Ein Prolog, der anfangs nicht wußte, was aus ihm werden sollte - als ich damals in der Straßenbahn anfing draufloszuschreiben, konnte ich da ahnen, daß ich den Grundstein zu einem vielbändigen Epos legte, das mich auf Jahre, wenn nicht Jahrezehnte, nicht mehr loslassen sollte? Denn damals versuchte ich eigentlich nur einen Traum zu rekonstruieren - und dann liefen die Dinge aus dem Ruder...
Die Chroniken der Elomaran
Erstes Buch: Engelsschatten
Prolog
von Maja Ilisch
In einer Ecke der Bibliothek kauerte der Sohn des
Königs, das tränenverschmierte Gesicht zwischen den Knien
verborgen, und blickte nicht auf, nicht einmal, als Alexander die
Tür aufbrach … Niemals hätte ein Satz wie dieser
in der Chronik gestanden, und das war gut. Es durfte nicht sein,
und doch war es so.
Hätte ich hochgeschaut, in seine Augen, dann hätte ich
zugeben müssen, daß ich es war, und auch den letzten
Rest meiner Würde verloren. So konnte es jeder sein, irgend
jemand, aber nicht ich. Ich war es nicht, der sich stundenlang in
diesem großen, kalten, leeren Zimmer eingeschlossen und
geheult hatte. Ich wollte es nicht sein. Solange ich mir das
einreden konnte, war es gut.
Anders schrie mich an, aber auch ohne seine Stimme zu hören,
wußte ich, daß er es war: An seinem Schritt, am leisen
Rascheln seiner Kleidung, an seinem Geruch. Ich bin mit scharfen
Sinnen gesegnet, gestraft in Momenten wie diesem, in denen ich die
Welt verbannen wollte. So viel hatte ich an diesem Tag ignorieren
müssen: Das Klopfen und Rufen auf dem Flur, das Flüstern
und Tuscheln überall, das Fauchen und Schreien der
Schwäne, das noch vor Sonnenuntergang für immer
verstummen würde. Niemand brauchte mir mehr mitzuteilen,
daß mein Vater tot war. Ich wußte es längst.
Anders schrie mich an. »Was fällt dir ein? Steh auf!
Hör auf zu heulen! Und sieh mich gefälligst an, wenn ich
mit dir rede!«
Ich hielt meine Beine umschlungen und versuchte, mich noch etwas
weiter einzurollen. Er sollte mein Gesicht nicht sehen, meine
verquollenen, geröteten Augen, meine fleckigen Wangen - ich
versuchte, nicht weiter daran zu denken, wie ich aussah. Wenn ich
geheult habe, meide ich Spiegel für den Rest des Tages. In
ruhigen Momenten frage ich mich, ob die Elomaran weinen. Meine
Augen können es, aber es gibt mir etwas Schwaches,
Verletzliches, das ich nicht mag. Anders oder mein Vater
ließen sich niemals derart gehen, und dafür haßte
ich sie. Ich wußte, daß sie mich für meine
Schwäche verachteten. Ich tat es selbst.
Anders trat mich, daß ich verkrampftes Bündel umfiel. Es
tat weh, aber dieser Schmerz war nur körperlich - er
würde vorübergehen.
»Weißt du eigentlich, wie du aussiehst?«
Ich wußte es, leider; aber auch, wie er in diesem
Moment aussah. Anders war wütend, sogar sehr, doch er
würde niemals zulassen, daß Gefühle sein
hübsches Engelsgesicht entstellten. Es gelang ihm nie ganz,
dafür war er zu menschlich - wenn er zornig war,
sträubten sich seine Haare in alle Richtungen. Aber ich glaube
nicht, daß es jemandem außer mir aufgefällt.
