Bei Katzenspuren habe ich einen - in Romanen selten verwendete, dafür in Filmen um so beliebtere Art des Prologs gewählt. Das Buch beginnt mit einer wilden Actionszene und läßt die Heldin in einer gefährlichen Situation zurück - mit der Frage auf den Lippen: Wie kann ich nur so dämlich gewesen sein, in diese Situation zu geraten?"
Tja, das fragt sich dann auch der Leser, denn das erste Kapitel beginnt mit ganz gemeinen Worten: »Einen Monat zuvor...«


Katzenspuren
Prolog

von Christel Scheja


Djamilla sprang blitzschnell hinter die Deckung eines Vorsprunges und zog eines ihrer kleinen Wurfmesser aus dem Gürtel. Dann hielt sie den Atem an und lauschte angespannt. Doch wie sie erwartet hatte, vernahm sie keinen verdächtigen Laut.
'Von den Zwölfen verdammt soll dieser Hund sein!' fluchte sie innerlich. 'Ich war nicht ganz bei Sinnen, als ich Nadans Herausforderung annahm! Ich hätte bereits bei seinem Lachen mißtrauisch werden sollen. Ich hätte ahnen müssen, daß er alles vorbereitet hat, und die Kechans besser kennt als ich! Schuld daran ist nur dieses verfluchte Amulett!'
Sie biß sich auf die Lippen, um ein haßerfüllte Stöhnen zu verschlucken, das sich in ihrer Kehle geformt hatte. Sie durfte sich nicht ablenken lassen! Langsam beugte sie sich vor, um in den Gang zu spähen.  
In dem Dämmerlicht, das durch die wenigen Spalten und Erdrisse fiel, konnte jede vermeintliche Bewegung auch eine Sinnestäuschung sein.  
In der angespannten Stille war nun ganz in der Nähe das Tröpfeln von Wasser zu hören. Djamilla fuhr zurück: In den Schatten hatte sich etwas geregt. Sie warf das Messer.  
Ein höhnisches Lachen erklang und hallte von den Wänden wieder, als Metall gegen blanken Fels klirrte. »Heh, du kleine Katze! Streckst du deine Krallen aus, um den Fuchs damit zu kratzen?«  
Djamilla nutzte diesen Augenblick, um ihren Standort zu wechseln und sich dem Rufer, die hellen Stellen meidend, zu nähern. Einen Wimpernschlag lang sah sie eine Gestalt vor sich, die aber sofort wieder mit der Dunkelheit verschmolz. Ein blitzender Gegenstand flog auf sie zu.  
Die geschmeidige Diebin duckte sich gedankenschnell. Um Haaresbreite entging sie dem Wurfstern, dessen Lufthauch ihre linke Wange streifte. Sie konterte mit einem eigenen Wurfgeschoß, das sie im Abducken geschleudert hatte und grinste befriedigt, als ein zorniges Fluchen vor ihr erklang.  
Da war er!  
In einem Kreis aus mattem Licht zog der drahtige schwarzhaarige Mann die Klinge aus dem Arm und warf sie wütend beiseite.  
Djamilla stürmte los, als sie bemerkte, daß er abgelenkt war, und hebelte ihm mit einem gezielten Fußtritt den gebogenen Dolch aus der Hand, den er versteckt in seiner Linken gehalten hatte.  
Jeder Unerfahrenere wäre in die Klinge gelaufen, aber aus Jugendtagen kannte Djamilla den hinterhältigen Trick dieses listigen Phexsohnes. Ihr Rivale krallte seine Rechte in ihren Arm und versuchte sie von den Beinen zu reißen.  
Die Diebin drehte sich. Sie schlug gegen seinen Oberkörper und fühlte im selben Moment, wie sich ihre freie Hand mit einer fettigen Schmiere bedeckte.  
Mit einem wilden Schrei verkrallte sich Djamilla in seinen kurzen gelockten Haaren - und rutschte wiederum ab. Denn wie seinen Körper hatte Nadan auch seine Haare mit Öl eingeschmiert, um schlüpfrig wie ein Fisch aus den braunen Fluten des Mhanadi zu sein.
