Ich habe tatsächlich noch einen Prolog entdeckt. Irgendwann mal hab ich wohl die Barden Geschichten neu eingeteilt und einen etwa 3 Seiten A4 Teil des ersten Kapitels in einen Prolog umgewandelt.Warnung: der Text ist uralt und lange nicht mehr überarbeitet worden!


Die Barden
Prolog

von Monica Höfkes


Feuer braucht, wer fernher kam,
an den Knien kalt; Gewand und Speise
der Wanderer braucht, der übers Hochland hinzog.

Der Schnee legte sich wie eine große weiße Decke über das Land. Ein eisiger Winter schien sich entschlossen zu haben, alles Lebende mit seiner beißenden Kälte einzuhüllen, und mit seinem klirrenden Frost bis ins Mark erstarren zu lassen. Ein Sturm nach dem anderen tobte sich über den Bergen aus und mittlerweile gab es nur noch einen Paß, der halbwegs begehbar war. Dieser Weg, von der Besatzung einer kampf- und sturmumtosten Festung freigehalten, bildete den einzigen Zugang in das einsame Tal, an dessen Nordostseite sich die Burg erhob. Die mächtigen Mauern waren mit einer dicken Eisschicht überzogen und vielerorts türmte sich der Schnee meterhoch. Seit Monaten hatten sich keine Reisenden mehr in das vom Krieg geschüttelte Land verirrt, und für die Besatzung der Feste gab es kaum Abwechslung vom täglichen Einerlei des heulenden Windes, der Kälte und der gelegentlichen Scharmützel am Paß. Doch an einem besonders kalten und stürmischen Abend vor fünf Tagen hatten zwei müde Wanderer um Einlaß gebeten. Seither wurde die Burghalle jeden Abend vom Klang der Instrumente, welche die Reisenden bei sich trugen erfüllt, und der Mut war in die Herzen der Menschen zurückgekehrt.
Eilanna sah sich zufrieden in der Halle um. Seit Hymir und Dorad in der Burg weilten, hatte sich die Stimmung der Besatzung merklich gehoben. Es wurde wieder gelacht und gesungen, keiner saß mehr mit düsterem Gesicht um die Feuerstelle und einige sprachen davon, daß der Segen der Götter auf den beiden Barden läge. Gerne hätte Eilanna die Freude der anderen in gleichem Maße geteilt, aber noch hatte sie keine Nachricht von Dain, der schon seit zwei Tagen hätte zurück sein müssen. Sie setzte sich, von einer merkwürdigen Unruhe erfüllt, und zwang sich, den Klängen zu lauschen.
Manch wundersame Mär erhielt durch die Musik Gestalt und Form und verzauberte die Zuhörer. Die Sänger kannten Balladen und Lieder aus aller Herren Länder, und wurden anscheinend nicht müde, diese auch vorzutragen.
Aber nicht weniger Aufmerksamkeit als ihre Darbietungen, erhielten die Barden selber. Der eine war groß, fast hager, hatte dunkles Haar und Augen, deren Blau so hell und strahlend war, daß es einen silbernen Glanz hatte. Es sprach, ebenso wie auch aus seinen ebenmäßigen Gesichtszügen, große Weisheit aus ihnen. Er trug schlichte Kleidung, wenn auch aus feinem schwarzen Tuch, und sein einziger Schmuck war ein kunstvoll gefertigtes Amulett, welches an einer silbernen Kette vor seiner Brust hing. Gelegentlich, wenn er sein Spiel unterbrach, griff seine Rechte an dieses Amulett und umfaßte es wie einen kraftspendenden Quell.
Sein Gefährte war zwar nicht ganz so groß, ähnelte ihm aber an Gestalt und Wuchs. Allerdings waren tiefe Furchen in sein Gesicht eingegraben, die ihren Ursprung wohl nicht nur in einer großen Anzahl an Jahren hatten. Seine Kleidung war aus grauem Tuch, von ebenso feiner Machart, wie die des anderen Barden. Obwohl er meistens mit ernstem Gesichtsausdruck da saß, schien er innerlich jung geblieben. In allen seinen Vorträgen lag eine unbestimmte Heiterkeit, welche die Herzen der Zuhörer erleichterte und sie ihren Kummer vergessen ließ. Sein Schmuck bestand aus einem schmalen Silberreif, der um seine Stirn lag und ihn genauso wie seinen Gefährten als etwas Besonderes auszeichnete. Ihre Instrumente waren Harfen von solcher Kunst gefertigt, wie man sie nur bei den Hohen Barden findet. Dies wußten die Krieger und Kriegerinnen in der Halle und sie erwiesen den Barden den größten Respekt.