Anders trat noch ein paarmal zu, gezielt in meine Rippen, bis mir
schließlich nichts übrig blieb, als mich zu rühren
und aufzusehen. Ich kniff die Augen zusammen, um den
Tränenschleier zu vertreiben. Dann starrte ich nach oben mit
aller Wut und allem Trotz, die ich aufbringen konnte, um zu
verbergen, daß ich mich schämte. Aber mein Blick glitt
an Anders vorbei, durch ihn hindurch - obwohl er so schön ist,
daß es schwerfallen kann, ihn nicht anzusehen - und hin zu
der Bibliothekstür, die ich so lange versperrt hatte. Nun hing
sie schief in ihren Angeln, war ihr Holz gesplittert. Anders kochte
vor Wut, und es war gut, daß er nicht zuerst auf mich,
sondern auf die Tür getroffen war. Ein wenig liebte ich sie in
diesem Moment, weil sie mich beschützt hatte. Doch dann begann
ich meine Schmerzen zu fühlen, und sie zwangen mich
zurück in die Wirklichkeit, zurück zu Anders, der sich
über mich beugte.
Seine Haare standen ab. Ich versuchte, ihm nicht in die
Augen zu sehen, aber mir blieb nichts anderes übrig. In ihren
sternenglänzenden Tiefen lag ein Wissen, daß ich nicht
herausfordern wollte. Aber ich merkte auch, wie er ruhiger wurde,
nun, da es ihm gelungen war, meinen Stolz zu brechen und mein
Gesicht zu enthüllen.
»Du weißt, weshalb ich hergekommen bin«, sagte er
etwas leiser. Anders' Zorn ist schnell entflammt und ebenso schnell
wieder erloschen. »Es ist geschehen.«
Ich sagte nichts, versuchte nur, mich mit dem Rücken an der
Wand abzustützen. Es ist geschehen. Das war eine nette
Art, mir beizubringen, was ich schon seit dem frühen Morgen
wußte.
»Du solltest dich mal sehen!« Anders schrie wieder.
»Dein Vater ist gestorben, und du schließt dich hier
ein und heulst, weil nicht du König wirst, du verdammter
Bastard, sondern ich.«
Ich würgte einen mundvoll Spucke hinunter und eine handvoll
Wörter hinaus. »Das ist nicht wahr.«
»Was? Daß ich König werde?«
Ich schüttelte den Kopf. Das war nicht, was ich meinte. Ich
schluckte erneut, hob meine Hände als Zeichen, daß ich
noch nicht wieder sprechen konnte.
»Jetzt stell dich nicht so an! Ich kenne dich zu gut, um zu
glauben, daß du Koris auch nur eine Träne
nachweinst.«
Er hatte Recht. Ich weinte nicht um meinen Vater. Aber es ging mir
auch nicht die Krone. Seit Anders Geburt war ich glücklich,
daß ich sie niemals tragen mußte. Es waren die
Bücher, um die ich weinte. Die Bibliothek war völlig
leer. Nicht einmal die Regale hatte er mir gelassen.
Anders starrte mich an, und das Funkeln in seinen Augen wurde
heller. Er konnte keine Gedanken lesen, aber jetzt wußte er,
was ich dachte. »Du bist das letzte«, sagte er leise.
»Ich bin froh, daß du nicht König wirst.
Außer deinen Büchern ist dir doch alles egal.«
Erst jetzt sah ich, daß auch er geweint hatte. Ich hatte
Anders noch nie weinen sehen, zumindest nicht, seit er älter
als fünf war. Es verwirrte mich. Im nächsten Moment traf
mich seine Hand im Gesicht.
»Du Miststück, mein Bruder ist tot!« schrie
Anders. »Jetzt steh auf, zieh dir was anderes an, und dann
kommst du und erweist ihm die letzte Ehre, wie es ihm zusteht.
Sonst schleife ich dich an deinen Haaren an sein Bett!«
Ich wußte nicht, ob Anders meinen Vater geliebt hatte. Ich
konnte mir nicht vorstellen - daß irgend jemand meinen Vater
liebte. Aber sie standen sich immer sehr nah, und ich wußte
nicht, wie es war, einen Bruder zu haben. über die
Gefühle anderer Leute mußte ich mir nie Gedanken machen.
Schwächeres Blut, schwächere Gaben, und ich war dankbar
dafür.
Ich atmete tief durch, richtete mich langsam auf, wischte mir den
Staub aus den Haaren und die letzten Tränen aus dem
Gesicht.
