Liebesakte
Es ist angeblich das älteste Thema der Welt, und sicher das, bei dem man die größten Fehler machen kann. Sex ist nichts, was spezifisch zur phantastischen Literatur gehört, obwohl natürlich die Phantasie eine große Rolle dabei spielt - aber ebensowenig sind Liebesakte aus dem Bereich Fantasy wegzudenken: Das ist nichts, was man allein den Büchern mit den pastellfarbenen Titelbildern und den rosa eingefärbten Seiten überlassen sollte. Obwohl ich lange anderer Meinung war.
Ich muß siebzehn oder achtzehn gewesen sein, als ich zum ersten Mal bewußt eine Bettszene las, und sie prägte mich für mein Leben: Es war in Die Mumie, oder Ramses der Verdammte von Anne Rice, daß ich über folgenden Satz stolperte: »Sein hartes Geschlecht preßte sich gegen ihren weichen Unterleib.« Welche Gefühle die Autorin damit auch immer bei ihren Lesern auszulösen wünschte - bei mir war es Heiterkeit. Und ich kam zu dem Schluß, daß es nicht möglich sei, einen Beischlaf anders als komisch zu umschreiben.
Auf einem Runenkratzertreffen im Jahr 1996 (die Runenkratzer waren der Vorgänger des Tintenzirkels in Zeiten, als das Internet noch von geringer Bedeutung war) diskutierten wir lange und ausgiebig über dieses heiße Thema, und ich war nicht abzubringen davon, daß eine gelungene Bettszene nur so aussehen kann: Ein Mann / eine Frau / ein Gebüsch, oder: Ein Mann / eine Frau / ein Vorhang, oder: Ein Mann / eine Frau / das Licht geht aus ...
Eine erotische Szene ist nur dort erotisch, wo sie der Phantasie ihrer Leser überlassen bleibt - jahrelang ging ich mit dieser Auffassung hausieren. Und mußte doch zugeben, daß ich selbst als Leserin zu verlegen war, um mir das Geschehen hinter dem Vorhang plastisch auszumalen. Ich las über die Szenen hinweg und freute mich, wenn sie wenigstens dezent und nicht allzu peinlich waren.
So wurden auch meine Charaktere zu Askese verurteilt. Ich erlaubte ihnen lüsterne Blicke, wagte ab und an eine Andeutung, und starb beinahe vor Verlegenheit, als einmal ein Held seinen Kopf in den Schoß der Geliebten betten durfte - entschuldbar nur dadurch, daß er gerade im Sterben lag. Und noch heute bin ich stolz auf den Satz »Mowsal spürte, wie das Blut ihm in den Kopf schoß - und nicht nur dorthin.«
Was hat meine Einstellung so gravierend geändert, daß ich nun sogar die Liebesakt als eigene Kategorie auf den Tintenzirkelseiten einführe? Will ich mich und meine Autorenfreunde der Lächerlichkeit preisgeben und ins offene Messer laufen lassen? Nein. Ich glaube inzwischen, daß es möglich ist, gute Bettszenen zu schreiben. Ich hatte das Vergnügen, einige lesen zu dürfen - die erste in dem wundervollen Buch James Miranda Barry von Patricia Duncker, gefolgt von verschiedenen aus der Feder von Poppy Z. Brite. Ich habe auch gelernt, daß die Kombination nicht zwangsweise ein Mann / eine Frau sein muß - die ersten Liebesszenen, die ich schrieb, spielten sich zwischen zwei Männern ab. Und mit dieser Vorliebe stehe ich im Tintenzirkel nicht alleine da.
Und dennoch - immer noch bevorzuge ich dezente Umschreibungen und Andeutungen gegenüber plumper Rein-raus Mechanik. Und über harte Geschlechter, die sich gegen weiche Unterleibe pressen, kann ich auch heute nur lachen. Dafür aber um so herzlicher.
Maja Ilisch