Ortsbegehung

Ich mach mir die Welt widewidewie sie mir gefällt ...

Pippi Langstrumpf


Früher waren Ortsbeschreibungen in Geschichten etwas sehr wichtiges. Es gab kein Fernsehen, keine Neckermann-Reisen, noch nicht einmal Bildbände. Die Menschen wußten nicht, wie es anderswo aussah. Und anderswo war im Prinzip alles, was über den eigenen und vielleicht noch den Nachbarort hinausging. Bis weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein waren Reiseberichte von möglichst exotischen Orten die Bestseller schlechthin, in in den Abenteuerromanen - man denke an Sir Walter Scott oder Karl May - nahmen ausgedehnte Landschaftsbeschreibungen weite Passagen ein.

Heute ist das anders. Die Bilder sind so präsent im Hirn des Lesers, daß man sie nur mit einem Stichwort anstupsen muß, und sie kommen heraus. New York - zack! - Sahara - zack! - Prärie - zack ... Selbst zu vormals exotischen, unbekannten Gegenden gibt es heutzutage Themenabende bei arte. 
Und aus der Literatur sind die Ortsbeschreibungen nahezu verschwunden. Sie gelten als zu langatmig, halten nur auf, wo der Leser im Plot vorankommen will - sie sind überflüssig geworden. Manche Klassiker - und wieder denke man an Karl May - erscheinen in Jugendausgaben, aus denen die Landschaftsbeschreibungen herausgekürzt wurden.

Aber es gibt noch Nischen. Es gibt den Historischen Roman, der uns die Welt malt, wie sie einst war, aber auch hier wurde zuviel Pionierarbeit geleistet, jeder, der sich schon einmal mit dem Thema befaßt hat, kann spontan das Szenario einer mittelalterlichen Stadt vor dem inneren Auge aufbauen und mit den entsprechenden Hauptpersonen bevölkern. Und es gibt die Phantastische Literatur. Und hier sind alle Grenzen offen.

Nirgendwo sind Lokal- und Globalkolorit so wichtig wie an einem fiktiven Ort, in einem fiktiven Land. Natürlich, die mittelalterlich geprägten Standartstädte gibt es auch hier. Aber wie lebt man anderswo? Wo leben die Elfen, wie bauen die Zwerge? Welche Architektur bringt ein Volk hervor, das niemals die Sonne erblickt hat? Das in den Sümpfen lebt? Von Steinzeit bis High Tech ist alles möglich. Als ich letztes Jahr ins Münsterland zog, erkannte ich in den grünen Hügeln der Baumberge das Auenland wieder, und freute mich, nach Hause gekommen zu sein.

Hier sind nun die Ortsbegehungen, der Reiseführer zu den mystischen Orten des Tintenzirkels.

Maja Ilisch