Da durchriß ein Stechen meine Brust. Ich biß die
Zähne zusammen und versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Es
war schlimm genug, daß ich den ganzen Vormittag über
geweint hatte. Jetzt mußte ich zeigen, daß ich
erwachsen war, fünf Jahre älter als Anders.
Er nickte. »Gut. Es tut mir leid, daß ich dich getreten
habe, aber es mußte sein. Du hattest es verdient.«
Ich blickte zu Boden. Bis ich meinem Blick wieder begegnen konnte,
würde es dauern. Langsam ließen die Schmerzen nach.
»Du siehst erbärmlich aus«, sagte Anders. Seine
Stimme war wieder leise und beherrscht, aber unmerklich zitterte
sie noch, vor Wut oder Trauer. Es mußte Wut sein, schon
allein, weil ich nichts anderes fühlte. »Die Zeit reicht
nicht, um dich noch zu schminken. Du bist selbst schuld, wenn man
dich so sieht. Ich habe nur dafür zu sorgen, daß du an
sein Totenbett trittst, dann muß ich mich zu den
Schwänen.« Er lächelte und strich sich die Haare
glatt, oder versuchte es zumindest. »Bis ans Ende deiner Tage
wirst du dich an diesen Moment erinnern, daran, wie du beim Tod
deines Vaters die Schwäche deines Blutes gezeigt hast. Sieh
mich an: Ich habe Würde. Ich habe Schönheit. Du bist nur
eine Generation unter mir, und doch könnte man meinen
…«
Wut ließ mich die Schmerzen vergessen. »Es ist mein
Blut ebenso wie deines«, flüsterte ich.
»Nur schwächer«, fügte Anders hinzu, und sein
Lächeln schien ihm Kraft zu geben.
Ich wollte nicht mit ihm streiten. Meine Bibliothek war fort und
mein Vater gestorben. Niemand konnte von mir erwarten zu tanzen und
zu jubeln. Aber man konnte erwarten, daß ich Würde
bewahrte und meine Pflicht tat. Und das würde ich tun. Ich war
von Korisanders Blute.
»Verhöhn mich nicht«, sagte ich. »Ich
weiß es nur zu gut, Anders. Ich komme mit.«
Im Gehen drehte er sich zu mir um. »Ich möchte,
daß eine Sache klar ist, Neffe.« Er hatte mich
niemals 'Neffe' genannt. »Mein Name ist Alexander, und von
nun an wirst du mich auch so nennen.«
Mit dem Tod war das Gesicht des Königs den Elomaran noch
ähnlicher geworden - alle Menschlichkeit war aus ihm gewichen.
Seine Haut hatte nun einen bläulichen Schimmer, glänzend
von den ölen, mit denen man ihn gesalbt hatte, und sie spannte
über den Knochen. Als hätte man versucht, sein Gesicht
aus Pergament nachzubilden. In der Luft hing ein Geruch von Muskat
und weißen Rosen und überdeckte alles andere. Es gibt
nichts, was mich stärker an den Tod denken läßt als
dieser Geruch. Ich versuchte, mich an den Duft des Öles zu
gewöhnen und zu erkennen, was darunter lag: Anders'
Parfüm, oder Aralees, oder den Kalkgeruch der Wände; aber
es gelang mir nicht. Nur eine leichte Erinnerung an Nelken, und an
Schnee. Ich wollte nicht wissen, woher es kam. Vielleicht roch der
Tod so.
Wie die Gesichter der Elomaran, war auch das der Königs
völlig alterslos. Aber es war tot. Ich starrte meinen Vater
an, als hätte ich ihn nie zuvor gesehen. Nichts Beunruhigendes
ging von ihm aus, nicht mehr das Gefühl, als kenne er jeden
meiner Gedanken. Verschwunden war das immer gütige, immer
geduldige, immer wissende Lächeln, hinter dessen Maske nur
Anders zu sehen vermochte. Dies war ein Leichnam, vor dem ich keine
Angst zu haben brauchte. Ich schämte mich dafür, doch ich
war erleichtert. Es gelang mir zu lächeln. Stolz und
Würde kehrten zu mir zurück, zumindest für den
Moment. Nur das Ziehen in meiner Brust erinnerte mich noch
schmerzhaft daran, daß ich eben noch mit einem Weinkrampf am
Boden gelegen hatte.
