Die Göttin der Verstoßenen
Prolog

von Melanie Giesen


Sie war eine Elfe des Lichts, er ein Schattenjäger - ein Dunkelelf, wie viele sagen würden. Die Bäume bargen ihr Geheimnis - für eine Weile. Dann sahen fremde Elfenaugen, was nicht hätte sein dürfen.
Sie war nun eine Verbannte, den Lichtelfen nicht mehr willkommen. Die Schattenjäger hätten sie wohl aufgenommen, doch sie beide wussten, dass sie niemals mit den ihr so grausam scheinenden Regeln seines Volkes hätte leben können. So verließen sie die Wälder der Träume und die Mondtäler, um in der fremden Welt jenseits der Elfenreiche ihr Glück zu versuchen.
Angstvolle Ehrfurcht wie auch Argwohn begegnete ihnen dort, fern der Heimat, zuweilen auch feindselige Blicke. Nichts blieb ihnen als einander und dem Kind das die Elfe unter ihrem Herzen trug. Die Wanderschaft wurde ihr mehr und mehr zur Qual, doch endlich, nach langen Wochen fanden die Elfen einen Turm, alt, aber noch gut erhalten, inmitten einiger Bäume. Dieser Ort war nicht vergleichbar mit den endlosen Wäldern ihrer Heimat, der Turm ein grobes, düsteres Gemäuer. Die Menschen von den nahe liegenden Gehöften mieden diesen Ort, senkten furchtsam ihre Stimmen, wann immer die Sprache auf ihn kam. Unheimliche Dinge sollten sich dort zugetragen haben und Geister zwischen den Mauern hausen. Die Elfen gaben nichts um diese Geschichten, zu froh waren sie, einen Ort zum Bleiben gefunden zu haben.
Im Austausch gegen Nahrung boten sie den Menschen kleine magische Dienste oder ihre Fähigkeit zum Lesen und Schreiben. Nur selten nahmen die Menschen diese Dienste in Anspruch - aber sie begegneten den Elfen aus dem verfluchten Turm mit großer Ehrfurcht. In einem eigens errichteten Schrein am Rande des Hains, fanden die Elfen regelmäßig Nahrung, handgefertigte Stoffe und andere Gaben. Die Magie der Lichtelfe schenkte dem Hain den ewigen Sommer, sorgsam pflegte sie die Bäume und andere Pflanzen um den Turm, die dafür die Elfen mit ihren Früchten reich beschenkten. So lebten sie so zufrieden wie Elfen es fernab der Heimat nur vermochten, aber auch zurückgezogen und isoliert von der Welt um sie herum.
Keadran wurde geboren. Seine Eltern gaben ihm all ihre Liebe und lehrten ihn, was sie ihn zu lehren vermochten. Von seinem Vater lernte er all das, was die Schattenjäger über die Wesen in der Welt außerhalb der Elfenreiche wussten. Es war nicht viel, denn die Elfen verließen selten ihre Heimat - und Reisende aus anderen Teilen Avlijins verirrten sich ihrerseits selten in die Elfenreiche. Aber immerhin lernte Keadran so von Kindheit an nicht nur die Hohe Sprache der Elfen, sondern auch die der Menschen. Der Turm beherbergte aus früheren Tagen noch einige alte Bücher, die seinem Vater sehr dabei halfen, sich vieler halb vergessener Worte wieder zu entsinnen - und Keadran dabei, menschliche Schriftzeichen lesen zu lernen.
Viel lieber aber lauschte Keadran den Erzählungen seiner Mutter, den alten elfischen Geschichten, den Gedichten und Gesängen. Über das Leben und Denken der Schattenjäger schwiegen seine Eltern meist, denn sie waren übereingekommen ihn den Weg des Lichts zu lehren, den auch sein Vater entgegen seiner dunklen Gabe gewählt hatte.
Keadran war ein gelehriger Schüler und besaß eine schnelle Auffassungsgabe. Aber so sehr seine Mutter sich auch bemühte, ihn das Heilen und Wachsenlassen von Pflanzen zu lehren und so sehr er auch wünschte, es zu lernen, keine Magie zeigte sich in ihm. Zuerst waren seine Eltern erschrocken - die Elfen und ihre Gabe waren eins - und keine Geschichte, aus keiner Zeit, hatte jemals von einem Elfen ohne Magie berichtet. Doch vielleicht war es besser so, wussten sie doch nicht, welche Form Magie in einem Elf gemischten Blutes annehmen würde.
Dann geschah etwas mit Keadrans Vater. Vielleicht war es die seßhafte Lebensweise, zu der sie nun gezwungen waren - und nicht der Natur der Schattenjäger entsprach, vielleicht das ständige Wirken weißer Magie um ihn, das ihm zu schaffen machte. Er wurde ímmer ruheloser und fand in nichts mehr Frieden. Auch körperlich ging er ihm immer elender und die Heilversuche der Elfe schienen sein Leiden eher zu verstärken, als ihm Linderung zu verschaffen. Die Krankheit verschärfte den Konflikt in seinem Inneren noch. Der von klein auf gelernte Grundsatz der Schattenjäger, dass krankes Leben dem Tod bestimmt sei, stand in ihm gegen die übernommene Auffassung der Lichtelfe, jedes Leben sei zu retten, jede Krankheit zu heilen. Sein Schmerz wurde größer und immer größer, Wahnsinn griff nach seinem Verstand; kämpfte gegen dessen eiserne Fesseln. Keadrans Vater fürchtete um seine Familie, fürchtete, jenen die er liebte wehzutun. Voller Verzweiflung floh er vor sich selbst und sprang in den Tod.
Mit ihm starb auch etwas in der Elfe und sie wurde schwer krank, krank aus Trauer. Ihr Geist war noch rege, doch ihr Körper wurde so schwach, dass sie das Bett nicht mehr verlassen konnte. Nur ihrem Sohn zuliebe hielt sie noch am Leben fest.
Nun musste Keadran sie beide versorgen. Ohne die Fürsorge und die heilenden Kräfte seiner Mutter waren viele der Pflanzen zum Sterben verurteilt oder trugen kaum noch Früchte. Keadrans Fähigkeiten in dem langsam wieder verwilderndem Hain etwas Essbares zu finden waren gering, hatte er doch frustriert das Interesse an der Pflanzenwelt verloren, als er an dem Wirken von Lebensmagie so scheiterte. 
Glücklicherweise fuhren die Menschen fort, die Elfen zu versorgen, wie sie es all die Jahre zuvor schon getan hatten. Niemals aber gab es wirklich Nähe zwischen ihnen. Keadran schmerzte das, doch seinen unsicheren Versuchen, Gespräche mit den Menschen zu beginnen war wenig Erfolg beschieden. Furchtsam zogen sie sich zurück, sobald sie ihre Gaben abgelegt hatten. 
Nie erzählte Keadran seiner Mutter, wie sehr er unter ihrer Isolation litt. Er wollte sie nicht noch trauriger machen, als sie es schon war. Und so saß er stundenlang bei ihr und lauschte all den alten Geschichten und Sagen der Elfen, floh in diese Welt der Träume. Träumen war sein einziger Trost.
Dann jedoch, kaum ein paar Jahre später, drohte seine Welt vollends zu zerbrechen.

(c) 2002 by Melanie Giesen


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