ch habe immer Vorurteile gegen Prologe, in denen Götter die Welt / Menschheit / Ringe (...) erschaffen, weil ich sie viel zu sehr mit den Büchern von David Eddings in Verbindung bringe. Aber für diese Geschichte, in der Götter eine sehr große Rolle spielen, brauche ich eine Mythologie, und dieser Text würde an jeder anderen Stelle im Buch komisch aussehen ... Ich habe sehr mit mir gerungen. Aber ich bin stolz auf die Geschichte, sie soll im Buch vorkommen. Also Prolog.
Klagende Flamme
Prolog
von Maja Ilisch
Wer kennt das Gesicht des Meeres? Nur der Regen,
nur der Regen
Wer kennt das Gesicht des Meeres? Nur der Regen schaut es an.
Wie ist das Gesicht des Meeres? Voller Tränen, voller
Tränen,
Tränen im Gesicht des Meeres weil kein Mensch mehr weinen
kann.
Wer kennt das Gesicht der Erde? Nur die Steine, nur die Steine
Wer kennt das Gesicht der Erde? Nur der Stein hat es
erspäht.
Wie ist das Gesicht der Erde? Rot von Wunden, rot von Wunden,
Wunden im Gesicht der Erde weil man Blut statt Weizen
säht.
Wer kennt das Gesicht des Himmels? Nur die Sterne, nur die
Sterne
Wer kennt das Gesicht des Himmels? Nur die Sterne können's
sehn.
Wie ist das Gesicht des Himmels? Grau von Wolken, grau von
Wolken,
Wolken im Gesicht des Himmels weil die Götter von ihm
gehen.
Wer kennt das Gesicht der Sonne? Nur das Feuer, nur das Feuer.
Wer kennt das Gesicht der Sonne? Nur das Feuer hat's geschaut.
Wie ist das Gesicht der Sonne? Schwarz von Narben, schwarz von
Narben,
Narben im Gesicht der Sonne, weil sein Volk ihm nicht
vertraut.
Wer kennt das Gesicht des Mondes? Sie alleine, sie alleine.
Wer kennt das Gesicht des Mondes? Sie alleine kennt's
genau.
Wie ist das Gesicht des Mondes? Hinter Schleiern, hinter
Schleiern,
Schleier vorm Gesicht des Mondes, daß sie nie die Sonne
schau.
Damals, als die Welt noch neu war, da war sie ein
schöner Ort, aber auch leer, denn nichts lebte auf ihr als die
Götter. Besonders Erde war einsam und sehr unglücklich:
Denn Sonne und Mond hatten einander, und Meer war still und redete
mit niemandem als sich selbst.
Und so beschloß Erde, sich ein paar eigene Kinder zu
erschaffen: Er nahm Lehm und mengte ihn mit Wasser, um ihn
geschmeidig zu machen, und formte aus diesem Teig vier Kinder, die
er zum trocknen in das Gras legte. So saß er dort und
wartete, als Sonne auf einer seiner Wanderungen vorbei kam.
»Was tust du dort?« fragte Sonne. »Was starrst du
ins Gras?«
»Ich habe Kinder geschaffen«, sagte Erde und zeigte sie
ihm voll Stolz.
Neid wuchs in Sonne, als er die vier reglosen Gestalten
ausgestreckt im Gras liegen sah, doch er lachte nur und sagte:
»Oh, so wird das nichts - so fehlt ihnen das
Leben!«
Erde blickte zweifelnd Sonne an, dann seine Kinder, und mußte
zugeben, daß Sonne Recht zu haben schien. »Und was
muß ich tun, damit sie leben?« fragte er dann.
Sonne überlegte kurz, dann sagte er: »Ich will es dir
verraten, wenn du mich eines von ihnen haben
läßt.«
Erde zögerte, doch ohne Sonnes Rat würde keines seiner
Kinder leben, und so blieben ihm immer noch drei - also willigte er
ein.
»Es ist ganz einfach«, sagte Sonne lachend. »Du
mußt sie erst backen.«
»Backen?« fragte Erde erstaunt.
»Ja, natürlich. Durch die Hitze wird erst das Leben in
ihnen geweckt, und sie werden hart genug, um den Strapazen der Welt
zu trotzen.« Sonne lächelte und fügte hinzu:
»Und es ist dein Glück, daß du mich getroffen
hast, denn ich besitze den einzigen Ofen, der heiß genug
werden kann.«
»Dann laß mich deinen Ofen benutzen!« bat
Erde.