»Hier ist Halan «, sagte Anders an meiner Seite, und
das riß meinen Blick endlich los von diesem toten Gesicht.
Die Worte, völlig ruhig und gefaßt, waren an Aralee
gerichtet, die ernst und schweigend an der Seite des Bettes stand.
So bleich waren ihre Wangen, daß man auch die Witwe meines
Großvaters fast für eine Engelsgeborene halten mochte,
doch als sie aufblickte und mit angespannter Miene ihrem Sohn
zunickte, verrieten sie ihre braunen Augen. Egal, wie dünn das
Blut in Korisanders Haus auch geworden sein mochte - seine
Nachkommen würden stets seine großen, nachtblauen Augen
haben. Würden sie?
Wieder zog es meinen Blick zum toten Gesicht meines Vaters, als war
ich gezwungen, es durch und durch zu studieren. Doch nun erhob sich
die andere Frau, die am Ende des Bettes gekniet und wortlos die
Füße meines Vaters gesalbt hatte, und nahm meine
Hände. Ihre Finger waren seltsam glatt und weich, und das
heilige öl hatte ihre Haut mit einem Film des Todes
überzogen. Aber ihre Hände waren warm, viel wärmer
als meine. Mir schauderte kurz. Die Berührung irritierte mich.
Gewöhnlichen Menschen war es verboten, Engelsgeborene zu
berühren, aber Totenmädge waren eine Ausnahme, wie auch
nahezu alle anderen heiligen Gesetze außer Kraft gesetzt
wurden, wenn einer vom Blute der Elomaran starb. Ich hatte es erst
einmal erlebt; als mein Großvater starb und ich ein Junge von
sechs Jahren war, aber es hatte sich tief in meine Erinnerung
eingebrannt: Das Gesicht meines Vaters, als er in der
Abenddämmerung zu uns in die Halle zurückkehrte, und
Anders' Weinen, als sich ihre Blicke begegneten. Eine Spur aus
Schwanenflaum, die in den Park hinausführte und der ich nicht
folgen durfte … Auch damals hatte die Totenmagd meine
Hände in ihre genommen. Ich versuchte, mich an ihr Gesicht zu
erinnern: War es dasselbe? Ich konnte mich nur an unglaublich
ruhige, dunkelgraue Augen erinnern.
Wieder blickte ich in graue Augen, die in ihrer Tiefe immer
undurchdringlicher wurden und die mein Spiegelbild nicht zu mir
zurückschickten, es vielmehr zu behalten schienen für
einen späteren Zeitpunkt. War es die selbe Frau? Ihre Haare
waren grau, doch ihr Gesicht zu jung. Der Tod meines
Großvaters lag fünfzehn Jahre zurück.
Wenn ich nur ihre Stimme hätte hören können, damals
wie nun! Wortlos hielt die Totenmagd meine Hände noch einen
Augenblick lang fest, dann ließ sie unvermittelt los, wandte
den Blick ab und kniete nieder, um mit ihrer Arbeit
fortzufahren.
Ich wußte nicht, ob ich noch bleiben sollte. In allen
Schriften standen nur die Aufgaben des Thronfolgers, und das waren
nicht wenige - ich war froh, nicht in Anders' Haut zu stecken -
aber es gab keine Vorschriften für andere
Familienangehörige.
Wäre ich mit meinem Vater allein gewesen …
Aber ich konnte ihn nicht anschreien, nicht hier, vor Anders,
Aralee und der Totenmagd. Ich wollte wissen, was mit den
Büchern geschehen war, warum er mich fortgeschickt hatte, und
warum meine Mutter hingerichtet. So aber sagte ich nichts. Mein
Mund fühlte sich trocken an. Ich konnte nicht einmal
schlucken, geschweige denn reden.
