Es ist schon ein schweres
Los für Alexander, daß er sich ausgerechnet in Halan
verlieben mußte - denn erstens weist Halan jede Form von
Gefühlsregung als unwürdig von sich, zweitens betrachtet
er Alexander immer noch als kleinen Jungen, und drittens hat er -
als Alexanders Neffe - sehr strikte Ansichten, was Liebe zwischen
Blutsverwandten angeht. Dennoch ist Alexander davon überzeugt,
daß Halan seine Liebe erwidert …
Das ist effektiv die erste Liebesszene, die ich jemals geschrieben
habe. ZOE gewidmet - sie hat so lange darauf
gewartet!
Anders und Halan
von Maja Ilisch
Am liebsten hätte
Alexander noch an diesem Tag mit Halan über alles gesprochen,
nicht über das, was sie in der Arena hatten sehen müssen,
aber über das, was sie füreinander empfanden. Doch Halan,
der den ganzen Rückweg über schwieg und offenbar alles
tat, um Alexanders Blick auszuweichen, murmelte nach ihrer
Rückkehr in den Palast nur, ihm sei nicht wohl, und zog sich
in sein Zimmer zurück. Alexander wußte nicht, ob er ihm
folgen sollte oder durfte, oder ob Halan vielleicht sogar nur
darauf wartete, daß Alexander ihm folgte.
Aber Alexander ließ ihn in Ruhe, er hatte einmal eine
Tür zertreten, hinter der Halan sich verschanzte, und einmal
zu oft versucht, Halans Wände mit Gewalt niederzureißen.
Diesmal fehlte ihm der Mut.
Er blieb zurück mit einem so unerträglich vielsagend
lächelnden Davren, daß Alexander ihm am liebsten die
Vorderzähne eingeschlagen hätte.
»Du willst also mein Diener sein?« fragte er kalt.
»Dann unternimm etwas, um mein Wohlbefinden zu
steigern!«
Davrens Augen begannen zu leuchten. »Was immer Ihr
wünscht, Sirah.«
Alexander setzte ein Lächeln auf. »Es geht nicht darum,
was ich immer wünsche, sondern was ich jetzt im Moment
wünsche, Davren.« Er legte eine plötzliche
Wärme in diesen Namen, als ihm eine Idee kam. »Bereite
mir ein Bad!«
»Sofort, Sirah!« Der Junge war schon fast an der
Tür, als er sich besann und zurückkehrte. »Soll ich
eines der Badezimmer für Euch herrichten, oder wünscht
Ihr, daß ich den Zuber hierher bringe?«
»Wenn ich deinen Herren Harven richtig verstanden habe, ist
dieses Zimmer für die Dauer meines Aufenthaltes meines, aber
kein anderes. Ich möchte nicht das Bad eines anderen belegen,
auf daß er - oder ich - unliebsame Überraschungen
erleben.«
»Also hier?« fragte Davren noch einmal, offenbar zu
sehr gewöhnt an den Umgang mit Schwachsinnigen. Alexander
seufzte und nickte geduldig, und Davren eilte davon.
Als er zurückkehrte, schob er eine Messingwanne auf kleinen
Rollen in Alexanders Zimmer, und danach kam er in immer länger
werdenden Abständen, von immer größerer Anstrengung
gezeichnet, und schleppte Kübel mit heißem Wasser
an.
Er gab sich große Mühe, alles genau nach Alexanders
Wünschen zu gestalten, ließ ihn an verschiedenen
Duftölen riechen, welchen davon am ersten seinen Geschmack
träfe?
Alexander erwiderte, er wolle das Öl schließlich nicht
trinken, aber wenn er noch etwas von diesem köstlichen
Pflaumenwein bekommen könnte? Und wieder eilte Davren davon,
mit hochrotem Gesicht von der harten Arbeit und den heißen
Dämpfen, und seine goldblonden Haare klebten nun dunkel und
strähnig um seinen Kopf. Alexander sah ihm lächelnd nach.
Er begann, Gefallen an dem Jungen zu finden, und sei es nur, um
alle störenden Gedanken aus seinem Kopf verbannen zu
dürfen, Halan, Lorimander, die toten Löwen, die toten
Schwäne …
»Ich hoffe, er ist noch kühl genug«, sagte Davren,
ein wenig atemlos, als er zurückkam, und schenkte Alexander
einen Kelch ein. Er hatte zwei mitgebracht, aber Alexander tat, als
bemerke er das nicht. »Gibt es sonst noch Wünsche, die
ich Euch erfüllen kann?«
Alexander sah Davren zu, wie er eine Hand voll getrockneter
Rosenblätter in das Wasser streute und nippte langsam an
seinem Wein. »Ja«, sagte er dann. »Hilf mir,
damit ich nicht gezwungen bin, in Kleidern zu baden - oder ist das
in diesem Land Sitte?«
Er streifte mit den Füßen seine Sandalen ab, richtete
sich auf und streckte die Arme aus. Davren entkleidete ihn
geschickt und ohne Scheu, und offensichtlich hatte er Erfahrung
damit. Kein Mal wurde er grob, und er legte Alexanders Kleider
sorgsam über einen Stuhl, den er von der Wanne noch ein wenig
weiter fortschob, damit kein Wasser auf den Stoff spritzte.
