Prolog zu einem ... mh, Psychothriller, würde ich sagen. Aber das Genre ist schwer zu bestimmen.
Credo
Prolog
von Alexander Lohmann
Es war noch mitten in der Nacht, als er erwachte. Der Mond schien
durch das Fenster, und in diesem schwachen Licht sah er die Gestalt
neben seinem Bett stehen. Eine merkwürdige Gestalt war es,
soweit er erkennen konnte. Sie hatte bleiche Gesichtszüge -
oder vielleicht schien es ihm auch nur so im milchigen Schein des
Mitternachtsgestirnes. Sie war hochgewachsen, obgleich sie ein
wenig verkrümmt neben ihm stand. Ihre Kleidung war schwarz,
ein tiefes glänzendes Schwarz, vielleicht Leder, und - er
beugte sich ein wenig aus dem Bett - sie trug
Lederstiefel.
Was ihn am meisten erstaunte war, wie wenig erstaunt er über
die plötzliche Erscheinung war. Es hätte ihm Angst machen
müssen: Ein Fremder war erschienen, mitten in der Nacht in
seiner abgeschlossenen Wohnung. Und nun stand dieser Fremde
schweigend neben seinem Bett und musterte ihn.
Und doch war etwas seltsam vertrautes an dieser Begegnung, fast so,
als hätte er den Besucher erwartet. Doch dann wurde er wohl
wirklich wach, denn das unwirkliche Gefühl verging. Angst
stieg aus seinem Magen empor, und sekundenlang hielt er den Atem an
und war versucht, den Kopf unter der Bettdecke zu verbergen. Wie er
es als Kind immer gemacht hatte, um der Aufmerksamkeit des
schwarzen Mannes zu entgehen. Und war das nicht der schwarze Mann,
der hier im Dunkel neben seinem Bett lauerte? Aber er war kein Kind
mehr, und wer auch immer neben seinem Bett stand, er hatte ihn
gesehen, er sah ihn immer noch, und man konnte seinen Plänen
kaum entgehen, indem man sich unter der Bettdecke verbarg. So
sprach er ihn endlich an: »Wer sind Sie?«
Noch tausend andere Fragen brannten ihm unter der Zunge, aber keine
weitere konnte er artikulieren. Und während er auf seine
Antwort wartete, überdachte er seine weiteren
Möglichkeiten. Aus dem Bett springen und fliehen? Nein, wenn
es wirklich Grund zur Flucht gab, wenn also Gefahr von dem Fremden
ausging, so würde er wohl kaum die Zeit finden, sich aus dem
Bett zu erheben und Schlafzimmer und Wohnung hinter sich zu lassen.
Sollte er den Fremden überwältigen? Aber er war kein
aggressiver Mann. Bei einer Schlägerei würde er
gewiß den kürzeren ziehen, und davon abgesehen konnte er
sich ohnehin nicht zur Anwendung von Gewalt entschließen. Er
kam sich bei einer körperlichen Auseinandersetzung schlicht
und ergreifend lächerlich vor. Sollte er um Hilfe rufen? Aber
vielleicht würde er gerade dadurch eine Gewalttat provozieren.
So wartete er - wenn auch alles andere als ruhig - auf die Antwort
seines Gastes.
»Weißt du das nicht?« sagte dieser
endlich.
»Nein, woher sollte ich? Wie kommen sie überhaupt in
meine Wohnung?«
Der Fremde lachte leise. »Alle Welt kennt meinen Namen. Die
Alten und Kranken brabbeln ihn in ihren letzten Stunden, und die
Kinder wagen ihn nicht zu nennen. Er wird geflüstert in den
Hallen der Kirchen und gesungen von den Wipfeln der Bäume bei
jedem Windhauch, der die Wälder der Welt erschauern
läßt.«
»Und weshalb können Sie ihn mir dann nicht
nennen?«
Ein Laut der Belustigung von dem Besucher, der ohne Zweifel
verrückt war. »Ich will meinen Namen auch aus deinem
Munde hören.«
»Du bist Satan«, sagte der Mann. Er war sich nicht
einmal sicher, wie er zu diesen Worten gekommen war, ohne
Nachdenken hatten sie seine Kehle verlassen. Einen Augenblick
schwirrten Assoziationen durch den Kopf, die mit dem Begriff Satan
verbunden waren. Wenn es Satan war, so konnte er vielleicht ein
Geschäft schließen. Alte Geschichten. Er würde nach
Ablauf der Frist schon eine Aufgabe finden, die der Leibhaftige
unmöglich erfüllen konnte, und so dem Tage der Auszahlung
entgehen.
»Mach dich nicht lächerlich«, sagte der Fremde. Er
konnte seine Gedanken lesen. Aber nein, dieser Satz bezog sich noch
auf seine ausgesprochenen Worte. So mußte es sein. Er sollte
sich nicht lächerlich machen, indem er ihn als Satan
bezeichnete. Unmöglich konnte diese Gestalt tatsächlich
Satan sein und mit seinen letzten Worten auf seine Gedanken
angespielt haben. Andererseits - seine Gedanken waren ihm selbst so
klar, so artikuliert, so ausgeformt - weshalb sollte Satan sie
nicht lesen können?