Hymir, der ältere, griff erneut in die Saiten, als ein plötzlicher Windstoß die Feuer hoch auflodern ließ. Alle wandten sich der großen zweiflügeligen Eingangstüre zu, die von ungestümer Hand geöffnet war. Die Anwesenden hörten lautes Rufen, das Geräusch trappelnder Hufe und voranstürmender Menschen. Dann wurde einer der dunklen Gestalt gewahr, die gerade über die Schwelle trat und erstauntes Murmeln setzte sich in der Halle fort. Schließlich trat Geldon, der Herdmeister vor, ließ sich umständlich auf ein Knie nieder und sagte ehrerbietig: »Mein Lord, willkommen in Eurem Heim.«
Lord Dain warf einen kurzen, prüfenden Blick durch die Halle und bedeutete seinem Haushofmeister mit einem wohlmeinenden Nicken, sich zu erheben. Dann wurde er der beiden Barden gewahr und ein erfreutes Lächeln umspielte sein müdes Gesicht. Er eilte auf die beiden zu und ergriff sie bei den Händen.
»Hymir, Dorad. Meine Freunde, wie bin ich froh euch beide hier zu sehen. Es ist eine dunkle Zeit, und eure Musik kann vielleicht etwas Hoffnung in den Herzen der Menschen wecken.«
Gerade wollten die beiden sich für die freundliche Begrüßung bedanken, als Eilanna herbeigeeilt kam. Sie hatte es irgendwann in der Halle nicht mehr ausgehalten und war ziellos durch die Gänge gewandert, als ein Diener ihr die Ankunft ihres Bruders mitteilte. »Dain, die Götter seien gepriesen! Du bist endlich wieder da!« Sie fiel ihm lachend um den Hals und die Freude ließen ihre Augen strahlen. »Wir hatten die Hoffnung schon beinahe aufgegeben, als die Boten nicht zurückkehrten. Aber nun bist du endlich wieder in Sicherheit.«
»Ja, Eilanna, aber nur für kurze Zeit. Nach der Schneeschmelze muß ich wieder in den Kampf ziehen. Unsere Feinde sammeln sich jenseits des Gebirges im Tal der Schatten.«
»Aber was ist mit den Botschaftern, die wir geschickt haben? Sicherlich werden sie doch etwas erreicht haben.«
Darauf gab Dain keine Antwort, sondern schloß sie nur stumm in die Arme, aber Eilanna war viel zu erleichtert, ihn wieder bei sich zu haben, als daß ihr die Schwermut ihres Bruders aufgefallen wäre.
Die Ähnlichkeit der beiden war nicht zu übersehen, und selbst ein Fremder, der von ihrer Verwandtschaft nichts wüßte, hätte sie für Geschwister halten müssen. Beide waren schlank und von geradem Wuchs, aber während Dain über sechs Fuß maß, reichte seine Schwester ihm nur knapp bis in Brusthöhe. Ihre Mutter war eine sehr schöne Frau gewesen, mit ungewöhnlich heller Haut, aber dunkel in Haar und Augenfarbe, und von ähnlicher Statur wie Eilanna. Sie war aus einem der Reiche des Südens gekommen, wo die Sonne heiß brennt und sich große Wüsteneien über viele Meilen hinziehen.
Lord Meron, Dains und Eilannas Vater hatte damals zu einer Gesandtschaft gehört die in jene fernen Gefilde zog um dem dortigen Herrscher Grüße des Königs zu überbringen und Geschenke auszutauschen. Dabei war er Tarita, der jüngeren Tochter des Herrschers, begegnet und beide hatten sofort tiefe Zuneigung füreinander empfunden. Nach drei Monaten schon hatte Meron sie als seine Braut in seine Heimat im hohen Norden heimgeführt. Eilanna hatte viel von ihrer Mutter geerbt, das war auch einer der Gründe, weshalb Vater und Bruder sie gleichermaßen liebten und ihr jeden Wunsch von den Augen ablasen.
Nachdem sie ihn noch einmal fest an sich gedrückt hatte, wirbelte Eilanna zu den beiden Barden herum, lief zu Dorad und nahm ihn beim Arm um ihn zu Dain zu führen.
»Mein lieber Bruder, ich möchte, daß du dir Dorads neueste Hymne anhörst. Er preist darin die Schönheit der Frauen und die Tapferkeit der Männer unseres Landes, besser als es je zuvor geschah.«