Vorsichtig stieg Alexander in die Wanne. Das Wasser hatte genau die
richtige Temperatur, es legte sich sanft um ihn, umschmeichelte
seinen Körper, als er sich niederließ.
Davren griff zu einem Schwamm und einem Stück fliederfarbener
Seife und kniete sich neben der Wanne nieder. »Ihr erlaubt,
daß ich mein Hemd ausziehe, Sirah? Meine Ärmel
würden sonst naß, und -«
»Nein«, sagte Alexander ruhig. »Dein Hemd kannst
du behalten, keine Sorge. Und es wird auch nicht nasser werden, als
es ohnehin schon ist.«
Davrens glänzendes Gesicht bekam etwas Klägliches.
»Aber wie soll ich dann Euren Rücken schrubben,
Sirah?«
»Oh, das wirst du nicht. Es ist gewöhnlichen Sterblichen
wie dir verboten, Engelsgeborene wie mich zu berühren.
Für das, was du für mich getan hast, danke ich dir. Aber
noch dankbarer wäre ich, wenn du nun bitte meinen Neffen zu
mir schicken könntest.«
Davren gehorchte. Aber ihm fehlte die Beherrschung, um nicht im
Gehen die Tür zuzuschlagen.
Kurz darauf kam Halan. »Ich wollte mich schlafen
legen«, sagte er, aber wenn er auch vor einer Stunde das
gleiche gesagt hatte, war er noch immer voll bekleidet.
»Ich weiß«, erwiderte Alexander trotzdem.
»Aber ich brauche deine Hilfe. Magst du mich einseifen und
mir den Rücken schrubben? Mir ist zu spät eingefallen,
daß es dem Jungen verboten ist.« Er lächelte, als
er diese Lüge aussprach, aber das Lächeln war echt,
anders als alle, die er Davren geschenkt hatte.
»Wenn es sein muß«, sagte Halan
gleichgültig, aber seine Augen sprachen eine andere Sprache.
Er schob seine Ärmel hoch, trat hinter ihn und begann,
Alexanders Rücken mit Schwamm und Seife zu bearbeiten, nur
seinen Rücken, und er sah nicht auf dabei, bemühte sich,
nicht in Alexanders Gesicht zu blicken, und nicht auf seinen
Körper.
»Ich habe Davren nicht meine Handschuhe ausziehen lassen,
aber jetzt möchte ich nicht, daß sie naß
werden«, sagte Alexander leise. Er wußte nicht, ob das,
was er versuchte, richtig war, oder ob es nicht vielmehr Halan in
Wut versetzen würde.
Aber Halan kam herum und half mit nassen Fingern Alexander aus den
Handschuhen. Diesmal rissen die Wunden nicht wieder auf. Diesmal
würde Alexander sie heilen lassen.
»Besser?« fragte Halan und sah aus dem Fenster.
»Glaubst du, das Wasser hat die richtige
Temperatur?«
Halan streckte eine Hand kurz in das Wasser, sorgsam darauf
bedacht, Alexander nicht zu berühren. »Ich glaube
schon«, sagte er.
Am liebsten hätte Alexander geschrien. Er konnte Halans
Gefühle spüren, sie teilen, wie noch nie zuvor, aber hier
war Halan und versuchte kalt zu sein, seine Augen vor dem
Offensichtlichen zu verschließen.
Er sah nicht in das Wasser, das klar war und Alexander verriet, und
nicht in seine Augen. Statt dessen trat er wieder hinter ihn und
begann, ihm mit zaghaften, unbeholfenen Bewegungen den Rücken
zu massieren, nur den Rücken, sonst nichts.
Alexanders Gefühle bäumten sich auf, und unter ihnen
bäumte Alexander sich auf, griff mit beiden Armen nach oben,
nach hinten, bis er Halans Haare zwischen seinen Fingern
fühlte, seinen Kopf faßte und sanft zu sich hinunter
zog.
Halan sagte nichts, aber er versuchte auch nicht, seinen Kopf
wegzuziehen, auch nicht, als sein Kinn auf Alexanders Schulter
ruhte, nicht, als seine Wange sich gegen Alexanders schmiegte, und
auch nicht, als Alexander sich, ohne ihn loszulassen, zu ihm
drehte, und ihn zu küssen begann.
aus: Die Chroniken der
Elomaran
Erstes Buch: Engelsschatten
(c) by Maja Ilisch