C. Lowns Allererstes Happy-End
Prolog
von Melanie Giesen
Da!
Chris konnte sein Glück kaum fassen. Eine Lücke, direkt
vor der Redaktion!
Das Beste war - sie war auch noch groß genug um vorwärts
einzuparken. Doch kaum hatte Chris den Blinker gesetzt und seinen
kleinen roten Japaner in Position gebracht, schoss vor ihm ein
weißes Auto um die Ecke, vollführte eine elegante
Drehung um die eigene Achse und kam perfekt in der Mitte der
riesigen Lücke zu stehen.
Ungläubig starrte Chris auf den Wagen.
Die Tür öffnete sich und ein Typ mit sorgsam gestylten
schwarzen Haaren stieg aus. Überhaupt war so ziemlich alles
schwarz an ihm gehalten, bis hin zur Sonnenbrille und dem Handy,
mit dem er angeregt diskutierte.
Wütend hieb Chris auf die Hupe und erschrak über das
laute »Tuuut TUUUUT«, das er selbst verursachte.
Der Typ aber blickte nicht einmal auf und schritt von dannen.
Kaum einen Moment später klopfte jemand an Chris
Fenster.
Chris fuhr erschrocken herum und blickte in das Gesicht eines
Polizeibeamten. Hastig kurbelte er das Fenster hinunter.
»Führerschein und Fahrzeugpapiere, bitte«, leierte
der Polizist mit gelangweilter Miene. Doch dann formte sich sein
Gesicht zu einem strahlenden Grinsen. »Sie wissen doch, dass
grundloses Hupen verkehrswidrig ist?«
Eine drei viertel Stunde später, zwei Straßen weiter und
um einiges ärmer, stieg Chris schließlich völlig
entnervt aus seinem Auto und machte sich auf den langen Weg
zurück zur Redaktion.
Als er den Vorraum zum Büro seines Chefs betrat, wurde er von
einem spitzen Schrei begrüßt. Karin, die Sekretärin
stand völlig aufgelöst auf ihrem Stuhl. »Oh
Chris!« quiekte sie, als sie ihn sah. »Retten Sie mich!
Machen Sie das tot!« Angewidert deutete sie auf eine Ecke des
Raumes.
Chris seufzte und nahm die Ecke genauer in Augenschein.
»Ahh, passen Sie auf«, wimmerte Karin. »Sonst
beißt es sie noch!«
Chris musste unwillkürlich grinsen, als er schließlich
die winzige Spinne entdeckte. Vorsichtig brachte er sie dazu, auf
seine Hand zu krabbeln und verließ das Büro, um sie
draußen frei zu lassen.
Als er wiederkam, saß Karin wieder einigermaßen gefasst
auf ihrem Stuhl und strich ihren knappen Rock glatt.
»Also«, meinte sie und bedachte ihn über die
Gläser ihrer recht eigenwilligen Brille hinweg mit einem
merkwürdigen Blick. »Sie hätten dieses Untier auch
ruhig hier drin töten können«. Auch ihre Stimme
klang merkwürdig. Irgendetwas daran machte deutlich, wie sehr
ihr das gefallen hätte.
In diesem Moment öffnete sich die Tür am anderen Ende des
Raumes.
»Chris Lown! Chris, mein Junge, wo hast du bloß so
lange gesteckt? Was hat dich aufgehalten?« Breit grinsend
stand Benjamin Sterkel im Türrahmen, ein großer,
kräftiger Mann mit strahlenden blauen Augen in seinem
braungebrannten Gesicht - und der Sorte Zähnen, wie man sie
aus Zahnpastawerbungen kannte.
Chris kam sich in seiner Gegenwart immer sehr klein und sehr
farblos vor. Dabei war er mindestens durchschnittlich groß,
wenn auch bedeutend schmaler als Benjamin.
