Dieser Prolog ist mein neuster, und praktischerweise basiert er auf meiner allerältesten Idee: Denn die Gauklerinsel war das erste Land, das ich erfand, mit zehn oder elf Jahren. Treu wie ich bin, habe ich meine Insel nie vergessen, und nach zwei gescheiterten Versuchen, sie in einer Geschichte am Rande vorkommen zu lassen, entschied ich mich nun, sie zum Kern des Geschehens und einzigen Handlungsort einer wahnwitzigen Geschichte zu machen, die zynisch und klaustrophob ist und inspiriert von dem grandiosen Film &raqupo;Dark City« - und in der ich endlich meinen abgelegten Dance of the Magpies-Charakteren Roashan, Shaun und Maris ein neues Zuhause bieten kann.
Und aus diesem Mix aus alten und neuen Ideen entstand nun ein Stil, wie ich mich nicht erinnern kann, ihn vorher schon einmal geschrieben zu haben.


Die Gauklerinsel
Prolog

von Maja ilisch


Man nannte sie die Gauklerinsel, es sei denn, man lebte dort. Dann hieß sie nur ‚Diese Insel', und man spuckte aus, wenn man es sagte. Ihr richtiger Name war Frythland, und das bedeutete Land der Freien. Es traf ungefähr so gut zu wie Gauklerinsel: Beides gab es dort nicht. Oder nicht mehr.
Aber am Festland, wo die Gaukler nicht mehr Gaukler hießen sondern Vagabunden und Landstreicher oder, wenn sie Glück hatten, Spielleute, sprach man immer noch mit einem Funkeln in den Augen von dieser Insel, in verschwörerischem Tonfall, und nannte sie das Paradies, und nahm sich vor, sie eines Tages zu finden.
Es hieß, sie habe die Form einer Harfe. Das passte sicher zum Namen Gauklerinsel, aber ebenso gut hätte man sagen können, sie habe die Form einer Muschel, eines Huhns oder eines Stücks Käse - die Formen von Inseln bieten viel Spielraum und sind selten so originell wie ihre Namen. Keine Landkarte zeigte sie, und Seekarten auch nicht. Doch es gab sie. Und es gab auch immer wieder Menschen, die sie erreichten, Flüchtlinge, Glücksritter, Vogelfreie. Sie dachten, sie hätten das Glück gefunden. Sie irrten. Wer einmal einen Fuß auf diese Insel setzte, sollte sie niemals wieder verlassen. Zumindest nicht lebend.
Und mancher nicht einmal nach seinem Tod.

(c) by Maja Ilisch


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