Nur selten habe auch ich mich mit Liebe zwischen unterschiedlichen Wesen beschäftigt - hier einer Menschenfrau und einem »Dämonen«. Was er nun ist bleibt offen, was beide suchen wird in dieser Szene deutlich erklärt.


Rhiani und Ruan

von Christel Scheja


Ich, Rhiani ser Killaw trage kein menschliches Kind in meinem Leib. Die Dorfbewohner wissen es, und sie behandeln mich mit abergläubischer Furcht, den Blick immer auf den Berg gerichtet, dessen Schatten auf ihre einfachen Hütten fällt, wenn die Sonne untergeht. Ich weiß sehr wohl, daß auf seinem Gipfel eine alte, verlassene Ruine liegt, denn ich sehe oft genug selbst dort hinauf, um ihn zu erspähen - den Vater meines Kindes.
Ich liebe es, obgleich ich weiß, daß es nur ihm ähnlich sehen wird, und niemals unter meinesgleichen leben kann. Mein Sohn wird wie sein Vater anders sein. Schon jetzt spüre ich die Höcker aus denen einmal seine Flügel wachsen werden - ledrige Schwingen von mehr als zwei Schritt Länge, bespannt mit dünner, fast transparenter Haut. Sein Schädel wird langgestreckt und haarlos sein, die Haut grau wie Schiefer, und seine Füße werden in Klauen enden.
Einzig seine Augen werden einen Schimmer Menschlichkeit in sich tragen. Seine Hände werden fein und langgliedrig sein, krallenbewehrte Waffen dann, wenn er in Zorn gerät. Kleidung wird er nicht brauchen, denn seine Haut ist zäh und schützt ihn. Gleichgewicht bewahrt er mit seinem langen, dünnen Schwanz.