Dieser trug zu allem Überfluss auch noch mit Vorliebe
auffällig gefärbten Anzüge und schmerzhaft bunte
Krawatten - alles in allem hätte ihm wohl eher ein Job als
Losbudenverkäufer oder Talkshowmoderator gestanden - aber er
war Chefredakteur des kleinen Magazins, für das Chris
schrieb.
Kaum dass die Tür vor Karins immer noch leicht
enttäuschtem Gesicht ins Schloss gefallen war, und ehe Chris
im Büro dahinter Platz nehmen konnte, legte sein Chef schon
los: »Na Chris, wie geht's? Was macht deine Geschichte? Die
von der Primaballerina und diesem komischen Kerl!« Er
ließ sich in seinem Sessel nieder, langte nach einer
silbrigen flachen Schatulle irgendwo auf den Weiten seines riesigen
Schreibtisches, und fischte eine Zigarre heraus. »Ein
Landstreicher, genau!«
In Chris Geschichte ging es eigentlich um einen Clown, der sich in
eine Seiltänzerin verliebte, aber wie gewöhnlich machte
Ben keine Pause, die lange genug für irgendwelche
Einwände gewesen wäre.
»Willst du auch eine? Nein - Moment - Nichtraucher warst du,
nicht? Wieauchimmer! Chris - deine Geschichten...« Ben nahm
die Zigarre zwischen die Zähne und griff nach den
Streichhölzern. Es gelang ihm, überraschend deutlich zu
sprechen: »...geliebt haben die Leute sie!« Er nahm ein
Streichholz und entzündete es. »Mhh« machte er,
führt das Streichholz zum einen Ende der Zigarre und sog an
dem anderen. Er löschte das Streichholz und ließ
genüsslich Rauch aus seinem Mund entweichen.
Gab es irgendwo tief in Chris das Verlangen, diesem Gespäch
irgendwelche Bemerkungen beizusteuern, zog es sich spätestens
jetzt schleunigst in qualmfreiere Zonen zurück.
»Ja Chris«, fuhr Ben fort und lehnte sich in seinen
Sessel zurück. »Geliebt, mein Junge! Du schreibst jetzt
seit gut zwei Jahren für mich - und alle deine Geschichten
haben sie geliebt, ALLE! Tausende von Briefen flattern hier jedes
Mal rein...«
Sein Chef redete und redete. Behutsam schlichen sich Chris Gedanken
von dannen und suchten nach interessanteren Gegenständen als
Bens typischen Monologen. Nicht, dass Chris das alles nicht gerne
in Kauf nahm - selbst die Zigarren - für das was ihm
dafür möglich war. Zuvor hätte er sich nie
träumen lassen, das Schreiben zu seinem Beruf machen zu
können. Er hatte eine Menge anderer Dinge ausprobiert - aber
seine verschiedenen Arbeitgeber hatten ihm meist sehr schnell nahe
gelegt, wieder zu verschwinden. Wie es schien, bekam er nichts auch
nur halbwegs zustande - außer eben, Geschichten zu ersinnen -
und darin war er richtig gut! Es gab da eigentlich nur ein
Problem...
Das unvermutet lange Schweigen seines Chefs riss Chris unsanft aus
seinen Gedanken.
»WAS?« fragte er irritiert.
Sein Chef hatte sich vorgelehnt. Mit zusammengekniffenen Augen
musterte er Chris durch blauen Dunst. »Das schlechte Ende,
Junge, genau das ist das Problem! Chris - du bist echt gut, aber
versteh doch - ich meine, immer knapp am Happy End vorbei und die
Leute heulen sich die Augen aus dem Kopf, wollen mehr, das ist gut,
das ist GENIAL! Aber jetzt ist es an der Zeit, du hast sie so weit!
