Advon erinnert sich an seine erste Liebesnacht mit Dyamiree, die er ziemlich ekstatisch erlebt hat.


Advon und Dyamiree

von LaMaga


Dyamiree hatte eine Gänsehaut, wie Advon bemerkte, als er die Augen aufschlug und wie aus einem seltsamen Traum wieder zu sich kam. Der Mond stand nun sehr hoch am Himmel, umgeben von einem Meer funkelnder Sterne.
Advon schauderte vor dem Anblick des dunklen, unendlich kalten und gewaltigen Firmaments, an dem keine Sonne leuchtete, keine Wolken zogen, kein warmes Licht ihn berührte und Farben ringsum erschuf. Das hier war eine fremde Unendlichkeit, und er war winzig klein und nackt vor der Gewalt der Nacht.
Perlensanftes, kühles Licht beschien das Plateau, und Dyamiree lag auf ihm und an ihn gekuschelt, und die Härchen auf ihren Armen hatten sich aufgestellt. Sie schien zu frieren.
Advon wagte nicht, sich zu bewegen, wollte sie um keinen Preis grob aufwecken aus den tiefen Träumen, in denen sie sich noch bewegen mochte. Vorsichtig hauchte er seinen warmen Atem über ihre Haut.
Dyamiree regte sich, reckte, ohne die Augen zu öffnen, ihren Hals nach ihm und schmiegte sich seufzend an seine Brust.
Advon tastete nach ihr, spürte ihren Rücken und ihre Schulterblätter unter seinen Händen und ihre Schenkel an seinen Hüften. Ihre Brüste lagen weich und fest auf seinem Oberkörper auf, und ihm schwindelte, als er ihren Körper so deutlich fühlen konnte, ihren sachten Atem und die Wärme, die von ihr ausging.
Es ist geschehen,
dachte er verwirrt, ich habe sie besessen - und ich lebe noch. Meine Magie hat mich beschützt vor ihrem tödlichen Zauber.
Er lächelte und suchte mit den Lippen nach ihrem seidigen Haar an seiner Wange. Dyamiree zuckte und lächelte im Schlaf.
Er konnte sich nur bruchstückhaft an das erinnern, das zwischen ihnen vorgefallen war, ihre Berührung war gewesen wie ein betörender Rausch, und jedes Tasten ihrer Hände hatte in ihm Gefühle erweckt, die kaum zu unterscheiden gewesen waren von aufs Höchste erregtem Wahnsinn. Sie zu fühlen und von ihr berührt zu werden war gewesen wie ein süßer Schwindel, wie der Geschmack von tausend Farben und der Duft aller Wohlklänge dieser Realität. Aber es war so fremd gewesen, so unwirklich und bizarr, daß Advon sich immer noch fragen mußte, ob es wirklich geschehen war.
Er versuchte, sich aufzurichten, legte die Hand auf ihren Rücken, damit sie nicht herunterfiel und setzte sich langsam auf.
Seine Schulter schmerzte, und als er hinsah, spiegelte sich der Mond auf goldenen Tropfen, die von seiner Haut abperlten. Dunkel erinnerte er sich, daß sie ihn gebissen hatte, als er sie zum ersten Mal genommen hatte. Tatsächlich, sie hatte geschrien, schrill und wütend wie ein Raubvogel und sich dann in seiner Schulter festgebissen. Erschrocken, aber unfähig, seine Gier nach ihr zu unterdrücken, hatte er ihre Zähne gespürt und doch keinen Schmerz empfunden. Sie hatte sich gewehrt, gekratzt und getreten, so als begriffe sie in dem Moment, in dem es zu spät war, daß sie mit ihrer Unschuld eine Magie verlieren würde, die sie gehütet und beschützt hatte. Aber nun war es zu spät, sie hatte ihn bereits vollkommen in ihren Bann gezogen, und es wäre übermenschlich gewesen, ihrer Weiblichkeit und der Köstlichkeit ihres Körpers nun zu widerstehen.
Er hatte keinen Schmerz empfunden, hatte sie gehalten und liebkost, ihre Wut und Gegenwehr weggeküßt und ihr Worte zugeflüstert gegen ihre kurzen, spitzen Schreie, Worte, von denen er sich nicht mehr ganz im Klaren war, ob es Bannformeln waren, die ihn wappnen sollten oder all die liebevollen Worte, die er für sie in seinem Geist trug und nun endlich aussprechen konnte, als hätte seine Zunge eine neue Sprache erlernt. Und tatsächlich, Dyamiree hatte sich langsam beruhigt und aufgegeben, ihr wütendes Kratzen war zu einer zärtlichen Umarmung geworden, und als er seine Lippen vorsichtig auf die ihren legte, hatte sie nicht hineingebissen, und so war es ein wilder, leidenschaftlicher Kuß geworden.
Advon war sehr vorsichtig gewesen, und erleichtert hatte er festgestellt, wie sie sich entspannte und auf seine Bewegungen einging. Und dabei hatte er verwundert bemerkt, daß sie dabei sang, oder besser, ein seltsames, melodisches Schnurren von sich gab, ein befremdender, magischer Laut voller Genugtuung und Glück.