Dain schmunzelte und meinte: »Und wahrscheinlich preist er die Schönheit einer ganz bestimmten Frau besonders und hebt sie über alle anderen, nicht wahr?«
»Oh, du bist unmöglich, Dain.« Eilanna runzelte in scheinbarer Entrüstung die Stirn. »Natürlich hatte er ein Vorbild, aber seine Verse umschließen alle Schönheit. Nicht wahr, Dorad?«
Dieser nickte und schenkte Eilanna ein Lächeln, das ihr um so mehr gefiel, da sie wußte, daß er nicht oft lächelte und noch weniger lachte. Sie hatte es sich zu einer Art Aufgabe gemacht, den Barden zum Lachen zu bringen, und sie stellte erfreut fest, daß es ihr gar nicht so schwerfiel.
»Nun, dann will ich mir dieses Meisterwerk bei Gelegenheit auch anhören. Aber zuerst müssen meine Männer und ich etwas essen. Es war ein harter Ritt und mir sitzt die Kälte noch immer in den Knochen.«
In Dains Stimme schwang zwar immer noch die Wiedersehensfreude mit, aber seine Augen waren umwölkt, als sei er von großer Trauer erfüllt. Eilanna wollte protestieren, aber ein Blick auf ihren Bruder ließ sie schweigen. Sie war bestürzt, ihn so sorgenvoll zu sehen. Es mußte etwas Furchtbares geschehen sein, denn ohne Grund würde Dain nicht so düsterer Stimmung sein. Sie ließ eiligst warme Speisen und Getränke herbeibringen und bald saßen die Geschwister mit den Barden und Dains Offizieren an einem Tisch, während es sich die anderen Kämpfer an den Feuern bequem machten.
»Eigentlich wollte ich nicht sobald davon sprechen, aber ich fürchte, unsere Lage ist äußerst ernst.« Dain warf einen kurzen Blick in die Runde und fuhr nach einem Schluck warmen Gewürzweines fort: »Die von mir ausgesandten Boten zum Hochkönig sind offenbar in einen Hinterhalt gelockt worden. Wir fanden sie, keinen halben Tagesritt vom Paß entfernt, und -« er zögerte und nahm Eilannas Hand. »Fellun ist tot, genauso wie Merkos und Pereion.«
»Nein, nicht Fellun. Bitte Dain, du mußt dich einfach irren. Er ist doch ein geschickter Kämpfer und würde niemals in eine Falle gehen.«
Bevor Dain etwas sagen konnte, zog einer seiner Offiziere einen schön verzierten silbernen Dolch hervor und reichte ihn wortlos Eilanna. Sie starrte auf die Waffe und nahm sie mit kreidebleichem Gesicht entgegen. Ihre zitternden Finger schlossen sich krampfhaft um den Griff, als sie sich bemühte, ihre Tränen zurückzuhalten. Sie erinnerte sich gut an den Tag, an dem sie Fellun diese Waffe geschenkt hatte. Es war vor drei Monaten gewesen, als der grauhaarige Hüne sich mit seinen Begleitern zum Paß aufgemacht hatte, um die unterbrochenen Friedensverhandlungen wieder aufzunehmen. Sie hatte ihm das Versprechen abgenommen, daß er heil und gesund zurückkehren würde, und er hatte es ihr geschworen. Bis dahin hatte man sich auf seine Schwüre immer verlassen können...
Alle am Tisch schwiegen und starrten mit gesenkten Köpfen auf ihre Teller. Jeder wußte, wie Eilanna an Fellun gehangen hatte, der seit ihrer Kindheit ihr Leibwächter war. Besonders nach dem Tod ihres Vaters hatte sie sich ihm oft anvertraut. Aber das Leben mußte weitergehen, das wußte ebenfalls jeder. Es gab kaum einen, der nicht einen geliebten Menschen, sei es Frau, Bruder, Schwester oder Sohn, in diesem Krieg verloren hatte.
Eilanna sah mit leerem Blick auf den Dolch, der sie nun immer an Fellun erinnern würde, und daran, wer für seinen Tod verantwortlich war. Sie stand ruckartig auf und schob den Stuhl so vehement zurück, daß er über den Steinboden rutschte. Ohne ein weiteres Wort verließ sie die Halle, den Dolch fest umklammernd und mit steinerner Miene. Dain wußte, jetzt wollte sie alleine sein, aber er machte sich Sorgen. Er kannte die Hartnäckigkeit seiner Schwester und seufzte, als er daran dachte, was noch alles auf sie zukommen würde.

(c) by Monica Höfkes


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