Sie hungern geradezu nach einem guten Ende! Das wird dein
Durchbruch, dein großer Tag - bald bist du Autor eines
Bestsellers, glaub das nur dem guten, alten Ben! Junge, ich hab'
da'n Riecher für! Das ist deine Chance - das wird dein Leben
verändern!«
Im Auto, auf dem Weg ans andere Ende der Stadt nach Hause, war
Chris schon wieder ganz bei seiner Zirkusgeschichte. Er steckte
gerade an einer kniffligen Stelle fest - und hatte wie so oft das
Gefühl, dass sich das was er schrieb völlig seiner
Kontrolle entzog. Sein Clown schien meilenweit davon entfernt, der
Seiltänzerin endlich seine Liebe zu gestehen und sie schien
ihn nicht einmal wahrzunehmen...bis jetzt zumindest. Chris war wild
entschlossen, die Zwei bis zum Ende seiner Geschichte
zusammenzubringen. Diesmal würde es ein Happy End geben!
Schließlich bog Chris in die kleine Straße ein, in der
er wohnte, verließ sie wieder und fuhr die gewohnten zwei
Runden um den Block, um einen Parkplatz zu finden. Argwöhnisch
hielt er nach weißen Autos Ausschau. Aber diesmal machte ihm
niemand die Lücke streitig, als er endlich eine fand.
Erleichtert parkte er, stieg aus und machte sich auf den Weg zu
seiner Wohnung, vorbei an all den Reihenhäusern, die
gleichförmig den Block bildeten. Gelangweilt blickten ihre
Fassaden auf die graue Straße hinab, die stummen Autos und
auf den einsamen Fußgänger.
Unwillkürlich schritt Chris schneller, beeilte sich in das
richtige Haus und die Treppe ganz nach oben zu kommen, weg von der
Leere der Straße um dann wieder dem faden Gelb des Flurs zu
entfliehen.
Chris seufzte befreit als er seine Wohnung betrat.
Plötzlich ertönte ein dumpfes KLAPP in der
Stille.
»Wahah!« machte Chris und trat erschrocken einen
Schritt zurück.
»Chris bist du das?« fragte eine
Frauenstimme.
Lautes Poltern war die Antwort.
Ein paar Augenblicke später kniete eine ältliche Dame mit
sorgfälig dauergewelltem Haar und einem blumengemusterten Rock
mit dazu passender Bluse völlig außer sich neben Chris
am Fuße der obersten Stufenreihe. »Oh mein Junge, mein
armer Kleiner!« Besorgt tätschelte sie sein Gesicht.
»Was machst du denn für Sachen? Geht es dir auch gut, oh
ich glaube, ich sollte den Arzt rufen, ach...« jammerte sie
und fuhr auch damit fort.
Benommen versuchte Chris derweil seine angeschlagenen Glieder zu
sortieren und anschließend seine schmerzverzogene Miene in
ein Lächeln zu zwingen. »Ist schon gut Mama, mir ist
nichts passiert«, ächzte er, quälte sich auf die
Beine und versuchte, die Treppe wieder hochzusteigen ohne allzu
auffällig zu hinken. Er wusste, das war seine einzige Chance
nicht in den nächsten paar Minuten den Notarzt hierzuhaben.
Argwöhnisch beobachtete seine Mutter jeden seiner Schritte und
stieg dann hinter ihm die Stufen hoch. »Bist du ganz sicher,
Schatz, dass mit dir alles in Ordnung ist?« fragte sie
besorgt. »Wie konnte das denn passieren?«
Chris schnitt eine Grimasse. »Was machst du in meiner Wohnung
wenn ich nicht da bin?« fragte er vorwurfsvoll.
»Aber Chris!« Sein Mutter klang beinahe ein wenig
gekränkt. »Du bist schon so lange nicht mehr deine
Wäsche vorbeibringen gekommen - und ich hatte die Maschine
nicht voll und habe mir gedacht, ich komme mal her und sehe, ob ich
was finde.« Dann musterte sie ihn mit einem ganz komischen
Blick. »Ich habe nichts gefunden.« Ihre Stimme bekam
einen seltsamen Unterton. »Christian - ist da etwas, von dem
ich nicht weiss? Hast du etwa eine Freundin?«
Chris seufzte und verdrehte die Augen. Wenn er eine Freundin
hätte, ließe er sie sicherlich nicht seine Wäsche
waschen. Das konnte er selbst, auch wenn seine Mutter das scheinbar
noch immer nicht begriff.