Das Gesicht meines Vaters fesselte mich. Erstmals konnte ich es
ruhig betrachten, ohne Angst, zuviel von meinen Gefühlen zu
verraten. Wie sahen seine Augen jetzt aus? Was war aus ihrem
Leuchten geworden, ihrer Kraft, ihrer Tiefe? Wenn die Elomaran ewig
lebten, wie sollten ihre Augen dann sterben? Die Augen des
Königs waren geschlossen, aber darunter … Ich machte
einen Schritt nach vorn und beugte mich zu ihm hinunter. Aus der
Nähe bekam der Duft der gewürzten öle etwas
Aufdringliches. Vorsichtig streckte ich die Hand aus - ich hatte
noch nie einen Toten berührt, und noch nie meinen Vater - doch
dann legte ich einen Finger auf eines der kalten, ölglatten
Lider. Ich fühlte einen unnachgiebigen Widerstand, wie eine
Glaskugel unter der Haut, und einen Augenblick lang zögerte
ich. Doch dann schob ich mit sanftem Druck meinen Finger nach
oben.
Die Augen der Elomaran konnten sterben.
Keine Sterne strahlten mehr in der Tiefe des bodenlosen Blaus. Eine
gefrorene Pfütze, wie ein erblindeter Opal, leblos und
schmutzig. Und doch schien es mir, als könne ich noch immer
darin versinken, wenn es mir nur gelang, die Oberfläche zu
durchbrechen. Unter dem Eis war noch ein Funken, das kalte Licht
eines einzelnen gefangenen Sternes. Ich beugte mich tiefer …
mußte erkennen, was es war … etwas zog mich nach unten
…
Jemand schrie auf. Mit einem schmerzhaften Ruck schlug mein Kopf
nach hinten. Ich hörte eine Stimme, die von weit her kam und
zu Anders gehörte.
»Geh. Verlaß diesen Raum. Sofort.«
Erst jetzt nahm ich wahr, daß Anders mich festhielt;
daß er mich zurückgerissen hatte. Ich konnte mich nicht
rühren, doch ich merkte, daß ich zitterte.
Das einzelne, offene Auge meines Vaters starrte noch immer blicklos
nach oben. Mein Finger, an dem etwas öl klebte, fühlte
sich an, als brenne er. Ich wollte ihn in den Mund stecken, aber
ich konnte es nicht, und das war wohl auch gut so. Warum hatte ich
das getan? Ich wußte es nicht, aber ich hatte Angst,
große Angst.
Erst als Anders mich herumriß und mit dem Gesicht gegen die
Wand drückte, gelang es mir, mein Blick loszureißen.
Anders ließ mich los, und ich konnte mich wieder umdrehen.
Wieviel Zeit vergangen war, vermochte ich nicht zu sagen. Ich hatte
das Gefühl, Stunden seien vergangen, aber ebensogut mochten es
nur ein paar Sekunden gewesen sein, seit ich meinen Finger auf das
Lid gelegt hatte.
Anders starrte mich an, und ohne den Blick von mir zu nehmen,
drehte er sich halb zur Seite, fuhr mit der Hand über das
Gesicht meines Vaters und schloß das Auge wieder. Ich atmete
auf, und Aralee auch. Aber Anders blieb angespannt. Erstmals
wünschte ich mir, seine Gedanken fühlen zu können.
Tief in seinen Augen lag eine Anklage, als hätte ich ein
großes Verbrechen begangen. Ich wußte, daß ich
einen Fehler gemacht hatte, aber es gab kein Verbot, die Augen
eines toten Engelsgeborenen zu öffnen, und nun konnte ich
zumindest über ihr Aussehen einen Bericht für die
Nachwelt schreiben.
In diesem Augenblick fiel mir der Schrei wieder ein, den ich
gehört hatte - dieser leise, unterdrückte und
gleichzeitig maßlos entsetzte Schrei. Das war nicht Aralees
Stimme, und Anders' auch nicht, und ich wußte, daß ich
nicht geschrieen hatte. In diesem Moment begriff ich Anders' Wut
und Furcht, seine Fassungslosigkeit.
übrig blieb nur die Totenmagd, die, bis mein Vater unter der
Erde war und Anders gekrönt, keinen Laut von sich geben
durfte.
(c) by Maja Ilisch