Er hatte sie geküßt, ehrfürchtig ihren Körper ertastet, der ihm noch nie so nahe gewesen war und das Glück nicht fassen können, daß sie ihm gehörte in dieser seltsamen Nacht, obwohl er ahnte, daß dies ihre Stunde war und sie, sie ganz allein in der Hand hatte, was geschah, und daß sie mit ihm spielte, auf eine Weise, die ihm gefiel und amüsierte.
Und als sie beide ihre Erregung nicht mehr beherrschen konnten, war es passiert: ihre Auren waren ineinander geflossen, hatten sich verdichtet und waren dann in einer gewaltigen Entladung explodiert, ein Wirbel aus funkensprühenden Farben und tiefster Schwärze, glutheißem Feuer und eiskaltem Sternenschein war über die Ebene hinweggefegt und hatte Farbenspiel so erschreckt, daß er mit brausenden Flügeln davongestoben war.
Aber das hatten sie nur ganz am Rand registriert, und es war völlig belanglos für sie gewesen. Kraft hatte sie durchströmt, eine grausame, gnadenlose und uralte Gewalt, und für einen Bruchteil der Ewigkeit waren Advon und Dyamiree zu einem einzigen Wesen verschmolzen, einer unendlich mächtigen und magischen Kreatur, die so sonderbar und wild war, daß sie sich vor sich selbst erschraken.
Doch dies war in einem halben Wimpernschlag vergangen, und das war in etwa der Moment gewesen, in dem sie beide die Kontrolle über sich verloren hatten. Das, was nun geschehen war, war nicht mehr die mystische, ehrfürchtig-scheue Vereinigung gewesen wie zuvor - ihr Beisammensein wurde zu einem wilden, leidenschaftlichen und beglückten Akt.
Advon wußte nicht, wie oft Dyamiree ihm gehört hatte in dieser Nacht, aber ihr Liebesspiel war berauschend und zärtlich gewesen, scheu und hungrig. Und irgendwann zwischendurch war ihm das Bewußtsein gekommen, daß ein Schattentänzer mit der unkontrollierbaren Kraft seiner Lust einen Unkundigen umbringen konnte. Er hatte sich davor entsetzt, und gleichzeitig hatte er gierig ihre Süße und Weiblichkeit genossen und an sich genommen. Und sie hatte leise und auf seltsame Weise melodisch geseufzt und gelächelt dabei.
Advon setzte sich hin, sein Rücken zerschunden von der bloßen Erde und ihren Fingernägeln, erschöpft und doch zutiefst beglückt. Er zog die Knie an und stützte Dyamiree dagegen, als sie die Augen aufschlug.
Sie lächelte und rekelte sich behaglich.
»Was ist passiert, mein schöner Ritter?,« fragte sie arglos. »Es ist so kalt hier draußen ...«
Er deutete mit dem Kinn seitlich auf das Plateau, während er sie hielt. Unter dem Mond schimmerten die goldenen Stücke seines Panzers und spielte der Wind mit regenbogenfarbenem und schwarzweißem Stoff.
Dyamiree kicherte. »Warum haben wir uns das ausgezogen?«
Advon zuckte die Achseln und verzog ob der ramponierten Schulter das Gesicht.
»Ich glaube, zu dem Zeitpunkt war es eine gute Idee.«
Dyamiree neigte sich vor und küßte das Blut von seiner Schulter fort. Unter ihren Lippen schloß sich die Wunde, und er schloß wohlig die Augen.
»Schämst du dich?«, fragte er sie leise.
Dyamiree schmiegte sich an ihn. »Nein. Wir sind allein, und wir sind endlich beisammen, so, wie es sein soll.«
Advon zog sie an sich und küßte leidenschaftlich ihren Hals. Ihr Haar strich duftend und seidig über seine Wange.
Sie seufzte, und er hielt inne.
»Aber das Schloß,« sagte er dann leise, »das Schloß haben wir immer noch nicht gefunden.«
Dyamiree gab einen unwilligen Laut von sich. »Willst du denn schon wieder damit anfangen?,« schalt sie und zog neckisch an seinen langen Haaren, »nachdem wir uns gerade eben vertragen haben?«
Advon lächelte. »So? Haben wir das?«
Sie schnaubte, und er verbiß sich ein Lachen.
»Ich bin glücklich,« flüsterte sie dann. »Ich ... ich glaube, nun wird alles gut.«
Er drückte sie fest an sich und nickte.
»Schattenfee,« hauchte er zärtlich, »nie soll uns etwas trennen. Wir ...«
Dyamiree stieß einen erschrockenen Schrei aus und hob ruckartig den Kopf, starrte auf einen Punkt irgendwo hinter Advons Rücken.
Er versuchte rasch, sich umzudrehen, konnte es aber nicht, da sie immer noch auf seinem Schoß saß.
»Was ist da, Dyamiree,« fragte er aufgeregt, »was erschreckt dich?«

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Drittes Buch: Silberduft

(c) by Sandra Bloh


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