Vor sieben Monaten erkletterte ich den Berg und die Ruinen des Schlosses, die Neugier und der Forscherdrang meines Volkes hatten mich an diesen Ort geführt, berichteten Legenden doch von einem Dõmon, der dort hausen sollte und die Menschen tyrannisierte. Hier stellte ich fest, daß er sich seit vier Generationen nicht mehr hatte sehen lassen, und sein Haus zerfallen war. Die Dorfbewohner glaubten, er sei tot, wenn auch einige alte Frauen anderes behaupteten. Durch sie kam ich auf den Gedanken, den Berg zu ersteigen, und selber festzustellen, ob die Ruine noch Leben verbarg. Zu verlieren hatte ich nichts mehr, denn meine Familie, meine Tochter und mein Gefährte waren durch das Sommerfieber in Trisano gestorben. Den Tod durch einen Sturz von den steilen, brüchigen Felsen oder durch die Krallen jener Kreatur hätte ich furchtlos hingenommen.
Aus den Erzählungen der alten Weiber klang die Furcht der Menschen vor einem fremdartigen Geschöpf, und ich hatte verschiedene Beschreibungen vernommen, aber ich erschrak , als ich ihn sah, nicht. Denn das erste, was ich erblickte waren seine Augen - groß, geschlitzt, leuchtend gelb - und voller Trauer und Einsamkeit. Ich versank in ihnen und fand mein Leid wiedergespiegelt.
»Wer bist du?« fragte er mich und ich antwortete wahrheitsgemäß. Er war Ruan, der Letzte seine Volkes, eines Volkes, das bereits gelebt hatte, als die Menschen noch Nomaden gewesen waren. Die Ruine war einst sein Palast gewesen, und er hatte über dieses Land geherrscht.
Seine Augen ruhten die ganze Zeit auf mir, und ich spürte immer wieder seltsame Schauer durch meinen Leib rinnen, die mich heftiger atmen ließen. »Was ist dann geschehen?« fragte ich rasch, um mich abzulenken. Ruan bot mir einen Sitz an, während er stehen blieb. Ich sah, wie sich seine Muskeln bewegten. Auch er zitterte und schien angespannt zu sein. Als er sein Maul öffnete, sah ich eine lange Zunge und spitze Zähne. Von was auch immer er sich ernährte, es mußte fleischlicher Natur sein.
»Was geschehen ist?« wisperte er mit rauher Stimme. »Du bist anders als die anderen unten im Tal. Du hast keine Furcht vor mir, und bist nicht gekommen, um mich zu töten - denn warum sonst trägst du keine Waffen... Nun, es war Angst, die diesen Ort zerstörte... und Haß.«
Seine langgliedrigen Hände ballten sich zu Fäusten. »Haß...«, murmelte er, und ich schauderte ob des Klanges seiner Stimme. »Haß auf mich und mein Volk!« erzählte er weiter, und ich spürte, daß er bittere Erinnerungen heraufbeschwor. »Mein Volk ist uralt und von ...anderer Art. Wir haben keine Frauen...« Er sah mich mit glühenden Augen an und achtete auf mein Gesicht. »Wir nehmen uns die weiblichen Wesen anderer Rassen, um mit ihnen Nachkommen zu zeugen. Söhne, die uns verlassen werden, wenn sie sieben und drei Jahre alt sind. Denn wir arbeiten und schaffen auch nicht. Jeder junge Srarrkat zieht aus, um sich ein Heim zu erobern, vorzugweise von dem Menschen, weil sie schwach sind. Ich nahm mir diese Burg und tötete ihre vorigen Herren, und ich nahm mir auch eine Frau. Doch nicht mit Gewalt, wie es andere meines Volkes taten. Ich bat sie, für Gold, mir einen Sohn zu gebären. Sie tat es mit einem Blick auf die goldenen Münzen, doch sie begann mich zu hassen, während er in ihr wuchs. Mit ihm wurden auch die Schmerzen größer, die unsere Art verursachte, und nur mit knapper Not blieb sie am Leben. Ihr Zorn auf mich vermehrte sich, als ich sie auch noch zwang, ihn zu nähren und aufzuziehen.
Sie nahm nach sieben Jahren das Gold und verschwand, aber sie kehrte kurze Zeit später mit Kriegern zurück, die sie damit bezahlt hatte. Gemeinsam lauerten sie meinem Kind im Tal auf und erschlugen es, als es auf der Jagd war, griffen meine Burg an, als ich auszog, um die Mörder zu suchen und meinen Sohn zu rächen. Feuer und Eisen richteten sie gegen mich, aber ich tötete sie in meinem Zorn alle. Ich lernte den Haß der Menschen kennen, und seitdem hielt ich mich von ihnen fern. Seitdem tötete ich jeden, der meinen Felsen zu ersteigen suchte...«
Er verstummte. Ich spürte den Schmerz in seiner Stimme, die Trauer über den Verlust, die ich mit ihm teilen konnte. Dieses Gefühl überwog gegenüber meinen moralischen Bedenken, die sein Verhalten missbillligten. »Warum hast du mich dann leben lassen?« fragte ich ihn nun, doch schon erahnte ich die Antwort in seinen Augen, die noch immer auf mir ruhten. »Du bist eine Frau«, sagte er dann ruhig. »Und anders als die Bauernmädchen.«
»Ich bin eine Gelehrte« antwortete ich. »Ich sehe das Fremde mit anderen Augen und nichts Böses in ihm, auch wenn ich dein Verhalten, anderen Dinge zu nehmen, nicht gutheißen kann. Das ist die Moral der Menschen,«, ich verstummte kurz, »an die sich auch nicht immer alle von ihnen halten. Über dich sagt man, du seist ein grausamer Dämon, der Menschen misshandelt und frißt, und Frauen schändet...aber ich sehe, daß du in manchem meinem Volk sehr ähnlich bist, Ruan. Du bist ein Vater, der sein Kind verlor, und einsam...« Ich wußte nicht, was mich plötzlich weitertrieb, zu sprechen. »Ich habe auch alles verloren. Mein Kind starb an einem hohen Fieber, und ich konnte ihm nicht helfen.«
»Dann verstehst du mich...« wisperte Ruan überrascht und beugte sich vor. »Was willst du tun, nun, da du alles weißt? Wirst du fortgehen?«
