Dieser Prolog soll einst zu einem historischen Roman heranwachsen, wenn Klio mir wohl gesonnen ist, andernfalls wird es Fantasy. Ein Epilog dazu exisitiert auch bereits, nur der Raum dazwischen muss noch gefüllt werden …
Geschichtenerzähler
Prolog
von Alexander Lohmann
Es war abends, als der Fremde in das Dorf kam.
Der Hausherr stand am Rande des Gartens und schichtete flache
Steine aufeinander, die er am Tag auf den Feldern gesammelt hatte.
Er sah die Bewegung vor dem Licht der untergehenden Sonne und
blickte dem Reisenden entgegen.
Der Neuankömmling war nicht besonders groß, aber seine
ausgeprägten, gleichmäßigen Muskeln und seine
geschmeidigen Bewegungen verrieten ein ganz anderes Maß an
körperlicher Übung, als es bei den Tätigkeiten der
einheimischen Hirten und Bauern anfiel. Der Fremde trug einen
kurzen Schurz und einen grob gewebten Überwurf. Er
stützte sich auf einen schweren Wanderstab, der seine Statur
um Armlänge überragte, und seine Felltasche beulte sich
aus vor harten, merkwürdig verwinkelten
Gegenständen.
Er blieb respektvoll in einigen Schritten Abstand vor dem Hausherrn
stehen und sprach den traditionellen Gruß: »Leben und
Fruchtbarkeit Euren Herden. Ich bin ein Wanderer auf dem Weg in den
Norden und erbitte Obdach und Gastfreundschaft für eine
Nacht.«
Der Bauer beäugte ihn abschätzig, blickte über die
Schultern des Fremden hinweg und antwortete dann: »Ein
großzügiges Gastgeschenk hat meine Familie davon wohl
nicht zu erwarten?«
Der Fremde neigte sein Haupt.
»Ich bringe Geschichten und Gesänge, wie es immer der
Brauch war.«
»Davon haben wir allzu viel gehabt.« Der Landmann
spuckte aus. »Wir leben nahe am Kloster, und jeder, der
davonzieht oder ankommt, tauscht hier Worte gegen Werke. Doch was
wir mit unserer Hände Arbeit erschaffen, fehlt uns, wenn wir
es teilen.«
»Und doch, was Ihr heute seid, was Ihr wisst und was Ihr tut,
verdankt Ihr auch den Geschichten, die das Kloster in dieses Land
brachte.«
Der Bauer lächelte spöttisch. »Das ist wenig
greifbar. Doch was ich habe, was Ihr heute Abend esst und die
Mauern, die Euch Schutz bieten werden, das verdanke ich der Arbeit
meiner Vorfahren. Eure Schule besteht nur aus den unerfüllten
Träumen unserer Ahnen. Seither ist viel geschehen, und wir
sind aufgewacht. Doch mögt Ihr meinethalben heute Nacht Eure
Füße am Feuer wärmen und Eure Kindergeschichten
erzählen - niemand soll unser Haus mangelnder Großmut
zeihen können.«
Die beiden sahen sich noch einmal in die Augen, dann ging der
Geschichtenerzähler weiter auf das Haus zu. Der Bauer sah ihm
nicht nach. Frauen und Kinder hießen den Fremden willkommen,
ein flüchtiger Gruß, doch mancher Hausbewohner zeigte
auch mehr Interesse.
Wenige Hausbewohner.
Die kleinsten Kinder waren aufgeregt. Selten kam es vor, dass ein
fremder Mann so frei in das Haus treten durfte, dass sich Vertrauen
auf diese Art mit mangelnder Achtung paarte. Die Kleinen waren
verwirrt, und sie allein fanden diese Begegnung spannend.
Nach Einbruch der Dunkelheit saß der Fremde im Hof am Feuer
und erzählte seine Geschichten den Kindern, die im Kreis in
seiner Nähe saßen. Einige Erwachsene standen dabei und
hörten zu, hielten sich aber mehr oder minder abseits, als
wäre diese Beschäftigung unter ihrer Würde. Auch der
Hausherr war anwesend. Er stand fünf Schritte hinter dem
Fremden, blickte angelegentlich über ihn hinweg und starrte
unaufmerksam in den Sternenhimmel. Es war, als würde er im
Stehen schlafen. Nur dann und wann funkelten seine Augen im
Flammenschein.
Der Fremde erzählte indes von Wundern und
Merkwürdigkeiten.
Das Mädchen war noch sehr klein. Immer wieder fielen ihr die
Augen zu, und dann hörte sie nicht mehr die Worte des
Geschichtenerzählers, dafür aber standen ihr seine
Beschreibungen in lebhaften Bildern vor den Augen.
Sie erblickte den mächtigen Löwen, der in den weiten
Steppen des Westens lebte und dort der Schrecken der Hirten war.
Ihr fröstelte, sie wurde wach und rückte näher an
das Feuer.
Dort, im unruhigen Tanz der Flammen, wanderte ihr Geist in den
heißen Süden, wo niemals Regen fiel. Sie sah die
hageren, stolzen Menschen der Wüste vor sich und schreckte
hoch, als ihr das hässlichste aller Tiere vor Augen kam, dem
Wasserschläuche fest auf den Rücken gewachsen
waren.
Als sie wieder eindöste, jagte sie mit den Wölfen durch
das karge Land im Norden. Das waren Tiere, die den Hunden
ähnlich sahen. Aber sie ordneten sich keinem Menschen unter,
sondern lebten als freie Jäger. Das Mädchen zollte ihnen
Respekt, aber die wohltönende Stimme des Gastes trug sie bald
schon wieder fort an einen ganz anderen Ort.
Der Osten war ganz schrecklich. Die Seen und Flüsse waren dort
über die Ufer gestiegen, bis nur noch die Bäume aus dem
Wasser schauten. Und in den trüben, schwarzen Fluten trieben
Drachen ihr Unwesen: große Eidechsen, die im Schlamm
verborgen lauerten und den unvorsichtigen Wanderer mit einem Biss
verschlingen konnten!
Das Mädchen schreckte wieder hoch und rückte ein wenig
aus dem Kreis hinaus zu seiner Mutter, die es in die Arme nahm. Das
Kind schlief ein. Es war ein aufregender Abend gewesen, und als das
Mädchen am nächsten Morgen wach wurde, da war der Fremde
schon weitergezogen.
Sie lief hinaus und suchte nach dem Besucher, damit seine Worte die
aufregenden Bilder zurückbringen mochten. Doch sie sah nur die
vertrauten Mauern, Bäume, und die Menschen, die sie schon
immer gesehen hatte.
Alle gingen umher, als wäre nichts geschehen.
Wie konnten sie nur? Hatten sie nicht alle am vergangenen Abend
gehört, was alles hinter dem Horizont zu finden war? Am
liebsten hätte sie es selbst gesehen. Aber die
Erzählungen war auch beängstigend gewesen, und sie
bewunderte den fremden Mann, der sich an diese Orte wagte.
Sie ging zu ihrem Vater.
»Wer war der Mann?«, fragte sie.
»Das war kein Mann«, gab der Vater zurück, ohne
von seiner Arbeit aufzusehen.
(c) by Alexander Lohmann