Bilderflut
Prolog
von LaMaga
Die Feder kratzte über das Papier. Es war der
einzige Laut, der zu hören war, und in der Stille ringsum
schallte selbst dieses feine Geräusch ohrenbetäubend
laut. Zumindest empfand der Schreiber es so.
Er tauchte sein Schreibwerkzeug erneut in das
Tintenfäßchen vor sich und schrieb, beobachtete, wie das
Papier die Tinte aufsog und Buchstaben darauf zurück blieben,
schwungvolle, schwarze Lettern auf den cremefarbenen Buchseiten. Er
hatte eine schöne Handschrift, sauber und kräftig.
Er schrieb Worte nieder und die Worte fügten sich zusammen zu
einem Bild, beschrieben das, was der Schreiber in seiner
Vorstellung heraufbeschwor und zu Papier bringen wollte, Gedanken,
die durch das niedergeschriebene Wort Form annahmen und sichtbar
wurden. Und während er schrieb, erschien vor dem Pult, an dem
er stand, etwas, eine Gestalt, die zuvor nicht da gewesen war, und
die mit jeder Zeile, jedem Tintenstrich des Schreibers
körperlicher und fester wurde. Es war etwas großes,
buntes, der Körper eines massigen Tieres, der in der
Dunkelheit erschien und mit jedem Buchstaben ein Stück mehr
Wirklichkeit erlangte. Ohne hinzuschauen schrieb der Schreiber,
schrieb und schrieb und wandte den Blick nicht von dem Buch ab, das
dort vor ihm lag, aufgeschlagen auf dem Pult, die sich
füllenden Seiten beleuchtet von einer hellen Kerze, die ihn
und seine Schreibfläche in einen hellen Lichtschein
hüllten. Ringsum war Dunkel, getränkt von dem Duft von
Tinte und Papier.
Und er schrieb, und er gab dem Tier alles, an was er sich
erinnerte, die bunten Federn in mächtigen Schwingen, die
flauschige Mähne, die weiche Schnauze und das spitzige
Schneckenhorn mitten auf seiner Stirn. Doch je länger er
schrieb, desto mehr zögerte er, desto langsamer wurde der
Fluß seines Textes. Schließlich, langsam und so
zaghaft, als ob er sich nicht getraute, seine eigene Schöpfung
anzusehen, hob der Schreiber den Kopf und betrachtete das Etwas,
das seiner Phantasie entsprungen war.
Das Einhorn fletschte gelbe, spitze Zähne, die
Schwanenflügel waren struppig und zerzaust und sein
schmutzigbuntes Fell räudig und ebenso verfilzt wie Mähne
und Schweif. Mit rot unterlaufenen Augen funkelte das Wesen den
Schreiber an und stieg auf die Hinterbeine, keilte mit gespaltenen
Ziegenhufen aus und gab einen röhrenden Laut von sich, wie das
Grunzen eines Schweines. Der Schreiber betrachtete das
mißgestaltete Einhorn mit einem Blick, aus dem kein Entsetzen
sprach, sondern nur Resignation.
Dann riß er die Seite aus dem Buch heraus und verbrannte sie
schweigend über der Kerzenflamme.
Mit einem Kreischen verging das monströse Tier in einem
Flammenwirbel und verschwand, ohne eine andere Spur zurück zu
lassen als die Ascheflöckchen des Papiers, die der Schreiber
in der Hand zerbröselte.
Die Große Herrin, die Meisterin der Bücher, hatte ihren
Schützling eine Weile beobachtet und kam näher, als er
mit einem lautlosen Seufzer über dem Pult zusammen sank und
sich mit den Fingern durch die Haare fuhr, wobei er die Asche in
seinem struppigen blonden Schopf verteilte.
»Es gelingt mir nicht«, klagte er, ohne sich ihr
umzudrehen.
»Du solltest es nicht versuchen«, sagte sie und legte
ihm tröstend die Hand auf die Schulter.
»Aber sie fehlen mir«, antwortete er. »Ich hatte
immer gehofft, Abbilder von ihnen für mich zu erschaffen. Aber
alles, was ich niederschreibe, wird monströs und
häßlich. Es sieht sie so. Es verdirbt sie mir. Ich kann
keine Wirklichkeit herbei holen. Und ich bin doch so alleine,
Herrin, so alleine...«
Sie schüttelte den Kopf. »Allein, mein Freund? Allein in
einer Welt, in der du jeden Gefährten haben kannst, den du dir
erträumst? Allein in einer Welt, die nur aus Abenteuern und
wunderbaren Geschichten besteht?«
Der Jüngling schaute sie unverwandt an und nickte.
»Ja. Ich bin allein in dieser Wirklichkeit. Denn nur ich bin
echt.«
Sie lächelte. »Ich bin es auch.«
Schweigend musterten die Große Herrin und der junge Mann sich
einen Moment lang. »Schreib weiter,« empfahl sie ihm
dann. »Und denk nicht an die Wirklichkeit. Schreib für
mich, Vèljioz, schreib und sei glücklich - hier, wo du
ohne Gefahr existieren kannst.«
Er richtete sich auf, griff mutlos wieder zur Feder und horchte auf
ihre Schritte, während sie sich entfernte.
Als er sich sicher war, daß sie fort war, blätterte er
einige Seiten zurück in seinem Buch, und sacht strichen seine
Finger über die Zeilen, die er dort geschrieben hatte.
Vor dem Pult erschienen, bewegungslos und blaß, die Abbilder
dreier Gestalten: ein Ritter in goldener Rüstung, eine
schlanke Frau in schwarzweißen Gewändern - und ein Kind,
ein kleines Mädchen in einem vornehmen Kleidchen, mit einem
Diadem in wilden rotbraunen Locken. Alle drei hatten kein Gesicht.
Er hatte es nicht gewagt, seine Erinnerung an ihre Gesichter
niederzuschreiben.
Nie hätte er es ertragen, sie als widerwärtige Monster
vor sich zu sehen - seine Eltern... und die einzige Freundin, die
er jemals hatte - damals, vor vielen Jahren.
Damals, als er noch wirklich war.
(c) by Sandra Bloh