Noch während wir an der Öbba
arbeiteten, beschlossen Monica und ich, danach einen ganz
klassischen Fantasyroman zu schreiben - böser Zauberer, gute
Prinzessin, verschollener Prinz, man kennt das ja. Wir nahmen das
Projekt sogar in Angriff, allerdings nie mit der vollen
Öbba-Leidenschaft - statt dessen machte ich mich daran, die
Hintergrundgeschichte zu Fenoriels Augen niederzuschreiben,
die Geschichte, wie Conmorren der Zauberer so böse geworden
ist. Dieses Buch wurde fertig und trägt den Titel Eine
Flöte aus Eis.
Und seit Jahren haben wir vor, wieder mit Fenoriel
weiterzumachen, bzw. nochmal von vorne anzufangen. Von meinen
Texten zu dieser Geschichte ist nämlich der Prolog alles, was
mir heute noch gefällt.
Fenoriels Augen
Prolog
von Maja Ilisch
Wie eine warnend ausgestreckte graue Hand erhob sich
hoch oben auf der Klippe die Burg über Anistan. Sie
gehörte zu den ersten Bauwerken, welche die Menschen nach
ihrer Ankunft in der Welt errichtet hatten, noch bevor sie jemals
eine Elbenfeste erblickten, und das sah man dem
grobschlächtigen Steinbau auch an. Zwar hatten fähigere
Bauherren in den folgenden Jahrhunderten die angorianische Feste,
wie man sie nun nannte, bearbeitet, aber ihre frühen Wurzeln
konnte sie doch nicht verleugnen. Hinter ihr, auf der sanft
ansteigenden Landzunge, duckte sich die Stadt Anistan und blickte
zu ihr auf, und unten in der Bucht, wo der Fendigaid ins Meer
mündete, lagen im Hafen einige Schiffe vor Anker. Die
östlichen Mauern der Burg fielen direkt zum Meer ab, und von
den hohen Fenstern konnte man weit auf die See hinausblicken,
Ausschau halten nach Schiffen, die vom fernen Ende des Meeres
kamen. Aber derartige Schiffe gab es niemals. Kein Mensch
wußte, was am anderen Ende des Ozeans lag. Diejenigen, die
mit ihren Booten aufgebrochen waren, kehrten niemals zurück,
und man konnte nicht sagen, ob sie ein fremdes Land entdeckt hatten
oder über den Rand der Welt hinausgestürzt waren. Die
letzten, die erfahren hatten, was am fernen Ufer lag, waren die
Hohen gewesen, und mit ihnen war auch ihr Wissen verschwunden. Nun
kannten nur noch die Zauberer das wahre Aussehen der Welt. Und sie
würden es gut hüten.
Von Nahem wie von Weitem betrachtet hatte die Burg etwas
Abweisendes, Bedrohliches an sich. Hohe Wallanlagen schirmten die
dicken Steinmauern zur Landseite hin ab, um der königlichen
Familie und, in Kriegszeiten, den Bürgern von Anistan Schutz
und Zuflucht zu gewähren. Natürlich gab es schönere
Burgen als diese, aber kaum eine war sicherer. Kein Mensch
hätte jemals dort eindringen können.
Aber er war kein Mensch. Er war Conmorren von Llanadhul, und
er war ein Zauberer, unsterblich und mächtiger als alle
zusammen. Noch einmal blickte er auf das Abbild der Burg in seinem
Kristall und lachte verächtlich auf. Mauern, wie hoch und dick
sie auch sein mochten, konnten ihn nicht zurückhalten. Und der
einzige Ort, den niemals ein Feind würde einnehmen
können, war Llanadhul, der Hort des Dunkels, wie er ihn in der
Hohen Sprache genannt hatte, sein eigenes, von ihm geschaffenes
Reich. Hier hatte sich seine ganze Macht manifestiert und etwas
geschaffen, das größer und schöner war als alles
andere. Hier konnte er herrschen, ohne daß sein Bruder oder
irgend ein anderer versuchen konnte, ihm in die Quere zu kommen.