»Chris - sag mir die Wahrheit!«
»Mama nein. Ich habe keine Freundin. Und du brauchst dich
wirklich nicht um meine Wäsche kümmern.«
Seine Mutter entspannte sich. »Aber Schatz, ich wasche doch
gerne für dich. Das ist gar kein Problem. Sieh mal - für
mich allein lohnt es sich doch gar nicht...« Und so fuhr sie
fort.
Schließlich resignierte Chris und gab ihr das wenige, das er
an schmutziger Wäsche im Haus hatte und noch einiges an
sauberer Kleidung dazu. Schließlich gab sie sich zufrieden
und ließ ihn endlich allein.
Chris setzte den Wasserkocher in Gang und versorgte seine blauen
Flecken mit Salbe. Als das Wasser kochte goss ChrisTee auf. Er nahm
eine Tasse mit in sein Wohn-Schlaf-Arbeitszimmer und versuchte,
sich ein wenig zu entspannen während der Computer seine
Programme hochfuhr.
Bald saß Chris vor der Zirkusgeschichte und starrte
nachdenklich auf die Buchstaben. Ab und zu trank er einen Schluck
Tee oder schrieb einen Satz um ihn gleich darauf wieder zu
löschen. So kam er mit dem Tee trinken weitaus schneller voran
als mit dem schreiben. Nach der dritten Tasse gab er
schließlich auf und fuhr den Computer wieder herunter.
Chris ging in die Küche und machte sich etwas zu essen.
Bratkartoffeln mit Pfannengemüse, etwas Tofu und Zwiebeln. Als
er sich gerade darüber hermachen wollte, klingelte - oder
besser - düdeldüte das Telefon. Chris runzelte verwirrt
die Stirn. Was wollte seine Mutter denn jetzt schon wieder? Oder
war es sein Chef? Seufzend erhob er sich und hob den Hörer von
der Station. »Christian Lown.«
»Häppi Birsdäi tu ju, Häppi Birsdäi tu
ju, Häppi Birsdäi lieber Pikatchu, Häppi
Birsdäi tu ju!« Kichern. Dann ein Klicken.
Aufgelegt.
Chris lächelte amüsiert. Irgendwelche Kinder, die
Streiche spielten. Er legte den Hörer wieder auf und begab
sich zurück zu seinem Teller.
Düdeldidü!
Chris starrte auf sein Essen. Dann starrte er auf das Telefon. Sein
Magen focht einen kurzen aber erbitterten Kampf mit etwas anderem
in ihm aus. Er verlor. Sehnsüchtig nahm Chris noch eine Nase
voll Zwiebelduft und begab sich wieder zum Telefon.
»Lown.«
»Annettdepwaici.
Jäparlaväkmissjöjamää?« sagte eine
Frauenstimme.
»Wie?« fragte Chris verwirrt.
»Jeswigrii?« Die Stimme klang entschieden
französisch, entschied Chris. Und entschieden verärgert.
»Vusommtremalevonmissjö! Purkwavumeinsultee?«
Verzweifelt bemühte Chris seine raren
Französischkenntnisse. »Jä nä parl
fronßäs - äh - pa. Pardong.«
Kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung.
»Sie sind ja garnischt Ohnri! Warum sagen Sie das denn nischt
gleisch! So ein Gespräsch ischt verflüscht teuär auf
ändy« sagte die Stimme vorwurfsvoll »Idioo!«
Ein temperamentvoller Piepston beendete die Verbindung.
Chris Magen grummelte und trieb ihn zurück zu seinem
Essen.
Misstrauisch beäugte der hungrige Teil von ihm das Telefon
zwischen den einzelnen Bissen und schloss Wetten mit einem anderen
ab, wie viele er schaffen konnte, bevor dieser verflixte Apparat
wieder versuchte, ihn daran zu hindern. Es waren 215.