Ihre Hand glitt, einer Liebkosung gleich, über sein Gesicht, während sich Nadans Griff verstärkte. Erst jetzt bemerkte sie, daß er angerauhte Lederriemen um seine Hände gewickelt hatte, um selber Halt zu haben.  
Er schaffte es nun, sie aus dem Gleichgewicht zu bringen, doch Djamilla trat gegen seine Beine.  
Gemeinsam fielen sie zu Boden. Vielen kleine Steinchen drückten schmerzhaft durch die Ledertunika in Djamillas Rücken.  
Die Diebin fauchte. Dennoch gelang es ihr, Nadan seitlich abzudrängen, ehe er sie mit seinem Gewicht am Boden festnageln konnte. Sie wälzten sich mehrere Male über den unebenen Grund.  
Für beide ging es um Leben oder Tod. Nadan wie Djamilla kannten die Gesetze der Unterstadt, auch dieses eine: Eine Herausforderung mußte mit dem Tod eines Kämpfers enden - sonst verlor der Sieger sein Gesicht und hatte einen unerbittlichen Gegner in seinem Rücken!  
Nur einer würde die Kechans lebendig verlassen, die vergessenen Grabstätten und uralten Abflußkanäle unterhalb der verkommenen Häuser und Elendshütten der Unterstadt. Kechans: Diesen besonderen Namen hatten die Bewohner Rashduls geprägt.  
Djamilla kämpfte um ihr Leben. Sie hätte den Zweiten ihrer Gilde, der schon ein besonderer Liebling Mawuds gewesen war, nicht aus den Augen lassen sollen...  
Jetzt war es zu spät! Der drahtige schwarzhaarige Mann mit seinen 25 Jahren war wesentlich kräftiger und größer als sie - Vorteile, die er nun ausnutzte.  
Er stieß Djamilla mit voller Wucht von sich, so daß die junge Frau gegen die unbehauene Felswand prallte, ehe sie ihm einen Tritt in den Unterleib versetzen konnte, der ihn mit Sicherheit ausgeschaltet hätte.  
Und schon kam er wieder auf sie zu, glaubte sie noch benommen und handlungsunfähig. »Hurenbalg!« zischte er. »Wage das nicht noch einmal!«  
Djamilla lachte. Sie hatte seinen wunden Punkt getroffen, denn Nadan prahlte unter den Dieben Rashduls mit seiner Manneskraft, die sie selbst schon einige Male genießerisch in Anspruch genommen hatte.  
Sie achtete nicht auf ihre protestierenden Muskeln und die brennenden Striemen auf ihrem Rücken, als sie auf die Beine kam und mit einer Hand nach unten, mit der anderen aber in sein Gesicht zielte.  
»Es wäre doch schade, wenn du mir keine andere Wahl mehr lassen würdest!« spottete sie und sprang hinter ihm her, als Nadan ihr auswich, drängte ihn in einen der wenigen lichtdurchfluteten Räume.  
Nur die Überreste der vor langer Zeit von Golgaris Schwingen davongetragenen Toten sahen ihnen aus ihren Nischen zu. Staub wirbelte auf, als der Mann zu tänzeln begann, sich plötzlich krümmte und wie ein wilder Stier auf seinen kleineren Widerpart losging. Mit einem heftigen Schlag fegte er sie zu Boden, warf sich dann auf sie, um ihr keine Gelegenheit zu geben, sich aus der Bauchlage zu ihm zu drehen und zu treten.  
Seine Rechte packte in die Flut kupferfarbener Haare und riß ihr den Kopf so weit in den Nacken, daß ihr die Tränen in die Augen schossen, während eines seiner Knie sich schmerzhaft in ihren Rücken bohrte. Über ihre Bemühungen, sich aus dieser Lage zu winden und mit einem verdrehten Arm nach ihm zu schlagen, lachte er nur.  
