deshalb...«
Gellende Schreie von der Front ließen ihn abbrechen. Der Kampf hatte begonnen. Kampfeslärm umgab sie, obwohl der Schauplatz so weit entfernt war. Thanar führte seinen Trupp näher heran und sah sich nach den Berittenen um. Wenn sie wirklich einen Ausfall wagten wäre es gut sie im Rücken zu wissen. Doch sie waren weit entfernt, galoppierten in weitem Bogen um den südlichen der beiden Türme herum und wollten wohl hinter die Orkfront gelangen. Ein riskanter Zug.
Cayad drängte sich neben Thanar. »Ich bin in Sorge, Thanar«, brüllte er über den Lärm hinweg. »Das Vorgehen der Orks ist schlicht und ergreifend dumm. Mit dieser erbärmlichen Streitmacht haben sie doch keine Chance.«
»Orks sind dumm«, erwiderte Thanar schulterzuckend.
»Aber wenn doch Schwarzmagier dahinter stecken? Die sind zweifelsohne nicht so dumm, sonst hätten sie nicht halb Jenosa schon überrannt.«
Thanar hob die Hand und ließ damit seinen Trupp anhalten. »Was meinst du also, was sie vorhaben?«
»Uns aus der Reserve locken. Sie wollen das wir einen Ausfall starten, das ist eine Falle denke ich.«
Thanar legte die Stirn in Falten. »Aber wie soll diese Falle aussehen? Ich habe gewiss nicht vor sie bis in den Wald zu verfolgen, wir werden ihnen nachrennen, wenn sie sich zurückziehen und unsere Armbrustschützen werden sicher noch einige von ihnen erledigen können. Wenn also weitere Orks im Wald lauern, gefährdet uns das nicht, selbst wenn es Schützen sind, sie würden ja das Risiko eingehen die eigenen Leute zu treffen. Und sollte eine zweite Angriffswelle aus dem Wald kommen, können wir uns immer noch zurückziehen.«
Cayad seufzte. »Und was wenn doch Draniken in der Nähe sind?«
Thanar runzelte die Stirn und überdachte diesen Einwand, doch schon sah er Glahid heraneilen. Die Augen des alten Kämpen leuchteten.
»Ich war auf dem Turm oben«, begann er. »Das ist unsere Chance, es den Biestern heimzuzahlen. Ihre Truppe ist lächerlich, wenn die Berittenen es schaffen hinter ihre Linien zu gelangen, wird keiner von ihnen mehr zurück in den Wald kommen. Aber falls sie vorher den Rückzug antreten, sollten wir ihnen nachsetzen.« Wieder hallte ein Horn durch die Nacht, Glahid blickte sich zum Paß um. »Die Tarisier sind bald da, ich werde ihnen entgegenreiten. Viel Erfolg, Thanar.«
Damit wandte er sich ab und verschwand bald in der Dunkelheit.
Thanar sah Cayad an, blickte auf die schneebedeckte Ebene und traf seine Entscheidung. »Alles bereitmachen zur Ausfall-Attacke«, brüllte er den Zwergen zu. An der Spitze des Trupps eilte er weiter auf die Frontlinie zu. Er versuchte zu erkennen, ob die Reiter es geschafft hatten hinter die Orks zu gelangen, konnte aber nichts erkennen. Wenige Meter hinter den Kämpfenden hieß er seinen Trupp anhalten und stieg wieder auf Drabonus Schultern.
Von den Berittenen war nichts zu sehen, allerdings war es mittlerweile so dunkel, daß Thanar nicht mehr die ganze Breite des Schlachtfeldes überblicken konnte. Direkt vor sich lieferten sich die Orks einen erbitterten Kampf mit den Zwergen, doch das sie keine Chance hatten war schon zu Beginn der Kämpfe abzusehen gewesen, jetzt erschien es als Wahnsinn, dass sich die wenigen überlebenden Orks noch immer nicht zurückgezogen hatten. Doch als Thanar sich schon mit dem Gedanken anfreundete, das gar kein Ausfall mehr nötig sein würde, sah er die Orks zurückweichen.
