Dieser Prolog gehört zu einem geplanten Fantasy-Roman, der vorläufig  »Die Saga von den Elementen« heißt und bisher in Form von vier Kurzgeschichten (sehr langen Kurzgeschichten) existiert.


Die Saga von den Elementen
Prolog

von Angelika Öhrlein


Vor Zeiten, da die Götter noch über die Erde dieser Welt wandelten, durchzogen das Land, das viele Menschenalter später den Namen Königreich der Berge tragen sollte, nur einige Handelswege. Schmale Saumpfade waren dies zumeist, und viele davon sind heute vergessen, genau wie Namen und Gesichter der Männer, die mit Lasten beladen über diese Pfade gingen. Das Lied des Falken berichtet über sie auch gerade nur so viel, dass die Männer, die der Zufall, jener launische Bruder von Schicksal und Glück, ausersehen hatte, den jungen Falken seiner Bestimmung entgegen zu führen, immerhin Saumtiere mit sich führten. Man darf also wohl mit Fug und Recht schließen, dass sie es somit in ihrem Gewerbe zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben dürften. Trotzdem waren die Zeiten sogar für Händler schlecht.
Söldner zogen durch das Land vor dem Gebirge, denn die Barone stritten untereinander um die Vorherrschaft, und das magere Bürschchen, das die Händler einige Tage vorher einer Rotte Krieger aus deren Beute abgehandelt hatten, blieb diesseits der Berge ihr einziges Geschäft. Doch ihr neuer Besitz freute seine neuen Herren zunächst wenig.
Sie befanden ihn für einen Sklaven zu jung und nicht stark genug, sagten sie, nachdem sie ihn betastet hatten. Ja, er bestehe nur aus Knochen und Sehnen, und das verspreche keinen guten Braten. Wobei diese Absicht weniger niedriger Gesinnung entsprang, als vielmehr einer strengen Abwägung von Kosten und Nutzen. Händler betätigten sich sogar damals eher selten als Menschenfresser, oder doch nur aus Not, aber vielleicht stand es um die Vorräte dieser Gruppe schlecht, so dass Einige deshalb über den zusätzlichen Esser murrten.
Das Buch des Falken überliefert viele solcher Begebenheiten, und im Lauf der Jahrhunderte kamen durch den Übermut mancher Schreiber sicherlich noch neue hinzu. Man weiß heute mit Gewissheit lediglich dies, dass die Händler ihn mit sich nahmen und auf dem Saumpfad weiterzogen, und dass er sich um ihre Tiere kümmerte und als wendig und freundlich erwies, obwohl er wenig Grund dazu hatte und vielleicht besser in den Wäldern abgetaucht wäre, denn sie verbargen ihre Absicht vor ihm nicht.
Tatsächlich wäre es ihm vielleicht zuletzt doch übel ergangen, sprachen doch Manche davon, ihn zu verschneiden und jenseits der Berge als Lustknabe zu verkaufen. Aber das Glück des Falken führte die Händler geraden Wegs dorthin, wo die Götter in jenen Tagen zufällig in einem jener Heiligtümer weilten, wie man sie noch heute überall in den Wäldern des Königreichs fast unverändert finden kann. Vieles ist seitdem über das Zusammentreffen des Jungen mit den Unsterblichen im Doppelkreis des Heiligen Hains geschrieben worden, Frommes, wie auch Weltliches, und sogar ein ganz abscheuliches Buch voll Andeutungen, deren Widerwärtigkeit hier nicht ausgebreitet werden soll. 
Halten wir einfach fest am schlichten Glauben des Volkes, dass der Junge der Göttern offenbar gefiel, und dass, was immer in jenem Hain zwischen Ihnen und ihm vorging, denn der Falke sprach später niemals davon, Sie ihm gewogen blieben, so lange er lebte. Ihm gelang, was er anpackte, er sorgte als guter Bauer für sein Land und musste doch gleichzeitig hart um sein Reich kämpfen. Beides war ihm vom Schicksal vorausbestimmt, der Sämann und der Schlächter, und damit sich sein Lebensweg erfüllte, nahmen die Götter, so heißt es, dem Jungen die Unschuld.
Doch sie schenkten ihm dafür den Erntesegen, ihm und allen aus seinem Geschlecht, für tausend Jahre. Bis zu jenem Winter im Jahr des Falken neunhundertsiebenundachtzig, da ein müder alter Mann auf dem Thron in Neuburg die Augen schloss, wie um den Streit der Barone um das Reich nicht mehr hören zu müssen. Denn der einzige Sohn des Königs war verschollen und der Falke hatte keinen Erben.

(c) by Angelika Öhrlein


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