Hier war er zufrieden - so zufrieden, daß er erst nach
mehreren hundert Jahren überhaupt merkte, daß er
Llanadhul seit seiner Erschaffung noch nie verlassen hatte. Und es
dauerte wiederum einige Jahrhunderte, bis er begriff, daß er
Llanadhul gar nicht verlassen konnte. Er war
nicht sein eigener Gefangener, so war das nicht. Aber der Dunkle
Hort existierte nur durch seine Macht. Ihn zu verlassen würde
bedeuten, ihn zu zerstören, und Conmorren wußte,
daß er ihn kein zweites Mal in dieser Form erschaffen konnte.
Wenn er zurückkehrte, würde er in der Lage sein, etwas zu
formen, das vielleicht noch schöner und vollkommener sein
würde. Aber es würde nicht mehr Llanadhul sein, und
darauf kam es an. Vielleicht würde er tatsächlich eines
Tages gehen. Aber noch war es nicht soweit. Zeit bedeutete
Conmorren nichts. Er war ein Zauberer - es hatte ihn immer gegeben,
und es würde ihn immer geben. Zeit war etwas, mit dem sich
Sterbliche quälen konnte. Und aus Erfahrung wußte er,
wie sehr sie sich damit quälten und was sie bereit waren, sich
um ihretwillen anzutun. Früher hatte es ihm Vergnügen
bereitet, zwischen den Menschen zu wandeln und ihr Verhalten zu
beobachten. Aber eines Tages hatte es ihn ermüdet. Nun konnte
er sie immer noch beobachten, wenn er Lust darauf hatte. Der
Elbenkristall war sein Auge zur Welt, und es gab nicht viel, was
ihm entging. Vielleicht konnte er Llanadhul nicht verlassen, aber
seine Macht über die Welt war größer, als sie
jemals gewesen war. Was er haben wollte, das bekam er - schöne
Dinge, mit denen er sich umgeben konnte. Seine Macht erstreckte
sich über alles, auch über die Menschen. Er begehrte die
schönste Frau der Welt. Und er würde sie auch
bekommen.
Bis jetzt war er der einzige, der wußte, daß Prinzessin
Fenoriel von Angor die schönste Frau der Welt war. Jeder, der
sich von äußerlichkeiten täuschen ließ - so
zum Beispiel alle Menschen - sah in ihr nichts weiter als einen
drei Monate alten Säugling, ein zugegeben besonders
hübsches Kind, aber sicher nicht die schönste Frau der
Welt. Es war unmöglich, in die Zukunft zu blicken. Nicht
einmal Conmorren konnte das. Dafür hing die Zukunft viel zu
sehr von den Handlungen einzelner ab. Doch er hatte die Menschen
lange genug beobachtet, um anhand ihres gegenwärtigen
Aussehens und Verhaltens ihren späteren Werdegang vorhersagen
zu können. Die meisten Menschen, denen er ihre Zukunft
geweissagt hatte, hatten seine Worte unwirsch zurück gewiesen.
Aber alles war so gekommen, wie er vermutet hatte. Und um manche
hatte es ihm beinahe leid getan.
Wie auch immer, alle Zeichen sprachen dafür, daß die
kleine Fenoriel eines Tages von außergewöhnliches
Schönheit sein würde, nicht nur, weil ihre Eltern,
König Aridan und seine Gemahlin Aelunoel, ausnehmend
schöne Menschen waren. Eines Tages würde Fenoriel die
schönste Frau der Welt sein, und dann würde sie
freiwillig nach Llanadhul kommen. So lange konnte Conmorren warten.
Was waren schon einige Jahre, gemessen an der Ewigkeit?
Natürlich hätte er sie auch sofort holen können.
Aber er hatte keinerlei Verwendung für ein Wickelkind.
Conmorren war geduldig. Bis es soweit war, hatte er zumindest
Fenoriels Augen.
Die Amme war die erste, die es entdeckte. Bronwyn war siebzehn
Jahre alt, Tochter eines Bauern, und es hätte sie erstaunt,
wieviel Conmorren über sie wußte: Alles. Nichts war
leichter zu durchschauen als das Leben eines Menschen. Sie wurden
geboren, aßen und tranken, bekamen Kinder und starben. Wie
armselig. Nichts war leichter zu vergessen als das Leben eines
Menschen.
Manche Ereignisse jedoch boten dem Betrachter einen gewissen Reiz.
