Die Idee zu Tayellin
entstand während eines Besuchs in Berlin - diese riesigen,
identisch aussehenden Häuser entlang der Prachtalleen im Osten
... Mit Tayellin verließ mich auch endgültig der
Gedanke, es mit einer mittelalterlichen Welt zu tun zu haben.
Landalon ist ein egalitärer Staat, alle Leute sind gleich, nur
der Alondras ist ein wenig gleicher, und was auch immer man gegen
das Prinzip sagen kann - in Landalon scheint es zu funktionieren.
Noch.
Tayellin hat seinen Namen ändern müssen, in der
handschriftlichen Fassung heißt es noch Talin, aber
während Lohmar noch halbwegs unbekannt ist, wurde 2002 der
Eurovision Song Contest in der estnischen Hauptstadt begangen und
rückte den Namen doch irgendwie zu sehr in den Bereich des
Allgemeinwissens ... Aber mit Tayellin bin ich eigentlich ganz gut
bedient. Es wird so ähnlich ausgesprochen wie Teilen.
Paßt doch, oder?
Tayellin
Stadt der Gerechtigkeit
von Maja Ilisch
Gerechtigkeit. In großen
Lettern prangte das Wort über dem Stadttor, in Stein
gemeißelte Zeichen, die kaum ein Mensch lesen konnte und die
doch so viel bedeuteten. Schon von weitem sprangen sie Halan ins
Auge.
Das Tor bestand aus nichts als vier massiven achteckigen
Säulen, die von einem Giebeldach gekrönt wurden, und es
war der einzige Hinweis darauf, daß sie gerade in nichts
geringeres ritten als die Hauptstadt von Landalon. Das Tor stand
für sich alleine. Es gab keine Stadtmauer, und auch ein
Torwächter war nirgends zu sehen. Man konnte einfach in die
Stadt hineinreiten. Selbst die Grenze zwischen Koristan und
Loringaril war besser bewacht. Zwischen Loringaril und Landalon
dagegen gab es nur einen einzigen Grenzposten, und der Trug
Lorimanders Farben.
»Sie laden ihre Feinde ja geradezu ein«, meinte
Alexander und schnaubte verächtlich. »Wenn wir nun ihren
König töten und das Buch stehlen wollten, oder die Stadt
erobern - wer sollte uns daran hindern?«
Halan ließ Jurik auf diese Frage antworten - da er selbst nur
wenig über Tayellin wußte, wollte er sich keine
Blöße geben. Aber Jurik lachte nur. »Mein lieber
Junge, schau dich um! Und dann sag mir - wer würde diese Stadt
erobern wollen?«
Halan lächelte. Jetzt begriff er, warum der Hauptmann all
seinen Fragen über Tayellin immer ausgewichen war - diese
Stadt spottete jeder Beschreibung. Es war nicht nur keine
schöne Stadt - Halan war sich nicht einmal sicher, ob Tayellin
überhaupt eine Stadt war. Wie in den kleinen Dörfern und
Weilern, die ihren Weg gesäumt hatten, lagen auch hier die
Häuser nur links und rechts der Landstraße, es gab weder
Ringstraßen, noch so etwas wie einen Stadtkern - aber dann
wieder waren diese Häuser größer als alle, die
Halan jemals gesehen hatte: Aus Ziegelsteinen erbaut,
schwindelerregende fünf Stockwerke hoch und jedes von ihnen
gut und gerne hundert Schritt lang - wie viele Menschen hinter den
kleinen rechteckigen Fenstern leben mochten, wollte Halan lieber
gar nicht erst wissen. Er fühlte sich beobachtet
…
Die Straße war menschenverlassen, nicht einmal Hunde oder
Katzen liefen herum, oder Kinder, oder Bettler. Nur diese
merkwürdigen schweigenden Häuser, eines neben dem
anderen, so weit das Auge reichte.