Nun ja, hätten es zumindest sein können, doch Chris Magen
wies schließlich doch schon weit vorher darauf hin, dass er
nun genug zu tun hatte.
Chris war gerade mit dem spülen fertig, als das Telefon sich
wieder zu Wort meldete. Düdeldi - dü , krächzte es
gestresst. Es war so viel Arbeit einfach nicht
gewöhnt.
Chris schüttelte den Kopf. Was war heute nur los?
Er nahm den Hörer ab. »Ja? - Nein Mama, ich habe schon
zu Abend gegessen - Nein, du hörst keine Frauenstimme im
Hintergrund - Nein, wirklich nicht - Mama, ich kann selbst kochen -
Nein, ich habe wirk-lich keinen Hunger mehr - Ja - Ist ja gut - Ja,
mach ich - Ja - Gute Nacht!«
Chris legte auf und begab sich noch einmal an den Computer um
seinen Freunden zu schreiben. Nur einen von ihnen kannte er
wirklich, Perry, sein einziger Freund damals in der Schule. Aber
Perry lebte mittlerweile weit weg, in Island und beschäftigte
sich mit den geologischen Besonderheiten dieses Landes. Saku und
Michail hatte Chris nie getroffen, würde es vielleicht auch
nie. Die eine lebte in Japan und zeichnete Mangas, der andere
spielte Geige in Ungarn. Alle drei lebten in gewisser Weise
zurückgezogen wie Chris - aber Perry hatte immerhin sein
Forscherteam, Saku arbeitete mit anderen Zeichnern zusammen und
Michail zog mit einer Gruppe von Musikern durch seine Heimat. Chris
seufzte. Schreiben konnte sehr einsam sein. In dieser Stadt Leute
kennen zu lernen, hatte er schon vor einiger Zeit aufgegeben.
Menschen übersahen ihn einfach. Und wenn sie ihn nicht
übersahen, fiel er ihnen durch Kaffeeflecken auf der Kleidung
- ihrer Kleidung - oder verbeulte Stoßstangen auf.
Chris beendete seine Emails und fuhr den Computer herunter. Dann
machte er eine CD mit ungarischer Musik an, Michails Musik. Dieser
hatte sie ihm einmal zum Geburtstag geschickt. Traurig
lächelnd lauschte er eine Weile und ließ seinen Blick
über Sakus Zeichnungen und die Fotos aus Island schweifen, die
über seinem Bett hingen.
Schließlich erhob er sich und machte sich zum Schlafen
fertig. Er schlüpfte in sein Bett, machte es sich unter der
Decke gemütlich und begann zu lesen. Bücher
entführten ihn in eine andere Welt. Dort hatte das Leben
wirklich Sinn, eine Aufgabe. Dort fand man Freunde, andere, die bei
einem waren, mit denen man Abenteuer erlebte. Wenn er las, war es
als sei er dort.
Doch irgendwann kam immer der Moment das Buch beiseite zu legen.
Dann war es, als lösche jemand eine Kerze, Dunkelheit,
Kälte machte ihn frösteln, die Einsamkeit, der triste
Alltag.
Er seufzte und knipste die Nachttischlampe aus. Wirklich dort sein.
Das wäre schön.
Unbarmherzig zerriss ein heiseres DRööööT! die
Stille - und Chris seinen Traum. Erschrocken fuhr er hoch. Wieder:
DRöööööT!
Chris bemühte sich angestrengt, seine schlafverklebten Lider
zu heben. Ein vorsichtiger Blick auf die Uhr brachte sie fast dazu,
sich wieder zu schließen. Chris wollte aber um keinen Preis
noch eines dieser schrecklichen DRööTS riskieren und
sprang aus dem Bett, schwankte, wankte zur Sprechanlage und griff
sich den Hörer. »JA?«
»Paketservice.«
Ein Paket für ihn? »Einen Moment! Ich komme!« rief
Chris plötzlich hellwach, lief in sein Zimmer und
schlüpfte in seine Pantoffeln. Dann rannte er zur
Wohnungstür, hielt kurz inne und rannte wieder zurück in
sein Zimmer um sich einen Morgenmantel überzuwerfen. Ein
zweites Mal an der Wohnungstür angelangt, öffnete er sie
und beeilte sich die Treppe hinunterzukommen.