Es hatte Conmorren interessiert, wie ein derart junges Mädchen
königliche Amme hatte werden können. Aber sie hatte es
nur einer Kette von Zufällen und einem energischen Vater zu
verdanken, daß sie am Hofe untergekommen war. Bronwyn war der
Prinzessin in echter mütterlicher Liebe zugetan, aber trotzdem
kreisten ihre Gedanken immer wieder um ihren eigenen Sohn, den sie
verloren hatte. Er war drei Wochen nach der Geburt gestorben - so
war ihm ein nutz- und wertloses und ohnehin kurzes Leben entgangen.
Darüber hinaus war der Vater des Kindes unbekannt - Bronwyn
war überzeugt, daß es ein junger Mann war, der auf ihrem
Bauernhof im Sommer bei der Ernte geholfen hatte und der inzwischen
(was die Amme nicht wußte) drei Dörfer weiter mehr oder
weniger glücklich verheiratet war. Es gab kein anderes Wort,
um das miteinander verknüpfte Dasein dieser Menschen zu
beschreiben, als armselig.
Gutbehütet lag die Prinzessin in ihre Wiege, die vergoldet war
und sicher bequemer als die von Bronwyns kleinem Sohn Ennik. Aber
irgendwelche Privilegien mußte eine Prinzessin schon in
diesem Alter haben, selbst wenn sie selbst nichts davon mitbekam.
Das Mädchen ließ sie kaum einen Moment aus den Augen,
und jeder, der das Gemach in böser Absicht betreten
hätte, wäre erstaunt gewesen über die ungeheuren
körperlichen Kräfte, die eine aufgebrachte Amme
entwickeln kann. Aber Conmorren hatte es nicht nötig,
leibhaftig auch nur in die Nähe von Anistan zu kommen. Seine
Kugel war ihm Werkzeug genug. Und es war auch nur ein winziger
kleiner Zauber, kein spektakulärer Einsatz von Feuer und
Lichtblitzen. Nur ein kleiner Umtausch …
Die Amme, die das Kind gerade stillte, merkte nichts davon. Nicht
einmal Fenoriel fühlte etwas.
Aber dann legte Bronwyn die Prinzessin in die Wiege zurück,
breitete die Decke über sie und strich ihr noch einmal
zärtlich über das Gesicht. Fenoriel sah sie aus ihren
neuen, kalten Augen an. Oder, um genauer zu sein: Sah sie
nicht an. Bronwyn schrie auf und riß das Kind hoch,
das natürlich sofort zu schreien anfing.
»Noriel, Liebchen, was ist mit dir?« Natürlich gab
die Prinzessin hierauf keine Antwort. Aber als die Amme sie sanft
im Arm hin und her wiegte, beruhigte sie sich langsam.
»Mußt du noch ein Bäuerchen machen?«
Conmorren konnte nicht anders, als bei diesem Satz leise in sich
hineinzulachen. Es war so abwegig, so unrationell, so …
typisch menschlich. Niemand würde jemals begreifen
können, warum gerade sie dazu auserwählt waren, über
die Welt zu herrschen. Bäuerchen. Conmorren
überlegte kurz, ob er dieser Anfrage ein kleines
Feuerchen als Antwort schicken sollte, aber er entschied
sich dagegen. In dieser Angelegenheit war es das Beste, wenn er so
wenig wie möglich eingriff und die Handlung den Menschen
überließ. Als Zauberer mußte er seine
Neutralität wahren.
Nun legte die Amme Fenoriel wieder in die Wiege zurück. Doch
das Kind blickte wieder so starr an die Decke, daß man es
für tot hätte halten können, wenn sich nicht die
Arme suchend bewegt hätten. Vorsichtig streckte Bronwyn die
Hand aus und strich mit dem Finger über die Wange des Kindes.
Fenoriel erschrak bei der Berührung und fing wieder an zu
weinen, aber es war ein merkwürdiges Weinen, denn selbst jetzt
blieben ihre Augen völlig leblos, und es kamen keine
Tränen.
Conmorren hatte schon vorher gewußt, was die Frau nun tun
würde, und nicht anders verhielt sie sich. Als ob dies der
Prinzessin ihre wahren Augen zurückgeben würde, brach sie
in lautes Schreien aus, riß den Säugling wieder an sich
und rannte damit, immer noch laut brüllend, aus dem Zimmer.
