Zwei der drei Camès - librische Freudenmädchen, die versuchen, in die Realität zu flüchten, becircen den Piratenkapitän Balck, während die dritte versucht, an Deck des Schiffes Sabotage zu verüben. Zum Verständnis des Gespräches um das "wirklich werden": die Szene spielt *innerhalb* eines kitschigen Abenteuerromans
Camè und Camè
und Kapitän Balck
von LaMaga
Camè und Camè
horchten beunruhigt auf, als der Lärm an Deck losbrach. Die
dicken Planken der Kaper-Prise dämpften und filterten
das Geschrei, aber deutlich war zu hören, wie Männer
schrien und mit Waffen aufeinander einhieben.
»He,« brummte Kapitän Balck und zog die
Brünette wieder zu sich heran, »weitermachen!«
»Aber Käpt'n,« antwortete die Hellbraune und
streichelte seine Brust, »da oben an Deck scheint ja einiges
los zu sein...«
»Werden sich prügeln, Rattenbande, die da.« Balck
brummte wohlig unter den Händen der Mädchen und grinste
selig. »Interessiert mich nicht.«
»Aber wenn es etwas ernstes ist,« wandte die
Brünette ein und massierte Balcks muskulösen Nacken. Der
Piratenkapitän lag an ihre Knie gelehnt und genoss ihre
Hände auf seinen Schultern. Unwillig verzog er nun das
Gesicht.
»Ja, eine Meuterei oder so,« stimmte Camè II zu,
obwohl auch sie eher befürchtete, man habe an Deck die
Blondine erwischt und irgendwie sei daraufhin eine Schlägerei
ausgebrochen.
»Meutern nicht,« knurrte Balck und blinzelte aus halb
geschlossenen Augen. Der Frachtraum lag in Halbdunkel, nur eine
kleine Laterne stand nahebei auf einer Schatzkiste und zauberte ein
bizarres Spiel von Licht und Schatten auf die nackte Haut der
Camès. »Dulde keine Meuterei.«
»Natürlich nicht.« Oben an Deck klirrte etwas sehr
laut, und ein Körper ging mit einem dumpfen Schlag zu Boden.
Die Mädchen schauten einander ratlos an.
Balck zog die Hellbraune an sich heran und streichelte mit seinen
groben Händen unbeholfen ihre Wange.
»Seid schön,« sagte er lobend. »Seid
schöner als in Bel'e Tristika.«
Die Camè lächelte geschmeichelt. Die andere hob
bedeutungsvoll die Brauen.
»Der große Bursche vor der Tür,« schnurrte
Camè und beugte sich tief über Balck, der ungeschickt
ihre Brüste berührte, »sagte, du bist auf der Jagd
nach dem Einundzwanzigsten...«
Balck stieß das Mädchen grob von sich und setzte sich
auf. Camè I haschte rasch nach ihm, legte die Arme um seinen
Hals und zog den Kapitän wieder in ihren Schoß.
»Aber warum denn so nervös?,« zirpte sie.
»Entspann dich. Mit uns kannst du doch reden...«
Balck knurrte, während an Deck die Klingen aufeinander
fuhren.
»Will wirklich werden,« sagte er dann. »Herrin
macht uns wirklich. Will dafür den Rattenkerl.«
»Aber kann man denn nicht nur wirklich werden, wenn man das
Chaos zurück läßt?,« fragte Camè II
und krabbelte wieder näher.
»Wirklichkeit hinter Chaos ist Dreck,« knurrte Balck
und schloss die Augen, als sie ihn berührte. Mit einem
wohligen Seufzen genoss er, was sie mit ihm tat.
»Tatsächlich?,« machte Camè I
verwundert.
Balck nickte, und ein Schatten huschte über sein Gesicht.
»Tot,« sagte er. »Langweilig. Krank. Verdorben.
Nichts zu suchen, nichts zu kapern. Alles weg. Wirklichkeit
ist...« Er öffnete die Augen wieder und schaute der
Camè ins Gesicht. In seinen Augen zuckte Furcht.
»Wirklichkeit,« hauchte er, »Wirklichkeit ist
Vergessen. Nichts für Librier.«
»Warum nicht?,« wisperte Camè gespannt.
Balck biss sich auf die Lippen. Er suchte nach Worten, aber die
Herrin hatte ihm keine gegeben, um das Entsetzen zu beschreiben,
das er hinter dem Chaos gesehen hatte.
»Librien,« sagte er dann langsam, »Librien ist
Denken. Vorstellen. Bewegung, Geschichten. Librien ist wunderbar.
Wirklichkeit...« Er schüttelte den Kopf und zog die
Camè von seinem Schoß, drückte sie an sich und
schloss bitter. »Wirklichkeit... ohne Gedanken. Starr, keine
Geschichten da. Wirklichkeit ist... Wirklichkeit ist Vergessen
werden.«
Die Camès schauderten.
Auf Deck verstummte der Lärm. Männer redeten miteinander,
aber es war nur dumpfes Gemurmel ohne erkennbare Worte.
»Los,« befahl Kapitän Balck und rückte die
Camè in seinem Arm zurecht. »Weiter. Bin nicht zum
Reden hier. Habe noch zu tun.«
Die Mädchen wechselten einen bedeutungsvollen Blick und
fügten sich. Balck brummte genüsslich unter ihren
Körpern und Händen.
Eine Zeitlang geschah nichts weiter, nur die Wellen rieben sich am
Schanzkleid der Kaper-Prise. Das Schiff schaukelte
stärker, und ab und zu hörte man Wasser an die
Schiffswand brechen. Die See wurde bewegter, was gewiss an der
Nähe zum Leuchtturm lag.
Dann veränderten sich die Geräusche, die vom Oberdeck
drangen. Das entfernte Murmeln und halblaute, unverständliche
Gespräch der Männer an Deck wurde von johlenden Rufen und
gelegentliche ausbrechendem Gelächter unterbrochen.
»Seht'r,« machte Balck unbekümmert, »haben
sich schon wieder beruhigt, die Kerle. Gute Piraten.«
Die Camès wurden zunehmend nervöser. Sie konnten ja
nicht wissen, ob Camè an Deck sicher versteckt war oder ob
ihr Sabotageplan bereits gescheitert war. Da klopfte jemand
ziemlich laut an die Tür zum Frachtraum.
»Ruhe!,« brüllte Balck zornig und fuhr auf.
»Käpt'n,« ertönte arglos Bubus Stimme,
»aber das musst du dir doch anschauen.«
Balck seufzte und schob Camè von sich hinunter. Unwillig
suchte er im Halbdunkel nach seinen Hosen.
»Was'n los, Bubu?«
Unaufgefordert riss Bubu die Tür auf. Balck zog hastig seine
Beinkleider hoch, aber Bubu registrierte gar nicht, in welch
pikanter Lage er seinen Gebieter unterbrochen hatte.
»Die anderen haben Spaß,« sagte Bubu und grinste
einfältig. »Alle sind lustig, alle lachen.«
Balck spuckte aus und hob seine Jacke auf. »Was's so
lustig?«
Der Riese trat unruhig von einem Bein aufs andere. Offenbar brannte
er darauf, mit seinem Kapitän an Bord zu gehen.
»Haben den Rattenkerl gefangen,« berichtete er
stolz.
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Füftes Buch: Bilderflut
(c) by Sandra Bloh