Dies ist der Prolog zu der Geschichte »Lord
Percy in Nöten«, der Fortsetzung von »Gespenster
auf Schloß Faversham«. Zwar bin ich immer noch nicht
sicher, ob eine solche Fortsetzung wirklich nötig ist, aber
die Idee drängte sich mir so auf, wie das Ideen nun mal
machen.
Roger und Cynthia haben geheiratet und sind mittlerweile stolze
Eltern zweier Kinder. Roger, der sich zu einem guten Psychologen
gemausert hat, muß zu einem Kongreß nach Amerika und
will gleich seine Eltern besuchen, Cynthia begleitet ihn. Da die
beiden Kinder sich gerade erst von den Masern erholt haben, und
außerdem erst ein Jahr später zur Schule kommen werden,
bringen ihre Eltern sie für die Dauer der Abwesenheit bei Lord
Gizmore und Lady Mirabelle auf Schloß Faversham.
Phillip und Elinor sind Zwillinge, sieben Jahre alt, quirlig,
abenteuerlustig, aufgeweckt und der Schrecken jedes
Kindermädchens.
Irgendwann entdecken sie das Geheimversteck Lord Percys in der
Bibliothek und später dann auch den Geist selbst, der fortan
unter ihren Streichen zu leiden hat.
Lord Percy in Nöten
Prolog: In welchem hektisch letzte Reisevorbereitungen getroffen werden
von Monica Höfkes
Schloß Faversham lag, noch in Nebelfetzen
gehüllt, in morgendlicher Stille. Nur gelegentlich
zwitscherten schon ein paar Vögel, in der Ferne bellte
irgendwo ein Hund, aber im Schloß selbst regte sich noch
keine Menschenseele.
Das änderte sich schlagartig, als das Rasseln eines
beharrlichen Weckers zwei Bewohner aus tiefem Schlummer riß.
Schlaftrunken fegte Roger den Störenfried von der
Nachtkonsole, und drehte sich wieder zur Seite um.
Zwei Sekunden später durchfuhr ihn die blitzartige Erkenntnis,
warum er den Wecker gestellt hatte.
»Schatz, hast du meine Mappe mit den Reden eingesteckt? Ich
kann sie nirgendwo finden.« Mit einem Anflug von Panik
durchsuchte Roger ein weiteres Mal seine Aktentasche. Wenn er die
Reden in London vergessen hatte, würden sie es nicht mehr
rechtzeitig zum Flughafen schaffen und...
»Roger, Liebling, die Mappe ist im großen Koffer,
zusammen mit deinen Erläuterungen zu allen
Versuchen.«
Die Stimme seiner Frau drang gedämpft aus dem Nebenraum
herüber, wo Cynthia gerade damit beschäftigt war, diverse
Dinge ein- und die Reisekoffer umzupacken. Erleichtert ließ
Roger sich in einen Sessel sinken, und sah aus dem geöffneten
Fenster.
»Aua! Mami, Phil hat mich an den Haaren gerissen. Das darf er
doch nicht, oder?«
Roger kam gerade noch zur Rechten Zeit ins Nebenzimmer um seine
Sprößlinge daran zu hindern, sich gegenseitig die Haare
auszureißen.
»Aber, aber, was soll das denn? Benimmt sich so denn ein
wohlerzogenes Mädchen?«
Das angesprochene Kind, ein etwa sieben Jahre altes Mädchen
mit dunkelblondem Lockenhaar und einem energischen Kinn, sah
trotzig zu Roger auf.
»Phil hat aber angefangen, Papa.«
Mittlerweile hatte Cynthia sich ihres Sohnes angenommen und hielt
ihm eine Standpauke. Phil schaute nicht gerade glücklich aus,
er hätte wahrscheinlich eine Tracht Prügel einer solchen
Rede vorgezogen. Seine Mutter wußte das, und aus genau dem
Grund hatte er erst einmal in seinem Leben eine Ohrfeige bekommen.
Ihre Mutter hatte ihr eingeschärft, nie ihre Kinder im Zorn zu
schlagen, sondern lieber mit ihnen über die Fehler die sie
gemacht hatten zu reden, das würde viel besser wirken.
Zur Mittagszeit hatten sich die Gemüter wieder
einigermaßen beruhigt, und als der Gong zum Essen erklang,
erschienen die beiden Kinder sauber und ordentlich im
Speiseraum.
Lord Gizmore schaute sich seine beiden Enkelkinder genau an, erst
dann durften sie sich an den Tisch setzen. Auf Schloß
Faversham herrschten zwar nicht mehr die strengen Tischsitten, wie
sie in der Jugend des Lords noch üblich waren, aber mit
schmutzigen Fingern sollte sich niemand an seine Mittagstafel
setzen.
Der Lord blickte zufrieden auf seine Familie. Er hatte eine
hübsche Tochter, einen durchaus ansehnlichen Schwiegersohn,
vielver-sprechende Enkelkinder und eine immer noch schöne
Frau. Was wollte man mehr...?
Nach dem Tee verabschiedeten sich Roger und Cynthia von ihren
Kindern und schärften ihnen ein, sich bei ihren
Großeltern gut zu benehmen. Die Zwillinge sollten immerhin
die nächsten drei Monate auf Schloß Faversham
verbringen, da war eine solche Ermahnung nicht nur gut gemeint,
sondern auch wirklich angebracht. Elinor und Philip waren zwar
liebe Kinder, aber 'lieb' ist eine Definitionssache. Auch quirlige,
abenteuerlustige und zu Streichen aufgelegte Kinder können
lieb sein. Wenn sie wollen.
(c) by Monica höfkes