Dann rannte sie, weil Fenoriel so große Angst hatte,
zurück zu der Wiege, legte das Kind zum dritten Mal hinein und
machte sich noch einmal auf den Weg durch den Palast. Jeder, der
sie sah, nahm nicht ohne Grund an, daß sie wahnsinnig
geworden war. Aber in Wirklichkeit hatte Bronwyn unbeschreibliche
Angst, nicht nur um das Wohlergehen des Kindes, sondern auch davor,
daß man ihr die Schuld dafür geben würde, daß
die Prinzessin krank geworden war. Immerhin war schon einmal ein
Kind unter ihrer Hand gestorben, und wenn auch schon seit über
hundert Jahren keine Frauen mehr wegen Hexerei hingerichtet worden
waren, so war doch auch ein derartiger Fall noch nie vorgekommen.
Natürlich nicht.
Kreischend lief Bronwyn durch das Schloß und suchte den
König. Er war in seinem Thronsaal, aber die Wachposten wollten
sie nicht hineinlassen. Die Amme wollte den Wachen erklären,
was geschehen war, aber sie konnte nur schreien und brachte kein
vernünftiges Wort hervor. Als sie versuchte, irgendwie an den
Männern vorbeizukommen, hielten die beiden sie fest. Der eine
drehte ihr die Arme auf den Rücken, und der andere riß
an ihren Haaren. Vor Schmerz schrie Bronwyn noch lauter.
»Was ist hier los?« fragte König Aridan mit
lauter, gebieterischer Stimme, nachdem die Tür zum Thronsaal
aufgerissen worden war. Das Schreien hatte natürlich den
halben Hof aufgeschreckt.
»Sie ist von Sinnen, Majestät«, erklärte der
eine Wachmann. »Sie versuchte, in den Thronsaal einzudringen.
Aber wir wollten verhindern, daß Ihr gestört
würdet.«
»Schafft sie fort«, befahl der König.
Als man sie den Gang hinunter schleppte, fand Bronwyn ihre Worte
wieder. »Noriel!« schrie sie. »Der König
muß zu Fenoriel kommen!«
»Wartet« sagte Aelunoel, die ihrem Gatten gefolgt war.
»Sie ist die Amme meines Kindes. Laßt sie
sprechen.«
Schluchzend versuchte Bronwyn zu erklären, was mit der
Prinzessin passiert war, aber niemand verstand, was sie meinte.
Allerdings begriffen alle, daß etwas Schreckliches passiert
sein mußte, und eilig folgten ihr der König und die
Königin zu den Gemächern der Prinzessin.
»Seht ihre Augen, Majestät!« sagte die Amme.
»Etwas stimmt mit ihren Augen nicht!«
Mit einem ängstlichen Aufschrei stürzte die Königin
zu ihrem Kind, und nun sah sie auch, was das Mädchen meinte.
Fenoriels Augen waren äußerlich noch immer die gleichen
strahlenden Kinderaugen. Aber sie waren völlig regungs- und
leblos, gar nicht wie die Augen eines Menschen. Die Königin
begann zu weinen, und mit ihr weinte auch Bronwyn. Das Kind begann
wieder zu schreien, und völlig fassungslos stand der
König da und wußte nicht, was er machen sollte.
»Nun beruhige dich, meine Liebe«, sagte er und legte
den Arm um seine Frau. »Es wird schon alles wieder gut.
Wahrscheinlich hat sie nur schlecht geträumt.«
»Aber siehst du es denn nicht?« fragte die Königin
unter Tränen. »Das sind nicht ihre Augen! Jemand hat
ihre Augen gestohlen! Jemand hat die Augen von meinem Kind
gestohlen! Das ist nicht mehr mein Kind!«
Mehr konnte sie nicht mehr sagen, denn ein Weinkrampf
schüttelte sie. Sie mußte auf ihr Gemach geführt
werden, und es dauerte Tage, bis sie sich wieder soweit erholt
hatte, daß sie aufstehen konnte.
In Llanadhul blickte Conmorren in seinen Kristall und
lächelte. Die Geschichte von der rätselhaften Krankheit
der Prinzessin breitete sich wie ein Lauffeuer zunächst in der
Burg, dann in Anistan und schließlich im ganzen Land aus. Die
gelehrten Männer, vor allem jene, die sich selbst
großspurig als 'Magier' bezeichneten, kamen in Scharen
angereist, um ihre gutgemeinten und völlig inkompetenten
Ratschläge zu erteilen. Nicht einer von ihnen erkannte auch
nur, daß sich dort, wo einst die strahlenden Augen Fenoriels
gewesen waren, zwei blaue, kaum minder strahlende Kristalle
befanden. Niemand sollte jemals Conmorren Grausamkeit unterstellen
können, oder Fenoriel Häßlichkeit. Die neuen Augen,
mit großer Sorgfalt ausgewählt, reichten an
Schönheit an die alten heran, wenn ihnen natürlich auch
jedes Leben und Sehkraft fehlte.