Ich schwieg einen Augenblick. Wieder kribbelte mein ganzer Körper, als ich ihn aufmerksam betrachtete. Es schien verrückt, aber eine Idee reifte in mir, die ich nicht vertreiben konnte. Zudem war ich mir nicht sicher, ob sie aus meinem Gefühl kam, oder ob er sie mir eingegeben hatte. Mein Atem wurde schneller, als ich mir vorzustellen begann, wie es sein würde, die Mutter eines...eines...
Ruan bewegte sich nicht, aber ich konnte seinen Atem auf meinem Haar spüren. Fast erschien er mir wie eine Statue mit Edelsteinaugen. Er wartete, auch wenn ich spürte, daß er zitterte.
Was hatte ich zu verlieren? Meine Bindungen in die Heimat existierten nicht mehr, und das Fieber würde die Stadt dieses Jahr wieder heimsuchen. Für Gelehrte, die keine Heiler oder Magier waren, gab es kein Einkommen mehr. So entschied ich mich und vertrieb die aufkommenden Zweifel in den hintersten Teil meines Geistes, sah Ruan tief in die Augen. »Ich werde bleiben, bis unser Sohn erwachsen ist«, erklärte ich ihm, und bemerkte, wie sich die Augen Ruans vor Erstaunen weiteten. Freiwillig hatte ihm noch keine Frau dieses Angebot gemacht, und er schien nun mit sich zu ringen. Die Sehnsucht, einen weiteren Nachkommen zu haben, kämpfte mit der Furcht und dem Argwohn, die einstigen Ereignisse könnten sich wiederholen.
»Du könntest dabei sterben. Viele Frauen überleben die Geburt nicht« sagte er dann zerrissen.
Ich stand auf und stellte mich vor ihn, sah zu Ruan hinauf, der fast zwei Köpfe größer als ich war. »Ich nehme das alles auf mich. Nicht nur, weil ich eine Gelehrte bin, sondern auch eine Mutter war. Ich möchte es wieder sein«, gab ich meine Sehnsucht preis, die seit dem Tod meiner Tochter in mir nagte. Ich beschloß nicht mehr darüber nachzudenken. Ruan schwieg und bewegte nicht einmal seinen Kopf, als ich meine Kleidung öffnete und langsam ablegte. Als ich nackt vor ihm stand, legte ich wieder den Kopf in den Nacken und streckte meine Arme aus.
Er zögerte nicht länger. Sein heißer Atem wärmte meine Haut, als er mich an seinen kühlen, ledrigen Leib zog. Meine Hände streichelten seinen Rücken, während ich spürte, wie sich sein langer, biegsamer Schwanz um meine Beine schlängelte.
Er wußte mich wohl auf sein Eindringen vorzubereiten. Kein menschlicher Liebhaber hatte mich bisher so erregen können. Zart streichelten seine Finger meinen Körper, und seine Flügel boten mir ein weiches Lager, als er sie um mich legte, meinen Körper anhob und mit ihnen stützte. Seine Zunge war rauh und prickelnd, während sein Schwanz mit der Spitze die Schenkelinnenseiten streifte.
Unsere erste Vereinigung war fremdartig, schmerzvoll und kurz. Seine bisher in einer Hautfalte verborgene Männlichkeit, bewegte sich nur wenige Male in mir, dann spürte ich, wie etwas in mich hineinschoß und sich brennend einen Weg in die Mitte meines Körpers suchte. Ruan hielt mich fest und wisperte beruhigende Worte in mein Ohr, als ich aufschrie und meine Finger in sein Fleisch grub. Das Feuer loderte noch einmal auf und erlosch dann. »Ich weiß, ich habe dir weh getan. Das wird nicht wieder geschehen. Ich habe dir nur meine Frucht gegeben, der mein Samen folgen muß.«
Er entließ mich nicht aus seinem Griff und streichelte die Tränen von meinen Wangen, begann wieder, mich zu liebkosen und erneut Sinnlichkeit in mir zu erwecken. Diesmal drang er langsam und zärtlich in mich ein, und gab seiner Lust mit Stöhnen und Keuchen Ausdruck. Ich glaubte, der Akt würde niemals enden - so sehr erregte er mich, und ließ mich den Schmerz vergessen. Wieder hielt er mich nur lose fest, während ich mich von meiner Zügellosigkeit treiben ließ, ihn küßte, meine Hände in seine Muskeln krallte und...
Bei den Göttern - ein wohliges Gefühl durchströmte mich, als es vorüber war und Ruan mich sanft auf seinem, nach Moschus duftenden Lager niederlegte. Seine Hand ruhte auf meiner Körpermitte, und er wirkte glücklich und zufrieden.
»Nun trägst du mein Kind«, sagte er. Ich legte meine Hand auf die Seine und schüttelte den Kopf, schreckte ihn damit auf. »Es ist auch meines, auch wenn ich an seiner Zeugung keinen Anteil habe. Aber es wird in mir wachsen und ich werde es nähren.«
Ruan sah mich an, und ich glaubte zu spüren, daß er verwirrt war, aber auch große Achtung für mich zu fühlen begann.

Nun aber sind sieben Monate vergangen und ich habe meine Entscheidung nicht bereut. Ruan umsorgt mich, treu und liebenswürdig, und ich glaube, daß er beginnt, mich zu lieben. Ich konnte ihn dazu bewegen, mich im Dorf leben zu lassen und zwischen ihm und den Dorfbewohnern zu vermitteln, denn nicht noch einmal soll das geschehen, was ihn vor acht Generationen verbitterte. 
Die Menschen hier fürchten ihn noch immer, aber ihre größte Angst ist verblasst, nachdem Ruan einen hungrigen alten Bären tötete, der einige ihrer Kinder bedrohte. Nun schützt er als Gegenleistung für Gaben - Nahrung und einfache Stoffe und Holzmöbel ihr Tal.
Zwar wird der Weg zur gegenseitigen Achtung noch weit sein, aber was auch immer geschehen wird: Ich habe keine Angst mehr davor, und ich werde die Zukunft lieben. Wie mein Kind, das ich aus freiem Willen empfing.

aus: Dämonensaat

(c) by Christel Scheja


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