Nochmal aus »Bilderflut« - nicht direkt eine Bett-, aber eine ziemlich abgefahrene Kuss-Szene. Drabèk wird gerade von humorlosen Piratenkollegen kielgeholt und hat eigentlich mit seinem Romanheldenleben abgeschlossen. Doch selbst unter Wasser ist der Gute einfach unwiderstehlich...
Drabèk und die
Nixe
von LaMaga
Drabèk hatte die
Möglichkeit, sich zu Tode zu erschrecken, gar nicht mit in
seine letzten Gedanken einkalkuliert. Als sich nun aber diese
neckische, zärtliche Umarmung um ihn schloss, war der Pirat
schockiert und fassungslos.
Das Wasser trieb ihn wieder nach oben, auf die scharfkantige
Unterseite des schrecklichen Piratenschiffes zu. Der Hai schoss
erneut voran.
Eine zierliche kleine Hand fuhr auf die Fischschnauze mit dem so
deformiert wirkenden Maul zu und gab dem Raubtier einen
ärgerlichen Klaps auf die Nase. Der Hai drehte ab und wand
sich ein Stück weit davon.
Dann ließ die Nixe Drabèk los, schwamm mit einer
anmutigen Pirouette über ihn und glitt zwischen ihm und dem
Schiff dahin.
Drabèk hatte nie zuvor ein so entzückendes und zugleich
eindrucksvolles Geschöpf gesehen. Fasziniert betrachtete er
seine Beschützerin und konnte nicht fassen, was ihm da
widerfuhr.
Die Nixe legte den Kopf schief und schaute ihn neugierig an. Ihre
Hand tastete nach seinem Gesicht und legte sich dann auf seine
Brust. Sie drückte ihn abwärts, ließ ihn wieder los
und schien sehr erstaunt darüber, dass sein gefesselter
Körper immer wieder in die Höhe gezogen wurde. Sie schien
sich darüber zu amüsieren.
Drabèk schaute sie an und war entschlossen, sich in den
wenigen Sekunden, die ihm noch zu leben blieben, jedes Detail ihres
Aussehens einzuprägen. Mit diesem atemberaubenden Anblick, mit
diesem Bild vor Augen wollte er sich dem unerbittlichen Wasser
hingeben, getröstet von der sonderbaren Gnade, die ihm die
Mächte des Ozeans da zuteil werden ließen. Und dann
erkannte er sie. Sie war eine der Nixen in jenem seltsamen, stillen
Bereich des Chaos gewesen, die die Silbergischt berührt
und die er mit seinem Spiegelbild erschreckt hatte. Nun hatte sie
es ihm heimgezahlt, hatte ihn überrascht und schien sich
kindlich über ihren Streich zu freuen, denn sie lächelte
fröhlich, während er ertrank.
Ihr Haar war grün und voll, wallte im Wasser um ihre Schultern
wie üppiger Tang und war durchsetzt von Perlen und bunten
Unterwasserblumen. Ihre Haut war bleich und fast weiß, hatte
einen perlmuttfarbenen Schimmer. Als sie ihr Gesicht dem seinen
näherte, stellte er fest, dass sie keine Haut hatte wie ein
Mensch, sondern über und über mit winzigen, schillernden
Schuppen besetzt war. Ihre Augen waren klar und blau wie
Aquamarine, und zwischen ihren schlanken Finger entdeckte er
hauchzarte Schwimmhäute. Bis zur Hüfte hatte sie die
Gestalt eines zierlichen jungen Mädchens, aber ihr Körper
endete in einer grünlich schimmernd beschuppten,
großgefächerten Fluke, die ruhig paddelte und ihn gegen
die Seepockenschicht abschirmte.
Drabèk schloss die Augen. Sein Körper gehorchte ihm
nicht mehr. Die Atemnot ließ ihn sich aufbäumen und
strampeln. Hilflos schnappte er nach Luft, sog aber nur von neuem
eisiges Nass in seine gequälten Lungen. Die Nixe betrachtete
fasziniert das Wasser, das er auszuspeien versuchte, als er zu ihr
zu sprechen wollte, aber nur erstickt gurgeln konnte.
Sie war nicht allein. Als er in einem verzweifelten Reflex die
Augen wieder öffnete, waren da andere Nixen bei ihr, eine
schöner als die andere. Drabèk sah, wie einige von
ihnen die immer wieder dreist herankommenden Haifische
verscheuchten, so wie ein Mensch es mit bettelnden Hunden tun
würde. Andere schwammen nun um ihn herum, und er fühlte
sich von ihren schlanken, feinen Händen berührt. Wie
neugierige Kleinkinder befingerten sie ihn und wußten
offenbar nicht, was sie von ihm, diesem seltsamen, flossenlosen
Wesen halten sollten, das da so ungeschickt im Wasser trieb.
Eine hatte die Seile entdeckt, an denen er hing, aber sie konnte
nichts damit anfangen, vermutete wahrscheinlich, sie würden zu
seinem Körper gehören wie seine Kleidung. Drabèk
hätte ihr gern zugerufen, sie angefleht, die Fesseln irgendwie
zu lösen, aber er konnte es nicht. Zwei andere schwammen in
respektvollem Abstand neben seinen nur noch schwach kickenden
Beinen her und wirkten ratlos. Sie kannten so etwas wie Beine wohl
nicht und mussten ihn für ein verkrüppeltes Seemonster
halten.
