Rabenzeit
Erstes Buch: Rebellen

Prolog: Der Ruf des Raben

von Astrid Vollenbruch


Als die Reiter die gewundene, steinige Straße zum Paß endlich hinter sich gebracht hatten, war es bereits zu spät.
Raben hoben sich krächzend von den Körpern, die verstreut auf dem Geröllfeld lagen, und strichen mit trägem Flügelschlag zu dem grauen Felsen, hinter dem die Flanke des Berges scharf zum Meer hin abfiel. Sie landeten auf dem Stein, zogen die Flügel wie schwarze Mäntel um sich und starrten zu den Männern und Frauen hinüber, die von den Pferden stiegen und sich den Leichen näherten; schwarzes Gefieder sträubte sich im eisigen Wind, der den Nebel auseinanderblies.
Die Soldaten untersuchten die Leichen, drehten sie auf den Rücken und schauten ihnen in die Gesichter, um zu erkennen, wen sie vor sich hatten. Wo es kein Gesicht mehr gab, zählten sie die Abzeichen; so sammelten sie Namen um Namen.
Ein hagerer junger Mann, der sich durch schwarze Kleidung, bleiche Haut und schwarze Haare von seinen erdhafteren Gefährten unterschied, schritt rasch und schweigend von einem der reglosen Körper zum nächsten und schaute jeden nur gerade lang genug an, um zu erkennen, daß es nicht derjenige war, nach dem er suchte. Nur als er sich dem großen Felsen näherte, blieb er abrupt stehen.
Vor dem Felsbrocken lag der verkrümmte Körper eines buckligen Harfenspielers mit dem Gesicht nach unten im Staub. Seine kleine Handharfe war unter ihm zerbrochen. Nur einige Schritte entfernt, als hätte er ihn noch zu schützen versucht, lag der Waffenmeister der erschlagenen Soldaten mit gespaltener Brust. Schock und Wut hatten sein Gesicht zu einer häßlichen Maske verzerrt. Seine Hand umklammerte den Schwertgriff.
Der junge Mann starrte auf die beiden Toten nieder. Schließlich kniete er sich hin und schloß dem Waffenmeister vorsichtig die staubüberzogenen Augen.
Dann stand er auf und blickte sich auf dem Schlachtfeld um. Tote Männer und Frauen, drei tote Pferde. Zerbrochene Speere, zerschlagene Schilde, nutzlos verschossene Pfeile. Keine einzige Teleni war zu sehen, weder lebendig noch tot. Zwanzig von ihnen waren mit dem König von Ryondar zu einer Reise nach Madheriant aufgebrochen. Zwanzig mußten bei ihm gewesen sein, als er den Tharpaß erreichte; mehr als genug, um ihn gegen ein ganzes Heer von Angreifern zu schützen. Sie waren so spurlos verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
»Argon! É sharinor! Schnell!« Die Worte waren der erste laute Ruf, seit die Reiter den Paß erreicht hatten, und der Wind trug die klare Stimme weit über das Geröllfeld. Der junge Mann blickte sich rasch um; überall griffen die Soldaten zu ihren Waffen. Die Raben flogen auf und ließen sich ein Stück entfernt nieder.
Auf einer Anhöhe stand sein Leibdiener, außer dem Prinzen selbst das jüngste Mitglied des Trupps. Er winkte heftig und zeigte auf etwas, das hinter ihm in einer Senke abseits des Saumpfades verborgen war.
Die Soldaten eilten zu ihm, sammelten sich am Rand der Senke und machten Platz für ihren Prinzen.
Dort unten lag der blutüberströmte Kadaver eines weißen Pferdes. Halb unter ihm begraben lag sein Reiter: ein hagerer, grauhaariger Mann mit scharfen Zügen. Sein purpurbesetzter Umhang war getränkt mit Blut. Ein Stöhnen war zu hören, als er schwach den Kopf bewegte.
Im nächsten Moment war Argon neben ihm. »Zieht den Gaul von ihm weg!«
Die Soldaten sprangen den Hang hinunter, schoben und zerrten an dem toten Pferd und legten schließlich die zerschmetterten Beine des Mannes frei. Er lag in einer Lache von Blut, das in regelmäßigen Stößen aus seiner Brust quoll. Sein stumpfer Blick irrte über den Berg aus weißem Fell neben ihm und richtete sich schließlich auf den Prinzen, der neben ihm kniete. Ein Ausdruck von Haß verdrängte den Schmerz, und er zwang seine Lippen auseinander.
»Du -« flüsterte er. Er hob die blutverschmierte, zitternde Hand wie ein schweres Gewicht und krallte sie in das schwarze Hemd. »Deinetwegen. Die - Teleni -« Eine blutige Luftblase quoll aus seinem Mund und zerplatzte, und das Blut spritzte über sein aschfahles Gesicht und gab ihm das Aussehen einer gräßlichen Totenmaske. Er hustete, und die Maske verzerrte sich. »Wanderer - ich habe - dich gelehrt, mich zu hassen, aber - ich hätte - nie - gedacht, daß du - dir solche Hilfe - holst -«
»Wer war es?« fragte der junge Mann leise und beherrscht, obwohl sich die Muskeln an seinem Rücken spannten. »Vater - wer hat es gewagt, dich anzugreifen?«
Der Sterbende hustete wieder, bäumte sich auf - und spie seinem Sohn ins Gesicht.
Dieser zuckte zusammen, und der Vater fiel zurück. Ein Schwall von Blut strömte aus seinem Mund, als er starb.
Eine Weile kniete der Prinz reglos neben der Leiche. Endlich atmete er tief und langsam ein, stand auf, wischte sich den blutigen Speichel aus dem Gesicht und sah zu den Soldaten hin. Sein Blick blieb auf dem Hauptmann liegen, der ihn so ausdruckslos anstarrte, als hätte er nichts gehört.
»Wir bringen ihn heim«, sagte er mit fester Stimme. %raquo;Reitet voraus, é paisor Ravac. Gebt Nachricht an den Tempel und die Musikantenzunft und schickt Boten zu den Fürsten von Ryondar. Ich rufe den Rat zusammen.«
Er wandte sich von dem Toten ab und blickte zu den Raben hinüber, die auf ihrem Felsen hockten und ihn beobachteten. Als er zu seinem Pferd zurückkehrte, hörte er ihr Krächzen wie höhnisches Gelächter, aber er drehte sich nicht um.

(c) by Astrid Vollenbruch


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