Einige Tage begnügte sich Conmorren damit, dem Treiben der
Menschen belustigt zu folgen. Jeder, der sich der Wiege mit der
offenkundig verfluchten Prinzessin näherte, machte als erstes
das Zeichen gegen den Bösen Blick - als ob sie eine
Ansteckungsgefahr erwarteten. Es war putzig. Aber Conmorrens Arbeit
war damit noch nicht getan. Er mußte seinen Triumph mit
jemandem teilen, und wer war besser dazu geeignet als seine Opfer?
Außerdem sollte er besser klarstellen, warum er diesen
Aufwand überhaupt unternommen hatte. Sonst würde er zwar
für immer ihre Augen besitzen, aber niemals Fenoriel selbst.
Er war nicht wie die Dunklen, die ohne Probleme Menschen in ihre
Welt entführen konnten. Conmorren konnte nur Dinge nehmen,
kein Leben. Aber dies war nur auf den ersten Blick eine
Einschränkung. Es war keine Kunst, Menschen zu stehlen. Aber
sie dazu zu bringen, freiwillig nach Llanadhul zu kommen, das war
die wahre Macht. Und diese Macht hatte nur er. Keiner der anderen
Zauberer verfügte über seine Fähigkeit, die Gedanken
und Gefühle der Leute zu beherrschen. Die anderen, wie
mächtig sie auch sein mochten, waren viel zu sehr gefangen in
ihrer Neutralität, ihren Zweifeln oder ihrem
Selbstmitleid.
Um vor dem angorianischen König zu erscheinen, mußte
Conmorren nicht einmal versuchen, Llanadhul zu verlassen. Viel
einfacher war es doch, nur ein Bild von sich zu senden. Und es war
auch sehr viel eindrucksvoller, plötzlich ein schwarzes
Schemen im Thronsaal erscheinen zu lassen, als wie sterblich
Menschen zur Tür hereinzuspazieren.
Zunächst dachten noch alle, es wäre ein wirklicher
Mensch, der dort so plötzlich unter ihnen auftauchte, aber als
man versuchte, ihn zu packen, stellte sich schnell heraus,
daß er nicht körperlicher als ein Schatten war. Niemand
konnte sich hinterher mehr so recht daran erinnern, wie er
ausgesehen hatte. Er war in einen schwarzen Umhang gehüllt,
darüber waren sich alle einig, aber keiner kannte sein
Gesicht. Nur soviel wußte man: Daß dort leuchtende
schwarze Augen gewesen waren, die zu brennen schienen. Aber es war
seine Stimme, die den Menschen im Gedächtnis blieb.
»Ich bin Conmorren von Llanadhul«, sagte er zum
König. »Und ich begehre Eure Tochter als meine Gemahlin.
Ich weiß, daß sie noch ein Wickelkind ist und
außerdem dem Prinzen von Gondria versprochen. Aber eines
Tages wird sie die schönste Frau der Welt sein, und dann wird
sie mir gehören. Ich kann warten. Bis dahin habe ich ihre
Augen.«
Die Stimme war dunkel und süß und zugleich vollkommen
kalt, und sie nahm die Zuhörer ganz und gar gefangen. Niemand
vermochte sich zu rühren, solange diese Stimme erklang. Der
König saß auf seinem Thron und starrte den Zauberer an,
unfähig, auch nur etwas zu erwidern oder sich zu
rühren.
»Ich möchte nicht, daß meiner zukünftigen
Gemahlin ein Leid zugefügt wird. Ich habe nichts weiter getan,
als ihre Augen gegen ein paar Saphire von unermeßlichem Wert
auszutauschen. Sie sind so kunstvoll bearbeitet, daß man sie
nicht von normalen Augen unterscheiden kann. Nur sehen kann sie
damit natürlich nicht. Ihre wirklichen Augen befinden sich
unterdessen in meiner Obhut, und ich werde sie hüten als
meinen größten Schatz. Sobald Fenoriel zu mir kommt und
mich um sie bittet, werde ich sie ihr zurückgeben - unter der
Bedingung, daß sie einwilligt, meine Frau zu werden. Es wird
ihr an nichts mangeln, denn ich bin ein mächtiger Zauberer und
kann für sie erschaffen, was immer sie wünscht.
