Es dauert bis zum Epilog dieses immerhin achthundert Seiten starken (und beinahe fertigen) Buches, bis sich der Kreis wieder schließt - denn diese beiden Passagen, der Traum eines Drachen, sind die einzigen, die nicht in der Perspektive des siebzehnjährigen Einbrechers Mowsal erzählt sind. Und da seine Welt der unseren so sehr ähnelt, ist dieser Prolog auch lange das einzige phantastische Element dieser Geschichte.
Die vier Zitate stammen übrigens aus 1. dem Spiel »Es war einmal«, 2. 1984, 3. dem Gedicht »Lederhosen-Saga« und 4. einem Gedicht von Brecht.


Die Spinnwebstadt
Prolog

von Maja Ilisch


Zeit verstreicht.
Die Lüge wird Wahrheit und wieder Lüge.
Generationen kommen, Generationen vergehen.
Alles wandelt sich.

Wie lange hatte sie wohl geschlafen? Sie wußte es nicht. Es konnten nur Stunden gewesen sein, aber auch Tage, Jahre, Jahrhunderte. Jahrtausende. Zeit war bedeutungslos, schon immer. Dunkel erinnerte sie sich noch, hierher gekommen zu sein und sich schlafen gelegt zu haben. Aber danach? Seitdem konnte alles geschehen sein. Es war ihr gleichgültig. Dies war nicht mehr ihre Welt.
Lange hatte sie geschlafen, und genaugenommen tat sie es noch immer. Aber nun war ihr plötzlich bewußt, daß sie schlief, und das war der erste Schritt hin zum Erwachen. Oder träumte sie nur, daß sie schlief? War nicht alles nur ein Traum? Hatte sie jemals etwas anderes getan als träumen? Hatte sie überhaupt geträumt, seit sie eingeschlafen war? Sie wußte es nicht.
Immer noch schlafend, versuchte sie, sich auf die andere Seite zu drehen. Es ging nicht. Sie konnte keinen Muskel rühren, und vor Verwunderung darüber wachte sie beinahe völlig auf. Was für ein Schlaf war dies, in dem sie lag wie versteinert und es nicht einmal merkte? Alles war so … hart … kalt. Sie nahm ihren ganzen Willen zusammen. Irgendwo mußte doch noch etwas von ihrem Leben sein, ihrem Feuer!
Aber sie fand keinen Funken. Nur Spuren von Wärme. Bevor sie nicht erkannte, was mit ihrem Körper geschehen war und wie sie ihn wieder dazu bringen konnte, ihr zu gehorchen, konnte sie nicht vollständig erwachen. Doch da sie nun wußte, daß etwas geschehen war, würde sie auch nicht mehr richtig einschlafen können. Gefangen zwischen Schlaf und Wachen versuchte sie, einen Funken zu erhaschen, nach der Wärme zu greifen und sie zum Wachsen zu bringen, langsam, behutsam. Sie durfte es nicht ersticken.
Atmen! Warum atmete sie nicht? Wie tief mußte man schlafen, um das Atmen zu vergessen? Verwirrende Traumbilder zogen durch ihren Kopf und lenkten ihre Aufmerksamkeit ab. Wieso mußte sie sich derart konzentrieren, nur um einatmen zu können? Atmen!
Ihre Lungen füllten sich mit schneidend kalter Luft, die das bißchen Wärme sofort zu erdrücken suchte. Sie spürte, wie es sie innerlich fast zerriß. Ihr Körper schien vor Kälte zu bersten. Hastig atmete sie wieder aus. Aber sie mußte es noch einmal versuchen … durfte … nicht mehr schlafen … mußte … weiteratmen
… mußte …
Träume brachen über sie herein.
Sie vergaß, daß sie versucht hatte, aufzuwachen.
Aber in ihr loderte ein kleines, zerbrechliches Flämmchen.

(c) by Maja Ilisch


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