»Selbstverständlich«, sagte Sonne. »Gerne
werde ich das - wenn du mich ein zweites von deinen Kindern haben
läßt.«
Erde fühlte sich betrogen und mußte doch einwilligen:
Denn er hatte keine andere Wahl, und zwei Kinder waren immer noch
besser als keines. So trug er vorsichtig die Kinder zu Sonnes
Backofen, eines nach dem anderen, und legte sie hinein. Aber als er
das vierte Kind trug, da stolperte er über eine Wurzel, und
das Kind fiel aus seinen Händen und zerbrach. Bestürzt
schauten die beiden Götter auf das Unglück, aber dann
schluckte Erde nur und sagte: »Nun, wenn es zerbrechen
konnte, dann wird es nicht gut genug gewesen sein, um zu
leben.« So würde ihm nun nur noch ein Kind bleiben, aber
besser als keines …
Sonne schloß die Tür des Ofens und verriegelte sie und
ließ alsdann seine Feuer mit aller Macht darauf und darunter
wirken, so daß im Inneren des Ofens eine große Hitze
entstand und die Kinder zum Leben erwachten.
Erde wartete gespannt und mit angehaltenem Atem, daß Sonne
die Feuer wieder löschen und die Kinder herauslassen
möge, doch Sonne rührte sich nicht.
»Wann ist es denn soweit?« fragte Erde
ängstlich.
Sonne winkte ab. »Noch nicht, noch lange
nicht.«
Erde warte weiter und fragte noch einmal, aber wieder antwortete
Sonne nur: »Warte nur, das braucht Zeit.«
Doch Erde konnte die Kinder im Ofen schreien hören, und er
flehte Sonne an, die Feuer zu löschen und die Kinder
freizulassen.
Da stand Sonne auf, stellte sich vor ihn hin und sagte: »Soll
ich das? Ich werde es tun, aber nur, wenn du versprichst, daß
ich auch das Dritte haben darf.«
Erde erschrak und erbleichte, als er begriff, daß Sonne ihm
eine Falle gestellt hatte, und antwortete nicht. Die drei Kinder im
Ofen aber schrieen immer lauter, daß selbst das Zuhören
schmerzte.
»Versprich es mir«, sagte Sonne leise, »sonst
lasse ich sie alle hier drinnen verbrennen.«
Tränen liefen über Erdes Gesicht, denn er hatte sich so
sehr auf seine Kinder gefreut und wollte sie nicht alle an Sonne
verlieren, aber noch weniger wollte er, daß sie verbrannten,
und als er ihre Schreie nicht mehr ertragen konnte und Sonne nur
dastand und auf ihn herabblickte, da ließ er sein Haupt
sinken und flüsterte: »Ja, ich verspreche es, du darfst
sie alle haben, aber laß sie nur frei aus diesem
entsetzlichen Ofen!«
Da lachte Sonne zufrieden auf und hatte im nächsten Augenblick
die Feuer gelöscht, den Riegel gelöst und die Kinder aus
dem Ofen gelassen. Da standen sie nun und blickten sich erstaunt
um: Das Erste, das nahe bei der Tür gelegen hatte, war
hellbraun, wie gebrannter Lehm immer ist; das Zweite, aus der Mitte
des Ofens, war schwarzgebrannt, und das Dritte, das aus den Tiefe
des Ofens kam, war so weiß und bleich wie die älteste
Asche. Sie blickten von einem Gott zum anderen, als wollten sie
fragen: »Zu wem gehören wir?«
Sonne lächelte die Kinder an, und er lächelte Erde an und
sagte: »Ich danke dir für dieses wunderbare Geschenk,
für diese wunderbaren Kinder, aber nun kannst du
gehen.«
Und Erde schlich davon, fassungslos vor Wut und Schmerz und Trauer.
Sonne aber nahm seine Kinder und brachte sie, voll Stolz, zu
Mond.
»Was ist das?« fragte Mond.
»Das sind unsere Kinder«, sagte Sonne glücklich.
»Erde hat sie mir geschenkt.«
»Geschenkt?« fragte Mond.
Da erzählte ihr Sonne von seiner List und war sehr zufrieden
mit sich selbst. Und Mond umarmte ihn und sprach: »Das hast
du gut gemacht, mein Mann. Aber siehst du es nicht? Sie sind noch
gar nicht fertig.«
»Nicht fertig?« fragte Sonne erstaunt. »Nicht
fertig? Das sind prächtige Kinder!«
»Sie leben«, sagte Mond. »Aber sie haben keine
Seelen.«
Sonne blickte in die leeren Gesichter seiner Kinder und zuckte die
Schultern. »Wenn sie Seelen brauchen - dann gib ihnen
welche.«
Mond aber lächelte weise, und sie nahm das braune Kind auf
ihren Schoß, küßte es und sprach: »Dein Name
soll Aandraya sein, Kind der Erde, denn aus Erde bist du
geschaffen, und Erde ist dein Vater.« Sie gab dem Kind noch
einen Klaps, und es nickte ihr dankbar zu und lief davon, um Erde
zu finden und sein Kind zu sein.