»Nun Djamilla Azila, Shanja der Diebe?« stieß er höhnisch hervor und spuckte auf sie hinunter. »Wer ist jetzt der Sieger. Ich könnte dir ganz einfach das Genick brechen.«  
»Warum tust du es dann nicht?« keuchte die Diebin unter Schmerzen und stöhnte leise auf. »Mach ein Ende!«  
Sie wurde ruhig und entspannte sich, so gut sie es in dieser Lage vermochte, denn noch hatte sie nicht mit ihrem Leben abgeschlossen. Um einen besseren Halt zu haben, stützte sie sich ab, und wartete. Denn es gab noch einen Ausweg!  
Nadan schien dies zu ahnen und verstärkte den Druck in ihrem Rücken.  
»Versuch' nicht, mich wieder reinzulegen!« drohte er. »Sonst werde ich einen Weg finden, dich langsam zu töten. Wie würde es dir gefallen, zu sterben wie...« Er verstummte, und sie konnte sein boshaftes Grinsen förmlich vor sich sehen. »Du bist eine Frau, und eine reizvolle noch dazu. Ich glaube, es wäre eine Belohnung für dich, wie andere Weiber, die uns ärgern, zu sterben! Du würdest bei der für uns lustvollen Strafe noch Vergnügen empfinden...«  
Er machte erneut eine bedeutungsschwere Pause. »Ich glaube ich werde dich leben lassen, aber so, daß du mir nicht mehr zur Gefahr werden kannst, nicht einmal durch deinen Körper...«  
Djamilla durchfuhr ein kalter Schauer. Er wollte sie verstümmeln und entstellen! Sie bäumte sich unwillkürlich auf und schrie vor Schmerz, als Nadan ihren Kopf noch weiter nach hinten riß, und eine Hand aus den Haaren löste.  
»Ich werde gleich damit anfangen...« Er verlagerte sein Gewicht, um sie zu drehen, damit sie auf dem Rücken und zu ihm gewandt unter ihm lag. Dies war ein Fehler. Nadans zweiter, in einer der Stiefelscheiden versteckter Dolch hatte sich verhakt, und er mußte Kraft aufwenden, um ihn herauszuziehen. Dabei lockerte sich sein Griff in Djamillas Haaren.  
Djamilla krallte ihre Finger um Nadans Hand und trieb ihm die Nägel so tief ins Fleisch, daß er ihre Haare fahren ließ.  
Sie wand sich unter ihrem Gegner heraus wie eine Schlange und wich dann mit einer Seitenrolle seinem Messer aus, schleuderte den Dreck, den sie mit einer Hand zusammen gekrallt hatte, in sein Gesicht.  
Nadan hustete und fluchte, versuchte sich den Schmutz aus den Augen zu wischen, während Djamilla sein Messer mit einem geschickten Griff an sich brachte.  
Sie holte aus, um ihn zu erdolchen, als plötzlich der Bolzen einer Armbrust dicht an ihrer rechten Schulter vorbeisirrte und sich tief in die Wand bohrte.  
Schritte, die rasch näher kamen, waren aus einem der nicht einzusehenden Gänge zu hören.  
»Tötet sie!« brüllte Nadan und versuchte, Djamilla das Messer aus der Hans zu reißen, als seine drei Kumpane - die Diebeskönigin erkannte vor allem die kräftige Gestalt Maliks, des Schlitzers - in die kleine Halle stürzten. Nadan schaffte es, die Frau von sich zu stoßen und aus ihrer Reichweite zu kommen. Djamilla sah sich gehetzt um. Sie hatte anderes zu tun, als ihm nachzusetzen.  
Zwei der unerwarteten Gegner hatten gespannte Armbrüste in den Händen, Malik warf Nadan nun seinen Säbel zu und zog sein gefürchtetes Messer mit der gezackten Schneide.  
Sie kamen langsam auf Djamilla zu, die nur noch zurückweichen konnte...

(c) by Christel Scheja


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