Er sprang auf den Boden, zog sein Schwert und bedeutete den Armbrustschützen ihre Waffen zu spannen. Dann eilte er dem Trupp voran, setzte sein Horn an die Lippen und blies das Ausfall-Signal, das den Verbündeten vor ihnen sagte, das sie einem heraneilenden Trupp von hinten Platz machen sollten. Spätestens jetzt brach unter den Orks Panik aus und sie wandten sich um und rannten kopflos auf den Wald zu. Doch viele von ihnen waren verletzt, die meisten erschöpft, es war ein leichtes ihnen zu folgen. Armbrustbolzen surrten als die Schützen im Laufen ihre Waffen abfeuerten. Einzelne Orks stürzten mit einem Aufschrei zu Boden, doch Thanar und der Zwergentrupp rannten einfach über sie hinweg. Auf halbem Weg zum Wald erkannten die verbliebenen Orks die Aussichtslosigkeit ihrer Flucht und formierten sich neu zu einem Halbkreis. Die Tscharik vorneweg stürzten die Verfolger sich auf sie. Thanars Schwert surrte auf und nieder, trennte Körperteile ab, parierte die wenigen Gegenangriffe. Er spürte Haß in sich auflodern, als er an die vielen gefallenen Tscharik dachte, die dem Ruf des Rates nicht mehr hatten folgen können, doch er unterdrückte ihn. Haß war ein Feind des Kriegers, hatte er gelernt.
Die Orks wichen Schritt um Schritt zurück, doch trotz ihrer Formation war es nur eine Frage von Minuten bis auch der letzte von ihnen dahingemetzelt sein würde.
Plötzlich hörte Thanar jemanden seinen Namen rufen, führte noch einen mächtigen Hieb und tänzelte dann einige Schritte zurück. Als er sah dass ein Zwerg seine Position eingenommen hatte, wandte er sich um.
Cayad hatte gerufen. Er stand ein paar Schritte hinter den Kämpfern und deutete mit dem Schwert gen Himmel. Thanar blickte in die angegebene Richtung und was er sah ließ ihm den Atem stocken. Hunderte von geflügelten Kreaturen verdunkelten die Monde, flogen direkt auf sie zu und es bedurfte keiner Phantasie um zu wissen was sie vorhatten. Sie würden über den Ausfalltrupp hinwegfliegen und ihnen den Rückweg abschneiden. Doch als sei das noch nicht schlimm genug brach mit riesigem Geheul ein weiterer Orktrupp aus dem Wald. Geistesgegenwärtig setzte Thanar sein Horn an die Lippen und blies das Rückzugssignal.
Drabonus und der vierte Tscharik reagierten sofort, die Zwerge die nicht in Kämpfe verwickelt waren blickten sich verwirrt zu Thanar um. Doch als sie die Gefahr erkannten eilten sie in wilder Hast auf die Tscharik zu.
Thanar versuchte wieder die tarisischen Reiter auszumachen, konnte sie aber nicht erkennen. Spitze Schreie aus hunderten von Kehlen ließ ihn aufblicken, die Draniken flogen über sie hinweg, machten aber keine Anstalten sie anzugreifen. Und es waren nicht nur hunderte. Der Schwarm der aus dem Wald aufstieg riß nicht ab, es mussten Tausende der Kreaturen sein und sie bewegten sich flink und wendig, keine Spur von Anfälligkeit gegen Kälte.
Die wenigen verbliebenen Orks aus der ersten Angriffswelle waren zu schwach um ihnen nachzusetzen, doch der neue Orktruppe bereitete Thanar Sorge. Wenn sie zwischen sie und die Draniken gerieten.... Er winkte den Zwergen weiter zu rennen und blieb mit den anderen Tscharik zurück. Ständig wandte er im Laufen den Kopf hin und her um nicht überrascht zu werden. Die heranstürmenden Orks waren nicht mehr weit entfernt, der Dranikenschwarm war komplett über sie hinweggeflogen und schwirrte nun einige hundert Meter entfernt über den Köpfen der Verteidiger. Doch plötzlich lösten sich einige Draniken aus der Wolke und stürzten auf sie zu. 
»Vorsicht, Draniken«, brüllte Thanar und schloß mit langen Schritten wieder zu den Zwergen seines Trupps auf. »Ringformation, Schützen nach innen«, befahl er und hob sein Schwert. Rasch wandte er den Kopf, suchte nach Drabonus, der aber direkt neben ihm stand. »Nimm Horin und halt uns die Orks vom Leib«, wies er ihn an.
Der Gorman nickte knapp und drängte sich durch die Zwergengruppe zu dem anderen Tscharik durch um auf der dem Wald zugewandten Seite ihres kleinen Ringes den Angriff der herannahenden Orks zu erwarten.
Um weiter nachzudenken blieb Thanar keine Zeit, die Draniken griffen an. Bislang kannte er die Geschöpfe nur aus Berichten und hatte noch nicht gegen sie gekämpft. Das Chaos aus Flügeln, mit Krallen bewehrten Klauen und Mäulern mit spitzen Zähnen traf ihn unvorbereitet. Da er aus der Gruppe der Zwerge herausragte, schwirrten die Draniken im Dutzend um ihn herum und obwohl Thanar sein Schwert gedankenschnell hin- und herschwirren ließ und von der scharfen Klinge zerteilte Leiber um ihn herum zu Boden fielen, hatte er schon nach wenigen Sekunden tiefe Wunden am Rücken und an den Armen davongetragen. 
