Obwohl sie eigentlich auf dem direkten Weg nach Tayellin, zum Engel der Gerechtigkeit, waren, bleiben Halan und Anders bei Damiander, dem Engel des Rausches höchstpersönlich, hängen. Und zumindest Anders will gar nicht mehr fort...


Anders und Damiander

von Maja Ilisch


Die Musik war verstummt, als Alexander die Augen aufschlug, und er wußte nicht, wo er war, aber er wollte auch gar nicht darüber nachdenken, über gar nichts mehr. Ihm war warm, angenehm warm, und der Stoff, auf dem er lag, war kühl, und auch das war angenehm. Ohne sich in dem halbdunklen Raum umzusehen schloß Alexander die Augen wieder. Hier war er glücklich, zum ersten Mal seit … seit wann? Alexander grübelte kurz und schmerzhaft und begriff, daß er noch niemals zuvor glücklich gewesen war, in seinem ganzen Leben nicht, nicht bevor er hier gelernt hatte, was Glück war.
Etwas strich sanft über seinen Körper, lautlos und kühl, ein sanfter Hauch, mehr wie ein Gedanke denn wie eine Berührung. Er fühlte Atem und wandte nun doch den Kopf zur Seite, um zu sehen.
Erst erkannte er nur den bläulichdunklen Umriß einer hochgewachsenen Gestalt, die direkt neben ihm auf der Kante des Lagers hockte, doch dann, vielleicht durch eine kaum wahrnehmbare Bewegung, fing sich das Licht in einer irgendwo im Hintergrund brennenden Fackel in den Augen des Mannes und erfüllte sie mit goldenem Licht. Gänsehaut zog sich über Alexanders Körper, ein langsamer, wundervoller Schauer, vielleicht durch den Blick, vielleicht auch durch die Feder, deren Spitze Damiander auf Alexanders Haut spielen ließ.
»Gut geschlafen?« fragte Damiander.
Alexander brauchte einen Moment, um sich wieder auf die Sprache zu besinnen. »Es war gut«, erwiderte er, »aber ich weiß nicht, ob ich geschlafen habe.«
»Geträumt?«
Alexander nickte. Dann streckte er die Hand aus und berührte die Feder. Sie war lang und weiß, wie die Gänsekiele, mit denen Halan schrieb, aber noch größer, und Alexander erkannte, daß es eine Schwanenfeder war. Doch diesmal überkam ihn keine Angst, und auch keine Wut. In der Hand eines Engels war eine Schwanenfeder keine Erinnerung, nur Gegenwart. Alexander ließ seinen Finger die Feder entlang gleiten, über den Flaum und den Kiel hinauf, bis er innehielt, kurz bevor er Damianders Haut berührte, als der die Wärme schon spüren konnte. Statt dessen ließ er seinen Blick weiterwandern, über Damianders Hand, seinen Arm hinauf, in dem solche Stärke zu stecken schien wie in zehn Lorimanders nicht, über das Schlüsselbein, das sich so wunderschön unter der glänzenden Haut abzeichnete, daß Alexander dafür gestorben wäre, es berühren zu dürfen; dann Damianders Hals hinauf, bis er wieder von diesem Gesicht gebannt wurde, von diesem Lächeln. Alexander erwiderte es mit jeder Faser seines Körpers.
Damiander hielt die Feder ruhig, solange Alexander sie berührte, und so zog dieser seine Hand wieder zurück, damit der Engel fortfahren konnte. Ohne seinen Blick zu lösen, lag er ganz still und wartete auf die Berührung, denn das Ende der Feder schwebte um Haaresbreit über seiner Haut, ließ sich erahnen, wenn Alexander einatmete, und blieb doch fern. Damiander rührte sich nicht, blickte nur Alexander an, als erwarte er etwas, eine Regung, ein Eingreifen, als wolle er Alexander zwingen, die Wünsche, die in seinen Augen, seinen Adern brannten, auszusprechen. Die Feder verharrte. Das Lächeln wurde etwas breiter.
Alexander holte Luft, so tief er konnte, um die Feder wie zufällig zu erreichen, doch Damiander zog sie fort, hob sie gerade so weit, daß sie wieder um Haaresbreite über Alexanders nun geschwollener Brust hing. Damiander lachte; er genoß das Spiel, und er war wunderschön, aber zugleich schmerzhaft, und Alexander wußte, daß er es nicht länger aushalten konnte. Seine Hand, auch wenn er sie dafür haßte, dann er hätte zugleich gerne diese Spannung noch länger ausgehalten, schnellte vor und ergriff die Feder, zog sie zurück auf seine Haut, und hielt doch weiter die Luft an, um dieses Gefühl als müsse er bersten nicht zu verlieren.
»Nun?« fragte Damiander, oder es sah so aus als frage er, denn in Alexanders Ohren rauschte es zu laut, als daß er noch klar denken konnte.
Vorsichtig schob Alexander die Feder über seine Haut, über seine Brust, im Kreis um seinen Bauchnabel herum, und dann weiter nach unten … Er wußte nicht, ob es seine Finger waren, welche die Feder führten, oder Damianders Hand, denn er dachte nicht über seine Bewegungen nach. Es war, als wandere die Feder von selbst.
Dann war sie in Alexanders Hand, vielleicht hatte Damiander sie losgelassen, Alexander wußte es nicht, zu vieles von dem, was geschah, war wie ein Traum, und dann wieder nicht genug …
Er berührte Damiander mit der Feder, ließ sie über seine Haut hüpfen und genoß es, den Widerstand zu führen. Einen Moment lang versuchte er noch den Drang niederzukämpfen, Damianders Gefühle zu teilen - er fürchtete sie ebensosehr, wie er sie begehrte - doch sie drängten sich ihm auf, er konnte und wollte sie nicht länger fernhalten. Wärme schwemmte auf ihn ein, Begehren, Verlangen, Glück - Die Feder entglitt Alexanders Fingern, seine Hand umklammerte Damianders, und als sie sich endlich berührten, war es, als schlösse sich ein Kreis.
Es waren seine eigenen Gefühle, die er durch Damianders fühlen konnte, und Damianders, und seine, und Damianders, und seine, und Damianders, und seine - Alexander war, als müsse er schreien, und er schrie, vor Glück und vor Liebe und vor Verzweiflung. Damianders Körper war unter seinen Händen und sein Körper unter Damianders, und ihr Blut floß durch einen Körper, und die ganze Welt war ein Abgrund aus Farben.
Damiander fing Alexander auf, bevor er untergehen konnte, und Damiander ließ ihn ertrinken. Damiander hielt ihn fest und ließ ihn fliegen … Noch lange danach, auch als sie sich nicht mehr berührten, als Alexander nur noch ruhig auf dem Rücken lag und versuchte, zu Atem zu kommen, konnte er die Gegenwart des Engels weiter spüren. Damiander blieb an seiner Seite, strich ihm mit der Hand über das Gesicht, über das Haar. Alexander konnte die Berührungen nicht erwidern. Er war zu verzückt, um sich rühren zu können, sein Verstand war zu weit vom Körper entfernt, um ihm Befehle geben zu können. Damianders Lippen streiften Alexanders wie ein flüchtiger, achtloser Kuß, und dann war es vorbei. Damiander stand auf und ging, verließ das Bett, ließ Alexander allein zurück, und verzweifeln.

aus: Die Chroniken der Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind

(c) by Maja Ilisch


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