Wortlos ritten sie weiter, im Schrittempo, und hielten Ausschau
nach einem Gebäude, das sich von den anderen unterschied - ein
Wirtshaus, zum Beispiel, oder die Poststation, oder der
königliche Palast. Aber hier schien es nichts davon zu
geben.
Dann, endlich, eine Abwechslung: Die Straße kreuzte eine
zweite. Doch auch in dieser zogen sich nur links und rechts die
riesenhaften Häuser gen Himmel, und auch hier fehlte jeder
Hinweis aus menschliches Leben. Halan und Anders blickten sich kurz
an und schüttelten die Köpfe. Eine merkwürdigere
Stadt als diese gab es wohl auf der ganzen Welt nicht.
Sie ritten geradeaus weiter - nicht, weil sie sich sonst verwirrt
hätten, aber weil sie keinen Grund zum Abbiegen sahen.
Vielleicht war dies nur die Vorstadt, vielleicht leerstehende
Häuser, auf Vorrat gebaut, um ein plötzliches Anschwellen
der Bevölkerung auffangen zu können, vielleicht kam das
eigentliche Tayellin erst noch - vor ihnen lag ein weiteres Tor,
vier Säulen unter einem flachen Giebel, ein genauer Zwilling
des ersten. Dahinter ging die Straße weiter - aber links und
rechts von ihr lagen nur Wiesen und Felder. Auch dieses Tor
grüßte seine Besucher mit dem Wort Gerechtigkeit.
Für den, der die Stadt verließ, gab es keine
Botschaft.
»Eine Frage, Jurik«, sagte Halan, sehr vorsichtig. Noch
herrschte zwischen dem Hauptmann und ihm vielleicht Achtung, aber
keine Freundschaft, und Halan wußte, daß eine einzige
Unwissenheit genügte, um ihn in Juriks Ansehen wieder sinken
zu lassen. »Aber wo liegt Tayellin?«
Jurik lachte schallend, aber nicht so, wie man über ein dummes
Kind lachte - es war etwas Anerkennendes dabei. »Ich wunderte
mich schon, wie lange du für diese Frage brauchen
würdest. Die entscheidenden Gebäude liegen direkt an der
Kreuzung - aber sie fallen nicht auf, wenn man nicht genau
hinsieht. Und die anderen Gebäude sind auch nicht alle so
gleich, wie sie von außen aussehen. Teile der Richterakademie
sind zum Beispiel darin untergebracht.«
»Das hättet Ihr uns schon früher mitteilen
können«, entgegnete Halan zornig, »anstatt uns
jetzt zu verhöhnen.«
»Oh, aber ich verhöhne euch nicht. Als ich zum ersten
Mal hier war - Jahre ist das inzwischen leer - hat mich Tayellin
genau so an der Nase herumgeführt wie euch jetzt. Wenn ich
also etwas gesagt hätte -« Er machte eine Pause und
blickte so lange spöttisch Anders an, bis der fauchte:
»Was dann?«
»Dann wäre es nicht … gerecht.«
Über diesen Scherz lachten sie nicht. Lachen war nichts, das
in eine Stadt wie Tayellin so recht passen wollte. Grimmig ritten
sie zurück zur Kreuzung, ärgerlich auch Jurik, und
Tayellin, und sich selbst. Die Häuser, welche die vier
Eckpunkte der Kreuzung bildeten, unterschieden sich von den
anderen; allerdings nur, wenn man darauf achtete. Sie waren in
ihrer Grundfläche nicht länglich, sonder quadratisch, und
zur Straße hin hatten sie breite Tore, wo bei den anderen nur
schmale Türen waren. Wenn man genau hinsah, konnte man sogar
noch die Worte erkennen, die in die Türstürze
eingemeißelt, grau und angewittert: Akademie, stand an einem
Haus, und an den anderen Markthalle, Gildensaal, und Richter.
Keines der Tore stand offen.
aus: Die Chroniken der
Elomaran
Zweites Buch: Schwanenkind
(c) by Maja Ilisch