Lomar, Hauptstadt von
Loringaril, war die erste Stadt, die ich in der Welt der Elomaran
beschrieb, und in meiner Vorstellung war sie noch sehr
mittelalterlich geprägt. Nach und nach wurde sie dann doch
zeitloser, aber Lomar hat den Charakter bis heute behalten.
Lohmar am Niederrhein kam mir hierbei nicht in den Sinn. Die
Ähnlichkeit ist purer Zufall, und so können beide ihren
Namen behalten.
Lomar
Stadt der Stärke
von Maja Ilisch
So also hielt Koristans
König Einzug in Lomar, an Lorimanders Hof, in der Hauptstadt
seiner Feinde: Ohne Kutsche, ohne Fanfaren, ohne Reiterei und ohne
Diener, mit nichts als seiner Weisheit und seinem Stolz und dem
Willen, sein Recht zurückzuerobern …
Alexander diktierte Halan den Wortlaut der Chronik, um zumindest in
der Zukunft sein Gesicht wahren zu können.
An dem Morgen, an dem sie auf das Schloßtor zuritten - ein
protzi-ges, klotziges Bauwerk, wie auch das Schloß selbst,
und alles von einer monumentalen Scheußlichkeit, die keinem
Engel zur Ehre gereichte - trug Alexander wieder seine Schminke,
hinter der er sich verbergen konnte wie hinter einer Maske. Auch
sein eigenes Gesicht hatte Halan kalkweiß bemalt, die Lippen
dunkelblau - sie hatten nur diese beiden Farben, aber es
mußte gehen. Zum ersten Mal war Alexander froh, daß
Janek sie nicht begleitete. Er war sicher, daß sich Janek
über die Aufmachung nur lustig gemacht hätte. Aber was
wußte der denn schon?
Es war eine lange gerade Straße, die durch die belebte
Hauptstadt auf das Schloßtor zuführte und die ganze Zeit
über anstieg - die Erben des Engels der Stärke hatten
ihre Burg, eigenhändig, wie es hieß, auf einen
Hügel gebaut und die Stadt rundherum, so daß man von
jeder Gasse, von jedem Haus aus das Schloß vor sich aufragen
sehen konnte. Der Hügel stieg nicht steil an, aber stetig, und
die Stadt streckte sich weit - es war ein zäher Weg hinauf,
gut geeignet, um Wut in Müdigkeit umzuwandeln und
Ungestüm in Ungeduld. Die Häuser selbst waren seltsam
klein, keines hatte ein zweites Stockwerk, und so erschien die Burg
um so größer und herrschaftlicher. Nach dem, was er
oberhalb der weißen Mauer erkennen konnte, versuchte
Alexander die Größe des Bauwerks einzuschätzen. Sie
konnte unmöglich größer sein als der Palast, aus
dem er selbst entkommen war - kriechend, er wagte nicht daran zu
denken. Was für ein Unterschied waren dagegen diese breiten,
sonnigen Straßen! Lomar machte so einen netten, harmlosen,
friedlichen Eindruck - wenn man darüber hinweg sah, daß
sie nun schon drei geöffnete Stadttore durchquert hatten.
Immer, wenn die Stadt weit genug über ihre Grenzen
hinausgewachsen war, zu viele Häuser ungeschützt
außerhalb der Befestigung lagen, bauten die Lomarer einen
weiteren Ring darum. Je näher sie der Hügelkuppe kamen,
desto älter wurde die Stadt.
Aber die Burg erreichten sie nicht. Es war wie in diesem Traum, den
Alexander sich für Halan ausgedacht hatte und der doch so sehr
hätte wahr sein können: Der Hügel schien zu wachsen,
je nähe die beiden Reiter seiner Kuppe kamen, und immer wenn
sie dachten, die Burgumfriedung erreicht zu haben, war es doch
wieder nur eine weitere, noch ältere Stadtmauer. Die Burg aber
war so fern wie früher, und die schnurgerade Straße nahm
kein Ende.
Alexander drehte sich zu Halan um, der hinter ihm ritt, wieder
allein, seit Farrell nicht mehr lahmte. »Haben sich das die
Berater aus-gedacht, oder gab es einmal Nachfahren von Lorimander,
die so etwas wie Verstand besaßen?«
»Ich weiß nicht, wer die Stadt erbaut hat«,
antwortete Halan. »Die Herrscher von Loringaril haben keine
Chronisten. Natürlich waren sie einst weiser als heute. Aber
mit jeder Generation wurden sie dümmer und
dümmer.«
Alexander schnaubte leise. »Wie bei uns.«
aus: Die Chroniken der
Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind
(c) by Maja Ilisch