Versucht nicht, mich ausfindig zu machen. Nur Fenoriel werde ich
den Weg nach Llanadhul weisen, für alle anderen bin ich
unauffindbar. Richtet ihr meine Botschaft aus, wenn sie alt genug
ist, um sie zu verstehen. Ich werde auf sie warten. Ich habe alle
Zeit der Welt. Bis dahin - gehabt Euch wohl.«
Langsam fiel der Bann vom König und seinem Hofstaat ab. Aber
es war zu spät.
Das Sendbild des Zauberers drehte sich einmal mit wehendem Umhang
um sich selbst und war verschwunden, und niemandem gelang es, ihn
aufzuhalten.
»Fangt diese Bestie! Eilt ihm nach und bringt ihn in Ketten
zu mir!« rief der König.
»Majestät, es war nur eine Illusion«, sagte
Rofwinduin, der Hofmagier, ein machthungriger älterer Mann,
der seine Unfähigkeit mit einem langen weißen Bart zu
verdecken versuchte. »Der Zauberer selbst hat sein Llanadhul,
wo immer es sein mag, womöglich niemals verlassen.«
»Dann findet ihn! Der Mann, der meiner Tochter das angetan
hat, soll brennen!« Das Gesicht des Königs war
weiß vor ohnmächtiger Wut. »Wer ist dieser
… dieser Hund?«
»Majestät, wiewohl mir alle Magier dieses Reiches
bekannt sind, habe ich von diesem noch nie gehört. Er nennt
sich Conmorren von Llanadhul, aber beide Namen habe ich heute zum
ersten Mal vernommen. Und doch scheint er über große
Kräfte zu verfügen.«
In der Tat hatten sich die Zauberer seit einigen schlechten
Erfahrungen von den Königshöfen der Menschen
zurückgezogen, aber dennoch erstaunte es Conmorren, daß
ihre Existenz so weit in Vergessenheit geraten war, daß man
sie nun bereits mit den Magiern zu verwechseln wagte. Was erwartete
dieser Dummkopf? Natürlich verfügte Conmorren über
große Kräfte. Der kleine Beweis sollte für den
Anfang genügen.
»Nicht aus diesem Reich? Könnte er dann aus Gondria
stammen?«
Auch für Aridan war die Welt so klein, daß sie nur aus
den beiden Königreichen bestand, die in den letzten
Jahrhunderten alle kleineren Länder in diesem Teil der Welt
erobert hatten - mit einer Ausnahme, denn kein König war dumm
genug, um seine Armeen nach Thoria zu schicken. Einer hatte es
einmal gewagt, und zweihundert Mann waren nie wieder gesehen
worden.
»Majestät, das ist möglich. Aber bedenkt: Die Welt
ist groß und besteht nicht nur aus Angor und Gondria. Er
könnte von jenseits des Meeres gekommen sein. Und gerade
für einen Zauberer ist sie noch größer als für
einen gewöhnlichen Sterblichen. Möglicherweise ist er
nicht einmal von dieser Welt.«
Wie treffend doch seine Antworten waren!
»Ich verlange, daß er trotzdem gefunden wird! Niemand
stiehlt ungestraft die Augen meiner Tochter!«
Der König sandte seine mutigsten Ritter aus, um den Zauberer
zu fangen. Sie durchkämmten die Welt von Norden nach
Süden und von Osten nach Westen, aber alle kamen
unverrichteter Dinge zurück. Niemand wußte, wo sich
dieser geheimnisvolle Ort befand - Llanadhul. Aber das hatte
Conmorren den Menschen auch von Anfang an gesagt. Einer einzigen
Frau würde er den Weg weisen, wenn sie zu ihn kam. Nur
Fenoriel würde jemals Llanadhul mit ihm teilen.
Unterdessen versuchten die Magier des Landes weiterhin, den Bann
von der Prinzessin zu nehmen und ihr ihre Augen zurückzugeben.