Völlig außer Atem und drei Stockwerke tiefer riss er die
Haustür auf.
Erschrocken sprang der Bote einen Schritt zurück, stolperte
die drei Stufen hinunter und landete auf dem Hosenboden.
»Uff!« ächzte er. »So früh am Morgen!
Können Sie nicht etwas Paketdienstschonender die Tür
aufmachen?«
»Verzeihen Sie. Ich bekomme nicht so oft Post«,
entschuldigte sich Chris verlegen und half dem Mann wieder
hoch.
Dieser schnitt eine Grimasse, sortierte seine Unterlagen und warf
stirnrunzelnd einen Blick darauf. Dann sah er sein Gegenüber
an und kratzte sich irritiert am Kopf. »Ich habe hier ein
Paket für Christa Lown. Sie heißen Christa?«
»äh nein, ich heiße Chris. Christa ist meine
Mutter. Sie hat nicht sonderlich viel Phantasie was Namen angeht,
nicht? Sie finden sie ein Haus weiter, 67 b« , meinte Chris
enttäuscht.
»Oh« machte der Bote und starrte auf seine Unterlagen.
»Hier stand nur 67. Dann entschuldigen sie vielmals die
Störung.«
»Nicht schlimm«, seufzte Chris und wollte wieder im
Haus verschwinden.
»äh - moment. Eine Frage noch?«
Chris wandte sich wieder um. »Ja?«
»Das mit dem sehr plötzlich Türen aufreißen
liegt aber doch nicht zufällig in der Familie,
oder?«
Chris war zwar noch müde, konnte aber nicht mehr schlafen. So
frühstückte er, machte sich eine Tasse Tee und begab sich
wieder vor seine Zirkusgeschichte. Wieder, das selbe Spiel wie am
Tag zuvor. Er kam einfach nicht weiter. Er wandte seinen Blick von
den Zeilen und starrte aus dem Fenster. Das bleierne Grau des
Dachfirstes gegenüber war allerdings auch keine besondere
Hilfe. Entnervt machte er den Computer wieder aus. Diese
Schreibblockade machte ihn noch verrückt. Vielleicht war es
das ständige allein Herumsitzen, die Wände, das Grau der
Stadt. Er musste raus hier.
Kurz entschlossen packte er sich Block und Stift ein, griff sich
seine Jacke und den Autoschlüssel und verließ die
Wohnung. Er kannte da einen schönen Ort auf dem Land, ein
kleines Wäldchen und ein See, kaum eine halbe Stunde von hier.
Viel zu lange schon war er nicht mehr dort gewesen. Durch das
Grün laufen, die Frühsommersonne genießen, auf den
See hinausblicken und die Gänse und Schwäne beobachten,
dem Lied der Vögel lauschen. Ja, das war ein guter Gedanke.
Und vielleicht fiel ihm dort draußen dann auch endlich wieder
etwas zu seiner Geschichte ein.
Chris stieg in sein Auto, ließ das Verdeck hinunter und
verließ auf schnellstem Wege die Stadt. Dann, endlich war er
auf der Landstraße. Chris beschleunigte den kleinen
japanischen Wagen und entspannte sich.
Doch da plötzlich - kaum ein paar Meter vor Chris Wagen
hoppelte ein Kaninchen auf die Fahrbahn.
Chris riss den Lenker herum. Sein Wagen schleuderte von der
Straße und prallte mit voller Wucht gegen einen Baum.
Böses Ende
Na, wer glaubt's denn! Hebe dich hinfort! Du bist noch gar nicht im Plott!!!
Kein Endee

(c) by Melanie Giesen