Die kleine Nixe – sie wirkte etwas jünger und war
vorwitziger als ihre Schwestern – tastete vorsichtig
über seinen stoppeligen Bart und zupfte an seinem Ohrring.
Dann ließ sie von ihm ab und schwamm mit schnellen
Flossenschlägen seitlich weg.
Wieder trieb er auf das Schiff zu, bemerkte es aber kaum noch. Eine
lähmende Schwere breitete sich in ihm aus, während die
Nixen ihn begutachteten und an seinem Mantel zogen.
Das Nixlein kam zurück und scheuchte unwillig einen weiteren
Haifisch fort. Enttäuscht blinzelte sie ihn an.
Drabèk lächelte, während er langsam
ohnmächtig wurde.
Du willst mit mir spielen, dachte er schwach. Oh,
Mächte, wie arglos und unschuldig ihr seid...
Andere Nixen rissen ihn an Beinen und Schultern wieder in die
Tiefe, als sie erkannten, dass er nicht selbst abtauchen konnte.
Drabèk hörte sie in ihrer unverständlichen, hell
flirrenden Perlensprache aufgeregt miteinander wispern. Sie
gestikulierten und warfen ihm besorgte Blicke zu.
Ich sterbe, dachte er, ganz an der Oberfläche seines
Geistes. Könnt ihr das begreifen? Eurer wunderliches
Spielzeug geht kaputt.
Das kleine Nixenmädchen glitt wieder über ihn. Sie
berührte das Wasser, das aus seinem Mund kam, während er
stumm ins Wasser seufzte.
Du bist so süß, dachte Drabèk bedauernd.
So süß...
Die Augen fielen ihm zu. Sein Geist entglitt ihm. So war es also,
zu sterben... als Mensch zu sterben...
Da legten sich kühle, glatte Lippen auf seinen Mund. Ihre
zarten kleinen Hände griffen nach seinen Wangen. Sie
küsste ihn.
Drabèk erschauerte und hielt ganz still. Der Mund der
kleinen Nixe war feucht und fühlte sich sonderbar an. Nicht
unangenehm, aber doch seltsam und definitiv nicht dazu bestimmt,
ein warmblütiges Wesen wie ihn zu berühren.
Aber er ließ es mit sich geschehen. Vertrauensvoll gab er
sich dem Nixenkuß hin, während das Wasser um ihn
trübe und matt wurde, je näher er dem Licht kam, das sich
hell und strahlend einen Weg durch die Tiefe bahnte und ihn zu sich
zu rufen schien.
Doch das kleine Nixlein hielt ihn zurück, hielt ihn besorgt
umklammert und gab ihm, indem sie ihn küsste, von ihrem
Atem.
Die anderen Nixen schwammen nun um ihn und ihre Gefährtin
herum wie eine Eskorte, wie ein schützender Wall gegen die
aufdringlichen Haifische. Sie waren die Herrinnen der Meere, und
alles, was darin schwamm, war ihrem Willen untergeordnet. Und aus
einer verrückten Laune heraus waren sie der
Silbergischt gefolgt, waren durch das Chaos nach Librien
gekommen, um sich hier umzusehen.
Was sie fanden, diese seltsamen Haie und diese großen
hölzernen Objekte auf der See, das fanden sie amüsant.
Und das Hilflose, das sie hier im Wasser entdeckt hatten ... das
mussten sie beschützen.
Drabèk küsste die Nixe, schauderte vor ihr und
fühlte sich gleichzeitig erhoben und glücklich. Sie
schwamm über ihm dahin, er konnte ihre festen kleinen
Brüste spüren und den Fischschwanz, der sich bewegte und
sie durch die Fluten voran trug.
Ja, sie waren freundlich und schöner, als es das Seemannsgarn
behauptete, das er tausendfach gehört hatte in seinem
Leben.
Aber sie gehörten nicht nach Librien. Denn sie waren
wirklich.
Wirklicher als er es war, der Mann aus Worten, die Romanfigur, die
nur innerhalb von Librien, nur gefesselt an die Geschichte Substanz
hatte und doch mehr geworden war als das zusammen der Sätze,
die über ihn niedergeschrieben waren in einem mysteriösen
Buch.
Die Nixen plauderten auf ihn ein und streichelten und neckten ihn,
wie verspielte, unschuldige Kinder, wie freundliche Delphine.
Drabèk schaute seiner Retterin in die blauen Augen und
begann instinktiv, ihren Kuss zu erwidern, scheu, wie er es nie
zuvor gewesen war. Er küsste sie auf Menschenart und bangte
davor, sie zu erschrecken, der stolzen Meerestochter zu nahe zu
treten. Sie war keine warme, lebendige Camè. Sie war Teil
der archaischen Macht, die er als Seefahrer verehrte und
fürchtete.
Doch es schien ihr zu gefallen. Sie streichelte ihn und lachte mit
den Augen. Ihre Zunge war wie ein kalter kleiner Fisch.
Drabèk erschauerte und gierte gleichzeitig nach Luft und
Leben, das ihr unschuldiger Kuss ihm einflößte.
Und der Bug der Kaper-Prise war beinahe über
ihm.
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Füftes Buch: Bilderflut
(c) by Sandra Bloh