Deskriptio. Nabel der Welt.
Muß man mehr sagen?
Der große Tempel ist übrigens inspiriert durch den
ständig angebauten Augsburger Dom.
Deskriptio
Hauptstadt von Raköb
von Monica Höfkes
Pfau wickelte sich fest in
seinen Umhang und ging, das Pferd am Zügel führend,
hinter Retrosch her, der ihn geschickt durch die vielen Menschen
lotste, bis sie schließlich vor einer Ausfallpforte in der
Stadtmauer standen. Pfau sah sich um und bemerkte noch weitere
Priester, die eine kleine Gruppe Reisender mit sich führten.
Ein weiterer Blick zeigte ihm aber, daß sich noch wenigstens
zweihundert Menschen um die Lagerfeuer drängten. Eine solche
Masse Menschen an einem Ort hatte er bisher nur ein einziges Mal
gesehen, als er während seines Studiums einmal das Weihefest
in Deskriptio erlebt hatte. Schnell folgte er Retrosch, der sie
über verschiedene schmale Gassen um den Trubel des Zentrums
herum führte.
Sie kamen durch Stadtteile, die normalerweise des Nachts still und
verlassen dalagen, in denen jetzt aber ein solches Gedränge
herrschte, daß sie nur mühsam vorankamen. Zahlreiche
Händler boten ihnen unterwegs Speisen an oder auch andere
Genüsse, die von Retrosch mit einer mißbilligenden Miene
bedacht wurden, doch endlich erreichten sie den großen
Tempelbezirk, und die Menge begann sich aufzulösen.
Deskriptio war eine sehr alte Stadt, und im Laufe der Jahrhunderte
hatte sich der Tempel immer weiter ausgebreitet, bis er
schließlich, neben den Kasernen, der größte
zusammengehörende Gebäudekomplex der Stadt und vermutlich
auch des ganzen Landes geworden war. Der eigentliche Tempel war ein
zwar imposanter, aber nicht gerade gigantischer Bau - im Gegensatz
zu den anderen Gebäuden um das Allerheiligste herum.
Zahlreiche Höfe mit Arkadengängen umgaben das Zentrum,
und waren wiederum von Höfen umringt. Es gab neben den
Quartieren für die Priester und Novizen noch viele andere, um
den unzähligen Besuchern, Pilgern und Bittstellern Unterkunft
zu bieten.
Mehrere große Küchen und Speisesäle sorgten
für die Behaglichkeit der vielen Menschen. Es gab
außerdem noch zwei Schulen, eine Elementarschule für die
Acht- bis Vierzehnjährigen und die Novizenschule. Beide waren
kostenlos, und auch für Kost und Logis der Schüler war
gesorgt.
Während seines Studiums, das immerhin etwa zehn Jahre gedauert
hatte, war Pfau des öfteren in den Tempel gekommen,
hauptsächlich, um die Bibliothek der Rak-Brüder zu
nutzen, und so kannte er sich ein wenig im Inneren des
weitläufigen Bezirkes aus. Aber als sie dann endlich die
Gästequartiere erreichten und Pfau erleichtert seine schweren
Satteltaschen absetzte, die er, nachdem er Kwoc im Stall sicher
untergebracht wußte, alleine hatte tragen müssen,
schwirrte ihm der Kopf von all den Abkürzungen und
verwinkelten Korridoren, durch die Retrosch sie mit
schlafwandlerischer Sicherheit geführt hatte. Allerdings lebte
der Priester ja auch schon sehr lange im Tempel, und da war es nur
natürlich, wenn er sich so gut auskannte.
Retrosch zeigte ihm, wo er seine Sachen unterbringen konnte und wo
es eine Waschgelegenheit gab. Dann zog er sich zurück, um Pfau
Zeit zu geben, sich zu erfrischen und für ein spätes Mahl
umzuziehen. Es war sehr ruhig in diesem Teil des Tempelbezirkes,
und vom Lärm in der Stadt drang nur ein leises, sanft auf und
ab schwellendes Brausen bis in die Gästequartiere. Nachdem
Pfau sich erleichtert von den schmutzigen Reisekleidern befreit und
gewaschen hatte, zog er seine übliche Kleidung, bestehend aus
einem weichen Seidenhemd, dunkelblauem Samtwams, welches mit einer
schwarzen Paspelierung versehen war, schwarzen Beinkleidern und
kniehohen Stiefeln aus feingegerbtem und dunkelblau
eingefärbtem Leder, an und verließ die ihm zur
Verfügung gestellten Räumlichkeiten auf der Suche nach
dem Speisesaal.
aus: Die Öbba
(c) by Monica Höfkes