»Aber - was tust du da?« rief Sonne entgeistert.
»Was tust du mit meinem Kind?«
Doch Mond achtete nicht auf ihn. Sie nahm das weiße Kind,
strich ihm über die ausgeblichenen Haare, küßte es
und sprach: »Dein Name soll Ashûnya sein, Kind des
Wassers, denn mit Wasser wurdest du geschaffen, und am Wasser
sollst du leben, auf der anderen Seite des Meeres, denn du
verträgst die Hitze nicht und sollst weit fort von Sonne
sein.«
Sonne starrte Mond an, unfähig, auch nur noch ein Wort zu
sagen, und starrte das weiße Kind an, als es lachend in
Richtung Küste lief. Dann schüttelte er den Kopf.
»Frau …«, murmelte er. »Du bist von
Sinnen! Du gibst all unsere Kinder fort!«
Doch sie lächelte nur, schüttelte das Haupt und
schloß das schwarze Kind in die Arme, küßte es und
sprach: »Dein Name soll Eínya sein, Kind der Sterne,
denn du bist unser Kind und sollst zu uns
gehören.«
Und das Kind lächelte sie an und sagte: »Mutter.«
Dann wandte es den Kopf, blickte Sonne an, und schwieg.
»Was hast du getan?« schrie Sonne. »Du hast mir
meine Kinder genommen!«
»Und du?« fragte Mond kühl zurück.
»Hast du sie nicht Erde genommen, der sie mit Liebe gemacht
hat?«
Sonne schüttelte den Kopf und schwieg, die Lippen
zusammengekniffen. Mond sprach weiter: »Ich liebe dich,
Sonne, so wie du bist, aber ich werde dich niemals ändern
können. Vielleicht schaffen es die Kinder, eines Tages. Bis
dahin -«
Doch Sonne hörte ihr nicht mehr zu. Er stapfte davon, Wut war
in seinem Kopf und Groll in seinem Herzen. Er zürnte Mond und
allen anderen Göttern, und er war einsam. Da kam er an seinen
Ofen, und im verdorrten Gras sah er die Reste des vierten Kindes
liegen, des Kindes, das zerbrochen war. Risse zogen sich durch den
lehmenen Körper, und ein Arm und ein Bein waren
abgebrochen.
Sonne kniete neben dem Kind nieder, versuchte die Risse wieder
zusammenzukneten, Arm und Bein zurück in den Körper zu
drücken. Es gelang ihm nicht, die Spuren des Sturzes
unsichtbar zu machen, aber trotzdem nahm Sonne den Körper auf,
so vorsichtig er nur konnte, bettete ihn in den Ofen und
schloß die Tür.
Er entfachte die Feuer, und noch während sie brannten,
öffnete er noch zweimal die Tür und sah nach dem Kind,
daß es auch nicht verbrennen würde.
Endlich nahm er es heraus; er schloß es in seine Arme,
küßte es auf die Stirn und flüsterte: »Dein
Name soll Nangeaya sein, Kind der Sonne, du bist mein, und ich
werde dich so sehr lieben, wie ich keines der anderen jemals
hätte lieben können.«
Doch das Kind entwand sich seiner Umarmung; dort, wo er es
geküßt hatte, prangte ein Brandmal, und Tränen des
Schmerzes standen in seinen Augen. Es sagte nichts, und Sonne
wußte nicht, ob er glücklich oder unglücklich sein
sollte - dieses Kind lebte, und es hatte eine Seele, doch es war
krumm und schief am ganzen Leibe, nicht schön wie die anderen
Kinder, und übersäht mit Narben. Es war sein Kind, sein
eigenes, und doch nannte es ihn nicht Vater.
Sonne war niemals gleichgültig, was er auch tat, ob er liebte
oder haßte, er tat es mit Leidenschaft … »Mein
Kind«, sagte er. »Fürchte mich nicht!«
Doch da hörte er hinter sich ein Rufen. Er drehte sich um, und
dort, am Horizont stand Mond mit dem Sternenkind auf dem Arm, und
beide lachten und winkten ihm zu …
Sonne beugte sich zu dem Kind hinunter. »Du wirst immer das
Kind der Sonne sein«, sagte er. »Vergiß das
nicht.« Dann drehte er sich um und ging mit offenen Armen zu
seiner Frau zurück, und zu ihrem Kind. Ihrem gemeinsamen Kind
…
Nangeaya stand noch lange und schaute seinem Vater nach. Dann
lächelte es traurig, und ging seines Weges.
(c) by Maja Ilisch