Aber so rührend ihre Versuche doch zu beobachten waren, nichts
davon konnte gegen Conmorrens Macht etwas ausrichten. Die Augen
blieben zwei Saphire, unglaublich klar und schön, aber obwohl
sie jedes menschliche Auge an Strahlen und Reinheit
übertrafen, waren sie doch kalt und tot und wirkten niemals
menschlich. Zunächst wagte es niemand auszusprechen, aber bald
zweifelte niemand mehr daran, daß die Prinzessin niemals
wieder würde sehen können.
Als einzige gab Fenoriel die Hoffnung nicht auf, daß sie
eines Tages wieder würde sehen können. Eines Tages
würde es einem mutigen und tapferen Ritter gelingen, den
bösen Zauberer Conmorren zu besiegen und der Prinzessin ihr
Augenlicht zurückzugeben. Niemand getraute sich, der
Prinzessin die volle Hoffnungslosigkeit ihres Falles ins Gesicht zu
schreien, denn niemand wollte sie unglücklich machen.
Jedermann bei Hofe ging so vorsichtig und sorgsam mit der
Prinzessin um, als sei sie ein rohes Ei, aber niemand begriff,
daß sie gerade dadurch noch unglücklicher wurde. Der
Zauberer hatte ihr einen Teil ihrer Menschlichkeit genommen, und
nun nahmen ihr die Menschen einen weiteren Teil davon, indem man
sie wie ein fremdes Wesen behandelte.
Aber es war nicht nur Fenoriels Traurigkeit, die dem König
Sorgen bereitete. Fenoriel war sein erstes und einziges Kind, und
nun gab es niemanden, der nach seinem Tod den Thron übernehmen
würde. Es war allen klar, daß Fenoriel niemals
Königin werden konnte, wenn sie blind war. Ursprünglich
war es vorgesehen gewesen, daß Fenoriel den Prinzen von
Gondria heiraten sollte, der nur wenig älter war als sie, und
daß auf diese Weise beide Länder zu einem vereinigt
werden sollten. Auch nachdem Fenoriels Augen gestohlen wurden,
hatte der Heiratskontrakt fortbestanden. Dann aber war etwas
Unerwartetes eingetreten. Der Bruder des Königs von Gondria
hatte die Macht an sich gerissen und den König mitsamt seiner
Familie getötet. Seitdem lebten die Angorianer in ständig
wachsender Angst, nach Aridans Tod könnte der Usurpator Secar
versuchen, auch Angor zu erobern. Wer sollte sich ihm dann in den
Weg stellen? Fenoriel sicher nicht.
Wie nicht anders zu erwarten war, wuchs Fenoriel zu einem
Geschöpf von perfekter Schönheit heran. Conmorren hatte
genug verliebte junge Männer gekannt, um zu wissen, in welch
bemüht blumigen Worte sie diese Kostbarkeit beschrieben
hätten: Ihr Haar war golden und lockig, ihre Haut makellos,
und ihr Körper so zart und anmutig, wie er nur sein konnte.
Sie lächelte nur selten, und wenn sie es tat, dann war es
jenes süße, unschuldige Lächeln, wie es nur ganz
kleine Kinder und Blinde lächeln konnten, die noch nie das
falsche Lächeln eines Heuchlers gesehen hatten. Meistens aber
war die Prinzessin ernst und verschlossen. Sie verließ das
Schloß niemals, und auch ihre eigenen Räumlichkeiten nur
selten. Dort fand sie sich zurecht, dort brauchte sie keinen
Führer, der ihr den Weg wies. Aber außerhalb der
vertrauten Orte war sie so hilflos wie ein kleines Kind. So kam es
auch, daß keiner ihrer Untertanen sie jemals zu Gesicht
bekam, und wenn auch die Sänger am Hofe ihre Schönheit
besangen, so fehlten doch die üblichen Schlangen junger oder
verwitweter Edelleute, die um ihre Hand anhalten wollten. Niemand
würde Conmorren streitig machen, was ihm zustand.
Nun waren siebzehn Jahre vergangen, die Prinzessin erwachsen
geworden. Er hatte lange genug gewartet. Es war an der Zeit, nach
all den Beobachtungen wieder selbst in das Geschehen einzugreifen.
Bald würde sich Fenoriel auf den Weg zu ihm machen. Conmorren
würde dafür sorgen, daß sie unbescholten Llanadhul
erreichte.
Es war an der Zeit für die Bilder.
(c) by Maja Ilisch