»Aber natürlich kann ich deine Gedanken lesen«,
lächelte der Fremde. »Und weshalb auch nicht? Ich lebe
dort, in den Dimensionen, in denen Eure Gedanken ihre feste und
greifbare Form haben. Gerade in Euren Gedanken lebe ich, und
deshalb sind sie mir natürlich nicht
verborgen.«
Ein Fösteln lief über die Haut des Mannes. Aber das
Gespräch hatte eine eindeutige Wendung genommen: Nun war er
sicher, daß er nicht erwacht war, sondern noch schlief und
einem Traum aufsaß. Aber Satan schüttelte nur den
Kopf.
»Natürlich ist es kein Traum. Nur eines ist ein Traum -
ein Wunschtraum: Der Gedanke, mich übertölpeln zu
können. Niemand kann das. Und ich schließe auch keinen
Pakt, wie die alten Geschichten erzählen. Ich gebe und nehme.
Meine Geschenke werden dankbar akzeptiert, und meine Forderungen
freudig erfüllt.«
»Nein«, hauchte der Mann. Aber er schlief ja
bloß, träumte. Belanglos.
»Aber ja. Du bist mein Auserwählter. Das ist wirklich
ein Grund zur Freude. Ich werde deine Wünsche erfüllen.
Nicht die Wünsche, die dein beschränktes Bewußtsein
mir zu artikulieren vermag, sondern die Wünsche, die wirklich
im tiefsten Inneren deines Denkens verborgen sind. Ich kenne deine
Gedanken besser als du, denn ich sehe sie alle, während du
selber nur jene gewahr wirst, welche aus meinem Reich zufällig
in dein Bewußtsein tropfen. Und viele deiner Wünsche,
die ich auf dem Boden meiner Länder aufgreife, werde ich dir
erfüllen. Ich werde dich nicht fragen, und du wirst mein
Geschenk nicht ablehnen.«
»Meinetwegen«, sagte der Mann.
»Und eines Tages werde ich dann die Bezahlung von dir
fordern. Du wirst mir Opfer bringen, und du wirst es gerne
tun.«
»Okay, bis morgen dann.« Der Mann verlor das Interesse
an dem Traum, drehte sich auf die andere Seite und wollte
weiterschlafen.
»Glaubst du an mich?« fragte Satan mit sanfter Stimme.
Der Mann glaubte, die Gestalt in seinem Rücken lächeln zu
sehen. Und wer weiß - wenn Satan nur in seinen Gedanken
existierte, vielleicht sah er es dann wirklich.
»Glaubst du an mich?« fragte Satan erneut, und seine
Stimme war unverändert freundlich.
Wie sollte er an ihn glauben. Es war ein Traum, schlimmstenfalls
ein Hirngespinst. Es wirkte realistisch, aber welcher Traum tat das
nicht. Glaubte er an diesen Traum?
»Glaubst du an mich?« Die sanfte Stimme verschwand
nicht aus seinem Kopf.
Ein Schmerz war in seinen Gedanken. Glühend begann er im
tiefsten, verborgensten Inneren seines Kopfes, floß
glühend durch seine Gehirnwindungen und verbiß sich mit
trotzigen Klauen und spitzen Zähnen in jeder Krümmung.
Der Kopfschmerz war unerträglich. Der Mann wälzte sich
auf dem Bett herum, aber wenn noch immer eine Gestalt neben seinem
Bett stand, so konnte er sie vor Schmerzen nicht mehr
sehen.
Sein ganzer Kopf war nun von den Schmerzen erfüllt. Schlimmer
waren sie als jeder Kopfschmerz, an den er sich erinnern konnte.
Und er konnte sich an viele Kopfschmerzen erinnern, denn nicht jede
Art von Alkohol hatte mit dem Trinker am kommenden Morgen Erbarmen.
Aber nichts war mit diesem Schmerz zu vergleichen.
Und hinter dem Schmerz kam die Stimme. Sie breitete sich auf den
Wegen aus, die ihr die Glutwelle der Schmerzen gebahnt hatte. Und
dennoch stritt sie sich nicht mit seinen Qualen. Wie gute
Brüder teilten sich der Schmerz und die Stimme den Platz in
seinem Kopf. Und keiner hinderte den anderen an seiner Entfaltung.
»Glaubst du an mich?« flüsterte die
Stimme.
Der Mann wußte sicher, daß diese Stimme nicht den Umweg
über seine Ohren genommen hatte. Hatte er Satan überhaupt
jemals durch die Ohren vernommen, oder war diese Stimme schon immer
in seinem Kopf gewesen, wie Satan selbst? Aber solche Fragen waren
gleichgültig angesichts seiner Qualen - höllischer
Qualen.
»Ja, ja!« schrie er in höchstem Schmerz und in
größter Ekstase. Er verlor die Kontrolle über sich
und zuckte schreiend in Krämpfen über das Bett.
»Ja, ich glaube an dich, ich glaube an dich. Ich glaube! Ich
glaube! Ich glaube...«
(c) by Alexander Lohmann