Der erste Angriff mochte kaum eine Minute gedauert haben, dann zog sich der kleine Dranikenschwarm zurück. Zeit für Thanar sich kurz umzublicken. Er watete durch Dranikenblut, doch auch ein Dutzend Zwerge war gefallen, andere waren schwer verletzt. Auch Horin und Cayad hatten tiefe Wunden davongetragen, nur Drabonus war durch seine dicke Haut geschützt und hatte nur einige Schürfwunden. Die Orks aus dem Wald waren nicht mehr fern, die tarisischen Reiter nirgends zu sehen und auf dem Weg zu den Türmen warteten Tausende Draniken auf sie. Und es war nur eine Frage von Minuten bis ein weiterer Schwarm von Draniken sich ihnen zuwenden und ihnen den Garaus machen würde.
»Cayad, Drabonus, Horin, zu mir«, brüllte Thanar. Die drei anderen eilten herbei. »Wir haben nur eine Wahl«, erklärte Thanar knapp, »wir brechen durch den Orktrupp durch und verschanzen uns im Wald. Dort haben wir gegen die Draniken vielleicht eine Chance.« Kein Widerspruch.
Thanar hob das Schwert, setzte das Horn an die Lippen und blies das Angriffssignal. Gemeinsam mit den vielleicht vierzig noch kampffähigen Zwergen stürmten sie den Orks entgegen, die Tscharik an der Spitze. Auf den letzten Metern hob Thanar sein Schwert über den Kopf und rannte schreiend mitten in die Orkgruppe hinein.
Sein erster Hieb zerteilte einen Ork, mit dem zweiten durchstach er einen weiteren, sprang über die Kadaver hinweg und ließ sein Schwert weiter auf und ab schwirren. Sie durften nicht zum Halten kommen, sie mussten so schnell wie möglich durch die Orklinien durchbrechen und zum Wald weiterlaufen.
Ein stechender Schmerz im linken Arm, ein Hieb beseitigte den Verursacher, mit Tritten und Schwerthieben fegten die Tscharik durch die Orkgruppe und brachen hindurch. »Lauft weiter«, brüllte Thanar über den Lärm aus Kampfgebrüll, Schmerzensschreien und klingenden Waffen hinweg. Kaum Zeit für einen Blick zur Seite, nur der rettende Wald zählte. Thanar hörte die schweren Schritte seines Echsenfreundes neben sich, Hauptsache Drabonus lebte.
Hinter ihnen erhob sich Gebrüll, die Überraschung der Orks über den Gegenangriff war verflogen, nun setzten sie ihnen nach und der Wald war noch fern. Wieviele Zwerge wohl durchgebrochen waren? Und ob sie schnell genug laufen konnten? Thanar drehte sich kurz um.
Kein Zwerg, nicht einer. Drabonus überholte ihn und Cayad war kurz hinter Thanar, auch von Horin keine Spur, statt dessen zwei Dutzend Orks nur wenige Meter hinter Cayad, die übrigen kämpften noch mit dem Rest ihres Trupps.
»Lauf schon, Thanar«, schrie Cayad im vorbeirennen, »du kannst ihnen nicht helfen«.
Thanar lief wieder los, schloß zu Cayad auf und hielt sich neben ihm. Er glaubte den Atem der Orks im Nacken zu spüren, doch so nah konnten sie nicht sein.
Drabonus erreichte den Wald und blieb stehen, sah sich zu ihnen um, gestikulierte wild, machte Gesten, als wolle er etwas werfen. »Achtung, Wurfaxt«, rief Thanar, als er begriff was sein Freund ihm sagen wollte, schlug wilde Haken und beschleunigte nochmals. Die ersten Bäume waren nah, als er einen Aufschrei neben sich hörte.
Das Schwert gehoben wandte Thanar sich um, sah gerade noch eine Wurfaxt auf sich zufliegen und parierte sie. Cayad war getroffen, eine Wurfaxt steckte in seinem Oberschenkel. Er versuchte sich noch weiterzuschleppen, erkannte die Aussichtslosigkeit dieses Versuchs, hob das Schwert und stellte sich den Orks. Thanar wollte zu ihm stürzen, doch ein stahlharter Griff umschloß seine Schulter und Drabonus riß ihn herum, schob ihn in den Wald. Aus den Augenwinkeln sah Thanar noch wie die Orks Cayad überrannten. 
Ihr Götter, dachte er, alle tot. Und Cayad hat mich gewarnt.

aus: Das Drachenschickal

(c) by Jörg Benne


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