Gut und gerne 1200 Jahre nach den Ereignissen um die Flöte aus Eis erreicht Mowsal mit seinen Freunden die Hohe Elbenfeste, um dort das Wasser des Lebens zu bekommen. Die Welt hat sich verändert, nur die Trommel aus Stein ist immer noch die gleiche.
Ich hätte den Text von 1996 übernehmen können, aber 1998 hatte ich dazugelernt. Ich beschrieb nicht mehr den Ort  selbst, sondern nur noch seine Wirkung auf jene, die ihn zum ersten Mal sehen. Dieser Text gefällt mir deutlich besser.


Dolua'd'llán, jetzt
Die Hohe Elbenfeste

von Maja Ilisch


Damals, als Mowsal zumindest ab und zu noch mit seinen Eltern die Halle der Masken besuchte und sie nicht bloß ein großer Bau mit verdammt bequemen Stufen war, hatte er immer wieder vor einer bestimmten Maske gestanden. Er wußte nicht einmal, wie sie hieß, und sie war nicht so wichtig wie die Große Maske, aber sie war unglaublich schön. Über lange Jahre hinweg war sie das Schönste, was er kannte, mit den allerfeinsten Schnitzereien, und nicht so schreiend bunt wie die meisten anderen. Sie war klein und schön - und furchteinflößend. Jedesmal, wenn Mowsal vor ihr stand und sie bestaunte, liefen ihm Schauder des Schreckens über den Rücken, aber er konnte seinen Blick nicht von dem geschnitzten Gesicht losreißen. Er traute sich nicht einmal, irgendwelche Bitten an sie zu richten. Von all den Masken, die seit Jahrhunderten in der Halle hingen, war sie die einzige, an deren Kraft Mowsal wirklich glaubte. Zumindest ein bißchen.
Später wurden andere Dinge wichtiger, und wenn man ihn fragte, was das Schönste auf der Welt war, hütete er sich, diese lächerliche kleine Maske zu erwähnen, und mit der Zeit vergaß er sie fast. Geld war schön, oder irgendeine Schauspielerin, oder Junin Ideira. Ilanrea war einmal schön gewesen, auf den alten Abbildungen. Aber eigentlich war all das nichts im Vergleich zu der Maske.
Die Maske war nichts im Vergleich zu der Hohen Elbenfeste. Mowsal sah sie, oder, um ein passenderes Wort zu finden, wurde ihrer gewahr, und er spürte, wie ihn Schrecken und Schönheit zugleich ergriffen. Er konnte nicht mehr weitergehen, und die anderen auch nicht. Zwischen den hohen Felsen, die nur einen schmalen Durchgang in den Kessel freigaben, blieben sie stehen und staunten. All die Müdigkeit, die wehen Füße, das Gequengel waren vergessen oder zumindest völlig unwichtig. Alles, was sie jemals im Leben gesehen hatten, war bedeutungslos. Alles, was die Menschen jemals erschaffen hatten, war ein Dreck. Weniger noch: Ein Nichts.
Man konnte es nicht beschreiben, zumindest nicht mit Worten. Worte hätten gesagt: Eine zarte Festung, die aus einem massiven Fels herauswuchs. Es hätte kitschig geklungen. Jedes Bild hätte kitschig ausgesehen, so als fehle nur noch ein Regenbogen vor dem bonbonfarbenen Himmel. Aber die Elbenfeste war nicht kitschig. Sie strahlte etwas aus, eine Macht, die schon alt war, als die Menschen noch nicht einmal wußten, daß es in diese Welt gab. Und es war ein Hohn, daß sie es gewagt hatten, jemals hierher zu kommen.
Doch die Festung war auch nicht abweisend. Sie hatte es nicht nötig. Sie war so schön, daß sich niemand näher an sie heran traute. Wer sie sah, mußte stehenbleiben wie versteinert, denn das war die einzige Möglichkeit, um nicht schreiend wegzurennen.
Mowsal war noch nie im Leben - außer von der Maske, vielleicht - von irgend etwas ergriffen gewesen, aber er wußte, was das Wort bedeutete. Zumindest wußte er es in diesem Augenblick.

aus: Die Spinnwebstadt
Zweites Buch: Der Zerbrochene Wind

(c) by Maja Ilisch


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